Theorie des Antisemitismus? (aus einer e-Mail)

»Sind deswegen die gesamten Theorien Blödsinn und nur Rechtfertigung?« Aus dem Klassengegensatz (bzw. aus dem Bemühen, den zu verdunkeln, so ist das wohl gemeint) kann man den Antisemitismus nicht ›ableiten‹. Und Marxismus? Nun, Marx hat die ›Judenfrage‹ geschrieben — und auch wenn ich das nicht für ein Antisemitisches Machwerk halte (sondern eine ganz zutreffene Polemik gegen die bürgerliche Ideologie, ein kohärentes Volk herzustellen), muss man doch zugeben, dass bei Marx bezüglich einer Kririk des Antisemitismus nichts zu hohlen ist.

Die Frage ist eben die: Warum ist der Antisemitismus eigentlich so wichtig? Wenn ein paar Leute Juden nicht leiden können — na ja, ›die Leute‹ haben viele Ideosynkrasien. Dem könnte man entgegenhalten, als Kommunist wollte man eben eine Gesellschaft, in der es um solche Sache nicht mehr geht. Damit geht man aber der Schwierigkeit nur aus dem Weg. Erstens ist der Antimseitismus alt: nicht nur hat er die Transformation von der nationalsozialistischen in eine, sagen wir, post-faschistiache Form hingekriegt, er ist, als Judenhass, auch viel älter als der Kapitalismus. Vom Phänomen her muss man also annehemen, dass es den Antisemitismus auch im Kommunismus gäbe. Es sei denn, da gibts ein paar mehr Änderungen, als nur den Arbeitern die Produktionsmittel zu geben. Antisemitismus scheint also so etwas wie eine geschichtiliche Kontinuität zu sein. Nun sehe ich die Aufgabe des Kommunismus ohnehin darin, mit diesem Kontinuum zu brechen. Der Antisemitismus weist aber darauf hin, dass das gar nicht so einfach ist, wie man das traditionell sich vorgestellt. Marx wurde, v.a. von der Zweiten Internationelen (und ihren (leninistischen, sozialdemkratischen, auch: troztkistischen Nachfolgern) vereinfacht, aber auch er selbst war sich über das Ausmaß dieses Bruchs nicht im Klaren (und über Engels schweigen wir lieber)).

Das leitet über zum zweiten Punkt: Als Nicht-Jude könnte man nun zum Thema Antisemitismus ein eher distanziertes Verhältnis einnehmen. Ist zwar Scheisse, aber was gehts mich an. So wird das ja auch genommen. Als Kommunist geht das aber nicht. Der springende Punkt ist nämlich, dass das falsche Bewusstsein ein bißchen mehr ist, als ein Irrtum, den man ›Mann zu Mann‹ (face to face) aufklären kann. Der Antisemitismus steht für ein falsches Bewußtsein, das der Aufklärung nicht zugänglich ist, für Leute, mit denen mit einfach nicht mehr reden kann. Dass man den Kommunismus nicht verwirklichen kann, ohne mit den Leuten zu reden, ist das zentrale Problem der Agitation.

Du hältst für nebulös: »Das Volk ist aber wesentlich eine psychologische Kategorie, weshalb die Psychologierungen der Fluchschrift gar nicht so abwegig sind.Zur Auflösung der Kategorie ist zwar auf materielles zu rekurieren, auf materielles (Staat,Ökonomie) ist sie aber so wenig zu reduzieren wie als rein-psychologisches (z.B. eine Triebstruktur) festzuhalten.« Das könnte man sicher weiter ausführen. Dass eine ganzheitliche, differenzierte Theorie dazu neigt, das Wesentliche zu verdunkelt, hab ich schon geschrieben. Ich bin micht in der Lage eine ›allumfassende‹ Theorie des Antisemitismus zu schreiben. Ich denke aber, dass eine solche Theorie vom springenden Punkt absehen würde, weil sie einen Grund für deb Antisemitmus lieferte. Das Eigentümliche scheint mir zu sein, dass es eben immer nur einen Anlass braucht. Worin dieser Anlass heute besteht, hab' ich dir in der letzen Mail geschrieben: das Bedürnis, auf Deutschland und seine Tradition stolz sein zu können. Und den Grund beseitigen? Um die Tradition des Antisemitmus zu beseitigen scheint eben nichts andres möglich, als den Antisemitismus gewaltsam als Ausweg nicht mehr zuzulassen. (So liegt such der Antisemitismus in islamischen Gesellschaften nicht an einem Nationalcharakter oder an der Religion, sondern daran, dass diese Unterdrückung dort nie geschah.)

Florian Beck, 30. Oktober 2004


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