Versuch, das verkehrte Ganze zu transzendieren

Breaking the Waves endet mit göttlichem Segen: Nachdem der Leichnam von Bess McNeill zeremonielos von einer einsamen Bohrinsel dem Meer übergeben wurde, erklingen mirum in modum die Kirchenklocken vom Himmel. Das Ende, das vielen als unpassend erschien, bringt den Film auf seinen Punkt. Erst mit dem Ende erfüllt sich Bess’ Schicksal. Abgeklärt über die Romantik von Bess zu urteilen, das vermag nur Kinozuschauer oder der Arzt, der mit allem eigentlich nichts zu tun hat. Er kann darüber ins Stottern verfallen, dass sie ›zu gut‹ gewesen sei und ein wenig verwirrt. (Übrigens bezeichnend für die bürgerliche Gesellschaft, dass zu gut zu sein, einen Mangel darstellt.) Letztlich beibt der Arzt sprachlos und ordnet das Schicksal von Bess ’ unter die Absonderlichkeiten des Lebens ein. In seinem Bericht vor dem Untersuchungsgericht erklingt bereits das Motiv, das er an Kneipenabernden seinen Studienfreunden ausführen wird, wenn er erzählt, welch krasse Dinge sich in seiner Praxis ereignet haben. Für den Ehemann, für die Gemeinde, für die Familie ist die Geschichte von Bess, die verwirrt war, nicht genug. Erst mit dem Läuten der Kirchenglocken über der einsamen Ölplattform erfüllt sie ihre Pflicht. Mit dieser Pflichterüllung wird offenbar, dass das Unglück das der verwirrten Bess widerfuhr, nur symbolisch steht für das Unglück, das ihr als Frau in der Gesellschaft ohnehin beschieden war. Es sind ihre glücklichsten Momente, in denen ihr ganzes Unglück steckt. Durch ihr tragisches Schicksal wird ihr Unglück nur illustriert. Von den sadistischen Seeleuten wird sie vergewaltigt und totgeschlagen: das Schicksal, das sie von den Händen ihres Ehemanns erfährt, ist lediglich subtiler. Als er sich in ihrer Hochzeitsnacht schnaufend auf ihr erleichtert, und sie sich anschließend ihr jungfäuliches Blut aus dem Hochzeitskleid waschen muss, wird sie kaum ein Vergnügen verspürt haben. Glücklich war sie ebenso, als sie sich den Seeleuten auslieferte, denn auch dabei erfüllte sie ihre Pflicht. Auch ihr ausschluss aus der inzentuösen Dorfgemeinschaft illustriert jediglich die Rolle, die sie in jener ohnehin schon spielte; wurde ihr doch schon vor ihrer Hochzeit eindringlich vorgehalten, dass sie als Ehefrau nicht nur ihrem Mann zu dienste sein müssen, sondern auch als Vorbild allen gegenwärtigen und künftigen Ehepaaren. Im melodramatischen Ende offenbart sich so das höchste und feinste Glücksgefühl, das diese Gesellschaft kennt, in seiner hässlichen und ekelhaften Wahrheit. Mit dem Klang der Kirchenglocken kristallisiert sich die Einheit einer Gesellschaft, die sich nicht mehr in gute und schlechte Elemente auflösen lässt.

Breaking the Waves nimmt das in den Idioten ausgeführte Thema voraus, wenn auch aus einer andren Richtung. Zwischen uns und der Welt ist der Bruch gänzlich vollzogen schrieb Antonin Artraud im Bericht aus dem surrealistischen Büro. Auch die Idioten haben – als ›Privatleute‹ – diesen Bruch vollzogen mit einer Gesellschaft, die sich nicht aufklären lässt, die sie nicht verändern, und mit deren Mitgliedern sie nicht sprechen können. Dafür ist ein hoher Preis zu entrichten, dann damit entfällt auch jede Möglichkeit zur Verhandlung, wenn die Gesellschaft ihre Finger nach den Geflüchteten ausstreckt. Indem sie mit der Gesellschaft brachen, sich deren Drangsalen verweigerten, können sie auch eine der ihren nicht mehr vor der Rache ihrer Familie beschützen. Selbst die richtige Erkenntnis, dass diese Gesellschaft keiner Vernunft zugänglich ist, schlägt so gegen das erkennende Subjekt zurück. Dieser Bruch zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der Vernunft ist auch Thema von Breaking the Waves. Allerdings erscheint dieser Bruch nicht als der zwischen Idioten und der Gesellschaft. Er erscheint nicht innerhalb der Filmes, sondern transzendiert die filmische Erzählhandlung. Das melodramatische Ende lässt diesen Bruch erahnen, ist aber als Ende nicht mehr eigentlich Teil des Films und als überirdischer Nachschlag kein Teil der Erzählhandlung. Ohne dieses Ende aber würde die Erzählung zerfallen, in vernünftige und weniger vernünftige Personen, in hässliche und weniger hässliche Taten; ohne dieses Ende würde die Frage der moralischen Parteinahme dem Zuschauer nahegelegt. Erst mit diesem Ende und nur wenn dieses Ende ernst genommen wird, erkennt man die Welt des Films als homogene, deren Ekelhaftigkeit und Irrationalität keine Fugen hat.

Lars von Trier, Breaking the Waves, 1996.

Florian Beck, 19. April 2004


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