Der Film offenbart das fundamentale Scheitern der bürgerlich-liberalen Lebenswelt. Nicht auf mehr Offenheit deutet es hin, wenn Probleme des Sexuallebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen gewälzt werden, sondern auf ein Leben, das so inhaltslos ist, das es ständig mit Beziehungsproblemen angefüllt werden muss, um sich die Zeit zu vertreiben. Von einer Offenheit kann nicht die Rede sein, wenn immer neue Offenbarungen zeigen, dass jeder ängstlich seine Überzeugungen und seine Beziehungen vorm andren zu verbergen trachtet. Die Offenheit wird inszeniert beim Psychoanalytiker, weil nicht immer ein unbeteiligter Freund oder Bekannter zur Verfügung steht. Was als Offenheit erscheint, wenn erwachsene Menschen in Gesellschaft über Dinge reden, die früher dem Tabu des small talks unterlagen, ist gerade ihr eigenes Gegenteil: vor Fremden, zumindest vor Gelegenheitsbekanntschaften offenbart man sich deswegen, weil es sie nichts angeht. Kein Wunder, dass die Beziehungen, wenn sie denn zur Sprache kommen, in verdinglichenden Kategorien diskutiert werden. Keiner der Beteiligten kann seine Gefühle so recht erklären; weder, welche Erwartungen man vom andren, noch welche Bedürfnisse man selber hat. Was sich als Offenheit ausgibt ist nichts andres als small talk, der die leere Zeit ausfüllt. Das heißt nicht, dass den Protagonisten des Films die Treue in einer festen Beziehung abginge. Charakteristisch sind nicht Sexualität und Beziehungsprobleme an sich, weil sie zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft, wenn auch in abgewandelter Form erscheinen. Charakteristisch ist, wie sich diese Beziehungsprobleme auf das individuelle und gesellschaftliche Leben des Einzelnen auswirken. Der intellektuelle Betrieb ist nicht an sich nichtig, die dort verhandelten Gegenstände nicht schon deswegen unbedeutend. Dem Leben von Woody Allens Protagonisten wäre nicht ein borniertes Eigentliches gegenüber zu stellen. Die intellektuelle Welt, in der die Charaktere leben erweist sich als ideologische Veranstaltung, die ihrem Anspruch nicht gerecht wird, jene Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, die über die materiellen hinausgehen. Bloß komisch ist es, wenn sich die literarischen Ambitionen der Hauptperson ausschließlich in so wenig literarisch verarbeiteten wie reflektierten Drangsalen des Autors äußern. Offenbarender sind die Stellen, in denen die intellektuelle Gesellschaft über den Einzelfall hinaus als Negation der intellektuellen Intention zeigt. Bezeichnend ist der Besuch im Konzert, bei dem das künstlerische Werk überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird, sondern allein die physische Anwesenheit im Konzertsaal und die sich aus der Sitzordnung zufällig sich ergebenden sexuellen Andeutungen zu Frau, ehemaliger und künftiger Geliebten ergeben. Auch die andren kulturellen Blüten der Großstadt geben nur die Kulisse ab, vor der die individuellen Befindlichkeiten zelebriert werden. An das Ideal vom liberalen Bildungsbürgertum erinnert nur noch, wie selbstverständlich, ja abgebrüht auf die kulturellen Erzeugnisse reagiert wird. Obwohl die Protagonisten nicht wie die Kleinbürger mit ihrem Unverständnis brüsten und über als ›modern‹ degoutierte Kunst den Kopf schütteln, bricht sich in ihren Gesprächen regelmäßig die Banalität Bahn. Kultur wird nicht einmal auf laienhafte Weise diskutiert; Kultur wird hingenommen wie das Wetter, über das zu diskutieren im small talk ja ebenfalls verboten ist.
Woody Allen, Manhattan, 1979.
Florian Beck, 10. April 2004