Eines schönen Tages blieb in dieser Stadt, nachdem sie über Jahre hinweg immer langsamer geworden war, die Zeit einfach stehen. Natürlich, die Stunden und Minuten wanderten noch über's Rund, der Mond hielt seine Bahn und Sommer kamen und gingen. Aber all das blieb lange schon bedeutungslos, denn, tatsächlich, es bewegte sich nichts mehr. Geborene Kinder weckten weder Freude noch Hoffnung und Gestorbene hinterließen keine Verluste, keine Trauer, keine Spuren. Alles Tun und Trachten diente allein dem Zwecke, die Dinge zu belassen, wie sie waren. Alles war befriedet, harmonisch und für die Ewigkeit geregelt.
Das vorzeitliche Kastenwesen, dem man anhing, förderte große, unüberwindliche Gefälle und Gegensätze unter der Bevölkerung. Diese aber waren kein Anlaß für nennenswerte Spannungen, da über allem ein göttlicher Wille wirkte, unerschütterlich und fest, dem ein jeder dankte für das, was ihm zugeteilt war. Allerlei Zeichen und bunte Symbole begleiteten die Einwohner über Jahr und Tag und wiesen den Weg durch's Leben. Man ward geboren an seinem Platz und den hielt man inne als Tribut an eine höhere Ordnung, die den Rechtschaffenen womöglich belohnte mit einem besseren Los im nächsten Leben.
Kunst und Musik taten das ihre, die Unveränderlichkeit des Daseins zu manifestieren. Die Malerei erging sich in den pigmenttreuen Farben der Jahreszeiten und der Vollkommenheit der göttlichen Zeichen. Die Lieder besangen das unermeßliche Walten der Götter, den unergründlichen Gang der Zeitläufte und lobpreisten das Hier und Jetzt als eine himmlische Gabe.
Und man sprach eine gemeinsame Sprache über alle Kasten hinweg, eine eigentümlich statische Mundart, die einem starken Seile gleich, die Gemeinschaft aneinander band. Es war eine äußerst simple Sprache, wie sie nur hier gesprochen wurde, obgleich sie hier am Orte nicht ursprünglich gewachsen war.
In einer lange vergangenen Zeit hatte sie eine kriegerische Macht an diese Küste gebracht. Es war die Sprache der Eroberer und Kolonialherren, die die Stadt besetzt hatten zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil.
Die Rajpigins, die einheimischen Herrscher der Stadt, hatten sich damals dieser neuen Sprache in eiligem Gehorsam und geckenhafter Mode bedient und waren dafür in Amt und Würden belassen worden. Als dann aber, nach langer, langer Zeit, die reichen Schätze des Landes ausgebeutet und erschöpft waren und die seefahrenden Besatzer der Stadt wieder den Rücken kehrten, war die neue Sprache längst alltagsverfügte Umgangssprache auch im hintersten Winkel des Gemeinwesens geworden, hatte sich alleinherrschend eingenistet und die reiche, alte Sprache gänzlich verdrängt und vergessen gemacht. Aber das Pigin, wie die Mundart genannt ward, hatte hier keine Geschichte, keine Wurzeln. Es gab keine bemerkenswerte Literatur in Pigin, keine Poesie, keine Bücher. Bestenfalls etwas Albernheiten und Witze.
Es war die Sprache von Unterworfenen, mit der man treu gedient hatte dem Übergeordneten und Herrschenden. Mit dem Abzug der Besatzer aber, die Nabelschnur durchtrennt, blieben die einzigen Impulse aus und das Pigin blieb in ihrer wortarmen Schlichtheit einfach stehen an Ort und Stelle, erstarrt wie das Leben selbst in dieser entlegenen Stadt an einer vergessenen Küste.
