Kurzgeschichte

Drei Frauen

Ich bin Lisi, 23 Jahre alt und lebe in der Nähe von München auf dem Land. Ich habe eine kleine Tochter, die bald drei wird, bin seit etwas über drei Jahren verheiratet und habe die Scheidungspapiere schon eingereicht. Ich habe keine Ausbildung und keinen Beruf, aber seit kurzem einen Job, der Anna, so heißt meine Kleine, und mir nicht allzuviel läßt, uns aber so durchbringt. Das ist in wenigen Worten so mein Leben. So jung und schon alles kaputt, was man eben so kaputt machen kann? Das ist mir selber klar und ich krieg das auch oft genug gesagt. Die Leute hier, und damit mein ich keineswegs bloß meine Eltern, die haben noch am ehesten Verständnis, und deren Altersklasse, die mich eben als Tochter aus bekanntem Hause kennt, sondern auch und gerade die Cliquen, mit denen ich früher und zum Teil auch heute noch so rumziehe, diese Leute kucken mich an wie Schafe, sie schweigen und hintenrum bin ich ein Thema, aus dem keiner schlau wird, oder sie versuchen mir ins Gewissen zu reden, was auch nicht gerade spaßig ist. Vor allem, wenn sowas halt dauernd vorkommt. Die einen halten mich für eine arrogante Zicke, von der man sowas hätte erwarten müssen, die anderen behaupten, mein Mann hätte mich weder richtig im Griff gehabt, noch gut gefickt. Naja, da liegen die auch gar nicht so falsch. Ironischerweise leidet er am meisten drunter. Mir geht‘s soweit ganz prima, denn ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich‘s bekanntlich ungeniert. Er allerdings ist durch unsere Trennung so halb zum Pechvogel und halb zum Versager geworden, wobei alles eigentlich so klasse angefangen hat. Hochzeit in weiß, ich schon mit Bauch, eigene Wohnung, gemeinsames Schwangerschaftstraining, Kinderzimmer einrichten und so weiter. Er war ein liebevoller Vater und wollte nix falsch machen. Alsbald geht man sich auf die Nerven, weil man zuvor nie länger als einen Urlaub zusammen verbracht hat, aus einem Streit folgt der nächste und so ergibt sich‘s dann halt. Und so wird aus einem Mann auch noch ein Opfer, da sind sich nämlich alle, egal ob Männlein oder Weiblein, einig: Ich bin schuld. Klar macht man sich da mal Gedanken, aber ich hab mir gedacht, scheiß drauf, ja. Mein Rat an Euch Mädels, laßt den Blödsinn bleiben! Wenn Ihr ein Baby wollt, und ich habe das keinen Augenblick bereut, denn Anna ist mein Sonnenschein, laßt Euch eins machen und schießt ihn dann in den Wind, außer um mal auf Euern Liebling aufzupassen ist er ohnehin zu nichts nütze.

 

Hy Fonzo, ich habe Deine Nachricht bekommen und hoffe, daß ich Dich richtig verstanden habe: Du willst, daß ich über mich etwas schreibe? Eigentlich bin ich nicht sicher, ob ich das veröffentlicht haben will, aber andererseits wohne ich ja nicht mehr in München und vielleicht kann es meinen Weg zu Gott für Euch nachzeichnen. Also, ich heiße Claire und arbeite als Lehrerin an einer Primary School in Queens/New York City. Ich bin Afro-Amerikanerin und komme eigentlich aus der Nähe von Chicago, in München hab ich mal Kunstgeschichte studiert. Obwohl ich dort eine schöne Zeit gehabt habe, waren meine Erinnerungen daran immer von einem Ereignis überschattet, daß mir lange Zeit zu schaffen gemacht hat (sagt man „zu schaffen gemacht“?). Ich wohnte in einem Studentenzimmer im Olympiazentrum, im B-Hochhaus, und hatte auf dem gleichen Stockwerk einen Freund. Von ihm bin ich dann schwanger geworden. Das war damals ein Schlag ins Gesicht. Ich war jung, hatte kein Geld und war tausende Kilometer von zu Hause entfernt. Ich habe sehr viel geheult und versucht, klare Gedanken zu fassen. Mein Freund war in dieser Zeit der beste Freund der Welt, er sagte: „Laß es wegmachen.“ Ein komischer Ausdruck übrigens, man begegnet dem Wunder des Lebens, als wäre es Sondermüll. Jedenfalls war er oft bei mir, hörte mir zu und redete behutsam auf mich ein. Ich rief zu Hause an. Meine Mutter kam mich besuchen, ich hatte ihr nichts gesagt, aber sie spürte, daß was nicht stimmte, ich strengte mich auch nicht an, das zu verbergen. Ich holte sie am Flughafen ab und wir fuhren beinahe direkt zur Klinik. Ich wünsche das niemandem. Ich hatte große Schmerzen und es war mir sehr schlecht dabei. Erst bekam ich einen Haufen Betäubungsmittel und dann Mittel gegen die Betäubung. Danach ist man so schlecht auf den Beinen, daß man sich sowieso nur auf das Gehen konzentrieren kann. Meine Mutter hat mir sehr geholfen. Meinen Freund habe ich dagegen nicht mehr sehr oft gesehen, er ist mir einfach aus dem Weg gegangen. Noch nie hat mich ein Mensch so enttäuscht. Wochen später bin ich mit einem anderen Freund, mit dem ich ab und zu ganz freundschaftlich (auch so ein deutsches Wort) ausgegangen bin, in einer Pizzeria gewesen. Es war nur noch Platz an einem Tisch, an dem schon ein Pärchen saß. Sie war schwanger und ich habe dann nichts essen können. Ich habe immer an mein Baby gedacht. Sicherlich wurde ich selbstbewußter. Mein Vater rief einmal an und sagte „Komm doch nach Hause.“ Da antwortete ich „Dad, ich bleibe, ich bin jetzt erwachsen!“ Aber lange habe ich es in Deutschland nicht mehr ausgehalten. Mein Leben war aus der Bahn geworfen worden. Heute habe ich fast keine Kontakte mehr nach München. Die Menschen, die ich gekannt habe, wohnen nicht mehr dort oder sie antworten nicht. Trotzdem fehlen sie mir nicht allzu sehr. Ich habe hier eine neue Familie, in der ich Gott und über ihn mich selbst gefunden habe. Ich mußte lernen, meinen Schmerz auszusprechen, damit ich ihn überwinden konnte. Ich fühle mich heute leicht und innerlich fröhlich. Wir treffen uns oft und beten und singen gemeinsam. Einen Freund habe ich bis heute keinen mehr gehabt und ich brauche auch keinen mehr, wenn, dann möchte ich einen Ehemann haben, der es ernst mit mir meint. Aber ich werde nie aus Spaß mit ihm Sex haben, nur um ein Kind zu bekommen. Aber dafür bin ich noch nicht bereit.

