I
»Die sieggewohnten Marienthaler Ringer konnten bei einer Ringmeisterschaft im Nachbarort nicht mehr antreten, weil dem Partner kein ebenbürtiger Schwergewichtler mehr gestellt werden konnte und auch die mittleren Klassen bei gleichem Gewicht einen viel schlechteren Allgemeinkörperzustand aufwiesen.« (S.53)
In dieser Anekdote offenbart sich das Schicksal Marienthals. Die von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel 1933 beobachtete österreichische Gemeinde bestand überwiegend aus Arbeitslosen, seitdem – drei Jahre zuvor – die am Ort ansässigen Betriebe geschlossen worden waren. Es sind aber nicht nur die Folgen der Armut auf den Allgemeinkörperzustand, der sich in Marienthal beobachten lässt, sondern auch deren geistigen Folgen. Das macht die Lektüre auch heute noch lohnend. Der auf der Hand liegenden Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen eine soziale Verfasstheit zeitigen, in der die Menschen in dieser Weise auf Arbeitslosigkeit reagieren, gehen die Autoren allerdings aus dem Weg. Das freilich ist beabsichtigt, fürchtete man doch durch theoretische Reflexionen »den Kontakt mit der Wirklichkeit zu verlieren« (S.13). Doch die Fakten sprechen nicht für sich. Sie müssen gedeutet werden und wo versucht wird, das zu vermeiden, verschwindet nichts als die Reflexion auf diese Deutung. Der ökonomische gehe mit dem körperlichen und dem moralischen Zusammenbruch Hand in Hand. Doch weil die Mechanismen nicht aufgedeckt werden, die zu diesem Zusammenbruch führen, bleibt das als Faktum Vorgebrachte ein Postulat, eine Deutung der Zustände als Abweichung von der gesunden Vollbeschäftigung. Ganz so gesund war sie nicht: neunzig Prozent der Marienthaler Arbeiter sei tuberkulosegefährdet gewesen, jetzt habe sich der Zustand gebessert – »nach seiner [des Arztes] Meinung« (S.53), wie die Autoren betonen. Doch das gelte »nur (!) für die Erwachsenen« (ebd.).
Die Verstümmelung der Bedürfnisse, die das individuelle wie das soziale Verhalten der Marienthaler bestimmt, reicht zurück in die Zeit vor der kollektiven Arbeitslosigkeit. Dass der im Vergleich zur Not des Arbeitslosendaseins bessere Zustand des Lohnarbeitenden von den Betroffenen als »herrlich« (S.55) verklärt wird, mag das einer verbreiteten Reaktion entsprechen; sie unreflektiert hinzunehmen steht aber einer wissenschaftlichen Bemühung schlecht zu Gesicht, auch wenn sie selbstbewusst verkündet: »die ganze Psychopathologie fällt aus« (S.25). Im individuellen Verhalten findet gesellschaftlicher Zwang Ausdruck; wer das unterdrückt beschränkt sich keineswegs auf Fakten, sondern präsupponiert eine fragwürdige Deutung des Vergesellschaftungszusammenhangs. Durch die Arbeitslosigkeit hat sich die Lage zweifellos zugespitzt — sie war zuvor schon kläglich. Schrebergärten und Kaninchenzucht sollten nun die materielle Not lindern, waren aber bereits ein Teil der proletarischen Kultur. »Wenn ich nur wieder in die Fabrik zurückkönnte, wäre das mein schönster Tag. Es ist nicht nur wegen dem Geld, aber hier in seinen vier Wänden, so allein, da lebt man ja gar nicht.« (S.91) An dieser subjektiven Auskunft braucht man nicht zu zweifeln. Die Sehnsucht nach der Fabrikarbeit offenbart nicht nur eine völlige Verkümmerung der Bedürfnisse; nicht nur unter den Bedingungen der Arbeitslosigkeit scheint jede Vorstellung von einem gesellschaftlichen Zustand der anders wäre verschwunden; schon das frühere, jetzt verherrlichte Dasein als Arbeiterin lies offenbar solche Vorstellungen nicht zu. Es ist bemerkenswert in welchem Maße Resignation auch die nach den Autoren ›ungebrochenen‹ Marienthaler bestimmt. (Es ist nicht auszuschließen, dass diejenigen Äußerungen zitiert wurden, die der unterschwelligen Deutung der Autoren entgegenkamen. Sie legen Wert auf ›Realisten‹ und äußern sich naserümpfend über die Phrasen von ›Sozialismus‹ und ›Weltrevolution‹, die ihnen anlässlich eines inszenierten Preisausschreibens »Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?« unterkamen.) Resignation als Sammlung von Fakten zu präsentieren ist Affirmation, allenfalls verschleiert als Zynismus. Wenn die Unabänderlichkeit der Verhältnisse dermaßen verinnerlicht ist, ist es unverzeihlich, auf theoretische Reflexion zu verzichten, will man nicht der Unabänderlich selbst sein placet geben.
