I
Dem Verdacht, Nihilist zu sein, setzt sich aus, wer es verschmäht, Missstände im ansonsten akzeptablen Ganzen zu benennen. Wer nicht Partei ergreift, um Ordnung zu schaffen, bestärkt diesen Verdacht. Nihilismus steht in Opposition zur Volkstümlichkeit, ist Verstoß gegen die intellektuelle Grundregel, den ›einfachen‹ Menschen zu einem allenfalls mit Mängeln behafteten Muster der Menschlichkeit zu machen, weil er den realen Menschen als das Gegenteil dessen erkennt, was erst menschlich wäre. Nicht der begründeten Kritik an bürgerlichen Wertvorstellungen entströmt das Aroma des Nihilismus, kaum dem amoralischen Treiben, das sich um jene Werte schlicht nicht kümmert. Zu jeder Moral gehören die schwarzen Schafe; sie zeigen dem Moralisten die Notwendigkeit der Moral, weil sich an ihnen die Amoralität des sich selbst überlassenen Menschen vergegenständlicht. Mit Moralkritikern ist Moral prächtig verträglich. Weil Moral die Scheidung von Handlungen in gute und schlechte jenseits von Gründen für oder wider diese Handlungen darstellt, können Moralisten ihrer Eitelkeit schmeicheln, im Gespräch mit dem Kritiker zumindest ernst genommen zu werden, ohne durch das Ergebnis der Diskussion affiziert zu werden.
Nihilistisch ist nicht das begründete Verwerfen moralischer Werte, sondern die Ablehung von Urteilen, weil sie moralisch begründet werden. Nihilistisch ist es, Evidenz gegen die herrschenden Werte anzuführen. Nihilistisch ist eine Erkenntnis der Realität, die es nicht mehr zulässt, sie zu entschuldigen. Nihilistisch ist die Beschreibung im Einzelnen, die kein gutes Haar an der Sache lässt.
Nur manches, das als nihilistisch gilt, verdient dieses Prädikat. Der Nihilist erahnt die furchtbare Wahrheit über die Gesellschaft, wehrt aber die Trauer und die Verzweiflung, die solcher Ahnung entspringen könnten, trotzig ab. Trotz ist das Grundmerkmal des Nihilisten. Indem er das als schlecht Erkannte unter dem Motto ›Ihr habt’s ja so gewollt!‹ zum Prinzip erklärt, ähnelt er sich dem pragmatischen Mitmacher an. Praxis ist in der totalen Vergesellschaftung allemal die gleiche. Die Entscheidung zwischen Nihilismus, Pragmatismus, Zuversicht und treuem Glauben, wird zu einer der privaten Weltanschauung, zur Charakterfrage.
Nihilismus ist keine Charakterschwäche, keine kleinbürgerliche Ideologie im Zeichen der Krise, keine Resignation angesichts des ausbleibenden Ertrages überkommener Werte. Einordnung des Nihilismus als Geistesschwäche bedeutet seine Aburteilung vom vorgeblich überlegenen Standpunkt, bekräftigt lediglich dessen Abweichung. Nihilismus gründet aber nicht in einer falschen Sichtweise, sondern einer richtigen Ahnung von Verhältnissen, deren Momente und Protagonisten nicht mehr säuberlich in gute und schlechte, progressive und verkommene zu sortieren sind. Tatsächlich ist die Scheidung von Ausbeutern und Ausgebeuteten, Herrschern und Beherrschten schon eine Verharmlosung der gesellschaftlichen Totalität.
