Erster Brief, Adorno an Sohn-Rethel. Schon hier lässt sich einiges feststellen. Horkheimer hat mehrmals darauf hingewiesen, dass Sohn-Rethels Vielzahl von Exposés stets eine Absicht zu einer wissenschaftlichen Forschung verkünden, dieses Versprechen aber nie einlösen, sondern immer nur ellenlang ausbreiten, was alles gemacht werden müsse. Auch Adorno weist darauf schon in diesem ersten Brief hin, indem er Sohn-Rethel bittet, eine kurze Skizze des Gedankenganges und nicht, wie es Sohn-Rethel gemacht hatte, der Intention zu liefern.
Was Adorno an Sohn-Rethels Theorie besonders angesprochen hatte, war erstens »der Komplex der Geschichte und Geschichtlichkeit der Warenform«, zweitens das »Vermittlungsproblem zwischen Unterbau und Ideologie«, drittens die »Überwindung der Antinomie von Genesis und Geltung« und viertens die Betonung des Funktionsbegriffes. Dem Funktionsbegriff und der Antinomie von Genesis und Geltung hat Adorno sich in seiner Husserl-Studie gewidmet.
Adorno deutet einen Einwand an, der sich auf den tatsächlichen Idealismus Sohn-Rethels bezieht: Macht Sohn-Rethel die materialistische Dialektik zu einer prima philosophia? Sohn-Rethel ist in seinem zweiten Brief darauf eingegangen und konnte diese Befürchtung offenbar zur Zufriedenheit Adornos, nicht aber der Horkheimers ausräumen. Bemerkenswert ist, das bei Adorno zu diesem Zeitpunkt noch die »materialistische Dialektik« im Vordergrund steht, und zwar ganz in dem Sinne eine marxistischen Methode, die es zu entwickeln und in ihrer ganzen Tiefe und Breite herauszuarbeiten gelte. Im Rahmen dieses Programms, befürchtete Adorno – und diese Befürchtung teilte Horkheimer – würde eine Arbeit von Sohn-Rethel, die sich als idealistische erwiese, in die falsche Richtung weisen. In der Tat haben die beiden, wie Adorno in seinem Brief schreibt, eine große »dialektische Logik« geplant. Von diesem Plan sind sie später abgekommen – stattdessen schrieben sie die Dialektik der Aufklärung. Von dieser Methode einer materialistischen Dialektik, die sich zumindest im Umfeld des dialektischen Materialismus bewegt, ist später nicht mehr die Rede. Das zeigt aber auch, dass man die Beziehung zwischen dem Institut für Sozialforschung und Sohn-Rethel nicht ganz so banal erklären kann, denn der erste Eindruck dieser frühen Briefe wäre, dass zumindest Horkheimer von Sohn-Rethels Arbeit einen zu unkonventionellen, zu unmarxistischen und zu idealistischen Standpunkt befürchten; spätere Äußerungen würden dagegen eher darauf hindeuten, dass bei Sohn-Rethel ein zu traditioneller Marxismus zu befürchten wäre und er zu sehr der Lehre des dialektischen Materialismus, also der offiziellen DDR-Doktrin verhaftet sei. Will man die Beziehung zu Sohn-Rethel nicht einfach in der Institutspolitik und in Horkheimers persönlichen Antipathien und Vorlieben aufgehen lassen, wäre etwas genauer herauszuarbeiten, wodurch Sohn-Rethels Exposés die von Horkheimer erhobenen Vorwürfe verdienen und ob diese Vorwürfe gerechtfertigt waren.
Zweiter Brief. Geschrieben vom 4. bis 12. November 1936. Sohn-Rethel hat sich unmittelbar nachdem er Adornos Brief erhalten hatte, an die gewünschte Zusammenfassung gemacht und einen fünfzehn Seiten langen und sehr dichten Brief geschrieben. Das veranschaulicht, wie wichtig ihm die Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung gewesen wäre und wie gutwillig Sohn-Rethel war, auf dessen Wünsche einzugehen.
