Die Verbannung

Es begab sich einstens in den vergangenen Tagen der Schwermut. Ein jeder hatte seine Bürde zu tragen und keinem ward etwas geschenkt. Durch und durch organisiert waren die Informationssysteme, wodurch die Verwaltung instand gesetzt war, die Einhaltung auch der feinsten Regulierungen lückenlos zu überwachen. Die Rechtspflege war derart perfektioniert, daß auch kleinste Vergehen nicht ungestraft blieben. Und die Gesetze waren hart und vielfältig. Waren die spektakulären Prozesse, Giftmorde etwa oder Landesverrat, noch immer die "Große Oper" am Rechtstheater, so wurden kleiner Delikte nicht minder schonungslos ad hoc erledigt von den Tribunalen und die Täter auf der Stelle rechtskräftig verurteilt. Ein solcher minder schwerer Fall, obzwar nachhaltig verfolgt, war die Akte "Adam Massio".

Dessen Geschichte war von anfang an eine äußerst verworrene, die nicht gut enden konnte im Klima dieser Tage. Auf den ersten Blick tat Adam das, was ein rechtstreuer Bürger im Lande eben tat: er arbeitete. Er arbeitete gut, er arbeitete fleißig, aber er tat es immer nur nachts. Wenn all das rechtschaffene Volk bereits tief in wohlverdienten Schlaf gesunken war, hämmerte bei Adam Stahl auf Stahl, war schweres Eisen geschnitten, gebogen und im Lichtbogen zusammengefügt, auf das es irgendwas ergebe. Niemand wußte, wie er zu einem Lohn kam oder wer ihn bezahlte, wenn er das in klarer Mondnacht im Lichtkegel heller Lampen vor seiner Werkstatt sich Eisenstück und Pleuel gefügig machte.

Das erregt die Aufmerksamkeit der Steuerbehörde, die ihn bald von Büschen und hohlen Bäumen aus beobachten lies; in abgestellten Schrottautos saßen unauffällige Späher und zum Schlendrian verkleidete Spione schlichen um sein Areal, als wären´s schadenfrohe Urlauber, die sich an anderer Leute Arbeit ergötzten. Schnell war herausgefunden, daß der Mann eine schier gar konspirative Existenz führte und seine Karten unter Verschluß hielt, warum auch immer.

Der Verwaltungsverbund reagierte äußerst nervös. Man beschloß in den befaßten Abteilungen, Filmmaterial über ihn zu erstellen und Informationen zu sammeln. Man hatte keine Mühe, verdeckte Kameras zu installieren, denn Adams Areal war frei zugänglich und am lichten Tage allemal verwaist.

Das Carrè vor seiner Werkstatt, in dem er sich hauptsächlich zu schaffen machte, war unübersichtlich dicht mit allerlei schwerem Gerät zugestellt. Schwere Eisenkolben standen in betonierten Führungen aus Stahl und Holz, Kräne, die düster und mordlustig ihre Schaufelzähne in den Himmel reckten, Walzen mit immensen Radien standen verachst zwischen Bulldozern und kleinem Kriegsgefährt. Alles in Arbeit, alles im Fluß.

Dazwischen blühte wucherndes Buschwerk von Kleingerät aus Eisen, aus Guß, schweres, kantiges Material und Werkzeug, das es bezwingen konnte. Eine üppige Landschaft aus Achsen und Motoren, Stahlseilen und Ambossen, Generatoren, Spinten, Lampen, Leitern und Gestellen, Schweißgerät und Gittercouch, trübe Fässer, Batterien, Fahrradrahmen, Schiffsgewicht, und bei den Bäumen noch ein Fahrwerk, rostig wie ein Schrottgedicht.