II
Weil das Elend internalisiert wird, steckt in den Reaktionen auf die Arbeitslosigkeit weniger vom subjektiven Charakter als vom objektiven Schicksal. Erst in einem Zustand der Befreiung vom Elend und der entwickelten Bedürfnisse wäre Menschen nach charakterlichen Merkmalen zu beurteilen. Ahnen lässt sich vom Charakter allenfalls dort, wo es nicht gilt, mit irgend etwas ›fertig zu werden‹.
Nun behaupten die Autoren nicht, die Marienthaler wären an ihrem Schicksal selbst schuld. Gerade aber weil sie ganz vorurteilslos die Formen beschreiben, mit denen auf die Arbeitslosigkeit reagiert wird, verharmlosen sie deren Wirkung. Die Arbeitslosigkeit erscheint als eine Art von Naturkatastrophe, der einige standhalten, andere nicht. Gerade gegenüber dem naheliegenden Einwand, die Arbeitslosigkeit sei von Menschen gemacht, beruhe auf der Weise, in der die Gesellschaft eingerichtet sei, behauptet jener Schein seine Wahrheit: in den Händen der Marienthaler liegt die Entscheidung über die Einrichtung der Gesellschaft ebenso wenig wie die über die Entlassung der Belegschaften. Doch das Bild der hereinbrechenden Arbeitslosigkeit ist eines aus einer anderen Welt. In heroischen Zeitaltern galt es, Katastrophen oder das Schicksal zu meistern; im bürgerlichen hatte das Individuum entsprechend der von ihm mitgebrachten materiellen Mittel seinen Erfolg sicher zu stellen. Die proletarische Existenz kennt diese Entgegnsetzung nicht; sie erlaubt nicht zwischen sich selbst und seiner sozialen Situation zu unterscheiden. Zu groß sind die Härten, die dem Arbeiter von der kapitalistischen Reproduktion auferlegt werden, als dass sie Platz ließen für ein Reich der auch nur abstrakten Innerlichkeit. Fragwürdig ist daher, dass statt der ausgefallenen Psychopathologie, individualpsychologische Kategorien dominieren. Solche Kategorien aber gehen aus von einem Normalzustand und einem adäquaten Verhalten, das durch unvorhergesehene Ereignisse in Frage gestellt wird. Die Arbeiter in Marienthal waren aber nicht nur bereits vor Beginn ihrer Arbeitslosigkeit in Verhältnissen gefangen, die man traditionell als ›entfremdete‹ verharmlost; wie sie auch auf die Arbeitslosigkeit reagieren, sie verstricken sich nur immer weiter in das ideologische Netz. Dies sei erläutert an einem Beispiel. Den Einwohnern von Marienthal – zumindest denjenigen, die nicht resigniert hätten – rechnen es die Autoren hoch an, sich fürsorglich um ihre Kinder zu kümmern. Trotz des Elends werden die geringen materiellen Mittel, über die die Familien verfügen, für die Ernährung und Kleidung der Kinder verwendet; beides sei zwar kümmerlich, doch werde an den Kindern als letzten gespart. Der Legende von der Vernachlässigungen der Kinder wäre nun eigens nachzugehen; sie hält sich hartnäckig insbesondere gegenüber sogenannten sozialschwachen Familien. Dass damit das Elend der als ›unschuldig‹ eingeordneten Kinder auf den Charakter der Eltern zurückgeführt werden soll, liegt auf der Hand. Es darf nicht wahr sein, dass die Gesellschaft, die immerhin als sinnvoll imaginiert wird, unschuldige Opfer zeitigt. Unter der Hand bestimmt dieses ideologische Bild aber auch die Darstellung der Marienthal-Studie.
