Die abgedruckten Dokumente zeichnen den Weg vom ersten Weltkrieg (und den damaligen deutschen Kriegszielen), über die Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik, der Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Staates, bis zum Krieg und Holocaust nach. Am Ende der ansonsten meist chronologischen Darstellung steht bei Kühnl interessanterweise nicht der Sieg der Alliierten, sondern der deutsche (!) Widerstand.
Ein Schwerpunkt der Dokumentation sind die Ziele der deutschen Industrie und ihre Kontinuität vom Kaiserreich bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Frappant sind die Ähnlichkeiten bezüglich einer Neugestaltung Europas und der Schaffung eines Großwirtschaftsraums. Die meisten dieser Dokumente sind allerdings während des Krieges verfasst, beseelt vom Wunsch, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, und können daher kaum als Belege dafür dienen, dass sich die wirtschaftlichen Interessen in einen Krieg entladen mussten. Eingehend zeigt Kühnl, welchen Nutzen das Kapital im Nationalsozialismus sah: eine anti-marxistische Ideologie, die im Gegensatz zu traditionelleren bürgerlichen Ideologien die Zustimmung breiter Massen gewinnen und daher als Basis für eine Diktatur dienen könne. Genossen die Nationalsozialisten schon seit den frühen Zwanzigern Sympathien aus der Wirtschaft, gewannen sie doch deren vorbehaltlose Unterstützung erst, als ihr Stern bereits im Sinken, und die letzte Change zu nutzen war, eine anti-marxistische Ideologie zu etablieren und institutionalisieren. Detailliert zeigt Kühnl die wirtschaftliche Entwicklung unter nationalsozialistischer Herrschaft, den von der Wirtschaft gewünschten Abbau von ›Hemmnissen‹ und die Aufhebung des Klassenkampfes in der "Deutschen Arbeitsfront". Was die Außenpolitisch betrifft, kontrastiert Kühnl die friedensheischende Rhetorik recht unvermittelt mit den auf eine Großraumwirtschaft abzielenden Kriegsplänen, ohne die mörderische Dialektik zu berücksichtigen, die schon in jeder Friedensrhetorik selbst steckt. Neben der Großraumwirtschaft nimmt die Darstellung der nationalsozialistischen Volkstumspolitik breiten Raum ein, die auf die Ansiedlung von Deutschen abzielte, und für andre ›Völker‹ nur eine Existenz zweiter Klasse ohne Erziehung und Kultur vorsah. In beiden Fällen vermisst man schmerzlich Anmerkungen zu den einzelnen Dokumenten. Wie charakteristisch Aufzeichnungen zweitrangiger Wirtschaftsfunktionäre, wie programmatisch Hitlers ›Tischreden‹ waren, bleibt unklar.
Der zweite Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Klassenkampf. Überzeugend wird anhand der Parteiprogramme und andrer Äußerungen der Parteien die Bruchlinie dargestellt zwischen den Arbeiterparteien SPD und KPD einerseits, die für eine Überwindung bzw. Abschaffung des Kapitalismus eintraten, und der bürgerlichen Parteien andrerseits, die nicht nur die Beibehaltung des Kapitalismus, sondern den Kampf gegen das Chaos, für Ordnung, Volksgemeinschaft und die Rückkehr zu traditionellen Werten sich auf die Fahnen schrieben. Letztere waren sich einig darin, dass der Einzelne hinter der Gemeinschaft zurückzutreten hatte - Gemeinnutz geht vor Eigennutz - und wiesen ein politisches Kontinuum bis zu den autoritären Konzeptionen der Nationalsozialisten auf. Wenig Erhellendes findet man allerdings dazu, dass die Sozialdemokratie praktisch an der Erhaltung des Kapitalismus mitarbeitete und warum diese Koalitionsstrategie vom Bürgertum zum Ende der Weimarer Republik als ungenügend eingeschätzt und nicht mehr verfolgt wurde. Momente des Klassenkampfs finden sich auch innerhalb der NSDAP, wie Kühnl anhand der Auseinandersetzung Hitlers mit dem ›linken‹ Flügel um Otto Strasser zeigt; freilich lässt sich diese Gruppe nicht auf sozialistische, der NS-Ideologie fremde Elemente reduzieren - was schon deren militanter Antisemitismus und Vergötzung der Volksgemeinschaft zeigt. Unklar bleibt in dieser Darstellung, inwieweit sozialistische Elemente einen wesentlichen Teil der NS-Ideologie darstellen. Überzeugend dargestellt ist, wie sehr die Errichtung des faschistischen Staates den Erfordernissen des Klassenkampfes Rechnung trug: Einverständnis der bürgerlichen Parteien, Gesetze gegen die politische Betätigung der Arbeiterparteien, Befreiung der Wirtschaft von den lästigen Hindernissen der Arbeitsgesetzgebung. Wenig erfährt man allerdings über die massenhafte Mithilfe der deutschen Bevölkerung beim Aufbau des NS-Staats. So hängt die Darstellung der nationalsozialistischen Politik gegenüber Frauen, Jugendlichen, aber auch gegenüber ›Erbkranken‹ und ›Mindertauglichen‹ ein wenig in der Luft rein ökonomischer Ableitung.