Was man dann vor den nichts verschweigenden Objektiven zu sehen bekam, war in der Tat ungewöhnlich. Erst einmal schienen sich Adams nächtliche Unternehmungen an sich nicht sinnfällig eingliedern zu lassen. Mal machte er sich endlos geduldig an das Zerlegen eines eingefressenen Getriebes, fräste, bohrte, schweißte aus rostbraunen Eisenträgern Bänke und Tische, um sie in Wind und Wetter stehen zu lassen. Mal bog er nächtelang rostigen Draht zu großen Rollen und stopfte sie dann hinter sein altes Wachhäuschen, in dem er rohe Bretter lagerte. Dann wieder belud er seinen alten Anhänger mit ausgelösten Felgen, womöglich, um sie zu verkaufen. Nur ein einziges Mal konnten die Kameras ein wirkliches Geschäft dokumentieren, als er einem Gast, in öliger Montur wie er selbst, einen Kasten mit Schrauben und Muttern jedweder Sorte gegen Bares verkaufte. Irgendetwas seltsames, irgend etwas ausländisches schien all seinem Treiben innezuwohnen. Nicht der Umstand, daß er nachtaktiv war. Nicht die Tatsache, daß ein ordentlicher Geschäftsablauf nicht ersichtlich war. Etwas schwerwiegenderes mußte es sein, etwas bislang Unentdecktes.

Relevanter Geldverkehr schien nicht stattzufinden, was sein Lebensstandard bestätigte. Er lebte schlicht und einfach. Tagsüber schlief er in der Kammer und des nachts war er fleißig in seiner Werkstatt.

Eines Tages, als sich Adam in seinem Hof zu schaffen machte an einer schweren Turmglocke, die klöppellos und ohne Halterung auf dem Gelände herumlag und verrotte, gewannen seine Späher die endgültige Erkenntnis. Unter einem Berg öliger Säcke hatte er sie Glocke wiederentdeckt und ans Licht gebracht und beschlossen, sich ihrer zu widmen und herauszufinden, ob sie wohl noch klingen wollte. Geschickt verabreichte er dem Torso eine tragfeste Halterung. Den fehlenden Klöppel montierte er sich flugs aus einer Eisenstange passender Größe, an deren freies Ende er den ausrangierten Anlasser eines steinalten Autos verdrahtete. Da lachte Adam lauthals und seinen Beobachtern fiel es wie Schuppen von den Augen. Adam hatte Spaß. Er lächelte und lachte und freute sich bei der Arbeit, und war sie noch so unnütz und sinnlos. Ein entrückter Schein lag auf seinem Antlitz, etwas Ekstatisches, Fremdes, geradezu Glückseeliges. Nicht einmal sah man ihn ganz normal fluchen, schimpfen, hadern. Er hatte voll eine gute Zeit und tat seine Dinge in aufreizender Ruhe.

Seinem Arbeiten fehlte das Mühselige und Beladene, der drückende Fluch, den man heldenhaft bewältigt für Achtung und Geld, für Familie und angemessenes Wohnen. Der Beobachter mußte den Eindruck haben, er liebte die Arbeit geradezu oder, noch schlimmer, er parodierte sie, machte sich lustig über das, was ihm heilige Mühe und treu ergebenes Schiksal hätte sein sollen. Locker und frohen Herzens zog er wahre, echte Arbeit in den Dreck. Einstimmiges Urteil: Genug! In einer konzertierten Aktion schlug man seitens der Behörden erbarmungslos zu und machte kurzen Prozeß. Der befaßte Tribun hatte keine Mühe, ihn unter dem Vorwand eines Steuervergehens abzuurteilen und so zu lehren, daß die Last der Arbeit die schwere Seele des Volkes ist und kein lustiger Firlefanz.

So verbannte man ihn denn für 10 Jahre ans andere Ende der Republik in die alte Reichsstadt A., beschlag-nahmte all sein Inventar und stählernes Zubehör und schickte ihn noch anderntags, bewacht und eskortiert, auf die lange Reise in die Provinz. Regnerisch war´s und stürmisch, als er samt Begleitung ankam in der entlegenen Stadt.

Irgendwie war dieser Ort von allem schönen Zauber verlassen. Alt war er geworden, weil er allzusehr mit den Jahrtausenden kokettierte, die es ihn schon gab. Neues, Frisches, Erblühendes wurde erdrückt hanebüchener Macht aus vergangenen Jahrhunderten, bis seine Seele vollgesogen war von dieser Last und langsam daran verkümmerte, eingegossen in den trüben Schmelz dahingewelkter Größe, eine Karikatur seiner selbst.