Horkheimers Kritik. Max Horkheimer beklagt in einem Brief an Adorno vom 8.12.1936 die ›eitle Sprache‹ Sohn Rethels und die Allgemeinheit seiner Formulierungen. Diese vage Sprache, der sich Sohn-Rethel bedient scheint auf eine gewisse theoretische Unsicherheit noch hinzudeuten (spätere Aufsätze sind in dieser Hinsicht viel präziser), ebenso die Allgemeinheit seiner Formulierungen, ob wohl man Sohn-Rethel dabei zugute halten muss, dass es ihm ja nicht um den Menschen in bestimmten Perioden geht, sondern um etwas allgemeineres: um den Menschen unter der Bedingung der Ausbeutung und des Warentauschs, damit aber auch um den Menschen in fast allen Phasen seiner bisherigen geschichtlichen Entwicklung. Hierin deutet sich ein regressives Moment jeder noch nicht genug entwickelten Theorie an. Ein adäquates Verständnis der Kapitalismus und allgemeiner, der warenproduzierenden Gesellschaft, müsste ihre allgemeinen Momente, also diejenigen, die über einen aktuellen Zeitpunkt hinausreichen, ebenso erklären, wie ihre konkreten Momente. Das heißt, sie müsste die Abweichungen im einzelnen erklären, die es trotz aller gleichbleibenden Gesetzmäßigkeiten gibt. Sohn-Rethels Ansatz, der von der Ausbeutung und der Warenproduktion ausgeht, neigt – gerade weil er noch nicht ganz durchgeführt und so noch im Programmatischen verbleibt – dazu, zu einer Theorie des menschlichen und gesellschaftlichen ›An sich‹, also des Abstrakten und idealistischen zu werden. Andere Ansätze, die allzu sehr die Charakteristika der bestehenden aktuellen Welt nachvollziehen, Ansätze also, wie sie von Horkheimer hier gefordert werden und wie sie, zwar nicht von Adorno und Horkheimer selbst, wohl aber im Gefolge der Kritischen Theorie, verfasst wurden, neigen dazu allzu sehr im Bestehenden, das heißt, im Kapitalismus selbst zu verbleiben. Sie neigen dazu, die Konkrete Form für den Inhalt zu halten und hypostasieren Verlaufsformen und Wesensmerkmalen.
Sohn-Rethels Theorie geht, wie er selber sagt, von zwei Einsichten aus. Die eine Einsicht ist die, dass das was man reine Erkenntnis nenne, das was man unter der Theorie verstehe, die sich scheinbar von der menschlichen Praxis verselbständigt habe, aufgrund eines Bruchs in der Praxis selbst entstanden sei. Dieser Bruch in der Praxis sei die Ausbeutung.
Ernster zu nehmen ist der Horkheimersche Vorwurf, dass Sohn-Rethel immer nur behaupte, alle Kategorien seien identisch und würden auseinander hervorgehen, könne aber nie den Beweis führen und mache auch keine Anstalten, seine Behauptungen einzulösen. Diesen Vorwurf hat Horkheimer noch einmal bekräftigt, in einem Brief an Adorno vom 24.5.1937, in dem er schreibt, »dass Sohn-Rethel stets seine Thesen als Problemstellungen für künftige Untersuchungen vorträgt und dadurch den Anschein erweckt, als würde alles, was er sagt einmal echt wissenschaftlich gestützt«. Das scheint mir auf ein grundlegendes Problem, zumindest in Sohn-Rethels frühen Arbeiten hinzudeuten, auch wenn diese vielleicht nicht, wie Horkheimer schreibt »aus einer tiefen inneren Unklarheit stammen«, sondern eher aus einem methodologischen Problem Sohn-Rethels. Dieses Problem entstammt dem Umstand, dass er nicht den Idealismus – wie das Adorno versucht hat – auf eine immanente Weise widerlegen und aufheben will, sondern auf der Basis der Analyse der Warenproduktion. Wie aber soll auf dieser Basis er von Sohn-Rethel gewünschte Nachweis geführt werden? Sohn-Rethel müsste entweder den