Pohrt, Wolfgang - Brothers in Crime

I

Eines hat die marxistisch-leninistische Gesell­schaftsbetrachtung gemein mit der von ihr so verhassten bürgerlichen. Die Gesellschaft wird als Konglomerat metaphysischer Prinzipien betrachtet, die miteinander im Wettstreit stünden. Egal ob es sich um Proletarier und Kapitalisten, um Staaten, Nationen oder um Völker handelt. Das zu beobachtende Phänomen wird aufgelöst in ein Wesen, das angeblich hinter den Phänomenen steckte. Die jeweils natürliche Ordnung, sei sie nun im Klassenkampf erkannt oder in der Nation samt ihrer kapitalistischen Produktion, wird durch die Empirie allenfalls gestört, wenn diese droht, die postulierten Ten­denzen zu verwischen. Was aber, wenn all die Postulate, ob vom Klassenkampf des Proletariats oder von der Zweckkalkulation der kapitalistischen Subjekte, nichts als Rationalisierungen darstellen? Was, wenn die beobachteten Phänomene tastsächlich das sind, worum es in der Gesellschaft geht? Was, wenn es in der Gesellschaft um einen Überlebenskampf geht und wenn sich der Kampf ums Dasein in der Bande organisiert? Dann hätten die postmodern-nietzeanischen Theorien recht, die die Gesellschaft in ihre kleinsten Elemente, in ›Macht‹ und ›Herrschaft‹ auflösen und diese nun gruppendynamisch verstandenen Kategorien seit Menschengedenken nur oberflächliche Formwandlungen durchmachen sehen.

Vielleicht aber ist dieser Schein des Immergleichen und Unveränderlichen gar nicht so altertümlich und unveränderlich. Vielleicht ist gerade dieser Schein, nichts würde sich jemals ändern, Ausdruck der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer modernsten Form. Möglicherweise ist das Erwachen (oder die Offenbarung) bar­barischer Urinstinkte nichts anderes als die Folge davon, dass der Mensch im nachbürgerlichen Zeitalter überflüssig wird und diese Über­flüssigkeit nicht mehr beschränkt bleibt auf die ausgeschlossenen, zur Produktion nicht mehr nutzbaren Klassen, sondern übergegriffen hat auf die herrschenden, auf die noch in der Produktion stehenden Klassen. Dass der Kapitalismus das bürgerliche Subjekt nicht nur massenhaft, sondern prinzipiell überflüssig macht, die Individuen auf ihre abstrak­testen Momente zurückwirft und damit in ihrer Re­flexion auf ihre allgemeinsten Kategorien banalisiert, ist die Grundthese von Wolfgang Pohrts Buch.

II

Pohrt schreibt nicht nur von den zerfallenden Staatssysteme der sogenannten dritten Welt, nicht nur von den Slums, die von den Ausgestoßenen bevölkert werden, nicht nur von den jugendlichen Deliquenten aus zerrütteten Verhältnissen. Die Band, meint Pohrt, ist inmitten der Industriegesellschaften die Regel, keine Randerscheinung mehr. Es stellt sich aber die Frage, ob die von Pohrt beschriebene Bandenbildung nicht zum größten Teil eine inszenierte ist. Bandenbildung wäre individuelle betriebene negative Aufhebung des Kapitalismus. Bandenbildung bedeutete, dass das Individuum sich nicht mehr den Zwängen und Gesetz­mäßigkeiten der Gesellschaft ausliefert, sondern sich zusammen mit andren der Gesellschaft bedient. Bandenbildung bedeutete die Gesell­schaft und was in ihr produziert wird, als Beute zu begreifen und sich seinen Teil zu holen. Bandenbildung bedeutete, nicht mehr sein – von der Staatsgewalt garantiertes – Privateigentum zu vermehren, und sich so ein Reich der Freiheit zu schaffen, sondern sich durch die eigenen Gewaltmittel einen Teil des gesellschaftlichen Reichtums anzueignen und zur Freiheit zur erklären.

Fraglich ist nun, ob es dazu überhaupt kommt, ob sich Banden in diesem Sinne überhaupt bilden. Der Verdacht drängt sich auf, dass nur so getan wird; dass keine Rede davon sein kann, die bürgerliche Gesellschaft würde zerfallen; dass die Rede von der Bande Verhältnisse vorgaukelt, in denen persönliche Elemente zur Herrschaft gelangen.