So wühlte man denn fortwährend im Topf der Geschichte nach Belegen alten Glanzes, bis man ganz und gar versank im Nebel der Vergangenheit und es schlichterdings erklärt war zum großen Vorzug, dieses Nestwarme und Putzige, das Trutzige und Eingeigelte, das Althergebrachte und das ewig Treue. Hinter Türmchen und Butzenscheiben hatte man sich´s wohlig eingerichtet und kümmerte sich wenig um die Welt, draußen vor den Toren. Hierher wird Adam verbracht, beraubt schweren Geräte und Werkzeuge, seines Hab und Gut, das man en bloc in der schwersten Schrottpresse des Landes zu einem einfachen Würfel verdichtete und im Stollen des alten Bergwerks eingrub und vermauerte. Etliches an Auflagen verfügte man über ihn. So nahm man ihm zuvorderst seinen Paß, ohne den ein Verlassen der bewehrten Stadt unmöglich war, und man verbot ihm für alle Zeit dem Umgang mit Eisen und Stahl. Untergebracht war er in einem Heim für gestrauchelte Männer, einer Anstalt, befestigt hinter rohen Mauern, wie geschaffen für die Korrektur eines Adam und seinesgleichen.

Alles, was Adam verabscheute, war hier im Überfluß vorhanden. Zeitiges Wecken war selbstverständlich. Und ward von faulem, ungehaltenem Wachvolk ebenso überprüft wie sitzendes Urinieren. Das morgens drängten sich die Männer in viel zu enge Baderäume, wo sie haschten nach etwas Nässe, um schleunigst die verschwitzte Dusche wieder verlassen zu können. Der Speiseraum zeichnete sich durch muffige Enge aus. Auf den kleinen Sofas drängelte sich ein Vielfaches der vorgesehenen Personen, übereinander, untendrin und gar umschlungen saßen da die Männer und schmatzen sich gegenseitig in die Ohren und schlabberten sich voll. Die Krönung der Qual aber schien Adam die ihm zugewiesene Arbeit zu sein. Er, der gewöhnt war, Eisen auf Eisen zu fügen, zu rammen und zu wuchten, zu brennen und lachend in kaltem Wind den Amboß zu stählen, er mußte nun unter strenger Aufsicht zehn Stunden am Tag kleine Döschen aus duftend-feiner Pappmachè fertigen, Herzen und Äpfel, Törtchen und Sterne, auf das sie die Verbrecher am anderen Ende der Halle bemalen konnten in bleu und rose.

Abends, nach einem kargen Mahl, saßen die Männer wieder in ihren kleinen Sofas, furzten ein wenig und wußte vor Scham kaum zu reden und legten sich beizeiten mit den anderen Verbannten in die großen Fünf-Mann-Betten. Ein Kontakt zur Außenwelt war die erste Zeit nicht vorhanden. Und ein Jahr mußte verstreichen, bis Adam mit einer Gruppe Insassen das Lager erstmals wieder verlassen konnte und in Begleitung zweier versoffener Wärter hinunter gehen durfte zum Schandwirt. Dort trieb sich allerlei hämisches Volk herum, das nicht geizte mit Spott und anzüglichen Sprüchen, wenn die Verbannten in ihrer Mitte saßen bei ungezuckertem Basilikumtee.

Zwei weitere Jahre gingen in´s Land und dann hatte sich Adam, allen Ausbruchsplänen zum Trotz, für die nächste Stufe der Verbannung qualifiziert und ward, ohne Paß zwar und mit nicht zu knappen Meldepflichten, entlassen in eine bedingte Freizügigkeit innerhalb der Mauern der stolzen Reichsstadt A. Allerdings, man lies ihn nicht alleine. Er war veranlaßt, eine für ihn auserwählte Frau samt Kinderschar zu ehelichen und einen entsprechenden Haushalt zu führen. Eine Witwe war´s, der man somit den Gang zum Witwenwohlfahrtsamt ersparte. Adam trug Verantwortung ohne die leiseste Aussicht auf persönlichen Gewinn. Andererseits war die ihm zugewiesene Witwe eine trotz aller Unbill hübsche Frau und er war weißgott nicht von asketischer Natur und so fügte er sich denn in die neuerliche Wende seines Schicksals. Doch wenn er des morgens, eine kräftige Brotzeit im Beutel, den Weg zur Fabrik ging, wagten sich alte, quicklebendige Fantasien in´s Freie und malten Bilder von eisernen Rammböcken, mit denen sich beschlagene Stadttore stürmen ließen, von Katapulten, Fallschirmen und verwegene Intrigen. Aber seine Träume aus Planken und eisernem Guß gerieten ihm im immergleichen Trott klebriger Herzen und Quadrate zum nervösen Hirngespinst.