Der dritte Schwerpunkt nimmt die Kritik verbreiteter "irreführender Darstellungen" (S.273) ein und die Dokumentation, dass sich "weitverbreitete Ansichten als unhaltbar erweisen" (S.11). Dazu gehören die Quellen zur Außenpolitik Stresemanns, die sich ganz dem Revanchismus verschrieb, zur massiven Unterstützung der Kirchen für den NS-Staat und zu den Zielen der Bewegung um Beck und Goerdeler, die zum 20.Juni 1944 führte" (S.421)und die "abenteuerliche" Führung kritisierte, aber möglichst viele der nationalsozialistischen ›Errungenschaften‹ zu erhalten wünschte.
Die "Dokumentationen zu den Themen Vernichtungskrieg und Holocaust" wurden in der letzten Überarbeitung von 2000 "wesentlich erweitert" (S.12), sind aber dennoch von dürftigem Umfang. Quellen zu der - etwa von Browning oder Goldhagen ausführlich dokumentierten - Freiwilligkeit der Mörder sucht man vergebens. Eine Ausnahme macht die umfangreiche Darstellung der Verwertung von Konzentrationslagerinsassen (Vernichtung durch Arbeit) und der ökonomischen Ausbeutung der besetzten Ostgebiete.
Die angeführten Lücken treten vor allem an den Stellen auf, die durch Dokumente nicht mehr abzudecken sind, sondern eigenständige Theorie erforderten. An solchen herrscht zwar kein Mangel, "Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten" kann daher aber keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erheben - auch nicht im Sinne eines Einführungswerks. Die Fakten sprechen eben nicht für sich, sondern erfordern eine Theorie, um verständlich zu werden. Die kurzen Einführungen von Kühnl reichen dazu nicht aus. Dabei besteht die Gefahr, dass die abgedruckten Dokumente zum Beleg schon mitgebrachter Vorurteile dienen, die so der Reflexion entzogen sind.
Kühnl verwendet hauptsächlich Sekundärliteratur, das heißt, die Quellen, die er angibt, sind überwiegend andren Quellensammlungen entnommen. Das ist nicht weiter schlimm, sollte aber im Hinterkopf behalten werden, will man sich nicht über den Charakter des Buches täuschen. Das von Kühnl gesammelte Material ist nicht hinreichend - was allein schon durch den Umfang ausgeschlossen wäre -, dadurch eigenständig eine Theorie des deutschen Faschismus zu entwickeln. Wer Belege sucht, wird von Kühnl gut versorgt, zumindest in den Bereichen ›Klassenkampf‹ und ›Verstrickung der Industrie‹. Andre Bereiche sind schlechter abgedeckt oder fehlen ganz; wer Aufschluss über die ideologische Übereinstimmung zwischen Führung und Basis sucht wird kaum fündig werden, ebenso wenig findet sich über die Begeisterung der Deutschen am Massenmord. Das liegt zum Teil daran, dass dafür eine sozilogische Untersuchung erforderlich gewesen wäre, zeigt aber gleichzeitig die Grenzen der sich auf Quellenmaterial allein stützenden Darstellung. Warum Deutschland "keineswegs zufällig die bisher extremste und brutalste Form des Faschismus hervorgebracht" hat, bleibt im Dunklen.
Reinhard Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, PapyRossa:2000.
Florian Beck, 23. April 2004