Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich
zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.
(Karl Marx)

Programmatische Erklärung der Fachschaftszelle Philosophie

I

  1. Über die ach so ungerechte Situation in Uni und Gesellschaft zu lamentieren ist ebensowenig unser Ding, wie ungeachtet von Grund und Zweck der Universitäten Verbesserungsvorschläge einzureichen oder es uns im vorgefundenen Universitätsbetrieb heimelig einzurichten und die Uni als Lebensraum zu gewinnen.
  2. An der hierzulande üblichen studentischen Hochschulpolitik paßt uns nichts. Diese Differenzen legen wir offen und machen sie zum Gegenstand unserer Agitation; es handelt sich hier um zwei grundlegend verschiedene Konzeptionen, zwischen denen gar keine Vermittlung mehr möglich ist. Auf der einen Seite steht eine Politik, die auf eine -- unseretwegen auch radikale -- Veränderung bzw Verbesserung der Gesellschaft hin angelegt ist und eine humanere Gesellschaft -- was auch immer das sein mag -- zum Ziel hat. Wir vertreten andererseits eine Politik, die die Natur des Kapitalverhältnisses zu begreifen und daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen versucht. Die erste Konzeption ist moralisch die zweite wissenschaftlich.
  3. Ziel unserer, wie jeder ernstzunehmenden Politik ist die praktische Veränderung. Voraussetzung ist jedoch das theoretische Begreifen der Ursachen der Widerspüche, denen wir uns gegenübersehen. Wir wollen keine Theorie machen, wir müssen sie machen. Ohne vollzogene Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, läuft man Gefahr, sich von Resultaten einer kapitalistischen Praxis leiten zu lassen, die man -- weil Wesen und Erscheinung im Kapitalismus nicht übereinstimmen -- nicht begriffen hat. Der Weg unserer Politik ist die Vermittlung jener Theorie.

II

  1. Die scheinbare Selbstverständlichkeit, studentische Interessen zu vetreten, tragen wir nicht mit. Ihre Vertretung kann dem grundsätzlichen Mangel, dem sie entspringen nicht abhelfen. Dieser Mangel ist nämlich kein Fehler im System auf den man Politiker durch gelungene Aktionen aufmerksam machen kann, sondern ergibt sich daraus, daß das Interesse des Staates jetzt gerade mal dahin geht, den Zugang zur künftigen Elite etwas zu beschränken Sich darüber Illusionen zu machen und vom Staat gerade das einzufordern, was der gerade ausdrücklich nicht will, ist der Fehler aller studentischen Ambitionen, sich den Zweck der Hochschulen gar nicht klar machen zu wollen.
  2. Zweck der Universitäten ist es, instrumentelles Wissen für den Produktionsprozess zu liefern, die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu bewältigen und die künftige Elite auszubilden. Das Abstraktum "geistige Produktionsfaktoren", die sich mal so eben zu einem ganz anderen Zweck einsetzen lassen würden, exisitert nicht. Form und Inhalt des Bildungsbetriebs sind ganz auf ihren Zweck abgestimmt. (Das ganze Zeug, das die Studis in Psychologie, Ökonomie, Pädagogik und Soziologie eifrig büffeln und für ganz gut und sinnvoll befinden, läßt denn auch eventuelle Hochschulreformen ganz zweckmäßig erscheinen.)
  3. An der Situation an den Hochschulen sind weder Sachzwänge, Kapitalinteressen noch unfähige Politiker schuld. Hinter dieser Zuschreibung steckt die Vorstellung, "eigentlich" ginge es bei Bildung und Uni um was ganz anderes, dem man durch den nötigen Druck Geltung verschaffen müßte, um Bildung und Ausbildung wieder in den Dienst des Volkes (oder: der Massen, der Arbeiter, der Gesellschaft) zu stellen.
  4. Das einzige was die meisten Studenten an den bestehenden Hochschulen erreichen könnten ist, daß ihnen alte oder neue Privilegien zugestanden werden. Ihre Erfolgschancen überschätzen sie dabei maßlos.