detaillierten geschichtlichen Beweis liefern, dass die Abstraktionen, von denen er spricht geistesgeschichtlich zum gleichen Zeitpunkt und im gleichen Ausmaß aufgetreten sind, wie die ökonomischen Kategorien in der Wirklichkeit sich durchgesetzt haben. Etwas derartiges ist Sohn-Rethel nicht einmal ansatzweise geglückt und es ist auch sehr die Frage, ob so etwas glücken kann. Zum einen sind die geistesgeschichtlichen und theoretischen Dokumente, gerade aus der Zeit in der sich die Warenproduktion und damit die Wertabstraktion durchgesetzt hat, äußerst dürftig. Zum anderen ist es sehr fraglich, was mit einem solchen geschichtlichen Zusammenklang beweisen wäre. Schließlich ist die konkrete Durchsetzung der Warenproduktion und die konkrete theoretische Äußerung der Kategorien, auch wenn sie aus der Warenproduktion stammten, noch um einiges vermittelter als ihr theoretischer Zusammenhang um dessen Nachweis es Sohn-Rethel ging. Die andere Möglichkeit des Nachweises – und inwiefern sich Sohn-Rethel ihr genähert hat, wäre nachzuforschen – bestünde darin, die Kategorien des Denkens aus der Warenform insofern abzuleiten, als nachgewiesen würde, dass diese Denkkategorien vollständig in den ökonomischen Kategorien enthalten sind, dass sie sich zweitens real geltend machen und drittens – und dieser Nachweis dürfte am schwersten fallen – dass die Kategorien, die aus den ökonomischen ins Denken einfließen und aus dem Denken erklärt werden sollen, nicht ihrerseits über Denkabstraktionen in die ökonomischen Kategorien eingeflossen sind.
Ernst zu nehmen ist auch Horkheimers Vorwurf, dass Sohn-Rethel mit der Marxschen Warenanalyse selbst auf Kriegsfuß stehe, sie nicht recht verstanden haben und insbesondere die kritische Funktion der Marschen Kategorien nicht begriffen habe. Dem muss anhand der Sohn-Rethelschen Texten nachgegangen werden, insbesondere in Zusammenhang mit dem weiteren Vorwurf von Horkheimer, dass dies, was Sohn-Rethel da in idealistischer Verbrämung vorbringe, alles längst bekannte Erkenntnisse seien. Auch dem wäre unbedingt nachzugehen, die damalige Marxistische Diskussion unter die Lupe zu nehmen, auch wenn sie nach Bekunden vieler, von außerordentlich niedrigem Niveau gewesen sei. Lukacs dürfte da eine Rolle spielen, ebenso wie Karl Korsch. Vielleicht gibt es aber auch noch andere Hinweise? Horkheimer verfügte wohl über bessere Erkenntnisse der Marxschen Theorie als Adorno. Die relative Schwierigkeit der Wertformanalyse und der daraus abzuleitenden Ideologiekritik könnte dafür eine Rolle spielen, dass manche Erkenntnisse als neu erschienen, die Sohn-Rethel aber nur in gewagter idealistischer Formulierung vorbrachte. (Sie waren so, selbst in ihrem wahren Kern, verständlicher als die Marxschen Andeutungen. Gibt es einen notwendigen Idealismus der Intellektuellen? Oder war es ein zeitlicher Zufall? Neukantianismus?) Erkenntnisse, die einem gelernten Philosophen vielleicht verständlicher erschienen als das, was bei Marx zu lesen war. Interessant wäre, ob es irgendwelche Arbeiten über Ideologiekritik gab, die die Marxsche Wertformanalyse bereits aufhellten. Horkheimer Verweist auf Lukacs' Geschichte und Klassenbewusstsein. »Wahrscheinlich enthält der Satz eine unverdaute Erinnerung an das Phänomen der Verdinglichung, die Sohn-Rethel aus der Lektüre von Lukacs geblieben ist«. Lukacs selbst bringt in seinem Aufsatz, außer von Marx und Plechanow keine weiteren einschlägigen Literaturhinweise. Überhaupt ist es interessant, dieser ersten Generation des kritischen Marxismus nachzuforschen und bezüglich der Marxistischen Schrifttümer der sechziger und siebziger Jahre sowie der moderne Vorsicht walten zu lassen. Denn oft genug sind sie selbstbezüglich, diskutieren untereinander und in dem entstehenden Klima ist es ein leichtes, andauernd ›Zurück zu Marx!