Studium und funktionale Erwägungen

Mit der Einleitung in die Soziologie ist die letzte Vorlesung erschienen, die Adorno in Frankfurt gehalten hat. Die politische Situation – die Notstandsgesetze wurden während dieses Semester verabschiedet, Benno Ohnesorge erschossen, der Springer-Verlag blockiert – überschattete die Vorlesung ein wenig. In mehr als ein paar Andeutungen hat sich dieser Schatten nicht niedergeschlagen. Das schockierenste Geschehnis fand am letzten Vorlesungstag statt, als Adorno von seinen Studenten ausgezischt wurde – eine damals offenbar gängige Form der Missfallenskundgebung. Er hatte dagegen protestiert, dass einer seiner Kollegen daran gehindert worden war, seine Vorlesung abzuhalten, niedergebrüllt wurde. Aufschlussreich ist, dass Adorno in diesen Protest einen heideggerianischen Literaturwissenschaftler einschloss, mit dem er keine Basis zur gemeinsamen Diskussion habe. Den Studenten ging es wohl ähnlich, weswegen sie zu ihrem Mittel des Protests gegriffen hatten. Für Adorno war dies nicht akzeptabel. Das mag zum einen an seiner Einschätzung des studentischen Protests als Scheinpraxis gelegen haben: dem Auszischen des Dozenten hätte dann kein sachlicher, sondern nur ein taktischer zugrunde gelegen. Es mag aber auch an Adornos Verständnis von wissenschaftlicher Kritik gelegen haben. Nur in Andeutungen lässt sich dieses der Einführungsvorlesung entnehmen.

Die Vorlesung hat einen außerordentlich überraschenden defensiven Charakter. Fortwährend verteidigt Adorno das, ›was wir hier in Frankfurt machen‹, ›was wir hier versuchen‹ gegen die andernorts übliche Soziologie, insbesondere in deren positivistischer Ausprägung. Diese Abwehr prägt die Vorlesung am entschiedensten; fast ebensosehr ist sie vom Bemühen geprägt, den Studenten die Soziologie der Frankfurter Schule ›nahezubringen‹, ihre Erwartungen nach Methode, Definitionen und intellektueller Beschaulichkeit zu enttäuschen. Mit dem Vorwurf konfrontiert, die Studenten nicht ausreichend über die (sich verschlechtenderen) Zukunftsaussichten informiert zu haben, weist Adorno auf den Doppelcharakter des Soziologiestudiums hin, sowohl funktional für die Anforderungen der Gesellschaft auszubilden, als auch Erkenntnisse über die Gesellschaft zu vermitteln. Bildung orientiert sich zum einen an einem überkommenen Ideal, ist zum andren eine gesellschaftliche und ökonomische Funktion. Bildung ist aber vor allem gesellschaftlich institutionalisiert. Als Institution geraten die Momente der Bildung miteinander in Widerstreit. Zum einen dient Bildung dazu, sich über die Gesellschaft, in der man lebt zu orientieren. Dieses Bedürfnis nach Orientierung durch Bildung wird um so stärker, je weniger sich die Gesellschaft an den Bedürfnissen der Einzelnen orientiert. Je stärker die als fremdartig, irrational, unverständlich erscheint, desto größer der Wunsch durch Bildung an Erkenntnisse und damit auch an Orientierung über diese Gesellschaft zu gelangen. Zugleich ist Bildung ein Instrument um die Kenntnisse bereitzustellen, der die Gesellschaft zum Funktionieren bedarf und die Menschen für die gesellschaftliche Reproduktion auszubilden. Auch dieses Bedürfnis nimmt mit der Entwicklung der Gesellschaft zu größerer Entfremdung und Irrationalität zu. Es ist »nämlich auf der einen Seite das zu leisten, was bei Marx in einem höchst ironischen Sinn gesellschaftlich nützliche Arbeit heißt, und auf der anderen Seite eben jenes geistige Sichzurechtfinden. Diese beiden Dinge sind wohl überhaupt kaum mehr auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Früher haben […] gerade die ernstesten und wachsten Studenten darunter besonders gelitten.« (Adorno, Einleitung in die Soziologie, Suhrkamp: 2003, S.12.) Der Begriff der Bildung und die moderne Bildungsdiskussion können nur verstanden werden, wenn man sich über diese beiden Momente und ihr Wechselspiel im Klaren ist. Bemerkenswert ist, dass in dem Maße, in dem das bürgerliche Individuum seinen Charakter als Subjekt verliert, das Bewusstsein über den Widerspruch, der sich in der Bildung heute tatsächlich zuspitzt, verloren geht. Die Wahrheit, die noch im gescheiterten Leben steckt und selbst noch im ›Verrat‹ der einstigen Bildungsideale an die Notwendigkeiten des Broterwerbs, wird ersetzt durch einen entsubjektivierten Charakter der Individuen, der ganz in seiner gesellschaftlichen Funktion aufgeht, andres allenfalls noch als Utopie zu denken vermag.

Diese Einschätzung der Bildung ist verbunden mit Adornos Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft, die dem Menschen einerseits als unverständlich, real verdinglicht gegenübertrete, nichts desto trotz aber etwas von Menschen gemachtes sei: »Nämlich die Aufgabe einer dialektischen Theorie wäre es, eben diese beiden, doch offensichtlich einander widerstreitenden Momente im Charakter der Gesellschaft, ihre Unverständlichkeit, ihre Opakheit auf der einen Seite also und auf der anderen Seite ihren schließlich doch auf Menschliches reduziblen und insofern verständichen Charakter, zusammenzubringen, indem beide Momenteaus einem Gemeinsamen abgeleitet werden, nämlich aus dem Lebensprozess der Gesellschaft, der auf seinen frühen Stufen ebenso Verselbständigung, Verhärtung, sogar Herrschaft – jedenfalls war das die Ansicht der großen sozialistischen Theoretiker – gefordert hat, wie er gleichwohl entspringt in der gesellschaftlichen Arbeit der Gesamtgesellschaft, undinsofern also wieder verstehbar, also das Gegenteil einer solchen Institutionalisierung ist.« (S.142) Diese Position dürfte auch verdeutlichen, wie Adorno zu seiner, scheinbar all zu liberalen Position gegenüber jenen kam, mit denen es keine Basis zur gemeinsamen Diskussion gab. Dass dem Individuum gegenübertretende schlechte Ganze ist – allerdings wahrer – Schein. Sein handeln ganz auf diese verdinglichten Verhältnisse einzurichten, hieße nicht nur, sich mit diesen zu identifizieren, sondern auch sich aller Mittel zu begeben, die über jenen Zustand hinusführten. Instrumentelles Verhalten kann wohl den Sieg über den Gegner davon tragen, doch nie die totale Vergesellschaftung überwinden.

Daher auch Adornos Hinweise, das Studium nicht nur nach funktionalen Erwägungen einzuichten. Die Studenten sollten sich nicht auf ein enges technisches Fachgebiet – von Adnorno Bindestrichsoziologie genannt – beschränken, sondern um einen kiritisches Verhältnis zu Gesellschaft und Wissenschaft bemühen. Wobei ›Kritik‹ nicht als leere Phrase dient, sondern

Theodor W. Adorno, Einleitung in die Soziologie (1968), Suhrkamp: 2003.

Florian Beck, 29. März 2005


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