Buchrenzension

Inkonsistenzen und Ambivalenzen in Marx' Kritik der politischen Ökonomie

Michael Heinrich: Die Wissenscahft vom Wert - Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition (überarbeitete und erweiterte Neuauflage 1999, Verlag Westfälisches Dampfboot)

Michael Heinrich gehört zum Kreis um den „linken“ Berliner Ökonomen Altvater und ist geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift „PROKLA“, früher „Probleme des Klassenkampfs“, jetzt „Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft“.

 

Heinrichs Intention ist es, „Inkonsistenzen“ und „Ambivalenzen“ in Marx´ Kritik der politischen Ökonomie aufzudecken und zu beheben – was einerseits „gegen die diversen Verabschiedungen des Marxismus“ gerichtet ist, andererseits dem „Anspruch einer differenzierteren Diskussion“ entspringt.

 

Marx hat selbst nur einen kleineren Teil seiner ökonomischen Theorie veröffentlicht: 1. die Schrift „Zur Kritik der politische Ökonomie. Erstes Heft“ von 1859 und 2. den ersten Band des Kapitals (1867). Davon erschien 1872 eine 2. Auflage, sowie später eine französische Übersetzung, beide mit Veränderungen gegenüber der 1. Auflage. Spätere Auflagen des 1. Bandes sowie der 2. und 3. Band des Kapitals wurden von Engels nach Marx Tod besorgt.

 

Für den 2. und 3. Band stützte Engels sich auf die Manuskripte von Marx. Letztere sowie eine Reihe weiterer z.T. umfangreicher Arbeiten von Marx, der 1850 in London (aufgrund des ungeheuren Materials, das ihm im Britischen Museum zur Verfügung stand) beschlossen hatte, mit seinen ökonomischen Studien „ganz von vorn wieder anzufangen“, werden seit 1975 in der MEGA veröffentlicht.

 

Zum einem versucht Heinrich, Engels´ Urheberschaft von „Inkosistenzen“ durch einen kritischen Vergleich der Manuskripte mit der Redaktion durch Engels zu ermitteln. Andererseits konstatiert der gelernte Mathematiker Heinrich theoretische Mängel bzw. Fehler bei Marx selbst: – Die entsprechenden Stellen werden von ihm dann auch vorzugsweise nach den Original-Manuskripten von Marx zitiert (noch mit altdeutscher Orthographie; z.B. Waare statt Ware), wobei ihm das Verdienst zukommt, sich durch das Manuskripte-Konvolut der MEGA durchgearbeitet und die umfangreiche Literatur zum „Kapital“ ausgewertet zu haben. Theoretische Mängel sieht Heinrich vor allem:

 

§           in der „monetären Werttheorie““(Im Unterschied zur „prämonetären“ Werttheorie, die sich (zunächst) am Modell einer geldlosen Ökonomie orientiert)“In den 70er Jahren habe sich gezeigt, daß „mit der Demonetisierung des Goldes das Geldsystem anscheinend auch ohne eine Geldware funktioniert.“(S.15) „Indem Marx das Geld aber sofort als Warengeld auffaßt, sitzt er einer bestimmten historischen Phase in der Entwicklung des Geldsystems auf und legt seiner Geldtheorie ... eine entscheidende Fessel an.“ (S.236) Oder: „Indem Marx seine Geldtheorie an die Existenz einer Geldware knüpft, verquickt er die abstrakteste Bestimmung des Geldes mit einem bestimmten historischen Geldsystem.“(S.240)

§           bei der Transformation der Werte in Produktionspreise“Auch Marx sei schon klar gewesen, daß die Verwandlung der Werte in Produktionspreise die Berechnung der Kostpreise zu Werten voraussetzt. „Auf diesen ´Fehler´ wies Marx zwar schon selbst hin, dessen Bedeutung unterschätzte er aber völlig.“ Denn: „Lassen sich die Kostpreise nicht zu Werten berechnen, so ist jedoch nicht bloß eine kleine Korrektur des Ergebnisses erforderlich. Vielmehr wird das ganze von Marx angewandte quantitative Verfahren der Transformation hinfällig ...“(beide S.270)

§           beim Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate,“dessen Gültigkeit H. mit einem mathematischen Beweis widerlegt.

 

H. hebt allerdings hervor, daß die von ihm konstatierten Fehler Marx´ Kritik der kapital. Produktionsweise nicht tangieren: „Wenn im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie auf das ´Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate´ verzichtet werden muß, so ist dies kein besonderer Verlust. ... ist [doch] die Marxsche Krisentheorie keineswegs auf dieses ´Gesetz´ angewiesen.“(S.340)

 

Außerdem hält H. weitere Untersuchungen zu den Themen Zins und Kredit sowie der Krisentheorie für notwendig. Denn die „von Marx nur rudimentär entwickelte Krisentheorie“ ist „Voraussetzung für eine Untersuchung des Zusammenhangs von Kredit und Krise.“, wobei H. die Auffassung zurückweist, Marx habe den Zusammenbruch des Kapitalismus wg. Krisen vorhergesagt. Warum „die Schwäche der Geld- und Kredittheorie nicht nur aus theoretischen Gründen fatal“(alles S.15) sein soll, wird allerdings nicht klar.

