Der Umschlag des variablen Kapitals

I.                   Die Jahresrate des Mehrwerts

(1)    Das variable Kapital, wie überhaupt das zirkulierende Kapital, unterscheidet sich vom konstanten dadurch, dass es in jeder Produktionsperiode vollständig ersetzt werden muss.

»Das fixe Kapital fährt fort, in seiner alten Gebrauchsgestalt im Produktionsprozeß zu fungieren während eines längern oder kürzern Zyklus von Umschlagsperioden des zirkulierenden Kapitals (= zirkulierendem konstantem + zirkulierendem variablem Kapital); während jeder einzelne Umschlag den Ersatz des gesamten, aus der Produktionssphäre - in der Gestalt von Warenkapital - in die Zirkulationssphäre eingetretnen zirkulierenden Kapitals zur Bedingung hat.« (S.297)

Der Ersatz kommt immer aus dem Umschlag des Kapitals: das Produkt, in dem sein Wert reproduziert wurde muss also verkauft werden, das Geld zurückgeflossen sein.

Das konstante zirkulierende Kapital wird je nach Marktlage und Erfordernissen des Produktionsprozesses in Vorrat umgewandelt, das variable zirkulierende Kapital muss in Geldform bleiben, bis Arbeitskraft zu kaufen ist.

(2)    Die Jahresrate des Mehrwerts hängt von der Umschlagszahl ab:

 

 

Kapital A

Kapital B

wöchentlich ausgelegtes varibales Kapital

€ 100

€ 100

wöchentlich ausgelegter Mehrwert

€ 100

€ 100

Mehrwertrate

100%

100%

Umschlagperiode

5 Wochen

50

für die Umschlagperiode vorgeschossen

€ 500

€ 5000

in der Umschlagperiode produzierter Mehrwert

€ 500

€ 5000

Umschlagszahl

10

1

Mehrwertmasse

10 x € 500 = € 5000

€ 5000

Jahresrate des Mehrwerts

1000% = 5000/500 = 100%x10

100%

»Dies Phänomen sieht allerdings danach aus, als hinge die Rate des Mehrwerts nicht nur ab von der Masse und dem Exploitationsgrad der vom variablen Kapital in Bewegung gesetzten Arbeitskraft, sondern außerdem von, aus dem Zirkulationsprozeß entspringenden, unerklärlichen Einflüssen […]Das Wunderliche des Phänomens verschwindet sofort, wenn wir nicht nur scheinbar, sondern wirklich Kapital A und Kapital B unter exakt dieselben Umstände stellen.« (S.300)

Tatsächlich sind die Umstände aber verschieden:

»Es ist nur das im Arbeitsprozeß wirklich angewandte Kapital, welches den Mehrwert erzeugt und für welches alle über den Mehrwert gegebnen Gesetze gelten, also auch das Gesetz, daß bei gegebner Rate die Masse des Mehrwerts durch die relative Größe des variablen Kapitals bestimmt ist.« (S.300)

Die Unterschiede kommen also nicht daher, dass dem Zirkulationsprozess »unerklärliche Einflüsse« entspringen, sondern daher, dass aufgrund der Umschlagperiode Kapital – das tatsächlich vorhanden ist, aber nicht in der richtigen Form    nicht im Arbeitsprozess angewandt werden kann.

(3)    Die Unterschiede in der Jahresrate des Mehrwerts beruhen darauf, dass angwandtes und vorgeschossenes Kapital nicht zusammenfallen.

»Das für eine bestimmte Zeitperiode vorgeschoßne variable Kapital verwandelt sich nur in angewandtes, also wirklich fungierendes und wirkendes variables Kapital in dem Maß, wie es wirklich in die vom Arbeitsprozeß erfüllten Abschnitte jener Zeitperiode eintritt, im Arbeitsprozeß wirklich fungiert. In der Zwischenzeit, worin ein Teil davon vorgeschossen ist, um erst in einem spätern Zeitabschnitt angewandt zu werden, ist dieser Teil so gut wie nicht vorhanden für den Arbeitsprozeß und hat daher keinen Einfluß weder auf Wert- noch Mehrwertbildung.« (S.301)

Sie fallen nicht zusammen wegen der unterschiedlichen Umschlagszeit. Im Falle B müssen schon für die ersten 5 Wochen € 5000 vorgeschossen werden. Daraus ergibt sich eine scheinbare Mehrwertrate von 10%, wenn man übersieht, dass von diesen € 5000 nur € 500 im Arbeitsprozess angewandt werden.