Louis-Ferdinand Céline hat 1936 in seinem Roman Mort à Crédit seinen Protagonisten durch Verhältnisse begleitet, deren konstantes Element ihre universelle Widerlichkeit ist. Würde dem Ideologiekritiker jedoch die zunehmende Unterschiedslosigkeit zum Thema, sieht Céline nur mehr mannigfaltige Widerwärtigkeiten, zwischen denen er keinen Unterschied mehr ausmachen kann. Weit davon entfernt, die Moral überwunden zu haben, ist er als Nihilist überzeugt, dass die Menschen ihr Unglück verdienen. Apokalyptische Sehnsüchte sind aus Célines Prosa nicht wegzudenken. Er sieht die Welt, wie sie ist und ist doch zur Verzweiflung unfähig. Dass Célines Nihilismus dann, nach Scholems Wort, an den Juden ein natürliches Objekt gefunden habe, ist von trauriger Folgerichtigkeit. So wahnhaft der Antisemitismus auch ist, so sehr erfreut sich der Nihilist an dessen Negativität. Dass am Juden kein gutes Haar gelassen wird, ist ihm Zeichen von Geistesverwandtschaft. So ist der Antisemit der erwachsen gewordene Nihilist, der weiterhin seinen Ekel vor der Welt sich herausschreiben kann, diesen aber auf den Juden projiziert und sich damit mit der Gesellschaft versöhnt. Wenn die ganze Gesellschaft krank ist, liegt dem Armenarzt die Frage nach dem Krankheitsherd nahe. Im Antisemitismus scheint sich der Nihilismus selbst aufzuheben; doch er wird bloß mit andren Mitteln weitergeführt. Der Arzt sublimiert die Verewigung des Widerlichen, den Ekel vor dem kranken Körper. Diesem Ekel entspricht eine Verklärung des Gesunden; die innere Notwendigkeit zum Widerwärtigen, die im Gesunden schon angelegt ist, verdrängt Céline ebenso wie jede Reflexion (ja jede Erwähnung) des Gesunden darauf, ob es sich vom als widerwärtig Erkannten in vorteilhafter Weise abhebe. Der Nihilismus entwertet das Menschliche auf den kritikablen Zustand, in dem er es vorfindet. Im Nihilismus widerfährt der Menschheit furchtbares Recht. Das Urteil, das er spricht ist eines, das den Verhältnissen entspricht, von denen ihm graust.
II
›Dogville‹ ist Nihilismus im Gewand des Moralstücks. Die Protagonisten entsprechen nicht dem Cliché des moralischen Menschen, sondern verhalten sich so, wie es der Filmkonsument als abscheulich einzuordnen gelernt hat. Die Dorfbewohner handeln nicht egoistisch; sie nutzen Grace nicht aus; sie handeln nicht aus Schwäche, etwa weil sie sich nicht mehr unter Kontrolle hätten; sie handeln nicht auf Grund von Vorurteilen, Fanatismus oder Bigotterie. Sie fordern von Grace pflichtgemäßes Handeln, das heißt nichts anderes, als das, was ihnen als ihr Recht erscheint.
Grace ist die prototypische Einwanderin. Auf der Flucht vor einer zunächst nur vage bestimmten Gefahr, trifft sie im Dorf ein, besitzt nichts, leidet Hunger, ist in Not und auf die Unterstützung der Eingesessenen angewiesen. Ihren Gastgebern gegenüber hat sie sich unter Beweis zu stellen und auf Grund der Verteilung der Kräfteverhältnisse fast jeden Preis in Kauf zu nehmen. Für Grace ist in der selbstgenügsamen Ökonomie Dogvilles aber kein Platz. Die Arbeit, die sie tun könnte, muss erst geschaffen werden. Misstrauen erweckt bei den Bewohnern nicht die Fremdheit Graces, sondern gerade ihre Versuche, in Beziehung zum Dorf zu treten. So wenig wie alle moderne Rassisten, sind die Bewohner fremdenfeindlich. Am Fremden als Fremden lässt sich dessen Exotik genießen und die eigene Gastfreundschaft unter Beweis stellen. Xenophobie entzündet sich nicht an der Andersartigkeit des Fremden, sondern dort, wo die eigene Identität als bedroht empfunden wird. Die Wahnwelt des Rassisten besteht weniger darin, dass er Vorurteile hätte, dass er also falsche, abfällige Eigenschaften den Fremden zuschriebe, als vielmehr darin, dass er sie als Bedrohung seiner eignen Identität wahrnimmt. Eine Bedrohung ist der Fremde als solcher, weil er nicht zum eignen Kollektiv gehört. Was auch immer der Rassist am Fremden beobachtet, dient