Um die Welt zu verändern muß ich sie nicht anders interpretieren. Ich muß sie gar nicht interpretieren. Wenn ich meine Knarre pack und den nächstbesten auf der Straße abknalle, ändert sich schon was: ich brauch' aber nicht mal zu wissen, warum ich's tu.
Verändern ist also nicht so schwer. Vor unserer Uni hing mal ein Transparent mit der Aufschrift "Wir verändern, diese Welt, weil sie uns so nicht gefällt!" Ein Passant meinte, das wäre ja faschistoid, denn um die Welt zu verändern müßte man ja zuerst die Menschen verändern. Abgesehen von einer reichlich sonderbaren Faschismuskonzeption und einer Argumentation die jedenfalls mit klassischer Logik nichts zu tun haben kann, hat dieser Mensch offenbar noch nie eine Atombombe abgeworfen: das erfordert zuerst mal gar keine Veränderung der Menschen, verändert die Welt aber dann doch recht endgültig.
Wie gesagt, das Verändern ist gar nicht so schwer. Menschliche Praxis ist aber immer reflektierte Praxis. Um zu wissen, wie ich etwas verändern kann, muß ich erst mal wissen, wie es funktioniert.
Eine materialistische Methodologie bringt uns da nicht weiter. Formeln wie "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" sind, sollen sie nicht zu einem starren Determinismus führen, selbst erklärungsbedürftig. Marx stellt in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideologie nicht einfach eine eigene Methode vor, was er vor allem leistet ist eine Kritik des Idealismus und des bisherigen Materialismus am Inhalt der Wissenschaft.
Die elfte Feuerbachthese "Die Philosophen haben die Welt nur verschiedenen interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern" ist nicht nur ein Aufruf zum Handeln. Handeln wollte Feuerbach auch. Marx' Kritik wendet sich eben an Philosophen, die bisher die Welt nur verschieden interpretiert und das Handeln von der philosophischen Theorie völlig losgelöst betrachtet haben.
Es wird oft gesagt, Marx wollte die konkrete menschliche Praxis erfassen; das war mit dem Idealismus und dem bisherigen Materialismus nicht möglich. Daher hat Marx seine eigene materialistische Methode entwickelt. Dieses Erfassen ist aber bereits alles was zu leisten ist. Die Methode ist Resultat, nicht Voraussetzung der Durchführung.
Entscheidend ist daher nicht, warum der bisherige Materialismus und der Idealismus ungenügend waren und worin die neue Methode besteht; entscheidend ist vielmehr, warum denn die sinnlich-menschliche Tätigkeit so im Mittelpunkt stehen soll. Das menschliche Leben ist seinem Wesen nach konkrete, gegenständliche Praxis. Davon zu abstrahieren (wie das im Idealismus und im bisherigen Materialismus) geschieht, heißt vom spezifisch menschlichen Aspekt des Lebens zu abstrahieren. Das ist noch sehr anthropologisch gedacht. Später überwindet Marx diesen Anthropologismus, indem seine Kritik der politischen Ökonomie durchführt. Er erklärt nicht nur die menschliche Praxis (das konkrete Handeln, das eben vor allem durch die Ökonomie bestimmt ist) und die Bewußtseinsinhalte (die letztlich der Gegenstand des Idealismus sind), in dem er zeigt, daß sie aus einer bestimmten menschlichen Praxis notwendig folgen. Er erklärt auch den Idealismus selbst, indem er zeigt wie das Bedürfnis nach Verdopplung des Seins im Bewußtsein aus einer bestimmten menschlichen Praxis folgt, und widerlegt damit den Idealismus, der ja einen anderen Anspruch hat.