Die Rajpigins, Landbesitzer und Priester, waren alsdann wieder die alleinigen Herrscher der Stadt und blieben in ihrer Kastenreinheit hermetisch vom Rest der Bevölkerung getrennt. Es gab keine Hochzeiten oder sonstigen persönlichen Verbindungen zu Angehörigen untergeordneter Kasten. Das ward geregelt von einem äußerst wirkungsvollen Tabu. So vermehrten sich die Rajpigins seit jeher nur unter sich fort, bis der eine dem anderen glich wie ein Ei dem andern. Aber das begrenzte nicht allein die Aussehensvielfalt der Betroffenen, auch Kultur und Geistesstand litt im Laufe der Generationen unter einer augenscheinlichen Beschränktheit, so daß das Pigin in seiner Magerkeit eine durchaus angemessene Sprache für sie war. Und sie prägte nachhaltig das Leben und die Atmosphäre der Stadt, allein schon dadurch, daß es Worte und Begriffe für ach so viele Dinge einfach nicht gab. Es gab die Dankbarkeit, doch die Freude gab es nicht, es gab den Schmerz, aber keine Trauer, die Pflicht gab es, aber für die Liebe gab es in Pigin kein Wort und somit existierte sie auch nicht. Nicht allein bei den Rajpigins, in der ganzen Stadt ward das Leben schlicht gemacht durch eine schlichte Sprache.
Die Kohlharis etwa, die rangnächste Kaste, beschränkte sich in selbem Maße durch die hohen Schranken der Unaussprechbarkeit. Sie setzten sich zusammen aus Rechtsgelehrten, Doktoren, die hohen Offiziere und die Händler, die den verbliebenen Handel im Erzhafen im Norden kontrollierten. In nächster Nachbarschaft zu den Rajpigins, die in Parkanlagen rund um den alten Segel-hafen residierten, siedelten sie etwas nördlich davon, in weitläufigen Herrenhäusern, ebenso anmaßend, aber doch sichtbar bescheidener und geflissentlich orientiert an Gusto und Art ihrer Herren.
Die Dodores waren die nächste Schicht in der Rangordnung, die kleinen Händler, Verwaltungsbeamte und kleinen Offiziere, die, landeinwärts, an die Wohngebiete der Herrschenden anschließend, in ihren gemütlichen Stuben ein Leben in Dankbarkeit führten, denn es ging ihnen nicht schlecht in ihrer redlichen Rechtschaffenheit.
Am Rande der Stadt endlich, an den Hügeln, die diese in weitem Halbkreis umschlossen, lebte die Unterste der Kasten, die Bubalis, in putzlosen Häuschen, hingemauert in einem kleinen Garten vielleicht, oder in schnellerrichteten Etagenwohnungen. Sie waren die einfachen Handwerker, Arbeiter und gemeinen Soldaten, die ein arbeitsreiches Leben führten. Nach Feierabend saß man noch bei einem Bier, müde und erschöpft, was sollte man groß reden. Man holte sich doch nur den Teufel in's Haus. Ihnen genügte das Pigin gut und gerne und bewahrte ihnen doch ein unschuldiges Herz.
Doch nicht alleine in der Stadt selbst war das Pigin die Seele der Gemeinschaft; auch draußen vor den Toren, wo die Kastenlosen, die Wamsauis, hausten, war diese vertrocknete Sprache normaler Umgangston. Dort, wo die Gelegenheitsarbeiter, Lumpensammler, Toilettenreiniger und sonstigen Künstler ihr Dasein führten, war das Pigin der wohlfeile Paß zu den raren Arbeitsplätzen einerseits, andrerseits hatte man allemal nichts anderes gelernt, auch nicht in den wenigen Schulen, die doch nur dienten der Botschaft des immerwährenden Glaubens. Nur ganz draußen, am Rande des Randes sozusagen, direkt neben den Kloaken, wo es nicht einmal mehr die einfachsten Hütten gab und die Leute sich nachts unter Plastik und Müll verkrochen, bei den Rattenfressern, hatte sich eine Spur der alten Sprache alltäglich am Leben erhalten. Gott und die Rajpigins waren fern und Loyalität, für wen auch immer, nutzlos.