ihm als Material um sein schon getroffenes Urteil zu bekräftigen. Ob die Stellung des Fremden zum heimischen Kollektiv zustimmend, kritisch oder ablehnend ist, bleibt so gut wie einerlei. Als fremd fällt derjenige auf, der nicht ins gesellschaftliche und ökonomische Leben integriert ist, bzw. in diesem Leben eine Sonderstellung (etwa als ›Gastarbeiter‹) einnimmt. Der faktische Unterschied, den eine vom bürgerlichen Individuum nicht kontrollierbare Gewalt festschreibt, wird vom Rassisten als natürlicher Unterschied zwischen sich und dem Fremden erklärt. Wahnhaft ist nicht die Differenz zwischen Kollektiv und Fremden, wohl aber deren inhaltliche Ausgestaltung. Diese Sphäre wahnhafter Identität kann umso leichter als bedroht empfunden werden, je mehr sie der Realität entbehrt. Rassismus in der nachbürgerlichen Gersellschaft setzt einen fortgeschrittenen Realitätsverlust voraus, weil sich die Idiosynkrasien der vergesellschafteten Individuen nicht nur an der Wirklichkeit, sondern selbst am Ideal blamieren. Die gekränkten Ideale, die in jeder Hinsicht vor Hygiene und Gesundheit nur so strotzen, haben ihre Entsprechung in der Realität im ebenso hygienisch wie schmierigen Plastikbeutel, in dem die moderne Hausfrau die Essensreste im Kühlschrank verpackt. Die Frucht vor einer Überfremdung der Sprache steht nicht nur einem strukturellen Analphabetismus gegenüber, der schon so weit fortgeschritten ist, dass auch der jüngst Eingewanderte es im Punkto Kommunikation mit alten Insassen aufnehmen kann, sondern auch einer Hemdsärmlichkeit und einem Authentizitätsstreben in Literatur- und Sprachpflege, dass einen das kalte Grausen überkommt. In andren Bereichen sieht es nicht besser aus. Die Angst vor dem Fremden steht dem autistisch Vereinzelten ebenso gegenüber, wie einer Gesellschaft, in der keiner den andren mehr versteht. Die Idiosynkrasien des Geruchs stehen dem Aroma von schalem Bier und kaltem Rauch gegenüber, das durch die Wohnungen Deutschlands wabert, ebenso wie der Geruchsphobie, die jede Körperlichkeit hinter Deodorant und Menthol verbirgt. Die Kategorie der Fremdheit ist keine Projektion, die der Fremdenfeindlichkeit allein entspringt, sondern eine Relation zwischen Fremden und dem Kollektiv der Einheimischen.
Die Einwohner Dogvilles beurteilen Grace danach, was sie für die dörfliche Gemeinschaft bedeutet. Ob sie nun ein Geschenk oder eine Bedrohung ist, muss sich erst noch erweisen. Auch Grace selbst empfindet sich als die Fremde, die sie ist. Nicht nur in der kollektiven Identität hat sich das individuelle Subjekt aufzuheben oder zumindest zu relativieren, auch die Fremde hat sich als Individuum aufzugeben und muss im Kollektiv als dessen Fremdes aufgehen. Der Zwang zur Kollektivität erstreckt sich auch auf sein Anderes. Wo objekiv Bedürfnisse ihre Erfüllung erheischen, sieht man subjektiv nichts als Forderungen, die die Frage ihrer Rechtfertigung aufwerfen.
Das Dorf bedarf keiner zusätzlichen Arbeitskraft; Grace stellt die geringst möglichen Ansprüche. Das führt nicht etwa dazu, dass sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte und das für seinen Lebensunterhalt nötige bekäme. So wäre es einzurichten, verböte es nicht die Gerechtigkeit. Dass sie Graces Hilfe gar brauchen, dass sie ihnen nicht eigentlich hilft, lässt die Dorfbewohner nicht darauf verzichten, Graces Arbeitskraft zu nutzten, sondern lässt das von Grace zu leistende in Unendliche anwachen. Weil ihre Hilfe nicht gebraucht wird, ist sie auch nichts wert. Sie ist wertlos, geringer als noch die kleinste Gegenleistung, die sie von den Dorfbewohnern bekommt. Und wieder ist es der Rechtsstandpunkt, der so zur Herrschaft gelangt. Mitleid mag man hin und wieder mit Grace haben. Die Arbeit die sie leistet, wird anerkannt. Und doch bricht sich stets – von Kopfschütteln begeleitet – die Erkenntnis Bahn, dass die Leistung nicht ausreicht, nie genug sein kann.