Nicht die Rückkehr zur Bandengesellschaft, nicht dessen Soziologie ist Pohrts Thema, sondern die Regression des Bewusstseins unter fortdauernder Herrschaft des Kapitals. Das Bandenwesen ist die fixe Idee des Menschen im Zustand seiner objektiven Überflüssigkeit. Die Bande und der starke Mann, um den sie sich schart, sind eine Elementarform der Herrschaft. Individuen, denen eine Befreiung aus den Zwängen des Kapitalismus theoretisch wie praktisch unmöglich erscheint, liegt die Organisationsform der Bande nahe. Weil der Kapitalismus als eine Herrschaft wie jede andere erscheit sind es die Elementarformen der Gruppe, Sippe und der Bande, aus denen die Soziologie und der gesunde Menschenverstand sich die Gesellschaft konstruieren. In diesen Kategorien entwirft das Individuum aber auch den Zustand, in dem es sein Unterworfensein unter kapitalistische Verhältnisse erträglich finden kann.

Dass es mit der Wirklichkeit der Banden nicht allzu weit her sein kann, erhellt schon aus der Kümmerlichkeit ihres materiellen Nutzens. Keineswegs unterwerfen sie sich die Gesellschaft; keineswegs machen sie sich die Produktivkräfte und Gewaltmittel der Gesellschaft zu eigen. Infinitesimal ist der Nutzen für Jugendliche, die ihre Mitschüler und Altersgenossen terrorisieren. Fast lächerlich sind die Korruptionsaffären von Politikern, angesichts der Finanz- und Gewaltmittel der Staaten in deren Diensten sie stehen. Was da einer als Lebenswerk beiseite schafft, liegt kaum je im Promillebereich dessen, worüber ›sein‹ Staat jährlich disponierte. Mit der organisierten Kriminalität dürfte es sich nicht anders verhalten. Fixe Idee ist sie nicht nur bei den bürgerlichen Hobbykriminologen, sondern auch bei den Kriminellen selbst. Meist macht man sich das Leben gegenseitig zur Hölle — und je kleiner der Fisch ist, desto erbitterter wird gekämpft. Die Lebensbedingungen werden nicht von der Bande gesetzt, oder allenfalls in dem Rahmen, der von Sozialamt und Justizbehörden vorgegeben ist. Für krumme Dinger, die kaum den Monatslohn eines mittleren Angestellten einbringen, drohen jahrelange Haftstrafen.

In Büroetagen liebt man Seilschaften und Intrigen ebenso. Aber wenn auch das Hirnschmalz ganzer Abteilungen monatelang dafür verausgabt wird, eine missliebige Kollegin rauszuekeln – sein eignes Schicksal kontrolliert das Angestelltenheer nicht, sondern die Personalabteilung.

Zu vermuten ist daher, dass es Banden, die diesen Namen verdienen so gut wie keine gibt, sondern dass ein Zustand inszeniert wird, in dem sich der Einzelne einbilden kann, es käme auf ihn an, obwohl auch der größte Macker einer dieser Banden nicht mehr zu sagen hat, als die kleinste graue Maus.

III

Pohrts Erkenntnis ist es nicht, dass sich in der Gesellschaft Banden und organisierte Kriminalität immer mehr breit machten. Das blieb Leuten wie Dagobert Lindlau überlassen, die im Kampf gegen die organisierte Kriminalität die nächste Bewährungsprobe sahen, der sich die deutsche Nation zu stellen habe. Nicht, dass alles Bande ist, sondern dass alles als Bande erscheint – darin drückt sich eine eigentümliche Wahrheit über die kapitalistische Gesellschaft aus. Gewiss verbergen sich hinter diesem Schein Lohnarbeit und Kapital. Doch der Schein der post-bürgerlichen Gesellschaft lässt sich durch den Hinweis auf das Wesen der kapitalistischen Produktion nicht erklären. Die soziologische Beobachtung, dass sich Banden in allen Bereichen der Gesellschaft bildeten, die Möglichkeit, gesellschaftliche Prozesse generell in Kategorien der Banden und Bandenbildung zu beschreiben und die Bereitschaft des Individuums, sich und seine sozialen Beziehungen in Begriffen der Bandenbildung zu verstehen, ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Nur wenn das Individuum atomisiert und machtlos ist, wenn es also nicht mehr – wie es für das bürgerliche Individuum typisch war – sein Leben und seine Umwelt selbst gestalten kann, wenn es sich nicht mehr ein mehr oder weniger großes Reich an Freiheit zu schaffen weiß, in dem es autonom agieren kann – nur dann kann das Individuum in der Bande aufgehen.