‹ zu rufen und allerhand ›überraschende‹ Entdeckung in den Originaltexten zu machen. Die Grundbedingung ohne die jedes Studium der einschlägigen Schriften aber seinen Sinn verliert, wäre ein exaktes Verständnis der Marxschen Theorie; und erst darauf aufbauend und parallel dazu die Lektüre von Sekundärliteratur, die jene Theorie ergänzen könnte. Die marxologische Schriftstellerei hätte dann einen ideologischen Effekt, nicht nur weil sie für die Akademisierung der ehemals gesellschaftskritischen Intellektuellen sorgte, sondern weil sie fortdauern das Niveau senkte, indem diese Intellektuellen Schriften produzieren, die anstelle des Originals gelesen werden zu können behaupteten. Die einzigen Weiterführungen der Marxschen Theorie, von denen es lohnt zu sprechen, stammen nicht aus einer ewig perpetuierten Beschäftigung mit der Marxschen Theorie, sondern von Leuten, die theoretisch schon beschlagen waren, als sie Marx zu Hand nahmen, namentlich in der Philosophie, und die daher seine Kritik verstehen und auf andre Bereiche ausdehnen konnten – gerade in dem Maße, in dem sie Marx' eigene theoretischen Grundlagen, also vor allem seines Verständnisses der Philosophie und der Nationalökonomie teilten. Wenn sich Hinweise auf eine richtige Auflösung der Ideologie schon im frühen Marxismus fänden, dann würde das eventuell darauf hindeuten – und das mangelhafte Verständnis Sohn-Rethels von den Marxschen Kategorien des Warentauschs würde ebenfalls darauf hindeuten – dass Sohn-Rethel ohne diese Theorien zur Kenntnis zu nehmen und ohne sie in den Marxschen Formulierungen verstanden zu haben, an einem Problem sich abgearbeitet hat, wie die Kategorien des reinen Geistes als gesellschaftliche Theorien zu verstehen und herzuleiten wären. Seine Intention wäre also gewesen, die Steckenpferde des Idealismus materialistisch zu erklären. Großartig ist an dieser Intention zum einen, dass dieser Anspruch sehr weit geht und sehr radikal ist: es sollen tatsächlich die Denkkategorien aus der Warenproduktion abgeleitet werden; und andrerseits sehr allgemein: so dass, in der Folge, die geistige Verfasstheit des Proletariats unter diese logische Verquerung fällt. Die Durchführung könnte aber bei Sohn-Rethel tatsächlich in einem methodologischen Wirrwahr und einer tiefen Unklarheit stecken geblieben sein. Andrerseits sollte man aber auch nicht blind Horkheimer vertrauen, wegen seiner Intention aber Sohn-Rethel seine Durchführung nicht unbesehen abnehmen. Dass die Kategorien des Denkens identisch sind mit Kategorien der Warenproduktion (und nicht nur deren Ausdruck) ist einerseits für den materialistisch-ökonomisch vorgebildeten intuitiv beinahe einleuchtend; andererseits wäre es für die Kraft der Ideologiekritik, wie Benjamin es formulierte, »großartig, wenn es so wäre«: Doch hat Sohn-Rethel den Nachweis für das erbracht, was er behauptet hat? Das ist viel fragwürdiger.
Adorno an Horkheimer am 23.März 1937. Er spricht in Bezug auf Sohn-Rethels neues Exposé als »großartigen Versuch, den Primat des transzendentalen Idealismus zugleich zu begründen und aufzuhaben«.