Parteilichkeit und Parteinahme sind seit jeher Gegensätze. Schon Tacitus, auf den der Spruch sine ira et studio zurückgeht, hat damit keineswegs sich Neutralität auf die Fahnen geschrieben. Die Parteinahme sollte vielmehr aus einer ›unbemühten‹, sachlichen Darstellung der Geschehnisse folgen. Die empiristisch bemühten Autoren der Marienthal-Studie haben sich prinzipiell einer solchen sachlichen Darstellung verschrieben, von der man gerne sagt, dass sie nur beobachten, nicht werten oder bloßstellen wolle. Doch die Parteinahme der Autoren ist offensichtlich und sie liegt nicht in der sachlichen Darstellung. Sie kann dort auch nicht liegen, weil sie nur zu entwickeln wäre, wenn man den beobachteten Gegenstand reflektierte, also Theorie triebe. Die Parteinahme der Autoren ist bloßes Mitleid, drückt sich in ihrem Bemühen aus, die positiven Seiten der Bevölkerung aufzudecken, ihr Verhalten zu entschuldigen. Die Parteinahme ist daher eine Parteilichkeit gegen die Menschen , die in Verhältnissen leben, die keinen positiven Ausdruck erlauben und deren Hoffnung allein darin läge, den unmenschlichen Zustand als solche zu zeigen und damit zu kritisieren.
Die Fürsorge, die ›ungebrochene‹ Eltern ihren Kindern angedeihen lassen führt notwendig zur Vernachlässigung der eignen Bedürfnisse. Man mag das als Selbstlosigkeit loben, wären Charakterfragen unter Bedingungen globalen Elends nicht gegenstandslos. Arbeitslosigkeit erscheint nur als allgemeine Härte der kapitalistischen Produktionsweise; die besondere Härte, nämlich die völlige, die Kinder einschließende Verelendung erscheint dagegen als Folge individuellen Handelns. Ohne individuelle Fürsorge, generell: ohne Selbstlosigkeit, kann der Kapitalismus nicht auskommen, soll nicht die gesellschaftliche Reproduktion, der er bedarf zum Erliegen kommen. Der totale Zugriff der kapitalistischen Produktion auf das Individuum und seine Lebensbedingungen wäre anhand der Marienthaler zu studieren gewesen. Es ist nicht geschehen. Nicht nur bedarf es schier übermenschlicher Anstrengungen um allein bloß ›anständig‹ zu bleiben; zugleich geraten die Einzelnen die die Schuld anderer. Sie müssen diese Schuld abtragen und werden so in die Totalität des Elens integriert. Verlangt wird Dankbarkeit für die Solidarität, die dem Einzelnen kümmerlichen Ausgleich schafft für das, was die Gesellschaft ihm vorenthält. Die Gesellschaft abstrahiert objektiv, insofern die Gesetze der kapitalistischen Produktion gelten, von seinen Bedürfnissen. Im Netz der Solidarität und der Dankbarkeit muss der Einzelne zudem subjektiv von jenen Bedürfnissen abstrahieren. Er darf nicht egoistisch sein, muss auf makabre Weise seine gesellschaftliche Rolle vorbildlich spielen.
Diese Regressionsphänomene in denen sich die ökonomische Entwicklung ausdrückt, finden zwar Erwähnung, werden aber explizit nicht erklärt (S.25). So hatten politische Vereine nach Beginn der Arbeitslosigkeit einen starken Mitgliederschwund zu verzeichnen, während solche wuchsen, die ihren Mitgliedern materielle Vorteile boten: der Bestattungsverein und der Verein für Kinderbetreuung.
Theoretischen Ausdruck findet die positivistische Verstümmelung der Reflexion in den Lazarsfeldschen ›Leitformeln‹. Sie gehen zwar über das empirische Material hinaus, aber gerade auf schlechte Weise: als bloße Postulate, die nicht reflektiert werden. Lazarsfeld bedient sich solcher Leitformeln wie der von der »Schrumpfung der psychologischen Umwelt«. Sie sind zu einiger Beliebtheit gekommen, wohl weil man mit ihrer Hilfe allerhand mitgebrachte Vorstellungen mit den Beobachtungen verbinden kann, ohne diese erklären zu müssen. Die Leitformeln werden weder psychologisch und soziologisch erklärt, sondern dienen alleine dazu, »paradoxe Resultate« (S.19) verständlich zu machen, was hier nichts andres bedeuten kann, als sie auf schon Vertrautes zu reduzieren. Die Lazarsfeldsche Methode bietet schon einen Vorgeschmack auf die Poppersche Metaphysik: Kategorien werden nicht reflektiert, sondern »bewähren« (S.19) sich am Material. So können sie wohl als unbrauchbare einmal aufgegeben werden, bleiben aber stets oberflächliche, und sind theoretischer Kritik nicht zugänglich; dadurch gewinnen nicht nur Ideologien, sondern eine irrationalistische Methode, Eingang in die Soziologie.