Grace teilt diesen Rechtsstandpunkt. Als Flüchtling ist sie nicht ins gelobte Land gekommen, wohl aber in ein andres, besseres, dessen Eigentümlichkeiten und dessen Regeln zu befolgen sind. Graces Erlebnisse in Dogville sind nichts andres als der Vollzug des Urteils, das sie ganz zu Beginn selbst über sich spricht. Den Knochen, den sie gestohlen hat, das Brot, das sie geschenkt bekommt: das habe sie nicht verdient. Dass man es nicht verdient zu haben braucht, die individuellen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie habe sich nun selbst zu bestrafen, meint Grace, weil sie etwas bekommen habe, was ihr nicht zustand. Diebstahl und Geschenk waren gleichermaßen ungerecht, denn sie speisten sich aus ihren Bedürfnissen als Subjekt, das im Kollektiv erst aufzugehen hätte. Die Bestrafung, die Grace über sich selbst verhängt ist die Ausmerzung eben jener Subjektivität. Die Dorfgemeinschaft vollzieht diese Bestrafung freudlos aber pflichtschuldig.
Weil Grace auf der Flucht ist, bleibt sie immer in der Schuld der Dorfbewohner, ist aber auch bereit alles zu tun, um diese Schuld abzutragen. Sie arbeitet immer länger, härter, für weniger Geld – und die Frage ist nur: Darf sie dableiben? Aber auch Grace weis um die Vergeblichkeit des Versuchs: Wie hart sie auch arbeitet, wie wenig sie auch dafür bekommt: es bleibt saldo immer ein Dienst, der ihr geleistet wird.
Dennoch wird Grace von den Bewohnern Dogvilles nicht bestraft. Ein besonderes Vergehen konnten sie ihr nicht vorwerfen. Ein Blick in die Realität in die Ausländerpolitik genügt, um sich den Gedanken zu verbitten, die Darstellung Dogvilles sei grotesk. Gewiss, nachdem Grace versucht hatte, aus dem Dorf zu verschwinden, wurde ihr ein Wagenrad mit einer Kette um den Hals geschmiedet, ihr zugleich aber versichert, sie solle das bitte nicht als Bestrafung verstehen. Nicht einmal als Symbol für Demütigung und Ausgrenzung lässt sich das verstehen. Als Symbol allenfalls als allegorisches, in eigentümlicher Konstellation. Das Material des Symbols, das sich in der Allegorie verselbständigt, wäre dann nämlich nichts andres mehr als das, worauf sie das Symbol bezieht. Was grotesk wirkt und – je weiter der Film fortschreitet immer grotesker wird – ist nichts andres als der Realismus, der sich gegenüber der Stilisierung durchsetzt. Der sich von der einheimischen Bevölkerung einem Generalverdacht ausgesetzt sehende Fremde wird gefesselt und ausgegrenzt. Das ist der allgemeine Zustand. Im Einzelfall, um den es in ›Dogville‹ jenseits aller Symbolik geht, wird, je kleiner die Gemeinschaft ist, auf um so unkonventionellere Maßnahmen verfallen. Eine arme Gemeinde wie Dogville kann es sich nicht leisten, subtil zu sein. Das Wagenrad, die Hundekette, die Ladenklingel: das war zur Hand und wurde eingesetzt. Was so grotesk erschient ist nichts als der äußerste Realismus.