Sohn-Rethels an Adorno vom 29.April 1937. Sohn-Rethel führt an, dass Adorno vorgeschlagen habe, »den Systemzwang des Idealismus als Ausdruck des Schuldzusammenhangs der Ausbeutung zu bezeichnen«. Was kann damit gemeint sein?
Im Brief Adorno vom 29.April 1937 stellt Sohn-Rethel seine Beziehung zur Kantischen Philosophie dar. Kant habe schon Recht gehabt, so Sohn Rethel, die Kategorien des reinen Denkens und auch die mathematischen Urteile könne man aus der Natur nicht ablesen, sie sind dort nicht zu finden. Das liege daran, so Sohn-Rethel, dass diese Denknotwendigkeiten nicht der Beziehung des Menschen zur Natur entstammten, sondern aus der Beziehung der Menschen untereinander. Die Richtigkeit der Kantischen Theorie beruhe darauf, dass eben diese mathematischen Urteile nicht aus der Natur abgelesen werden können, also nicht in eine empirische Philosophie einzugliedern sind. Der Schein der Unabhängigkeit von der Empirie, an der sich Kant abgearbeitet hat, habe durchaus seine Richtigkeit. Falsch liege Kant nur darin, dass er diesen Schein zum A priori erklärt habe, bzw. dass er sich um die Herkunft dieser Denknotwendigkeiten, nachdem er sie in der Natur nicht gefunden habe, nicht mehr weiter gekümmert habe. (Hier könnte man auf die Feuerbachthesen von Marx verweisen und auf den Umstand, dass wohl auf Grund eines wie auch immer gearteten Fetischcharakters die Bedingtheit von Kategorien durch die gesellschaftliche Praxis, auf die Marx als ersten und fast als einziger hingewiesen hat, überhaupt nie wissenschaftlich begründend erscheint. Diese fundamentale Erkenntnis von Marx, dass die menschliche Praxis, also das was die Menschen tun und was sie tun müssen tatsächlich die Begründung für die Verhältnisse in denen sie leben und für die Gedanken, die sie über diese Verhältnisse haben, darstellen müsste hat auch nach Marx selbst viele, die sich auf ihn berufen haben und Marxisten genannt haben, kaum einer geteilt. Vielmehr hat man Versatzstücke aus der Ideologienlehre und insbesondere die letzte der Feuerbachthesen als Prinzipien vorgetragen, ohne sich ihren kritischen Gehalt anzueignen.)
Im Gegensatz zu Kants Vorstellung stammten die mathematischen Begriffe laut Sohn-Rethel freilich nicht aus dem A priori, sondern ergeben sich aus der Ausbeutung. In der Ausbeutung sei zwar, dass sei nicht zu leugnen, eine Beziehung zur Natur noch vorhanden. Die Menschen sind nicht, wie Kant es in seinem A priori meinte, von der Natur völlig unabhängig. Aber diese Beziehung zur Natur sei gebrochen durch die funktionale Vergesellschaftung und diese Brechung habe folge. Die Ausarbeitung dieses Bruchs macht mehr oder weniger die ganze Sohn-Rethelsche Theorie aus, denn durch diesen Bruch entstehe einerseits die dingliche Identität der Arbeitsprodukte, und zum anderen die Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen und damit auch die Denkformen um die es Sohn-Rethel zu tun war. Die Ausbeutung habe zu einer Brechung des materiellen Lebens und der Beziehung mit der Natur geführt und dadurch gleichzeitig zu dem Schein für die Menschen, in ihrem Wesen etwas anderes als Natur zu sein, sich also der Natur als etwas anderes gegenüberzustellen. Das könnte man mit den Ausführungen in der Dialektik der Aufklärung vergleichen.)