III
Treibendes Moment der Marienthal-Studie ist die Angst, den Kontakt mit der Wirklichkeit zu verlieren, weshalb Lazarsfeld von der Notwendigkeit der »Verbindung von theoretischen Überlegungen und systematischen Beobachtungen« (S.12) spricht. Eine solche Verbindung ist ohne Zweifel notwendiger Bestandteil soziologischer Theorien. Doch auszuführen wäre gerade die Verbindung ; die Bedeutung des Beobachteten liegt auf der Hand und die Illustration der Beobachtung mit Leitbegriffen verdunkelt mehr als sie erhellt, weil sie das Eigentümliche des Beobachteten in einem Meer des Vertrauten ertränkt.
Hinter der neuen empirischen Methode dürfte nicht zuletzt die Unzufriedenheit mit der traditionellen sozialdemokratischen ›marxistischen‹ Methode und die »Enttäuschung« sozialdemokratischer »Hoffnungen« (S.13) stehen. Vermutlich ist der Rekurs auf Allgemein-Menschliches und die Ontologisierung des Scheiterns als Reflex auf die sozialdemokratische Fortschrittsgläubigkeit zu verstehen. Vielleicht war es aber nicht die Weltfremdheit der Wissenschaftler gewesen, die sich als ungenügend erwies, sondern eher ihre mangelnde theoretische Reflexion. Die Entfremdung, die man in der wissenschaftlichen Literatur zu erkennen glaubte, wird überwunden durch Anpassung. Die Irrationalität des Bestehenden darf nicht erkannt werden. So verordnet der Soziologe sich selbst die Apologie. Das Ungenügen der traditionellen Methode wird nicht reflektiert, ein altes Patentrezept durch eine neues ersetzt.
Soziologie, die den Kontakt mit der Wirklichkeit nicht verlieren will, bemüht sich, praktisch zu wirken. Die soziologischen Kategorien spannen den Gestaltungsrahmen auf. Es liegt nahe, dass sich aus einem unerklärten Cluster von Eigenschaften wie »psychologische Restriktion«, »ökonomischer Benachteiligung«, »Unterwürfigkeit«, »grobe Informationslücken« allerlei Gestaltungsspielräume für Technokraten ergeben. Dieser Methode entspricht nicht die Praxis der Gesellschaftskritik, sondern die betreute Gesellschaft . Der Soziologe wird zum Sozialarbeiter. Die Methode ist sozialtechnisch: damit befasst, welche günstigen Einflüsse wirken müssten, um eine brauchbare Bevölkerung zu bekommen. Die Mitarbeiter der Studie mussten in die Marienthaler Gesellschaft integriert sein, eine authentische soziale Rolle spielen. Die fehlende Reflexion macht ein verzweifelt mimetisches Verhalten notwendig.
IV
Enttäuschung soll vermieden werden, indem man sich aufs Messbare beschränkt. Dass damit auch nur bestimmte Phänomene des gesellschaftlichen Lebens sichtbare werden, ist offensichtlich. Schwerer aber wiegt, dass der Maßstab, welcher der Messung zugrunde liegt, nicht selten den Erfolg oder Misserfolg im Bestehenden zur Grundlage macht. Die empiristische Messung wird dann zu einem Test , inwieweit der Einzelne in den existierenden Verhältnissen besteht. Die einzelnen Menschen werden darauf reduziert, wie sie in jenem Test abschneiden. Sie werden auf das Bestehende verpflichtet. »Die ungebrochenen und die gebrochenen Existenzen scheinen zurückzutreten gegenüber dem Eindruck einer als Ganzes resignierten Gemeinschaft, die zwar die Ordnung der Gegenwart ausrecht erhält, aber die Beziehung zur Zukunft verloren hat.« (S.75) Hier wirkt noch das alte sozialdemokratische Ideal nach, von dem man enttäuscht worden war.