Egoismus ist nicht das treibende Motiv in Dogville. Grace wird nicht von Egoisten ausgenutzt und nicht von Sadisten gequält. Es muss gerecht zugehen. Sie darf nicht aus egoistischen Gründen in Dogville bleiben und es liegt nicht an Egoismus, dass sie immer schlechter behandelt wird. Dass sie länger und härter arbeiten muss für weniger Lohn – daraus zieht die Bevölkerung Dogvilles keinen Vorteil. Egoistische Momente kommen vor, doch sind es solche bei denen Grace noch am besten wegkommt. Nur Liz bekennt sich zu ihrem Egoismus, doch ihr Nutzen ist es gerade, ganz in der Kollektivität aufzugehen. Chuck nutzt, als er Grace vergewaltigt, ihre Notlage aus; doch dieser egoistische Akt, der in seinem Vollzug bereits wieder einer Pflichterfüllung gleicht, unterscheidet sich von den Vergewaltigungen durch die andren Dorfbewohnern dadurch, dass sie im Verborgenen stattfindet, nicht allgemein bekannt wird. Es sind nicht die Einwohner von Dogville, die ihren Eigennutz verfolgen; es ist Grace, die eine Schuld abträgt. Sie muss nicht den Bewohnern von Dogville ein Äquivalent für die ihr geleisteten Dienste, für Nahrung und Unterkunft bezahlen. Graces Schuld ist eine andre: Sie entspringt dem Nutzen, den sie selbst aus Dogville zog, dass sie nach Dogville flüchten konnte, dass sie dort Unterschlupf fand. Diese Schuld kann sie nicht abtragen. So lange sie einen Nutzen aus ihrem Hiersein zieht, bleibt sie in der Schuld der Dorfbewohner, was auch immer die ihr antun. Gerechtigkeit im Kollektiv heißt, dass niemand etwas davon haben darf: das hieße das Kollektiv auszunutzen. Es ist dies die moralische Prämisse der Kollektivität. Nicht jedes Kollektiv muss sich als solches zelebrieren. Selten, dass sich jemand freiwillig und ohne Not der Gemeinschaft aufopfert. Die Werte des Kollektivs sind die Zwänge, mit denen das Individuum sich identifiziert.
Es bleibt gerecht bis zum Schluss: Nachdem ihr Nutzen mit dem Grund ihrer Flucht hinfällig geworden ist, fallen die Taten der Dorfbewohner allein in die Wagschale. Mit einemmal sieht sie klar und deutlich die Widerwärtigkeiten, die zuvor hinter den Notwendigkeiten der Flucht irrelevant waren.
III
Ins Werk gesetzt wurde die Kollektivierung Dogvilles von Tom. Sein Projekt war es, seine Mitbewohner zu einer neuen Art des Zusammenlebens zu überreden: zu einem Zusammenleben, in dem die Gemeinschaft im Vordergrund steht. Dogville ist eine arme Gemeinde, aber es ist nicht die Not, die zu dieser Gemeinschaftsarbeit treibt. Es ist kein Damm zu bauen, keine Kirche zu erreichten, kein Sumpf trockenzulegen. Es geht Tom nicht um einen bestimmten Zweck, sondern um die Gemeinschaft selbst, die in den überkommen Idealen, nach denen sie konstruiert werden soll den Dorfbewohnern ein Dasein jenseits ihrer materiellen Not verheißt. In der Folge der Kollektivierung treten das Eigeninteresse und das Handeln auseinand. Nicht mehr die eignen Bedürfnisse und Wünsche bestimmen, was getan wird, sondern die Gerechtigkeit. Wenn die Gerechtigkeit zum bestimmenden Prinzip wird, dann werden die Bedürfnisse der beteiligten Menschen transzendiert und damit die Handlungen die ausgeführt und eingefordert werden zu unmenschlichen Handlungen. Im Namen der Gerechtigkeit wird abstrahiert von den Interessen und vom Willen der Individuen. Gerechtes Handeln ist wahrhaft skrupelloses Handeln. Wenn die Gerechtigkeit ihrer Lauf nimmt, dann fallen nicht nur die lästigen Hemmungen weg, die gewöhnlich dem, was Menschen andren Menschen antun, gewisse Grenzen setzen, weil sie aus Mitleid oder Respekt Distanz wahren – für den Gerechten verbieten sich solche Hemmungen ganz positiv. Gerechtigkeit ist unbarmherzig und Güte kann es, wie die Güte Gottes, erst nach dem Vollzug des Urteils geben. Weil die Gerechtigkeit ein Maßstab jenseits der menschlichen Bedürfnisse und Interessen ist, übersteigen gerechte Handlungen den gewöhnlichen Erfahrungshorizont. Je gerechter es zugeht, desto surrealeren Charakter gewinnt das Geschehen.