Vierter Brief. Adorno an Sohn-Rethel, 17.11.1936. Adorno äußert sich in höchstem Maße enthusiastisch über Sohn-Rethels Brief und ist vor allem begeistert über die Übereinstimmung mit Sohn-Rethels im Versuch der »kritisch-immanenten Überführung des Idealismus in dialektischen Materialismus« (S.32). Den Idealismus gelte es »konkret« zu sprengen, dazu hätten sie nun gute Aussichten und zwar nicht durch die »abstrakte Antithese zur Praxis (wie noch Marx), sondern aus der eigenen Antinomik des Idealismus« (S.32).
Die zweite Einsicht ist die der funktionalen Vergesellschaftung. In der Ausbeutungsgesellschaft lebten die Menschen nicht mehr in einem Naturzusammenhang; die Gesellschaft erhalte ihren Zusammenhang nicht mehr durch die Naturaneignung und den Stoffwechsel mit der Natur, sondern durch die Ausbeutung. Aus der funktionalen Vergesellschaftung und damit aus dem Ausbeutungsverhältnis erklärt Sohn-Rethel nun einerseits die geschichtliche Entwicklung der warenproduzierenden Gesellschafen, die nach Sohn-Rethel eine Selbstreflexion der funktionalen Vergesellschaftung sei. Andrerseits erklärt er aus der funktionalen Vergesellschaftung die Denkformen, die daraus entstanden seien, dass das bürgerliche Subjekt, also ursprünglich die Klasse der Ausbeuter sich nicht mehr in einer unmittelbaren Identität mit dem Gegenstand ihrer Arbeit befunden hätten, sondern zu einer eigenen Subjektivität kamen, und ihnen die Welt als Welt der Objekte gegenübertrat. Dass für Sohn-Rethel die Ausbeutung den entscheidenden Bruch in der menschlichen Praxis darstellt, ergibt sich daraus, dass dieser Bruch sehr eigene Qualitäten aufweise. Er ist ein Bruch in der Praxis, aber zugleich ist die Ausbeutung selbst eine Praxis. Die Ausbeutung, so hebt Sohn-Rethel hervor, sei »selbst eine Praxis«, aber eine, die »die Praxis des materiellen Lebens der Menschen im Stoffwechselprozess mit der Natur negiert«. Er nennt das dann auch noch eine »praktische Negation der Praxis«. Das klingt zunächst ganz vielversprechend. Ist damit aber mehr gesagt, als dass die Praxis der Ausbeutung, also die neue Praxis, die durch die despotische Gewalt sich durchsetzte, sich eben von der alten Praxis unterscheidet? Das materielle Leben der Menschen im Stoffwechsel mit der Natur hat die bisherige Praxis, die Praxis der unmittelbaren Naturaneignung ohne Herrschaft und Ausbeutung bestimmt. Die neue Praxis, die Praxis der Ausbeutung, stellt selbstverständlich deren Negation dar. Entscheidend ist dieser Bruch wohl alleine deswegen, weil die Praxis, die damit negiert wird, nicht irgendeine Praxis ist, sondern die Praxis, so Sohn-Rethels Behauptung, die der menschlichen Gesellschaft, dem menschlichen Leben immer zugrunde liegen müsse. Sohn-Rethel beruft sich hier auf die Marxsche Anthropologie, »wonach der Mensch diejenige Tiergattung ist, die sich selbst ihre Lebensmittel produziert«. Dem wäre nun im Einzelnen nachzugehen, denn mir scheint es eher so zu ein, dass es gerade die Marxschen Sinne vorgeschichtliche Phase der Menschheit ausgemacht hat, dass sie nichts anderes gewesen war, als ihre naturnotwendige Praxis der Stoffwechsels mit der Natur, während der Kapitalismus eine Gesellschaft möglich gemacht hat und der Kommunismus eine Gesellschaft wirklich machen würde, in der diese Naturaneignung auf ein immer kleineres und immer unwesentlicheres Reich der Notwendigkeit zurückgedrängt wird. Insbesondere Sohn-Rethels These, dass das »Leben der Menschen in keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte etwas anderes als ihr Leben im praktisch-materiellen Stoffwechsel mit der Natur« (S.17) gewesen sei, ist zumindest übertrieben und lässt sich so sicherlich nicht halten. Entscheidend ist für Sohn-Rethel, dass das Leben der ausbeutenden Klasse nicht mehr selbst auf einem Verhältnis zur Natur gründet, sondern ihnen die Lebensmittel überlassen werden, ohne dass sie dafür arbeiten, also in eine Verhältnis zur Natur treten mussten. Das hat zur Folge, dass sie, wie Sohn-Rethel das nennt, den »Identitätsmodus der Dinge« schaffen. Damit meint er, dass die Dinge, die den Ausbeutenden nicht mehr die Früchte ihrer eigenen Arbeit sind, ihnen verdinglicht als erkenntnistheoretisches Objekt gegenübertreten. In der Beziehung des Ausbeuters, der sich diese Dinge angeeignet hat zum Produkt kommt die Produktion selbst und damit die Natur selbst nicht mehr vor; der Zusammenhang des Produzenten mit dem Produkt und damit die Subjekt-Objekt-Einheit existieren nicht mehr. Erst in der Stellung des Ausbeuters zu den Produkten entstehen die Produkte als vom Subjekt unabhängige Objekte überhaupt erst.
