Maurice Cowling sieht die Außenpolitik der dreißiger Jahre als Ausdruck, den der Klassenkampf in jener Zeit fand. In dieses Schema gießt er seine Darstellung der britischen Politik von Beginn der dreißiger Jahre – dem Ende der ersten Labour-Regierung und der Stabilisierung des Klassenkampfes – bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Nach dem Ende der appeasement-Politik habe sich eine Allianz der Klassenkampfpolitik mit einer Politik des internationalen Konflikts herausgebildet. Diese außenpolitische Linie sei von den Interessen des Klassenkampfes bestimmt worden und habe den nationalen Interessen widersprochen.
Cowling schildert den Niedergang der Liberalen Partei um Lloyd George; die in dieser Zeit verwirklichten Klasseninteressen der Arbeiterpartei begannen die außenpolitische Diskussion zu bestimmen. Die Völkerbundspolitik sei von einer Verkennung der Realität bestimmt gewesen; kollektive Sicherheit habe es nicht gegeben und sich dieser Illusion hinzugeben, habe die englische Politik geschwächt.
Oberflächlich gibt sich Cowling als Verteidiger der appeasement-Politik, die keineswegs ›feige‹ gewesen, sondern im Gegenteil nicht weit genug gegangen sei. Die Politik von Chamberlain und Halifax habe den berechtigten Interessen Hitlers – gegen den Versailler Vertrag und für Aufrüstung – ungerechtfertigt Steine in den Weg gelegt. Als Vorbild erscheint ihm Chamberlains Haltung zu Mussolini, der »kein Feind zu sein brauchte und zu einem Freund gemacht werden könnte« (S.66). Cowling bezweifelt, dass Hitler eine Bedrohung für die britischen Inseln dargestellt habe, und dass man ihm besser Süd- und Osteuropa als Einflussphäre hätte überlasse sollen. Der entscheidende Fehler sei gewesen, dem ›unnatürlichen‹ tschechoslowakischen Staat Garantien zu geben und nicht die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Was Cowling gegen die appeasement-Politik hat, erweist sich also als folgendes: ihr Fehler sei nicht gewesen, dass sie dem Nationalsozialismus nicht entschiedenen und unzweideutig entgegengetreten sei, sonden dass ihre Ziele, die sie zu erreichen können glaubte, ohne es zum Krieg kommen zu lassen, nach Cowlings Meinung nicht im englischen Interesse standen.
Die Opposition – Labour Party und Churchill – habe sich daher durchsetzten können, weil nur ihre Mittel den bisherigen, von Cowling bereits für falsch gehaltenen – Zielen angemessen waren. Anhand des antifaschistischen Labourabgeordneten Richard Stafford Cripps und des »künstlichen Jakobinismus« (S.237) Edens versucht Cowling seine These von der Identität der Außenpolitik mit dem Klassenkampf zu untermauern.
Der Krieg, der für Cowling das Ende des Empires bedeutete (bzw. untermauerte), sei bis zuletzt vermeidbar gewesen, durch besagte fehlerhafte Garantien provoziert und schließlich erst durch innenpolitischen Druck Wirklichkeit geworden. Quintessenz der detaillierten und zitatenreichen Darstellung der britischen Diplomatie – kolportiert wird, dass Churchill ein Ultimatum erwartete, dass zum Krieg führen würde – ist dann dass der Ausbruch des Kriegs auf den Entschluss Churchills zurückzuführen sei.
Über die Verharmlosung des Nationalsozialismus durch Cowling ist nicht zu diskutieren. Ganz falsch ist dagegen seine Klassenkampfthese nicht – wenn auch anders als er denkt. Die Begutachtung der internationalen Geschehnisse sind nicht zu trennen vom Klasseninteresse – wie sich unter andrem zeigt, als Cowling die Parteinahme für Franco mit der »kommunistischen Infiltration« (S.266) rechtfertigt. Cowling stellt allerdings diese vom Klassenkampf bestimmte Außenpolitik den ›wahren‹ Interessen Großbritanniens gegenüber. Tatsächlich offenbart sich in der von Cowling vertretenen neutralen Außenpolitik eine reaktionäre Politik, die – wie das deutsche Bürgertum – den Faschismus als anti-marxistische Ideologie und anti-demokratische Praxis goutierte, und sich so auch vom liberalen Bürgertum unterscheidet, das tatsächlich nicht opportunistisch das nationale Interesse dem Arrangement mit dem Sozialismus opferte, sondern Momente der Emanzipation, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft fanden, vor der Barbarei retten wollte. Die scheinbar anti-idealistische, dem realpolitisch Möglichen verpflichtete Haltung erweist sich so als Fetischisierung jener Barbarei, weil sie jede Opposition gegen sie nur als Ausdruck andrer dunkler dem Klassenkampf geschuldeter Interessen diffamiert.
Maurice Cowling, The Impact of Hitler, Cambridge University Press: 1975.
Florian Beck, 24. April 2004