Die Arbeiten, die nicht erledigt werden müssen, sind nur individuell unnütz. Sie sind ein Dienst am Kollektiv. Die Grundfrage der Gerechtigkeit ist stets die nach dem, was einem zustehe. In einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft, in der es darum ginge, die Bedürfnisse der Individuen zu befriedigen, stellte sich die Frage nach der Gerechtigkeit eben wegen dieses Zwecks gar nicht. Eine kommunistische Gesellschaft gerecht einzurichten wäre nur eine Verdopplung dieses schon vorhandenen Zwecks. Gerechtigkeit fordert ein Recht im Kollektiv ein, in dem aber die individuellen Bedürfnisse stets negiert sind. Soziale Gerechtigkeit misst das, was Individuen gewährt wird an ihrem Nutzen für das Kollektiv, für die falsche Ordnung. Nur im Verweisen auf seine vollzogene Selbstaufgabe wagt das Individuum Bedürfnisse anzumelden. Dass der Eigennutz gegen den Gemeinnutz stehe, leuchtet dem kollektivierten Individuum schon am eignen Fall ein. Gerechtigkeit im Kollektiv kehrt sich darum stets aggressiv nach außen und verlangt von allen andren die Aufgabe der eigenen Interessen oder zumindest deren Relativierung auf den Gemeinnutzen. Zum Dienst am Kollektiv, für den der Einzelne seinen gerechten Lohn erhält, gehört, mit so wenig als möglich auszukommen. Die kapitalistische Ökonomie gewährt dem Einzelnen ohnehin nicht mehr, als zu seiner Reproduktion nötig ist. Als Teil des völkischen Kollektivs nimmt diese äußerliche Notwendigkeit die Form eines moralischen Prinzips an. Je trister die Lebensbedingungen werden, die die Ökonomie gewährt, je mehr Menschen sie lokal und weltweit ins Elend reißt, desto unmoralischer scheint dem Individuum die Verfolgung seines Eigeninteresses zu sein. Das kollektivierte Individuum erhält nicht etwa anstelle der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse, einen ideellen Lohn – das Kollektiv und seine moralische Verantwortung in diesem, erscheint ihm vielmehr als Naturnotwendigkeit. An Glanz und Größe der Nation partizipiert das Individuum zwar, dieser ideelle Nutzen wird ihm aber kein Lohn, der in seine Kalkulationen einginge und mit seinen materiellen Lohn verrechnet würde. Nationaler Niedergang führt daher auch nie zu einer Revision dieser Kalkulation, und dazu, dass das Individuum mit dem nationalen Kollektiv unzufrieden würde. Unzufrieden wird es nur mit andren kollektivierten Individuen, die nun um so mehr auf ihren Dienst für die Gemeinschaft verpflichtet werden. Kollektivität hat ihren Platz jenseits der persönlichen Nutzenkalkulationen. Einem Nationalisten braucht man nicht vorzurechnen, dass er nichts davon habe, wie die Ökonomie oder die Gesellschaft eingerichtet ist; dass es ihm nichts bringe, Patriot und Rassist zu sein und nach Sozialschmarotzern zu fahnden – das weiß er selbst. Als Nationalist erhofft er sich auch gar nichts andres, als dass es dann endlich gerecht zugehe. Und hätte er was davon, dann hätte er zumindest auch ein schlechtes Gewissen.
IV
›Dogville‹ ist ein Modell kollektiver Gerechtigkeit. Grotesk und surreal mutet dieses Modell nur deswegen an, weil es in persönlichen Beziehungen das zeigt, was regelmäßig in der gesellschaftlichen Anonymität stattfindet. Werden in persönlichen Beziehungen gewöhnlich Ausnahmen und Mitleid zugelassen, um die Brutalität der allgemein herrschenden und verfochtenen Moral nicht sehen zu müssen, erscheint in Dogville die Moral im Persönlichsten und Intimsten. Auch von Grace wird, als menschlichem Wesen abstrahiert. Ihre Stellung zum Dorf ändert sich im Laufe des Films. Diese Änderung resultiert weniger aus der Bedrohung, der sich das Dorf durch die Obrigkeit gegenübersieht, als aus dem Nutzen, den die Dorfbewohner Grace aus ihrem Versteck in Dogville ziehen sehen. Grace hat aus objektiven Gründen, und ohne dass sie daran etwas ändern könnte, das was nicht sein darf: einen Nutzen aus dem dörflichen Kollektiv. Grace ist, wie es Tom zu beginn ausdrückt, ein Geschenk. Sie stellt einen Überschuss an Nützlichkeit und Menschlichkeit über das vom Kollektiv erlaubt dar. Für das Kollektiv nimmt dieses Geschenk die Form einer Schuld an, die Grace nicht begleichen kann.