 

Mein Name ist Fatma, ich bin Türkin, verheiratet mit einem Deutschen und werde in ein paar Tagen 21. Ob ich glücklich bin? Ich nicht gerade verzweifelt, sagen wir, ich bin mit vielem unzufrieden. Mein Mann, manchmal sag ich immer noch mein Freund, und ich, wir sind seit vier Jahren jetzt zusammen und seit einem Jahr verheiratet. Ich mag ihn, das ist mal sicher, aber mich wundert halt, daß alles so geworden ist, wie es eben heute ist. Als ich ihn kennengelernt habe, da hab ich Träume gehabt. Ich konnte ziemlich gut malen und wollte auf die Kunstakademie, aber auch die Malerei braucht Übung und Zeit, wahrscheinlich war ich einfach zu faul, aber ich hab damals eine große Sache fallengelassen und nie wieder die Möglichkeit gehabt, sie wieder aufzunehmen. Mark hat mich nie dazu ermutigt. Und ich weiß auch warum. Ich versuch mal es zu erklären. Wir streiten uns oft über belangloses Zeug, wobei es nur darum geht, unsere Kräfte zu messen. Ich gewinne in aller Regel, und das ist auch gut so, weil ich mir dann wieder sicher bin, daß ich stärker bin als er. Er verliert, weil er mich liebt und aus einem Streit keine Krise machen will - und hier fängt das Ganze an, paradox zu werden. Ich bin die Stärkere, kann aber nicht machen, was ich will, weil er dann sofort wieder diese großen wässrigen Hundeaugen kriegt und zu flennen anfängt. Ein richtiges Weichei. Und das hat Methode. Immer wenn ich meinen Kopf hätte durchsetzen wollen und ihn hätt‘s absichtlich oder unabsichtlich mitgetroffen, da hat er geheult wie ein Schloßhund: als ich mir überlegt hab, mit Daniel zusammenzusein, als ich für ein Praktikum nach Berlin wollte, als ich mir von meinem eigenen Geld ein eigenes Bett kaufen wollte, als ich mit Murat und seinen Freunden ausgehen wollte, als ich ohne ihn in die Türkei fliegen wollte (schließlich wissen meine Eltern und Verwandten gar nicht, daß wir verheiratet sind). Um das klarzustellen, es hat schon was, jemanden um sich zu haben, der für einen alles tut, aus Angst, einen zu verlieren. Aber das funktioniert eben ganz genau nur in diesem Rahmen, ein goldener Käfig, wenn man so will. Und seit wir geheiratet haben, rechtlich ist das schon besser für mich und heiraten wollt ich eigentlich sowieso mal, und ich feierlich in seine spießige Familie aufgenommen worden bin, die mich kurz vorher noch als Nutte beschimpft hat, seither müßte Mark nicht nur mich aufgeben, wenn ich gehen sollte, sondern auch den Traum von einem geordneten Leben. Das macht‘s nicht gerade leichter. Es ist ihm sogar unrecht, wenn ich arbeiten gehe, ich könnt ja finanziell unabhängig werden und dann wär‘s nur noch ein Schritt. Na, ich weiß gar nicht, ob er soweit denkt, ob er nicht versucht, einfach automatisch ein Leben festzunageln, wie man immer schon gelebt hat. Wer weiß, vielleicht bleib ich bei ihm und werd trotzdem noch zufrieden, weil wir uns irgendwie einigen, wie gesagt, ich mag ihn ja auch. Nur bei einer Sache mach ich mir Sorgen. Ich will kein Kind, nicht heute und nicht morgen, aber er läßt ab und zu Sätze ab wie: Ach warum, Kinder möcht ich aber schon mal haben, sicher es muß nicht in nächster Zeit sein, aber irgendwann doch schon. Trägt er es aus? Kotzt er jeden Morgen? Steht er jede Nacht auf? Ich fürchte fast, er würde wohl tatsächlich jede Nacht aufstehen und sich ums Baby kümmern - aus Zufriedenheit darüber, daß ich dann wohl tatsächlich nicht mehr gehen kann.          (Gonzales)