 

Komplimente an die bürgerliche Ökonomie

 

Während die verflachte bürgerliche Ökonomie von Marx im Unterschied zur klassischen Ökonomie als Vulgärwissenschaft bezeichnet wird, spricht H. vornehm von einem „anderen theoretischen Feld“ der modernen Ökonomie, bei der ein „Paradigmenwechsel“ stattgefunden habe:

„Marxistische Ökonomie galt nicht als wissenschaftliches, sondern lediglich als ´ideologisches´ Unterfangen ... Dieser Umgang mit der Marxschen Theorie läßt sich nicht auf die individuelle Borniertheit oder Interessiertheit bürgerlicher Ökonomen reduzieren. Vielmehr hatte in der akademischen Ökonomie gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein entscheidender Paradigmenwechsel eingesetzt: Mit der Grenznutzentheorie und dem Einzug mathematischer Methoden verschoben sich nicht nur die Inhalte der ökonomischen Theorie, sondern auch die Standards der Wissenschaftlichkeit.“(S.13)

Daß diese „Verschiebung“ hin zu anderen „Standards“ die Funktion der Bürgerlichen Wissenschaft (und nicht nur ihrer ökonomischen Abteilung) zur Legitimation der kapitalistischen Verhältnisse beinhaltet, scheint Heinrich nicht weiter zu stören. – Auch eine Art, sich in einem Wissenschaftsbetrieb einzurichten, der gegen Kritik immun ist und bei jeder ernsthaften Kontroverse mit der Staatsgewalt droht!

 

Marx - ohne Popper und die moderne Erkenntnistheorie zu ambivalent

 

Bei Marxisten galt dagegen „das Kapital als gesicherter Ausgangspunkt, die weißen Flecken der Marxschen Theorie wurden kaum als solche wahrgenommen.“(S.13) Für H. ist „daher auch nicht überraschend, daß man allerorten eine Abkehr von der Marxschen Ökonomie und insbesondere von der Werttheorie registrieren kann“, woraus folgt, daß „vor allem die Beseitigung bestimmter Defizite des kategorialen Apparates der Kritik der politischen Ökonomie“(S.16) ansteht.

Marx muß sich also getäuscht haben, wenn er glaubte, im „Kapital“ (in welcher Fassung auch immer) den Begriff des Kapitals und die wissenschaftliche Erklärung der kapital. Produktionsweise entwickelt zu haben (womit nicht gesagt werden soll, daß sich der Kapitalismus seit Marx nicht gewandelt habe und seine moderne Erscheinungsform nicht (neu) zu erklären ist).– Denn dank H. wissen wir jetzt, „daß sich auch ... im ´Kapital´ permanent zwei verschieden Diskurse durchkreuzen“(S.17) (wie schön!): nämlich Klassische politische Ökonomie vs. Ihre Kritik durch Marx.

Heinrichs Arbeit liegt demnach die „weitergehende These zugrunde, ... daß sich der Diskurs der Klassik aber auch noch innerhalb seines (Marx´) eigenen Diskurses wiederfindet ... seine eigene kategoriale Entwicklung bleibt an entscheidenden Stellen ambivalent.“(S.17) – Wer wollte da nicht an den alten Goethe denken: „Denn wo Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Diskurs sich ein.“

 

Der wissensch. Beliebigkeit sind dann auch Tür und Tor geöffnet: „Wissenschaft besteht nicht nur aus Beobachtungen und Theorien, vielmehr ist eine Problematik, d.h. nicht nur eine einzelne Fragestellung, sondern die Struktur eines Diskurses ... konstitutiv für Theoriebildung und Beobachtung.“(S.23) Wie es sich für einen kritischen Wissenschaftler gehört, ist auch das noch nicht das letzte Wort seines erkenntnistheoretischen Relativierungs-Dogmas, sondern:

„Verschiedene Problematiken lassen sich ihrerseits wieder auf ein zugrunde liegendes theoretisches Feld beziehen, das aus einer Reihe von Annahmen besteht, die meistens gar nicht expliziert, sondern als selbstverständlich angesehen werden. ... Das theoretisches Feld konstituiert damit die Art und Weise, in welcher das Objekt einer Wissenschaft gegeben ist, es bestimmt überhaupt erst die jeweilige Vorstellung von Empirie.“(S.23) (schwierig, schwierig! – wenn Marx das alles schon gewußt hätte ...)

Und zum Schluß noch: „ Es gibt keine gegebenen Objekte, die Objekte der Wissenschaft sind durch die Tätigkeit des Wissenschaftlers konstruiert“(S.25) und „Als geistiges Produkt ... existiert der Text nur in seinen Interpretationen.“(S.26), womit dann endgültig jede wissenschaftliche Objektivität bestritten wäre!