Gerechtigkeit im Kollektiv bedeutet, zu bezahlen. Sie wird von beinahe jedem männlichen Dorfbewohner vergewaltigt. Nicht jedoch, weil sie als Objekt einer Triebbefriedigung dient, sondern weil sie anders nicht bezahlen kann. Bezahlen aber muss sie. Sie darf das nicht als Bestrafung verstehen.
V
Tom hat der Erfolg. Durch seine Bemühungen gelingt es, in Dogville aus atomisierten Einzelnen eine Gemeinschaft zu bilden. In dieser Gemeinschaft gibt es keine Beziehungen zwischen den Menschen: die Atomisierung wird nicht durch Interaktion überwunden, sondern durch die Beziehung der Einzelnen aufs Kollektiv. Diese Gemeinschaft hat einen Preis: Die Verhältnisse haben sich nicht geändert. Die Vereinzelung und die Atomisierung bestehen fort. Die Einwohner sitzen weiterhin blind in ihren Häusern, verkriechen sich zwischen den wöchentlichen Bordellbesuchen in ihrer Garage, lamentieren über verlorenes Glück und sind sich in jedem Augenblick bewusst, ahnen zumindest in jedem Augenblick, dass die Illusionen, die sie sich geschaffen haben, die Verhältnisse nicht erträglicher machen, sondern ihrem Elend und ihrer Widerwärtigkeit nur eine umso abstoßendere Form geben.
Tom ›fühlte‹ etwas als Grace zum ersten Mal vergewaltigt worden war. Ob er, als an der Schwelle zu Chucks Haus steht, die Vergewaltigte sieht oder ob er die Tür nicht weit genug öffnet, ehe er kehrt macht, weiß man nicht. Es ist aber einerlei. Charakteristisch ist der Korpsgeist, der sich bei Tom zeigt und der von gelebter Kollektivität nicht zu trennen ist. Die Anklage bleibt Grace überlassen. Tom unterstützt diese Anklage zwar, legitimiert sie gegenüber den Dörflern. Aber indem Grace die Dorfgemeinschaft anklagen darf, muss sie sich doch zugleich als die Fremde zeigen, die sie ist. Ob Tom nun von der Vergewaltigung wusste oder sie nur fühlte, ist nicht entscheidend. Auch die andren Untaten, die an Grace begangen werden, sind im Dorf nichts unbekanntes. So wird die Anklage selbst irrational, weil sie nur ausplaudert, worüber jeder Bescheid weiß. Trotz allem was Tom ›fühlt‹ muss Grace ihm die Vergewaltigung erst ausführlich schildern. Obwohl alles was Grace angetan wurde, ihr von der Dorfbevölkerung angetan wurde, und schon deswegen kein Geheimnis sein kann, muss sie es auf einer Dorfversammlung den Tätern erst noch mal berichten. Die kollektive Gerechtigkeit scheidet das Fremde selbst dann noch aus, wenn es mit Recht Anklage erhebt: dann erklärt es sich selbst zum Feind. So erfährt das Misstrauen seine Berechtigung und die Sicherheitsvorkehrungen die sie ergriffen, erweisen sich als ungenügend.