(4)    Der Mehrwert wird nur durch das angewandte variable Kapital geschaffen. Es kommt daher auf das Verhältnis von vorgeschossnem und angewandtem Kapital an.

Kapital A schießt 5mal, Kapital B 50mal soviel Kapital vor, wie in einer Woche angewandt wird.

»Der Umschlag modifiziert daher das Verhältnis zwischen dem für den Produktionsprozeß während des Jahres vorgeschoßnen und dem für eine bestimmte Produktionsperiode, z.B. Woche, beständig anwendbaren Kapital.« (S.304)

Aufs Jahr gesehen wird im Fall B viel mehr Kapital angewandt. Die Jahresrate des Mehrwerts ist darum geringer.

»Welches immer die relative Größe der umgeschlagnen variablen Kapitale, die Rate ihres im Jahreslauf produzierten Mehrwerts ist bestimmt durch die Rate des Mehrwerts, wozu die respektiven Kapitale in durchschnittlichen Perioden (z.B. im wöchentlichen oder auch Tagesdurchschnitt) gearbeitet haben.« (S.305)

(5)    Nur wenn die Umschlagsperiode genau ein Jahr wäre, entspräche die Jahresrate des Mehrwerts der wirklichen Mehrwertrate. Ist die Umlaufgeschwindigkeit höher, so wird weniger Kapital benötigt, um im Laufe des Jahres eine gegebne Arbeitsmenge in Bewegung zu setzen. Die Jahresrate des Mehrwerts ist darum größer.

 

»Es sind nicht zehn Kapitale von 500 Pfd.St. vorgeschossen, sondern ein Kapital von 500 Pfd.St. wird in sukzessiven Zeitabschnitten zehnmal vorgeschossen. Die Jahresrate des Mehrwerts wird daher nicht auf ein zehnmal vorgeschoßnes Kapital von 500 oder auf 5.000 Pfd.St. berechnet, sondern auf ein einmal vorgeschoßnes von 500 Pfd.St.;« (S.309)

II.                 Der Umschlag des variablen Einzelkapitals

(1)    Das für Arbeitskraft verausgabte Kapital hört auf Kapital zu sein und wird vom Arbeiter verzehrt, d.h. im Sinne der Kapitalverwertung unproduktiv konsumiert.

Die Arbeitskraft hingegen, in die das Kapital umgesetzt wurde, wird produktiv konsumiert: ihr Konsum reproduziert den für die Arbeitskraft verausgabten Wert und schafft zudem Mehrwert.

(2)    Das in der zweiten Umlaufperiode vorgeschossene Kapital ist mit dem in der ersten Periode vorgeschossenen Kapital nicht identisch.

»Aber es ist ersetzt durch ein neues variables Kapital von 500 Pfd.St., welches in der ersten Umschlagsperiode in Warenform produ- <312> ziert und in Geldform rückverwandelt wurde.« (S.311f)

(3)    In beiden Fällen A und B ist am Ende der ersten Umlaufperiode der Wert des vorgeschossenen variablen Kapitals reproduziert und um den Mehrwert vermehrt worden. Im Fall A befindet sich dieser Wert wieder in produktiver Form, im Falle B nicht.

»Sein Wert ist zwar durch einen Neuwert ersetzt, also erneuert, aber seine Wertform (hier die absolute Wertform, seine Geldform) ist nicht erneuert.« (S.313)

(4)    Wenn sich der Wertersatz noch nicht wieder in Form von variablem Kapital befindet, ist zusätzliches Geldkapital verlangt.