III

  1. Agitation an der Hochschule ist überhaupt nur dann sinnvoll, wenn das Verhältnis von Kapital und Wissenschaft begriffen ist. Die Klärung und Erklärung dieses Verhältnisses ist einziger Gegenstand unserer Hochschulpolitik.
  2. Hochschulpolitik in unserem Sinne kann nur dann Erfolg haben, wenn sich vermitteln läßt, daß die Hochschule, ihre Organisationsform, ihr Inhalt und der Platz des einzelnen in ihr, notwendige Folgen des Kapitalverhältnisses sind. Gelingt diese Vermittlung nicht, lassen sich allenfalls moralische Bekenntnisse gewinnen.
  3. Die bürgerliche Wissenschaft kann nicht zu einem "guten Zweck" umgewidmet werden. Sie beruht auf der Trennung der geistigen Arbeit von der materiellen Produktion und ihrer Unterwerfung unter die Erfordernisse des Produktionsprozesses. Bürgerliche Wissenschaft ist daher rein instrumentell. Die Geisteswissenschaften versuchen die im Kapitalismus entstehenden Widersprüche zu bewältigen (sie also gerade nicht aus dem Kapitalverhältnis zu erklären); sie verdienen daher ausschließlich Kritik. Aber auch die Naturwissenschaften gehen mit der Realität rein instrumentell um: Was sie und wie sie es erklären hängt, auch in der sogenannten Grundlagenforschung, von der Erfordernissen des Produktionsprozesses ab.
  4. Um ein Mißverständnis zu vermeiden: Die bürgerliche Wissenschaft ist zwar eine falsche, aber sie lügt nicht, sie manipuliert nicht. Sie ist die theoretische Folge, wenn man sich von der unbegriffen Praxis des Kapitalverhältnisses leiten läßt, also die notwendigen Folgen dieses Verhältnisses außer acht läßt. Daher muß auch die Geiteswissenschaft, gerade weil sie wissenschaftlichen Anspruch hat, aber die Ursache der Widersprüche weder klären kann noch will in einer Vielzahl nebeneinander her existierender Ansätze steckenbleiben.

IV

  1. Das sozialistische Studium beginnt grundsätzlich mit der Erklärung des Kapitalverhältnisses und schreitet von dort zu den Einzelphänomenen der bürgerlichen Gesellschaft fort. Wir halten es aber in unserer konkreten Situation für notwendig, eine Einzelerscheinung schon von Beginn an zu berücksichtigen: das Verhältnis von Kapital und Wissenschaft; und in der Anwendung der so gewonnenen Erkenntnisse die Kritik am Inhalt der bürgerlichen Wissenschaft.
  2. Das sozialistische Studium muß selbst wissenschaftlich sein. Nur eine vollzogene Kritik der bürgerlichen Wissenschaft vermeidet es, deren Inhalte blind zu übernehmen und "in den Dienst des Volkes" stellen zu wollen.
  3. Die bürgerliche Wissenschaft ist eine falsche. Konsequenz ist nicht der Verzicht auf Wissenschaft, sondern der wissenschaftliche Sozialismus. Eine wissenschaftliche Weltanschauung, die sich auf einen Kanon fester Aussagen beruft, brauchen wir dazu nicht.
  4. Das sozialistische Studium besteht in einer systematischen und wissenschaftlichen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Wissenschaft. Die Oberflächenphänomene, denen wir uns gegenübersehen wollen wir aus ihren Ursachen ableiten. Die bürgerliche Wissenschaft kritisieren wir wenn und insofern sie diese Erklärung nicht zustande bringt. Mit dem Universitätsstudium hat das sozialistische Studium nur insofern zu tun, als sich die Infrastruktur der Universität mißbrauchen läßt.

V

  1. Wer unter Fachschaftsarbeit das Anbieten von Serviceleistungen versteht, arbeitet als kostenlose Hilfskraft des Universitätsbetriebs und ermöglicht dadurch nicht nur, entgegen seiner Absicht, weitere Kürzungen, sondern unterstüzt auch Form und Inhalt der herrschenden Lehre.
  2. Die Universität ist möglicher Schauplatz unserer Politik. Ihre Inhalte sind Gegenstand unserer Kritik. Die Fachschaftszelle leistet die Kritik bürgerlicher Wissenschaft am Fachbereich Philosophie; dort vetritt sie vorrangig auch ihre Politik. Das hat rein organisatorische Gründe.
  3. Die inhaltliche Kritik erarbeiten wir uns im Rahmen von Arbeitskreisen; diese Arbeit lief bisher unter dem Titel "Gegenuniversität". Wir vertreten unsere Kritik in teach-ins, in Seminaren, durch Flugblätter und über das Streitblatt. Wir zielen mit unserer Kritik auf eine praktische Veränderung ab.
  4. Das Streitblatt ist die Zeitung der Fachschaftszelle Philosophie. (Sie ist kein Organ, weil die Redaktion unabhängig arbeitet.) Im Streitblatt stellen wir unter anderem die Resultate unserer theoretischen Bemühungen vor. Das Streitblatt enthält eine Beilage für den Fachbereich Philosophie, deren Redaktion die Fachschaftszelle übernimmt; die Beilage dient vorranging dazu unsere Kritik und Politik am Fachbereich zu vermitteln. Die Beilage kann kostenlos verteilt werden.
  5. Am Fachbereich werden wir nicht nur "philosophische" Themen behandeln, sondern was wir eben für richtig halten. Ebenso werden wir unsere Politik nicht auf den Fachbereich beschränken, sondern da vertreten, wo wir es für angemessen halten.

Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.