Die Veränderung setzt keine neue Interpretation voraus. Die elfte Feuerbachthese kritisiert die Ideologien, nicht deren mangelnde Umsetzung. Die Philosophen hatten die Welt verschieden interpretiert, sei es daß sie einen existierenden Gott annahmen, sei es, daß sie die Religion zum reinen Hirngespinst erklärten. Sie hielten aber immer daran fest, daß die Ideen, die sich die Menschen machen ihr Leben bestimmen, daß wenn nur die Leute den "Respekt vor diesen heiligen Ideen" (Stirner) verlören, sich auch ihr Leben ändern würde. Indem Marx nachweist, daß jedes Bewußtsein nur ein Ausdruck der bestehenden Verhältnisse ist, zeigt er auch, daß es eben nicht reicht, dieses Bewußtsein zu kritisieren, sprich die Welt ein weiteres Mal anders zu interpretieren; sondern, daß es darauf ankommt die herrschenden Verhältnisse zu ändern.
Daß die Interpretation, also das Bewußtsein, das der Mensch im Kopf hat, die bestehenden Verhältnisse noch kein Stück weit ändert, heißt aber noch nicht, daß zum Zweck der Veränderung Theorie und Kritik überflüssig wären. Zum Verhältnis von Theorie und Praxis gibt es verschiedene Ansätze:
Die Theorie ist notwendige Voraussetzung. Es kommt allerdings darauf an, nicht beim Wollen zu bleiben, sondern das Gewollte auch tatsächlich umzusetzen.
Letztlich ist allein die Praxis entscheidend. Es ist aber spezifisch menschlich nicht nur zu handeln, sondern gleichzeitig über sein Handeln zu reflektieren.
Der erste Ansatz ist unbefriedigend, weil er individualistisch bleibt, individuell zwar richtig ist, aber verkennt, daß es nicht nur ein falsches Bewußtsein sondern gesellschaftlich sogar ein notwendig falsches Bewußtsein gibt.
Der zweite Ansatz würde jede theoretische Beschäftigung zu einem bloßen Privatvergnügen machen. Daran ist noch nichts auszusetzen. Wohl aber daran, daß beide Ansätze der konkreten menschlich-praktischen Tätigkeit nicht gerecht werden. Der erste Ansatz ist vollkommen unhistorisch, weil es ja nur darauf ankäme beliebige Gedanken in die Tat umzusetzen. Der zweite Ansatz ist aber deswegen nicht richtiger. Er ist einem historischen Determinismus verpflichtet. Der Ansatz wäre richtig, wenn sich die Arbeiterklasse notwendigerweise gegen den Kapitalismus erheben würde. Sie erhebt sich aber nicht notwendigerweise, sie hat bloß keine andere Chance. Das ist aber was ganz anderes als geschichtliche Notwendigkeit.
Die Theorie-Praxis-Diskussion ist Folge falscher Theorie und falscher Praxis. Theorie ist immer schon auf Materielles bezogen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wie auch die materiellen Gegenstände die ihr Objekt bilden sind durch gesellschaftliche Praxis bestimmt. Die gesellschaftliche Praxis ihrerseits läßt sich von bestimmten Zielvorstellungen leiten. Wie diese Zielvorstellungen beschaffen sind, hängt von der Theorie ab, deren Ergebnisse sie sind.
Daraus ergibt sich einiges. Zum einen kann die Theorie nicht voraussetzungslos sein. Sie hat immer Materielles, materielle Gegenstände oder menschliche Tätigkeit zum Gegenstand. Zum anderen setzt jede auf Veränderung abzielende Praxis Theorie voraus: eine Theorie nämlich, die Zielvorstellungen schafft, an denen sich die Praxis zu orientieren hat. sind diese Zielvorstellungen nicht theoretisch geprüft und kritisiert, so läßt sich die Praxis von den unbegriffenen Resultaten der herrschenden Praxis leiten. Daraus ergibt sich dann auch, daß Theorie und Praxis gar keine selbständigen Erscheinungen sind. Die Forderung, Theorie und Praxis zu verbinden, setzt schon voraus, daß sie prinzipiell zu trennen wären. Eine verselbständigte Theorie verkennt ihre eigene Grundlegung im Materiellen und in der bestehenden Praxis und nimmt damit den Charakter eine gewollt oder ungewollt affirmativen Ideologie an. Eine verselbständigte Praxis verkennt, daß eine sinnvolle Veränderung der bestehenden Verhältnisse nur aufgrund einer theoretischen Durchdringung der Resultate gegenwärtiger Praxis möglich ist.
Florian Beck