Der zweite Grundgedanke Sohn-Rethels ist eine Weiterführung. Die funktionale Vergesellschaftung beruht, wie gesagt »auf gar keinem Naturverhältnis der Menschen«. Die Ausbeutergesellschaft ist daher eine notwendigerweise verdinglichte Gesellschaft, also eine Gesellschaft in der es (ausschließlich?) um Dinge gehe.
Horkheimer wirft Sohn-Rethel außerdem vor, die Ausbeutung ganz ihres aggressiven Charakters entkleidet zu haben. Dieser Vorwurf trifft in gewisser Weise zu, weil es Sohn-Rethel in seinen theoretischen Bemühungen und die Ausbeutung selbst und deren Überwindung gar nicht geht. Sein Thema ist vielmehr die Verfasstheit des Menschen und des menschlichen Denkens im Kapitalismus. Darin liegt aber auch die Stärke seines Ansatzes und das Element von Sohn-Rethel, das es auch in eine kritische und aggressive Interpretation des Marxismus aufzunehmen gälte. Sohn-Rethels theoretische Mission ist nicht die Befreiung der Arbeiterklasse (praktisch war er Mitglied der Kommunistischen Partei Englands). Seine theoretische Position erinnert zunächst fatal an Theorien, über den Menschen an und für sich, in denen es keine Klassenunterschiede mehr gibt, sondern nur mehr allgemein über die Entfremdung lamentiert wird, der sowohl Arbeiter als auch Kapitalisten unterworfen seien. Und tatsächlich sind die Denkformen, um die es Sohn-Rethel in seiner Theorie zu tun ist, bei Kapitalisten ebenso anzutreffen, wie bei Arbeitern. Ihre Mächtigkeit erhält Sohn-Rethels Theorie aber erst, wenn man die Denkform über die Begriffe und Kategorien des reinen Denkens von denen Sohn-Rethel in seinen Aufsätzen immer wieder sprach, also von jenen der Mathematik, der Logik und der Philosophie, auf andere Denkformen, nämlich auf die Formen, in denen der Mensch über sein gesellschaftliches Sein reflektiert, ausdehnt. Ein Anknüpfungspunkt bieten dazu bereits die Kategorien der Philosophie und der Ethik. Dann erhält man nämlich das Ergebnis, dass die ausgebeutete Klasse, also das Proletariat nicht eine unbedarft und liebenswerte Klasse ist, sondern dass sie um ebenso fetischisierte und verzerrte Denkformen verfügt, dass es sich als bei ihr nicht um eine manipulierte, sondern um eine notwendig ideologische und ideologisch mit der Ausbeutung verwobenen Klasse handelt. Sohn-Rethel hätte damit eine Erkenntnis vorweg genommen, zu der Horkheimer erst später und auf ganz andere Weise kam: dass das Bild einer Armen und unterdrückten Klasse, die befreit werden muss, ein falsches ist.