Allein, das Jahr an sich hatte nun großzügigeres zu bieten als den monatlichen Schandwirt, seinerzeit drunten beim Heim. Es wurde wieder gefeiert. Da war Weihnachten in warmer goldener Pracht, gefolgt von Sylvester in Saus und Braus und einem innigen Neujahrsgruß in feierlicher Runde. Feste jagten sich. Daher kam die Fasenacht, munteres Treiben in Regen und Schnee inmitten eifrigster Narren. Ostern war man im Garten hinter dem Häuschen zugange, das ihnen zugeteilt war, unterhielt sich unter Männern über den Zaun, derweil die Frauen mit den Kindern Spaß beim Eiersuchen hatten. Es kamen Pfingsten und Fronleichnam und sollten festliche Erhohlung sein von mühevoller Arbeit und dem Leben wohlverdienten Glanz verleihen. Und wenn die gebügelte Festtagshose über den Stuhl hing und Adam sich traut tummelte bei seinem Weib im wohlgemachten Bett, da glitzerte fürwahr goldenes Nachtlicht in ihr Schlafgemach. Im Urlaub ging´s dann runter zum Stadtgraben an den Kiosk mit den drei Ferienhäuschen und dem Minigolfplatz. Man kannte sich und war "per du" und freute sich, warum auch immer über´s alljährliche Wiedersehen. Der Herbst stand ganz im Zeichen von Schule und Kindern, Kindergarten und Elternbesprechung. Was mußte man nicht alles besorgen in diesen trüben Tagen. Im Oktober feierte man, aus praktischen Gründen, alle Geburtstage gemeinsam, ehe dann der besinnliche November in´s Land zog mit seinen Nebeln eines untergegangenen Gedichtes aus seinem verwunschen Land, das Adam weder schätzte noch liebte. Er blieb ein Verbannter auf Jahr und Tag.

Kalte, düstere Winter kamen und gingen und bald waren es deren Zwölfe. Und immer noch trugen ihn überwältigende Phantsien über ein eisernes Meer, hinweg in´s Land der Stahlkolosse, die nach seinem Wink hin tanzten auf weiten Straßen, rollten im Singsang von Achse und Kardan über einen Horizont aus purem Silber. Die per Gesetz verordnete Läuterung hatte nicht stattgefunden. Und Adam war ein kluger Mann und behielt seine Träume ganz und gar für sich.

So heldenhaft er sich durch die Tage schlug, so qualvoll wurden ihm mehr und mehr die Nächte, in denen er wach lag und sein Schicksal beklagte, flehentliche Hilferufe aussandte an obskure Mächte irgendwo, ein lautloses Schreien in seinem Kopf, als erhoffte er eine Erfüllung seiner geheimsten Wünsche durch die Hand eine göttlichen Fügung.

Und in der Tat, sein Fluchen und Flehen drang hinaus aus seinem dunklen Schlafgemach und erreichte auf magische Weise das Ohr eines gerade vorbeifliegenden Mitglieds des Großen Rats im Verbund der intergalaktischen Freibeuter, die allesamt zu faul zum Laufen waren. Hellhörig lauschte man Adams wilden Beschwörungen und fand Interesse an dem Fall. Nicht zuletzt vielleicht wegen der eigenen schlechten Laune, die herrührte von der Verzögerung bei der Lieferung der heißbegehrten Somas, unter dessen betörendem Einfluß die Freibeuterschar für gewöhlich ihre Tage zubrachte in poscher Umgebung. Man war gereizt und verstand Adam sehr wohl in seiner Not und hatte selber durchaus Lust, Muskeln spielen zu lassen. Schnell waren Fakten gesammelt und man kam zu dem Schluß, daß der Fall Adam tatsächlich himmelschreiendes Unrecht war und beschloß, die Stadt A. mit Mann und Maus dem Erdboden gleichzumachen, sollte dem Herrn Adam nicht binnen kurzer Frist Gerechtigkeit zuteil geworden sein.