VI
Dem Fremden wird Gerechtigkeit zuteil. Doch dem gedemütigten und missbrauchten Geschöpf kann im Kollektiv keine Gerechtigkeit widerfahren. Graces Schicksal ergab sich aus der Rolle, die sie in der dörflichen Gemeinschaft spielte. Recht konnte daher auch nur am Dorf als Ganzem vollstreckt werden. Die Individuen haben sich nicht als solche schuldig gemacht; sie sind das Produkt der Verhältnisse, in denen sie leben. Die kollektive Gerechtigkeit Dogvilles hat sich an Grace vergegenständlicht. Grace stellt im Gegenzug die individuelle Gerechtigkeit wieder her. Diese Gerechtigkeit unterscheidet sich deutlich von der kollektiven Gerechtigkeit des Dorfes. Grace Vorgehen ist gerecht insofern, als das von ihr angeordnete Urteil dem Verhalten des Dorfes angemessen ist. Dadurch unterscheidet sich ihr Urteil vom Vorschlag ihres Vaters, den Dorfhund an eine Wand zu nageln: das wäre Rache, würde aber nichts verbessern. Um das Recht wiederherzustellen muss das Urteil dem Vergehen überlegen sein. Es geht weder um die individuelle noch um die generelle Prävention: Im vollzogenen Urteil wird das Recht von Grace als Individuum wieder hergestellt.
Es lohnt sich darauf hinzuweisen, dass nicht nur die kollektive Gerechtigkeit des Dorfes, sondern auch die individuelle Gerechtigkeit, die von Grace exekutiert wird, Formen sind, die Gewalten annehmen, die von den Beteiligten nicht kontrolliert werden. Grace war am Ende in ihren Handlungen so frei wie die Dorfbewohner zuvor; anders zu handeln hätte keiner übermenschlichen Anstrengung bedurft. Doch im Lichte der Verhältnisse schien nur eine Tat richtig. So wenig die Dorfbewohner eine andre Möglichkeit sahen, mit Grace umzugehen, so wenig sieht Grace eine Alternative zu ihrem Urteil, nachdem sich nichts in Dogville als erträglich erwies.
Die Unhaltbarkeit der Verhältnisse treiben das bürgerliche Individuum zu apokalyptischen Phantasien. Alles scheint zerstörenswert, nichts verdient bestehen zu bleiben, weil alles objektive Irrationalität in sich trägt. Mit dem Gottesurteil über Dogville ist es nicht getan. Denn auch wenn Dogville einerseits die Welt verlässt, so verlässt doch andrerseits Grace Dogville, um andere Dörfer zu besuchen. Im Abspann zeigt sich das apokalyptische Gelüst in seiner furchtbaren Konsequenz und zugleich in seinem Ungenügen.
VII
Tom und sein Ende ist charakteristisches Beispiel. Sein Ende ist gerecht und diese Gerechtigkeit erweist sich zugleich als fragwürdig. Gerecht war Toms Ende, weil er sich als Urheber der Kollektivierung Dogvilles, zwar nicht besonders schuldig, aber doch als der Auslöser der Untaten erwiesen hat. Sein Versuch, am Schluss seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen muss misslingen, weil er versucht, sich auf eine Stufe mit Grace zu stellen und beides, seine Kollektivierung wie Grace Urteil und dessen Vollstreckung, als Illustrationen zu betrachten bemüht ist. Tom leitet unter Realitätsverlust, nicht weil er die überlegene Gewalt von Grace nicht anerkennt, immer noch auf seiner Gleichberechtigung beharrt, sondern weil er die Zeitlichkeit dieser Gewalt verleugnet. Nachdem der Sklavenaufstand gelang, fällt dem Herren ein, dass wir doch alle Brüder seien. Gegen die Gerechtigkeit, die vollstreckt wird, erweisen sich Toms Einwände als wirkungslos und nichtig. Diese Gerechtigkeit übersteigen sie aber zugleich und machen diese fragwürdig, denn Tom stirbt nicht nur aus Notwendigkeit der Gerechtigkeit, sondern weil er seine Haltung bewahrt. Gnade könnte ihm gewährt werden, würde er sich blind ergeben und dem Urteil von Grace überlassen. Entgegen der Gewaltverhältnisse beharrt er aber auf seinem eignen Urteil über die Situation. Tom bewahrt die Reflexion, er bewahrt Distanz zu seinem Schicksal. Er überlässt sich nicht auf Gedeih und Verderb dem Gottesurteil, sondern bewahrt den Anspruch auf ein eignes. Das ist sein Tod.
Lars von Trier, Dogville, 2003
Florian Beck, 30. November 2003