Der Test ist die Methode mit deren Hilfe das Sozialverhalten praktisch wie theoretisch ontologisiert wird. Soziologie wird zur Theorie der social relations . Lazarsfeld verweist auf Charlotte Bühlers Soziologie und Sozialpsychologie des ersten Lebensjahres , als Vorbild für die kommende Soziologie. Nicht die Reduktion auf wenige Kategorien ist diesem Vorbild vorzuwerfen (dem wäre ja abzuhelfen), sondern die Ontologisierung des Sozialverhaltens, seine Erklärung aus anthropologischen »Kategorien der Zielsetzung wie Leistungswillen, Expansion, Selbsterfüllung« (S.14) Selbst der Einbau der Ökonomie – etwa in dem Sinne, dass ökonomische Umweltverhältnisse bestimmte Zielsetzungen förderten, andere abschwächten – ergäbe ein falsches Bild: diese Kategorien sind nichts andres als ideologische (aber subjektive!) Ausdrucksformen ökonomischer Verhältnisse.
V
»Der Staat ist schuld an dem Elend, der Staat soll ihn auch erhalten. Er macht gar keinen besonders unzufriedenen Eindruck. ›Man kann auch so leben.‹« (S.65) Er verweist dann darauf, dass er auswandern könnte, wäre er ledig, nun aber Familienpflichten hätte. Doch hier schimmert keine Selbstsucht durch, im Gegenteil: das bessere Leben erscheint als Pflicht, nicht als Bedürfnis. Nur aufgrund äußerer Umstände, so scheint es, muss er sich weiter bemühen ; wäre er ihrer ledig, könnte er endlich alle Anstrengungen aufgeben. Haben die Autoren also doch recht mit ihrem Urteil, viele Marienthaler hätten resigniert? »Sein Plan wäre, wieder nach Russland zu gehen. Aber er unternimmt nichts diesen Plan zu verwirklichen. ›Derweil geht’s noch‹, meinte er.« (S.66) Das Urteil, da habe einer resigniert, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten angesichts einer Situation, in der keine Anstrengung objektiv mehr einen Sinn hätte. (Der Befragte war bis 1921 Kriegsgefangener in Russland und die Schwierigkeiten dürften einleuchten, als Flüchtling vor der Arbeitslosigkeit jenen Zustand zu reproduzieren, in dem es ihm so gut gegangen war, wie nirgends sonst.) Resignation und Hoffnungslosigkeit existieren, gewiss, aber selbst sie haben eine eigentümlich wenig subjektive Färbung: »›Besser wird’s nicht, nur ärger.‹ Wünscht sich, das alles zusammenbricht.« (S.69). Vieles, was als Merkmal der Resignation angeführt wird – vor allem, dass die Leute nichts unternähmen, um ihre Lage zu ändern – ist den Umständen geschuldet: ein Plan kann sie tatsächlich nicht heraushauen. Das Verhalten der resignierten Marienthaler ist nicht nur Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse, sondern beweist auch einen oft schärferen Blick für die Realität als bei den ›Ungebrochenen‹. Und vielleicht sind die ›gebrochenen‹ Familien in Wahrheit weniger gebrochen, als jene, die in eine Scheinwelt flüchten, in der sie sich wie zukunftsvolle und verantwortungsbewusste Staatsbürger aufführen.
Die Arbeitslosigkeit deckt das Ausmaß der proletarischen Verkümmerung auf. Die apathischen Familien verbrauchten ihr Unterstützungsgeld schon in den ersten Tagen, ohne zu bedenken, wovon sie danach leben sollten (S.72). Die anderen Familien sind weniger gebrochen. Sie wahren den Schein, dem auch die Studie verfällt. An Erziehung wird gespart – wozu auch für die Arbeitslosigkeit ausbilden? möchte man fragen, übersähe aber, dass hier ein gesellschaftliches Urteil vollstreckt wird – Körperpflege und Haushaltspflege werden aufrecht erhalten. Es ist kein Hoffnungsschimmer, sondern die grausige Verstümmelung, die sich zeigt, wenn die Leute ihre ganze Energie darauf verwenden, mit dem Elend fertig zu werden. Die materielle Armut führt zum Verschwinden der letzten Bedürfnisse bei Strafe der Katastrophe.
Marx wollte auf einen Gesellschaftszustand hinaus, in dem sich die Bedürfnisse der Arbeiter entwickeln könnten. Der Kapitalismus produzierte einen, in dem die Bedürfnisse verkümmern. »Die Zahl der Entleihungen [aus der Bibliothek] ist vom Jahr 1929 auf das Jahr 1931 um 48.7 % gesunken.« (S.57) Auch die zuvor existierenden waren vom Kapitalismus gesetzte, bereits verkümmerte. Doch erst das Dasein des Arbeitslosen ist ganz von seiner Überflüssigkeit geprägt.
Florian Beck, 02. April 2005