Schon seit den siebziger Jahren hat Wolfgang Pohrt gruppendynamische Prozesse beschrieben und die Flucht der Individuen der 68er-Generation aus der Aufklärung in Wohn­gemeinschaften, Kommunen, Sekten und andere Gruppen nachgezeichnet. Dass nun die Bande im Vordergrund steht, hat seine Gründe. Denn nicht mehr die linke Szene ist das Thema, sondern die Gesellschaft. Und die Gruppenpro­zesse, die sich in der Gesellschaft abspielen, lassen die Gesellschaft als solche von jenen bestimmt erscheinen. Damit aber ist der Übergang zur Bande gemacht, denn die Klein­gruppe, die dem Individuum Zuflucht versprach, konnte selbst in die Gesellschaft nicht ausgreifen. Sobald das Individuum die Enge der Gruppe verließ und sich auf der Straße wiederfand, war es auf seine vereinzelte Existenz zurückgeworfen. In dem Maße aber, in dem nicht mehr atomisierte Einzelne sich den Zwängen der Gesellschaft sich ausgesetzt fühlen, sondern als Mitglieder einer Gruppe gegen Andere Inter­essens­gegensätze auszufechten haben, in dem Maße gewinnt die Kategorie der Bande gesellschaftliche Bedeutung.

Die gesellschaftliche Anonymität wird dadurch nicht durchbrochen. Die Zwänge der kapitalistischen Ordnung, denen das Indivi­duum ausgeliefert ist, bestehen fort. Die ideologische Reflexion über diese Zwänge aber, wird um eine Stufe bereichert. Erschienen diese Zwänge zunächst als naturhafte oder schienen scheinbar logische Gültigkeit zu besitzten, so werden nun diese Ideologeme von der Gesellschaft auf die Gruppe übertragen. An der Stelle vorgeblicher Wahrheiten über Konkurrenz und Lohnarbeit treten solche über die Gruppe: Machtstreben und autoritärer Charakter werden allenthalben ausgemacht, Kommunikationspsy­chologie und Verhaltensforschung gewinnen zentrale Bedeutung – und zwar einfach, um es in der Gruppe auszuhalten. Ideologieproduktion verlangt gar nicht mehr, dass sich jemand die Gesellschaft erklären will.

IV

Atomisierung und Machtlosigkeit des Einzelnen reichen jedoch nicht aus, um die Bandenbildung zu erklären. Weil die Bandenbildung selbst inszeniert ist, und selbst dort, wo sie echt ist, sich in ihrer Kümmerlichkeit offenbart, müssen die Verhältnisse wahrhaft trostlos sein, wenn sich das Individuum vor ihnen in die Bande flüchtet. Bandenbildung setzt nicht nur die Macht­losigkeit des Einzelnen voraus, die er durch die Organisation in einer Bande zu überwinden hofft oder sich in einer inszenierten Bande zumindest zu überwinden einbilden kann. Bandenbildung setzt ebenso ein Individuum voraus, das nicht nur objektiv atomisiert ist, sondern diese Atomisierung in sich aufge­nommen und verinnerlicht hat. Das Individuum muss nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Fähigkeit und den Willen zur sozialen Inter­aktion verloren haben, denn wenn das Individuum – worauf Pohrt wiederholt hinweist – aus der Bande letztlich keinen andren Nutzen zieht, als endlich nicht mehr allein zu sein, dann muss die Kluft zwischen den Individuen unendlich groß sein. Wenn das Individuum keinen anderen Grund mehr kennt, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, als dem Alleinsein zu entfliehen, dann spricht daraus ein vernichtendes Urteil nicht über die Bande, sondern auch die Freundschaften, Familien und Liebschaften, die in dieser Gesellschaft möglich sind. Von allen Inhalten, die eine soziale Beziehung haben kann wird abgesehen. Mehr noch, solche Inhalte dürfen für eine soziale Beziehung keine Rolle spielen. »Freundschaft bedeutet Unterscheidung zwischen Freund und Feind. ihr oberste Priorität einzuräumen heißt, dass im Konfliktfall die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, recht und unrecht, böse und gut nur eine nachgeordnete Rolle spielen kann.« (S.64) Anders ausgedrückt: Freundschaft ist der Zustand, in dem es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt. An gemeinsamen Werten, Interessen, Bedürfnissen, relativiert sich die Freundschaft. Gedeihen kann sie nur dort, wo das Recht des Stärkeren gilt.