Sohn-Rethels Versuch, die Verdinglichung mit der Kategorie der Ausbeutung zusammenzubinden , ist nicht unproblematisch. Bei Marx ist mit Ausbeutung ja nicht nur eine Methode der Verteilung gemeint, sondern auch und vor allem eine der Produktion; die Ausbeutung lässt sich in der Marxschen Theorie von der Produktion gar nicht trennen. Sohn-Rethel spricht selbst, das sei ihm zugegeben, wenn er die Geschichte der warenproduzierenden Gesellschaften durchnimmt, davon, dass diese unmittelbare Herrschaft übergegangen sei in eine vermittelte, in zwei Phasen. Zunächst in der Antike in der Sphäre des Austauschs und zweitens in der Neuzeit, in der dann auch die Produktion ihren Charakter geändert habe. Aber das wäre alles noch zu präzisieren mit einem genaueren Begriff von Ausbeutung und dann könnte man auch herausarbeiten, ob die Theorie Sohn-Rethels Hand und Fuß hat.
Sohn-Rethel versucht dann einen Abriss der Weltgeschichte zu geben. Dabei handelt es sich bei ihm um die »Entwicklungsgeschichte des Ausbeutungsverhältnisses« und die »dialektische Reflexion der funktionalen Vergesellschaftung«. Diese Entwicklung stellt sich bei ihm in drei Phasen dar. Die erste ist die ägyptische Form, in der der Staat die Herrschaft organisiert und der neuen Klasse der Ausbeuter die Güter verschafft, die andere produzieren. Der erste Reflexionsprozess findet in der Antike statt, in der die Ausbeutung nicht mehr auf den Staat konzentriert ist, sondern zu einer Privatsache wird und der Reichtum damit zum ersten Mal ein gesellschaftlicher. Die Verwertung des Reichtums wird funktionalisiert. Mit seiner Theorie der funktionalen Vergesellschaftung, meint Sohn, Rethel, gelänge es ihm auch, das Grundproblem der Erkenntnistheorie zu lösen, insofern die Form der Erkenntnis durch die Form des Objekts bestimmt sei, diese Form des Objekts aber, wie Sohn-Rethel bei der Ausbeutung erklärt hatte, durch die funktionale Vergesellschaftung bestimmt sei. Sohn-Rethel will darum an dem Versuch, wie der Idealismus dieses Problem gelöst hat, festhalten, weil darin schon die Erklärung des wahren Sachverhalts stecke, wenn es nur gelänge, zu erklären, wie diese idealistische Theorie in die Welt gekommen sei. Das heißt, Sohn-Rethel versucht gar nicht zu widerlegen oder auch nur zu diskutieren, das was der Idealismus im Reich der reinen Gedanken zu entwickeln versucht hat, sondern er versucht nur, dessen Genese nachzuzeichnen. Damit sind die reinen Denkbestimmungen, die der Idealismus im Reich der reinen Gedanken erklären wollte, zurückgeführt auf die materielle Praxis des Menschen. Und somit sind die Kategorien des reinen Denkens materialistisch erklärt und zwar gerade dadurch, dass man den Gedankengang des Idealismus und der idealistischen Erkenntnistheorie beibehalten hat.
In der Tat vollzieht sich genau im gesellschaftlichen Sein die Synthesis, die der Idealismus in der Subjektivität gesucht hat. Erst mit dieser Verifizierung des Problems der Synthesis ist auch die legitime Gewinnung der Dialektik verbunden, nämlich die Verifizierung der logischen Probleme als Seinsprobleme, womit sich zugleich das ganze Verhältnis von Denken und Sein umkehrt. Also: Um der Lösung der von ihm selbst gestellten Probleme willen verwandelt der Idealismus sich in den dialektischen Materialismus!« (S.24)
Theodor W. Adorno und Alfred Sohn-Rethel, Briefwechsel 1936 – 1969
Florian Beck, 29. März 2005