»Es ist daher klar, daß bei gleichem Exploitationsgrad der Arbeit, gleicher wirklicher Rate des Mehrwerts, die Jahresraten von A und B sich umgekehrt verhalten müssen wie die Größen der variablen Geldkapitale, die vorgeschossen werden mußten, um während des Jahrs dieselbe Masse Arbeitskraft in Bewegung zu setzen.« (S.314)

Wie viel zusätzliches Geldkapital nötig ist, ist von der Länge der Umlaufzeit abhängig:

»Die frühere oder spätere Verwandlung des Wertersatzes in Geld und daher in die Form, worin das variable Kapital vorgeschossen wird, ist offenbar ein für die Produktion des Mehrwerts selbst ganz gleichgültiger Umstand. Diese hängt von der Größe des angewandten variablen Kapitals und dem Exploitationsgrad der Arbeit ab. Jener Umstand aber modifiziert die Größe des Geldkapitals, das vorgeschossen werden muß, um während des Jahrs ein bestimmtes Quantum Arbeitskraft in Bewegung zu setzen, und bestimmt daher die Jahresrate des Mehrwerts.« (S.314)

III.              Der Umschlag des variablen Kapitals, gesellschaftlich betrachtet

(1)    In beiden Fällen A und B wird die gleiche Zahl Arbeiter beschäftigt; ihre Arbeitszeit kann gesellschaftlich zu keinem andern Zweck verausgabt werden. Auch die Masse der dem gesellschaftlichen Reichtum entzogenen Lebensmittel ist in beiden Fällen gleich.

(2)    Im Falle A ist das Geld, das der Arbeiter ausgibt – sein Lohn ‑ »die Geldform seines eigenen Wertprodukts«.

»Je kürzer die Umschlagsperiode des Kapitals - in je kürzern Zeiträumen daher seine Reproduktionstermine sich innerhalb des Jahrs erneuern -, um so rascher verwandelt sich der ursprünglich in Geldform vom Kapitalisten vorgeschoßne variable Teil seines Kapitals in die Geldform des vom Arbeiter zum Ersatz dieses variablen Kapitals geschaffnen Wertprodukts (das außerdem Mehrwert einschließt);« (S.316)

(3)    Der Arbeiter zahlt in beiden Fällen seine Lebensmittel aus dem variablen Kapital, im Fall B wird aber (noch) keine Ware geliefert: Es wird zwar Geld als Äquivalent geliefert, gesellschaftlich gesehen dem Markt aber Waren entzogen, ohne ein Produkt auf den Markt zu werfen.

»Denken wir die Gesellschaft nicht kapitalistisch, sondern kommunistisch, so fällt zunächst das Geldkapital ganz fort, also auch die Verkleidungen der Transaktionen, die durch es hineinkommen. Die Sache reduziert sich einfach darauf, daß die Gesellschaft im <317> voraus berechnen muß, wieviel Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel sie ohne irgendwelchen Abbruch auf Geschäftszweige verwenden kann, die, wie Bau von Eisenbahnen z.B., für längre Zeit, ein Jahr oder mehr, weder Produktionsmittel noch Lebensmittel, noch irgendeinen Nutzeffekt liefern, aber wohl Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel der jährlichen Gesamtproduktion entziehn.«  (S.316f)

In der kapitalistischen Gesellschaft müssen dagegen Störungen eintreten. Es kommt zu Druck auf den Geldmarkt und auf das disponible produktive Kapital.

(4)    Die Länge der Umschlagperiode und damit die Jahresrate des Mehrwerts hängt ab von den sachlichen Produktionsbedingungen, Konventionen (die ihrerseits von der Stufenleiter der Produktion abhängen), der Konjunktur, etc.

 

► »Widerspruch in der kapitalistischen Produktionsweise: Die Arbeiter als Käufer von Ware sind wichtig für den Markt. Aber als Verkäufer ihrer Ware - der Arbeitskraft - hat die kapitalistische Gesellschaft die Tendenz, sie auf das Minimum des Preises zu beschränken. - Fernerer Widerspruch: Die Epochen, worin die kapitalistische Produktion alle ihre Potenzen anstrengt, erweisen sich regelmäßig als Epochen der Überproduktion; weil die Produktionspotenzen nie so weit angewandt werden können, daß dadurch mehr Wert nicht nur produziert, sondern realisiert werden kann; der Verkauf der Waren, die Realisation des Warenkapitals, also auch des Mehrwerts, ist aber begrenzt, nicht durch die konsumtiven Bedürfnisse der Gesellschaft überhaupt, sondern durch die konsumtiven Bedürfnisse einer Gesellschaft, wovon die große Mehrzahl stets arm ist und stets arm bleiben muß.« (S. 318, Anm.)