Adams Leben jedoch ging weiter seinen gewohnten Gang. Untertags ließ er Pappmachè durch seine geschickten Finger gleiten, des nachts aber tobten ruhelose Schlachten in seinem Hirn. Eisen, Stahl, Pappmachè und Plasik. Seine Sehnsüchte begannen schal zu werden, je länger sie unerfüllt blieben. Und sie wurden ihm zur Qual, wenn er frühmorgens wieder hineingestoßen ward in die erbarmungslose Welt von Pappmachè und Sorgen.

Als ihm letztendlich auch noch der Trost des Träumens zu entgleiten schien, entschloß er sich eines Nachts zur Tat, schob alles Hoffen und Verdammen aus seinen Gedanken und glitt hinüber in einen lange nicht genossenen tiefen Schlaf. Gestärkt erwachte er des morgens und ging zur Arbeit mit dem festen Entschluß, die Welt zu verändern. Er tat, wie immer, seine Arbeit wohl und kam des abends pünktlich nach Hause. Wäre den Eheleuten im Laufe der Jahre nicht doch sehr viel Aufmerksamkeit füreinander abhanden gekommen, so hätte die Frau einen Glanz in Adams Augen sehen können, etwas Neues, Verwegenes, etwas Tode Entschlossenes. Aber sie sah es nicht. Und sie bemerkte auch nicht, wie Adam spät nachts leise aus dem Bett glitt und in den Garten schlich. Dort lag versteckt ein kostbarer Haken aus edlem Stahl, vor Jahr und Tag unter Schutt entdeckt und heimlich vergraben. Im Keller hing ein grobgeflochtenes Seil, das holte er leise und verknüpfte es zu passender Länge. Ein Herz aus rosa Pappmachè hänge er der Gattin als einen letzten Gruß ans Schlafgemach und verschwand mit Seil und Haken und etwas Proviant hinaus in die Nacht.

In verschlafenen Gassen fand er vorsichtig seinen Weg zur Stadtmauer, weit entfernt vom nächsten bewehrten Turm. Seine Chancen standen gut. Zu sehr hatte sich doch die Obrigkeit verlassen auf die untertänige Folgsamkeit ihrer Bürger, daß man glaubte, schludern zu können bei den Wachmannschaften. So schmiß der Adam todesmutig seinen Haken über den Mauerscheitel, wo er sich in grobem Steinwerk verankerte. Er hatte großes Glück. Niemand sah und hörte ihn. Er zögerte nicht und erklomm mit kräftigen Zügen die breite Brüstung, zog geduckt das Seil nach und ließ es lautlos hinunter an der Außenmauer und hangelte sich unbemerkt abwärts in die Freiheit.

Es blieb ihm nicht viel Zeit bis zum Morgengrauen, bis man seiner Abwesenheit gewahr werden würde. Im Dunkel von Büschen und Sträuchern schlich er hinweg von der Stadt A. und beschleunigte seinen Schritt, je weiter er sich entfernte und bald begann er zu laufen und zu hüpfen. Er eilte nach Westen, hinüber zum großen Fluß. Als hinter ihm das erste Licht des Tages in den Himmel kroch, berauschte ihn schon das Aroma des weiten Wassers und er tanzte die letzten Meter dahin auf einer Wolke aus schierer Glückseligkeit.

Angekommen am Ufer des großen Flusses in blauer Dämmerung vergeudete er keine Zeit und kaperte ein passendes Boot, setzte mit geschickter Hand, die nichts verlernt hatte, den tuckernden Motor ingang und steuert hinaus in die Mitte des Stroms, unbeachtet von den wenigen Menschen am Ufer. Und bald war er verschwunden hinter der großen Flußbiegung im silbernen Dunst der Ferne, auf dem Weg zum Meer im Süden, wo, so erzählen die alten Legenden, ein jeder Mann stolz Fahrwerk und Schiff sein eigen nannte.

So also ward die alte Reichsstadt A. gerettet vor dem rächenden Sengen der Götterschar im Großen Rat. Denn alsbald erfuhren diese von der Wende in Adams verwickeltem Fall und sanken froh zurück in die köstlichen Wohltaten des endlich gelieferten Somas und genossen wieder, lachend in omnipotenten Glanz und schlafend auf weichen Kissen, ihre himmlische Pracht.

Asam Massio aber hatte alle Grenzen hinter sich gelassen, hatte eine Fahne gehißt aus schwarzem Leinen und schipperte in seinem Boot aus purem Blech hinunter ans ewig blaue Meer.

Gerhard Lassen


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.