V

In der Gruppe entkommt das Individuum der Resignation, die es zu ergreifen droht, sobald es über seine Lage in der Gesellschaft nachzudenken beginnt. Die Gruppe ist daher die gesellschaftliche Form der Resi­gnation. In der Bande wird mit der Individualität auch die Ver­nunft aufgehoben. Das Individuum, das sich ganz mit der Rolle identifiziert, die es in der Gruppe spielt, muss nicht mehr über sich selbst nachdenken; und die Bedürfnisse seines Rollenbildes sind minimal.

Die Realität der Bande ist inszeniert. Kate­gorien wie Treue, Verrat und Pflichterfüllung spielen eine umso größere Rolle, je weniger es in der Realität auf sie ankommt. »Auch im Slum, stellt sich heraus, müssen die Leute ins Kino gehen, wenn sie romance and mystery wollen« (S.117). Das in die Scheinrealität der Bande geflüchtete Individuum entkommt einem Zu­stand in dem es auf das, was es tut nicht mehr ankommt. »Die Gangsterfilme und Wildwest­filme fesseln seit den 20er Jahren das Publikum, weil es sich noch zurücksehnt nach Bedin­gungen, die vom Einzelnen moralische Entschei­dungen verlangen.« (S.43)

Was als Freiheit und Selbstverwirklichung erscheint, ist nichts anderes als ein Zeichen für die Überflüssigkeit der Menschen. Je weniger es darauf ankommt, was einer macht, desto willkürlicher kann er handeln. »Wer nichts nützliches tun darf, braucht auf Zwecke keine Rücksicht zu nehmen, sein ›Gestaltungs­spielraum‹ ist grenzenlos wie der eines Kindes, wenn es im Sandkasten Kuchen backt. Weil keiner essen wird, was es fabriziert, kann es bei der Wahl der Zutaten wie des Herstellungs­verfahrens der eigenen Willkür folgen.« (S.111)

Wenn der Mensch überflüssig und machtlos ist, wenn nichts, was er unternimmt mehr etwas bedeutet, dann kann er zwar alles tun – und tatsächlich stehen in den westlichen Industrienationen Literatur, Kunst und Wissenschaft offen wie selten zuvor –, aber was er unternimmt bleibt trotz seiner verzweifeltsten Bemühungen sinnlos. Er kann sich in den esoterischsten und gewagtesten Wissenschaften herumtreiben, er kann die naivsten oder avantgardistischsten Künste betreiben, er kann immer neuen Nervenkitzel suchen – seine Tätigkeit hat keine gesellschaftliche Bedeutung. Damit befände sich der Künstler zwar in Einklang mit ehrwürdigen philosophischen Theorien, nach denen Kunst und Wissenschaft ohnehin um ihrer selbst Willen zu betreiben sei; weil aber alles möglich ist und nichts mehr etwas bedeutet, wird das Individuum seiner Tätig­keiten überdrüssig und Langeweile macht sich breit. »Vorläufer dieses Typs war der Flaneur, der ›ziellos dahinschlenderte und das Nichts, das er um und in sich spürte, durch eine Unzahl von Eindrücken überdeckte.‹ (Krakauer, Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit) Aus Angst vor dem Nichts führen die gut Situierten sich wie Obdachlose auf oder wie Untergetauchte auf der Flucht.« (S.108) Die Überflüssigkeit der eigenen Existenz affiziert alle Handlungen, die das Individuum unternimmt. Wohin es sich auch wendet, überall ist es das gleiche. Ein Gefühl des Gefangenseins breitet sich aus. »Eine Gesellschaft, die sich selbst nicht erträgt, neigt davon, die von ihr Ausgestoßenen oder Draußengebliebenen zu beneiden. Auf sie projizieren die Dringebliebenen, die sich eingesperrt fühlen, ihre unerfüllten Wünsche.« (S.114) Wie eine fixe Idee durchzieht die Gesellschaft der Gedanke, dass man ›raus‹ müsse müssen: aussteigen, neu anfangen. Pohrt beschreibt die Euphorie, die Ende des 19.Jahrhunderts die deutsche Bevölkerung angesichts der südwestafrikanischen Kolonie erfasst habe, obwohl nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung tatsächlich ausgewandert sei. Beherrschend aber sei das Gefühl gewesen, gefangen zu sein und die Beruhigung, dass man nun ja doch raus könne (Vgl. S.156).

