streitblatt

Zeitung für Dichtkunst und Philosophie
Ausgabe 0 - Februar 1999

Vorwort

"Freiheit des Willens heißt daher nichts anderes als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiedenen und widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt, eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande, den sie gerade beherrschen sollte." (Friedrich Engels).

Der Wille der PhilosophInnen und der GeisteswissenschaftlerInnen überhaupt scheint heutzutage jedoch kaum noch eine Rolle zu spielen. Statt sich tatsächlich mit Fragepunkten auseinanderzusetzen - kritisch und tätig - macht man es sich lieber auf dem Olymp der "wissenschaftlichen Objektivität" bequem, serviert den StudentInnen diffuse Positivismen, die irgendwie mehr an geistiges Masturbieren erinnern als an wissenschaftliches Arbeiten und ist mit sich selbst zufrieden. "Konkordatszölibazillenzecke" wurde Herr Vossenkuhl auf dem Männerklo im 2. Stock (bei 348) genannt. Inwiefern und ob überhaupt Konkordate bei der Besetzung von Lehrstühlen heute noch eine Rolle spielen ist uns zwar nicht bekannt, das mit dem Zölibat geht uns nichts an, aber was die Schädlichkeit und die scheinbare Zwecklosigkeit von Bazillen und Zecken anbelangt, glauben wir den Autor - auch wenn wir im Gegensatz zu ihm niemals Menschen mit Insekten gleichsetzen würden - verstanden zu haben. Herr Vossenkuhl scheint die Studierenden jedenfalls eher als Anlageobjekte, denn als Subjekte der Politik oder Kultur zu betrachten. Seine Massenveranstaltung "Einführung in die Philosophie" ist ein anschauliches Beispiel. Etwas hiervon, ein bißchen davon, so lernen wir wie man philosophiert, nämlich wie man tanzt: egal auf welcher Hochzeit und die Musik macht die Kapelle. Mit anderen Worten: Nicht denken, das machen die Bücher! Dieser wertkonservative Opportunismus, verkleidet als Humanismus ist wohl gefährlich; und nicht wie der Vorwand eines rein wissenschaftlichen Interesses uns einreden will zwecklos. Diese Einstellung dient der mittlerweile nicht nur an der Universität, sondern seit längerem bereits in den Familien und Schulen zum Dogma erhobenen Verwertungslogik. Aus dem Kind soll doch mal was Anständiges werden - Wir müssen die Bedürfnisse an "Humankapital" mehr in die Gestaltung der Studiengänge einbeziehen.

Streitblatt ist eine Initiative der Fachschaftszelle Philosophie. Wir sind für lebendige philosophische Diskussion; für einen produktiven Diskurs an der Uni. Streitblatt ist nicht unabhängig, es hängt von Euch ab was geschrieben wird. Wir verstehen uns als Möglichkeit eine öffentliche Auseinandersetzung zu führen - fernab von akademischen Konventionen und Voreingenommenheiten. Deshalb: Kritisiert uns, schreibt Artikel, arbeitet redaktionell mit. Das Thema dieser Ausgabe lautet: "Kann man die Welt nur Verändern, wenn man sie anders interpretiert?" - vielleicht klingt das für so manche(n) von euch schon bekannt: Marxens letzte These über Feuerbach lautet nämlich: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an sie zu verändern." (Dieser Satz ist wohl nicht nur Marx- Lesern bekannt). Vielleicht erscheint so manches in der ersten Ausgabe nicht unbedingt als Auseinandersetzung mit dem Thema, aber wir haben eben diese Gedichte, Kurzgeschichten und Artikel bekommen, und darüber zu urteilen überlassen wir euch. Wenn euch was nicht passt, oder ihr ein anderes Thema vorschlagen wollt: nur keine Hemmungen, einfach eine Gegenmeinung verfassen, oder mal in der Redaktion vorbeischauen. Wir sind bemüht, das Thema der jeweils folgenden Ausgabe an der Resonanz auf die jeweilige Ausgabe zu orientieren (natürlich war das bei der ersten Ausgabe noch nicht möglich). Es wird stets auf der letzten Seite stehen. Die erste Ausgabe gibt es noch umsonst, die folgenden werden zum Selbstkostenpreis verkauft.

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Thema: Kann man die Welt nur verändern, wenn man sie anders interpretiert?

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Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 10. Maerz 2000.