Und eben hier geschah es, daß einen frühen Sommermorgens, weit über Auen und Wiesen, ein fahrender Dichter deswegs kam, in der Hoffnung auf einen lukrativen Tauschhandel. Er führte alte Bücher im Gepäck, eine Kuriosität in dieser entlegenen Gegend. Gleich war er eingekreist von zerlumpten Kindern und scheuen, dunklen Frauen, die also gleich nach ihren Männern riefen. So war der Dichter umlagert von einer neugierigen Schar, die nach Sinn und Zweck seiner Ware fragten. Der Dichter war genötigt, zu erläutern und Kostproben darzubieten. Und so schlug dieser ein altes, zerfleddertes Machwerk auf, eines Faustens Geschichte, und las daraus, so eindringlich und forsch er nur konnte, den willkürlich gewählten Satz:
Wir haben nichts durch diesen Schritt gewonnen.
Trifft man auch Protheus, gleich ist er zerronnen. Und steht er Euch, so sagt es nur zuletzt, was Staunen macht und in Verwirrung setzt. Du bist einmal bedürftig solchen Rats, Versuchen wir's und wandeln unsres Pfads.
Letzteres hätte der hergereiste Artist beim näheren Anblick seiner Klientel am liebsten gleich getan. Man kaute versonnen auf Rattenschwänzen herum, rülpste ungenierlich und manche führten Keulen mit sich, aber allen, allen glänzten erfreut die Augen, ob dieser Anmut und lebendigen Sprachmelodei. Sie erkannten die Sprache des Liedes aus fernen Fetzen der Erinnerung und baten erregt um mehr, um Wiederholung, schon des vergnüglichen Singsangs dieser schönen Worte wegen. Sie ließen den unruhigen Dichter nicht von dannen ziehen. Er mußte noch viele Verse rezitieren und neue und andere und bald lachten seine Zuhörer, weil sie mehr und mehr des Gesagten verstanden und weil es so lustig klang, wenn die Worte in musikalischem Takte daherpurzelten. Die jungen Zuhörer begannen sogleich, die Verse nachzureden und das Sprachmaß nachzuahmen und derweil erwachte beim Publikum, aus langem, dunklem Schlaf, die Kenntnis dieser alten Sprache und die Bedeutung seiner Worte. Als dann endlich nach kargem Handel der Dichter wieder seiner Wege gehen konnte, folgten ihm schon die Unternehmungslustigsten der Rattenfresser singend und Verse schmiedend hinterher in eine weite, unbekannte Welt.
Kurz und gut, die Rattenfresser waren die geborenen Verseschmiede. Die ersten, die dem Dichter nachgezogen waren, und die vielen, die diesen folgten, erfreuten sich riesigen Erfolges in der neuen Welt, fernab der Gestade der Rajpigins. Sie eroberten sich dort schiergar mühelos die kleinen und alsbald die großen Bühnen, zogend reimend und virtuos in ihrer Sprache über den Erdkreis und waren hochgeschätzt als Dichter, Literaten, Schauspieler und Märchenerzähler. Reich geworden, floß denn bald auch viel des erworbenen Wohlstandes zurück zu alter Heimstätte, wo die Alten und Zögerlichen zurückgeblieben waren. Dort nützte man den hergesandten Reichtum vortrefflich, baute sich schöne Häuschen und pflegte das Land jenseits der Hügel auf's beste. Die alte Stadt selbst aber begann zu verkümmern, der Hafen versandete und das Erz war unergiebig geworden. Man hatte dort den Anschluß an die Welt nicht wiedergefunden. Aber draußen, vor den Toren und Mauern, blühten Wohlstand und Freude. Die Wamsauis bauten sich Straßen, sorgten für Licht und Wasser, eigene Schulen und ein Theater, und bald waren auch Wege eingerichtet über die weiten Ebenen hinaus in die freie Welt. Gäste kamen von weit her, neugierig geworden auf dieses unbekannte, fremde Land und die alte Stadt Rajpigin. Deren Bewohner aber waren inzwischen völlig verarmt und so konnten die reichgewordenen Wamsauis, die Rattenfresser, wie sie sich nannten, die Stadt mit Mann und Maus für leichtes Geld und dünne Apanage erwerben und als schieres Theater weiterführen, als immerwährendes Historienspiel, für den Gelehrten so interessant wie unterhaltsam für den Feriengast, eine tolle Nummer, eine Attraktion für jung und alt, für das man gerne gutes Geld ließ im Säckel der Rattenfresser.
Gerhard Lassen