VI

Viele Überzeugungen sind nicht in Vernunft­gründe auflösbar. »Vielleicht ist die Doktrin von der Zweck-Mittel-Rationalität – dass aufgeklärte Menschen nichts um der Sache selber willen tun, sondern stets etwas anderes erreichen wollen – nur Ausrede und Augenwischerei.« (S.84) Das Kernstück der deutschen Ideologie, eine Sache nur um ihrer selbst willen zu tun, wird vor allem als Auftrag und als Selbsttäuschung begriffen. Positiv, als Auftrag sich von der ›alltäglichen Geworfenheit‹ loszumachen; negativ als Verdrängung ›eigentlicher‹ Motive. Vielleicht ist er aber gerade umgekehrt: Motive und Zwecke sind vorgeschoben, während tatsächlich das meiste um seiner selbst Willen getan wird. Daran fände die Aufklärung ihre Grenzen, denn Individuen, die eine Sache um ihrer selbst willen betreiben lässt sich nicht entgegnen, das ihr Tun ihnen nicht nützt: der behauptete Nutzen ist dann bloße Rationalisierung. »Räuber rauben nicht, weil sie in den Besitz von Geld oder Wertsachen kommen möchten – wer möchte so was nicht. Sie rauben, weil sie Räuber sind. Die allgemeinen Motive und Interessen sind stets vorhanden, aber sie erklären wenig, denn sie sind beliebig und austauschbar.« (S.54)

Die Erklärung der bürgerlichen Gesellschaft als Ansammlung von Banden bringt Differenzen zum Verschwinden. Wie Pohrt selbst erkennt wird dann alles ›Bande‹. Statt der Staatsräson sieht man nur mehr Bandenbosse. Alles wird subjektiviert und Folge bestimmter Charakter­eigenschaften. Treffend ist der Hinweis, dass die verheißene Beute einen Konflikt oder einen Krieg alleine nicht erklären, denn zu einer gewaltsamen Lösung führt eine solche Verheißung nur manchmal. Und dieser Unter­schied geht nicht darin auf, ob ein Staat oder eine Bande über die nötigen Machtmittel verfügen. Alle Kalkulationen nehmen eine seltsam distanzierte und vermittelte Form an. »Als Beute besitzt der sachliche Vorteil metaphysische Qualitäten und Kräfte, und wenn man sagt, den Einzelnen ginge es nur ums Materielle, oder wenn man sagt, es ginge ihnen überhaupt nicht darum, sind beide Aussagen, obgleich sie einander logisch ausschließen, richtig.« (S.151)

VII

Die Überflüssigkeit der Menschen korres­pondiert der Überflüssigkeit von Elend und Unterdrückung. Respekt »verdient mittlerweile keiner mehr, denn die invisible hand ist der lange Arm von Wirtschaftsmagnaten und das freie Spiel der Kräfte eines mit Mogeln. Nicht von der anonymen Macht des gesellschaftlichen Prozesses hängt der Einzelne dann ab, sondern vom Wohlwollen oder der Missgunst anderer Personen.« (S.107) Es sind nicht alleine schwierige Lebensbedingungen, die dem Indivi­duum zu schaffen machen, sondern auch, dass sich jegliche Anstrengungen als vergeblich offenbaren. Armut, Disziplin und Gehorsam sind den kapitalistischen Produktivkräften nicht mehr angemessen; eine gesellschaftliche Ordnung die auf ihnen beruht, ist daher irrational. Auf die Leistung des Individuums kommt es nicht mehr an, weil sie es nicht aus der Situation seiner Überflüssigkeit herausführen kann. Es sind keine Herausforderungen zu meistern, weil alle Bemühungen doch nur den Zustand des Elends reproduzieren. Trotz aller Anstrengungen kann es sich gerade mal ihm Produktionskreislauf halten. Nach einiger Zeit kennt das Individuum die Tricks und Kniffe und wird ihrer überdrüssig. Alle Anstrengungen sind nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst Zweck. Haben sie Erfolg, müssen sie wiederholt werden. »Wesenszug aller vorbürgerlichen Gesellschaft war die Ohnmacht des Einzelnen als denkenden Subjekts. Was geschah, war weniger Aktion als Prozess, Wirkung ohne bewirkendes Subjekt, sogar ohne identifizierbare Ursache fast, weil die zwingende Kausalität sich auflöst in die Beschreibung eines Geflechts von Entstehungs­bedingungen wie beim Wetter. Nicht anders stellt die nachbürgerliche Gesellschaft sich dar, deren Krisen, Kriege, Massenmorde trotz – oder wegen – ihres atemberaubenden Umfangs etwas außerordentlich Ermüdendes, Langweiliges, den Verstand Lähmendes, ihn Abstoßendes an sich haben […]« (S.171)

