Der Fetischcharakter der Ware

(1)    Weder Gebrauchswert noch Substanz und Größe des Werts sind mysteriös.[1]

»Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützliche Weise verändert.« (S.85)

► Taiping-Aufstand 1851-66.

»In allen Zuständen mußte die Arbeitszeit, welche die Produktion der Lebensmittel kostet, den Menschen interessieren, obgleich nicht gleichmäßig auf verschiedenen Entwicklungsstufen.(26) Endlich, sobald die Menschen in irgendeiner Weise füreinander arbeiten, erhält ihre Arbeit auch eine gesellschaftliche Form.« (S.85f)

► Das heißt natürlich nicht, dass es zu jeder Zeit um den Wert ging. Marx hat keine ›Ökonomie der Zeit‹ geschaffen. Der Wert steckt in der Ware, ist ihr Moment. Aber, darauf ist nochmals hinzuweisen, gezeigt hat sich der Wert erst in der warenproduzierenden Gesellschaft. In der Tat musste es die Menschen zu allen Zeiten interessieren, wie viel Zeit sie aufwenden müssen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Es kommt aber sehr darauf an – Marx arbeitet das im Folgenden aus – in welcher Form die Arbeitszeit erscheint: Als Aufwand, den ich für etwas treibe, etwas, das seinen Maßstab aus seinen nützlichen Eigenschaften gewinnt; oder als der Ware scheinbar von Natur aus zukommender Wert, und damit selbst Bewertungsmaßstab. Anders ausgedrückt: Unter dem Gesichtspunkt des Werts werden die Waren danach eingeteilt, wie viel Arbeit sie machen und nicht, wie viel Nutzen sie haben.

(2)    Sobald das Arbeitsprodukt Warenform annimmt, nimmt das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen die Form eines Verhältnisses von Dingen an.

Der Wert ist ein besonderes Verhältnis zwischen Menschen.[2]

In der Warenform erscheinen

a.       Gleichheit der menschlichen Arbeit als gleiche Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte;

b.      Maß der Verausgabung von Arbeit durch die Zeit als Wertgröße der Arbeitsprodukte;

c.      die Verhältnisse der Produzenten als gesellschaftliches Verhältnis der Arbeitsprodukte.[3]

»Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.« (S.86)

»Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.« (S.86f)

(3)    Die gesellschaftlichen Beziehungen der Privatarbeiten erscheinen als gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.

Die unabhängigen Privatarbeiten müssen sich als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit bewähren.[4]

Die Privatarbeiten haben gesellschaftlichen Charakter. Sie werden nicht zur individuellen Bedürfnisbefriedigung betrieben, sondern bilden Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Zur Gliedern der gesellschaftlichen Gesamtarbeit werden sie aber erst, wenn sie im Austausch aufeinander bezogen werden.

Den Produzenten »erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen« (S.87)

Die Privatarbeiten nehmen doppelten Charakter an. Sie müssen sowohl ein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen (schließlich sind sie Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit), als auch ein individuelles. Beides verlangt die Vermittlung durch den Austauschprozess; unmittelbar wird weder ein gesellschaftliches noch ein individuelles Bedürfnis befriedigt. Diese Vermittlung ist es die man den Dingen nicht ansieht.

»Das Gehirn der Privatproduzenten spiegelt diesen doppelten gesellschaftlichen Charakter ihrer Privatarbeiten nur wider in den Formen, welche im praktischen Verkehr, im Produktenaustausch erscheinen - den gesellschaftlich nützlichen Charakter ihrer Privatarbeiten also in der Form, daß das Arbeitsprodukt nützlich sein muß, und zwar für andre - den gesellschaftlichen Charakter der Gleichheit der verschiedenartigen Arbeiten in der Form des gemeinsamen Wertcharakters dieser materiell verschiednen Dinge, der Arbeitsprodukte.« (S.88)

»Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es. Es steht daher dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Später suchen die Menschen den Sinn der Hieroglyphe zu entziffern, hinter das Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Produkts zu kommen, denn die Bestimmung der Gebrauchsgegenstände als Werte ist ihr gesellschaftliches Produkt so gut wie die Sprache. Die späte wissenschaftliche Entdeckung, daß die Arbeitsprodukte, soweit sie Werte, bloß sachliche Ausdrücke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, macht Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, aber verscheucht keineswegs den gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Charakter der Arbeit.« (S.88)

Der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise ist, dass sich die Privatarbeit als allgemein gesellschaftliche Arbeit darstellen muss.[5]

(4)    In der Warenproduktion und im Austausch drückt sich ein gesellschaftliches Verhältnis aus. Es erscheint aber verdinglicht und Gesetzmäßigkeiten dieses Verhältnisses erscheinen als Naturgesetze.

»Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.« (S.89)

Die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie sind tatsächlich objektiv gültig, aber eben nur in einer bestimmten historischen Produktionsweise. Die Kritik der politischen Ökonomie hat daher die Aufgabe, die ›verrückten Formen‹ als Resultate eines Entwicklungsprozesses aufzuzeigen und ihren historischen Charakter darzustellen.

(5)    Der Mystizismus der Warenproduktion verschwindet in anderen Produktionsweisen.

a)      Robinson produziert keine Waren. Es ist nichts mysteriöses daran, dass er seine Arbeitskraft auf verschiedene Tätigkeiten verteilen muss und insgesamt nur eine bestimmte Zeit zur Arbeit aufwenden kann.

b)      Auch das mittelalterliche Lehnsystem vermittelt sich nicht durch den Austausch.

»Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher immer die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich die Menschen hier gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte.«

c)      Die Bauernfamilie verausgabt ihre gemeinsame Arbeitszeit. Auch hier kein Austausch.

d)      Das Gesamtprodukt eines Vereins freier Menschen ist unmittelbar gesellschaftliches Produkt. Produktion und Bedürfnisbefriedigung sind nicht durch den Austausch vermittelt, sondern durch einen Plan. Daran ist nichts mysteriöses.

► Im Verein freier Menschen ist tatsächlich der Kapitalismus aufgehoben. Die Menschen sind jetzt nicht mehr den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus als objektivem Zwang unterworfen, sondern können Produktion und Verteilung nach vernünftigen Maßstäben einrichten. Sie müssen sich nicht nach den kapitalistischen Sachzwängen richten und können ihre Produktion planen (was keine oberste Planungsbehörde machen muss). Eine Möglichkeit der Verteilung wurde von Marx zum Zwecke des Kontrasts mit der warenproduzierenden Gesellschaft dargestellt. Die Verteilung der Arbeitsprodukte je nach geleisteter Arbeitszeit. Sie ist kein dem Verein freier Menschen besonders angemessenes Verteilungsprinzip und in der Tat können viele Gründe gegen ein solches Prinzip ins Feld geführt werden. (Immerhin wird dabei, im Kontrast zur entsprechenden Ideologie vom Lohn der Leistung, tatsächlich in gewissem Sinne die Leistung entlohnt – nicht aber, wie in einer kommunistischen Gesellschaft, die Bedürfnisse).

► Die Gleichheit der Löhne würde die Entfremdung nicht aufheben.[6]

► Marx hat nicht bloß eine Werttheorie aufgestellt. Eine solche Interpretation bringt Marx auf einen bürgerlichen ›Klassiker‹ herunter – für den er ja auch tatsächlich von manchen gehalten wurde – und ignoriert gerade das Spezifikum der Marxschen Theorie: den Dualismus von konkreter und abstrakter Arbeit.

»Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzten wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.« (S.93)[7]

(6)    Die Mystifikation der Produktionsform drückt sich ideologisch aus in den Religionen.

»Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d.h. des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht.« (S.94)

► Wichtig ist hier, dass (a) der Kapitalismus ein religiöses Bedürfnis (im weitesten Sinne) erzeugt und (b) die Religionen eine der Produktionsweise entsprechende Form annehmen. Aus verschiedenen Gründen sind die christlichen Religionen heute nur mehr eine Option unter vielen.[8] Welche Art von Irrationalismen Philosophie und bürgerliches Geistesleben hervorgebracht haben kann man z.B. in Lukacs’ Die Zerstörung der Vernunft nachlesen. Auch hier gilt aber, dass diese Erscheinungen nicht durch Widerlegung aus der Welt geschafft werden (denn der Wissenschaftlichkeit haben sie ja eine meist deutliche Absage erteilt), sondern indem man die Verhältnisse ändert, die sie nötig machen.

(7)    Die bürgerliche Wissenschaft bleibt den gegenständlichen Schein verhaftet, fasst also die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus als Naturgesetze auf.

»Formen, denen es auf der Stirn geschrieben steht, daß sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozeß die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozeß bemeistert, gelten ihrem bürgerlichen Bewusstsein für ebenso selbstverständliche Naturnotwendigkeit als die produktive Arbeit selbst.« (S.95f)

(8)    Bei den konkreten Formen der bürgerlichen Ökonomie wird der Fetischcharakter immer schwerer zu durchschauen.

► Der Fetischcharakter muss also im Fortgang im Auge behalten werden. Allerdings darf nicht ›Fetischismus‹ überall bloß unterstellt werden, bzw. als Schablone an die Dinge herangetragen werden, sondern ist, wie bei der Ware, aus den Dingen zu entwickeln.[9]



[1] Vgl. 23/12: Die Schwierigkeit der Analyse.

[2] Vgl. 13/20f; 23/62, 71f; 25/657f; 26.3/127; 42/75ff.

[3] Siehe auch die drei Eigentümlichkeiten der Äquivalentform: »Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts … konkrete Arbeit [wird] zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit … Privatarbeit [wird] zur Form ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form« (S.70ff).

[4] Vgl. 26.3/127ff; 40/97f, 101.

[5] Vgl. 20/253, 285f; 26.3/134f.

[6] Vgl. 40/520f.

[7] Zur Aufhebung des Kapitalismus vgl. 20/264, 288.

[8] Auch wenn Engels bezüglich der christlichen Religionen zu optimistisch war: »Der Atheismus ist so ziemlich selbstverständlich bei den europäischen Arbeiterparteien … Von den deutschen sozialdemokratischen Arbeitern kann man sogar sagen, daß der Atheismus bei ihnen sich schon überlebt hat; dies rein negative Wort hat auf sie keine Anwendung mehr, indem sie nicht mehr in einem theoretischen, sondern nur noch in einem praktischen Gegensatz zum Gottesglauben stehen: Sie sind mit Gott einfach fertig, sie leben und denken in der wirklichen Welt und sind daher Materialisten.« (MEW 18/531f)

[9] »Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.« (S.392, Anm.89)