Zur diesjährigen Geschwister-Scholl Veranstaltung hat sich die Universität einen ganz besonderen Festredner eingeladen: Klaus von Dohnanyi, Sohn eines Widerstandskämpfers und Sozialdemokrat, einen Mann der qua dieser Eigenschaften der ideale Vertreter ist, um mit einigen Relikten in der deutschen Geschichte aufzuräumen und wieder zusammenzubringen was zusammengehört, nationalistische Selbstfindung und Antisemitismus.
Erinnern wir uns: Den ersten Schritt freilich mußte ein deutscher Dichter wagen, der, rhethorisch bewandert das richtige Anliegen nach einem nicht instrumentalisierten Gewissen mit der Anklage gegen "die Medien" und ungenannten Instanzen verbindend, den Eliten vom Olymp der Literaten aus das Zeichen zur Neuorientierung gab, um zu verkünden was schon lange Konsens war. Aus dem Holocaust wird Kapital geschlagen. Der große Denker ließ andere zuendedenken was er begonnen hatte, die Lücke füllen, die sich aus der Frage "Wer denn?" ergibt.
Große Zufriedenheit im Land, ein Linker (Ex-DKP Mitglied) hat wieder Heimat gefunden in der Mitte der Gesellschaft. Nur der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland spricht aus, was verübt wurde "geistige Brandstiftung". Kaum einer pflichtet ihm bei, keine Partei ergreift für ihn Stellung, die Deutschen, ob Ost oder West, Grüne oder CDUler, Alt oder Jung stehen irgendwie beieinander. Dohnanyi und sein Parteikollege Glotz geben Bubis zu verstehen er könne ja auch überhaupt nicht verstehen, worum es ginge. Nein denn es geht vor allem um eins, um ein neues Deutschtum in einer normalen Berliner Republik, um deutsches "hineinverwirkt" sein in die Geschichte. Dafür opfert die FAZ schon einmal drei Kästen auf der Frontseite ihres Feullietons, und Klaus von Dohnanyi kommt seiner Aufgabe deutsche Identität neu zu formulieren auch pflichtschuldigst nach.
"Wir - die deutschen Nachgeborenen - müssen dieses deutsche Schicksal annehmen. Und: Wir können unseren Nachbarn und der Welt wieder aufrecht und stolz begegnen, wenn wir unserer Geschichte in den Nazi Jahren ins Auge sehen; wahrhaftig, demütig und ohne uns abzuwenden. So müssen wir als nichtjüdische Deutsche handeln." Wir , und darum geht es, legen die Spielregeln fest, wie wir unserer Geschichte begegnen, die Juden müssen sich fragen, "ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 'nur' die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären". Eine Aufforderung auch an Herren Bubis kurz einmal zu vergessen, daß Teile seiner Familie in Treblinka vergast wurden, und sich diese Frage "Für sich selbst und ehrlich" zu stellen. Denn auch die "Deutschen seien empfindlich".
Anläßlich eines Briefes Ralf Giordanos an Dohnanyi wegen dieser Passage antwortete dieser, ihm fehle es leider an Zeit für eine detaillierte Antwort, (er muß ja auch all den Einladungen zu Festreden, wie hier an der Universität nachkommen), hinterließ aber neben zwei Anlagen einen aufschlußreichen Hinweis:
"Die Deutschen haben natürlich in den 30er Jahren nicht mehrheitlich die Diskriminierung, später die Verbrechen an den Juden begrüßt. Es muß endlich erkannt werden, daß die Zustimmung zu Hitler ganz andere Grundlagen hatte. Die Schuld der Wegschauenden lag darin, daß der Mehrheit diese anderen Aspekte (z.B. Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) wichtiger waren als die Menschenrechte. Das ist schlimm genug."
Der Holocaust als Beiprodukt? Von wem muß das endlich erkannt werden? Deutsche Brutalitäten. Dohnanyi steht keineswegs alleine da. Es kommt zu einem Gespräch zwischen Bubis und Walser. In Lichtenhagen sollten Menschen verbrannt werden. Walser spricht das Thema an, hat aber andere Sorgen. Durch die Anwesenheit Bubis fühlte er sich "an 1933 zurückgebunden". Kein Wort über die Toten. Anstatt zu analysieren, was geschehen ist oder geschieht wird über Deutsche Empfindlichkeiten gesprochen.
Der 20 Juli wird zum Quasifeiertag erhoben, weil es nicht möglich scheint einzusehen, daß es ohne die Alliierten nie zu einer Überwindung des Faschismus gekommen wäre. Bei der Ausstellung "Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht", bei der unbeschreibliche Greultaten gezeigt werden, findet eine Diskussion um die deutschen Soldaten und die deutsche Wehrmacht statt, und die Frage inwieweit sie von den Ausstellungsmachern ins Unrecht gesetzt wurden. Deutschnationaler Quark und Volksgesülze, ausgetragen auf höchster Ebene, schwierige Fragen über deutsche Identität, die plötzlich ganz konkret werden, wenn Volksgenossen zusammengetrommelt werden um gegen das Recht anderer Menschen auf einen zweiten Pass zu votieren und nebenbei rassistische Parolen von sich geben oder gar "Türken ins Gas" fordern. Geschichte zum Anfassen.
Erinnern wir uns weiter: Die Schändung jüdischer Friedhöfe nimmt zu, das Grab Heinz Galinskis, des Vorgängers von Ignatz Bubis als Vorsitzender des Zentralrates wird zum zweitenmal beschädigt, diesmal mit einer Sprengladung, die die Grabplatte zerstört. Ziemlich kalkuliert für den "Ausfluß eines wirren Einzeltäters" (Roman Herzog). Unter Schmähbriefe an jüdische MitbürgerInnen wird immer häufiger der Absender gesetzt. Über den Alexanderplatz wird ein Schwein mit der Aufschrift "B U B I S" gejagt.
Daniel Roth