Das Individuum macht einen psychischen Prozess der Angleichung an der Ausbeutung durch. Es vermag nicht mehr auf einen anderen Zustand hinzuarbeiten um ihn mit Subversion und Raffinesse zu erreichen, weil es keinen gesellschaftlichen Ort gibt, der jenseits der kapitalistischen Tristesse läge. Seiner Über­flüssigkeit kann das Individuum nicht entfliehen — es kann lediglich sich eine Scheinrealität kon­struieren und sich seine Flucht einbilden. Apollinaire hat erkannt, das alle Kunst sinnlos ist und alles künstlerische Tun, das sich einbildet autonom oder aber eingreifend wirken zu können darum reaktionär ist. Diese Erkenntnis auszusprechen, ohne fähig zu sein, einen Ratschlag zu geben, wie man damit umgehen könne, ist die einzige Freiheit, die dem Individuum noch bleibt. Tatsächlich bestanden hat die Situation aber schon Ende des 19.Jahrhunderts. Wolfgang Pohrt kontrastiert die Journalisten Balzacs, deren literarische Ambitionen mit der materiellen Wirklichkeit in Konflikt kamen und die so gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt in Zeitungsredaktionen zu verdienen, mit den Journalisten Maupassants, die von Anfang an nichts anderes als wollen, als ihre Rolle als Journalisten auszufüllen und jeden Konflikt zwischen ihrer Persönlichkeit und der journalistischen Charaktermaske zu vermeiden suchen. »Man tut diesem Typus Unrecht, wenn man ihm Verrat vorwirft. Verräter sind die Journalisten Balzacs, sie verraten ihre Passion, ihr Talent, sie verraten die Werke, die sie schon geschrieben haben oder noch schreiben könnten, sie verraten die Schriftstellerei selbst, sie verraten ihre Liebe zur Literatur, die Vorbilder, zu denen sie aufgeblickt und denen nachzueifern sie sich geschworen hatten. Sie verraten das alles an das schnelle Geld, an den schnellen Ruhm, an Austern und Champagner zum Frühstück. Das macht sie sarkastisch, zynisch, unberechenbar. Keine Verräter mehr sind die Journalisten Maupassants. Sie hatten nie besessen, was hätte verraten werden können – keine Passion, kein Talent, keine Werke, keine Vorbilder, keine Bildung, und wenn sie schreiben müssen, schreiben sie wie Ulrich Wickert.« (S.135) Mit diesem Typus ist der Prozess der Anpassung an die Ausbeutung vollendet, denn die Menschen verhalten sich nun so, wie es dem Begriff des Kapitalismus entspricht: als willenlose Wesen, deren Sein ihr Bewusstsein bestimmt. Sie tragen keine Charaktermasken mehr, denn zwischen der Charaktermaske und ihnen fehlt jede Differenz. Sie haben sich in die Notwendigkeit gefügt, ohne dadurch an Freiheit zu gewinnen. Das Individuum steht nicht mehr den Zwängen der Gesellschaft gegenüber, die ihm ein vernünftiges Leben verbauten, denn diese Zwänge hat es in sich aufgenommen und sich mit ihnen identifiziert. Als Hindernis erscheinen alleine noch die Mitmenschen, weil deren Funktion in einer auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft, der aller anderen Individuen entgegengesetzt ist. »Die Folge ist, dass die Menschen einander mit den Augen von Plünderern taxieren. Für den Plünderer aber sind alle Menschen überflüssig. Sie sind das Hindernis, das zwischen ihm steht und der Sache, die er haben will.« (S. 140)

Wolfgang Pohrt, Brothers in Crime, Edition Tiamat: 1997.

Florian Beck, 26. April 2004


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