Michael Heinrich gehört zum Kreis um den „linken“ Berliner Ökonomen Altvater und ist geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift „PROKLA“, früher „Probleme des Klassenkampfs“, jetzt „Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft“.
Heinrichs
Intention ist es, „Inkonsistenzen“ und „Ambivalenzen“ in Marx´ Kritik der
politischen Ökonomie aufzudecken und zu beheben – was einerseits „gegen die
diversen Verabschiedungen des Marxismus“ gerichtet ist, andererseits dem
„Anspruch einer differenzierteren Diskussion“ entspringt.
Marx
hat selbst nur einen kleineren Teil seiner ökonomischen Theorie veröffentlicht:
1. die Schrift „Zur Kritik der politische Ökonomie. Erstes Heft“ von 1859 und
2. den ersten Band des Kapitals (1867). Davon erschien 1872 eine 2. Auflage,
sowie später eine französische Übersetzung, beide mit Veränderungen gegenüber
der 1. Auflage. Spätere Auflagen des 1. Bandes sowie der 2. und 3. Band des
Kapitals wurden von Engels nach Marx Tod besorgt.
Für
den 2. und 3. Band stützte Engels sich auf die Manuskripte von Marx. Letztere
sowie eine Reihe weiterer z.T. umfangreicher Arbeiten von Marx, der 1850 in
London (aufgrund des ungeheuren Materials, das ihm im Britischen Museum zur
Verfügung stand) beschlossen hatte, mit seinen ökonomischen Studien „ganz von
vorn wieder anzufangen“, werden seit 1975 in der MEGA veröffentlicht.
Zum
einem versucht Heinrich, Engels´ Urheberschaft von „Inkosistenzen“ durch einen
kritischen Vergleich der Manuskripte mit der Redaktion durch Engels zu
ermitteln. Andererseits konstatiert der gelernte Mathematiker Heinrich
theoretische Mängel bzw. Fehler bei Marx selbst: – Die entsprechenden Stellen
werden von ihm dann auch vorzugsweise nach den Original-Manuskripten von Marx
zitiert (noch mit altdeutscher Orthographie; z.B. Waare statt Ware), wobei ihm
das Verdienst zukommt, sich durch das Manuskripte-Konvolut der MEGA
durchgearbeitet und die umfangreiche Literatur zum „Kapital“ ausgewertet zu
haben. Theoretische Mängel sieht Heinrich vor allem:
§ in der „monetären Werttheorie““(Im
Unterschied zur „prämonetären“ Werttheorie, die sich (zunächst) am Modell einer
geldlosen Ökonomie orientiert)“In den 70er Jahren habe sich gezeigt, daß „mit
der Demonetisierung des Goldes das Geldsystem anscheinend auch ohne eine
Geldware funktioniert.“(S.15) „Indem Marx das Geld aber sofort als Warengeld
auffaßt, sitzt er einer bestimmten historischen Phase in der Entwicklung des
Geldsystems auf und legt seiner Geldtheorie ... eine entscheidende Fessel an.“
(S.236) Oder: „Indem Marx seine Geldtheorie an die Existenz einer Geldware
knüpft, verquickt er die abstrakteste Bestimmung des Geldes mit einem
bestimmten historischen Geldsystem.“(S.240)
§ bei der Transformation der Werte in
Produktionspreise“Auch Marx sei schon klar gewesen, daß die Verwandlung der
Werte in Produktionspreise die Berechnung der Kostpreise zu Werten voraussetzt.
„Auf diesen ´Fehler´ wies Marx zwar schon selbst hin, dessen Bedeutung
unterschätzte er aber völlig.“ Denn: „Lassen sich die Kostpreise nicht zu
Werten berechnen, so ist jedoch nicht bloß eine kleine Korrektur des
Ergebnisses erforderlich. Vielmehr wird das ganze von Marx angewandte
quantitative Verfahren der Transformation hinfällig ...“(beide S.270)
§ beim Gesetz vom tendenziellen Fall
der Profitrate,“dessen Gültigkeit H. mit einem mathematischen Beweis widerlegt.
H.
hebt allerdings hervor, daß die von ihm konstatierten Fehler Marx´ Kritik der
kapital. Produktionsweise nicht tangieren: „Wenn im Rahmen der Kritik der
politischen Ökonomie auf das ´Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate´
verzichtet werden muß, so ist dies kein besonderer Verlust. ... ist [doch] die
Marxsche Krisentheorie keineswegs auf dieses ´Gesetz´ angewiesen.“(S.340)
Außerdem
hält H. weitere Untersuchungen zu den Themen Zins und Kredit sowie der
Krisentheorie für notwendig. Denn die „von Marx nur rudimentär entwickelte
Krisentheorie“ ist „Voraussetzung für eine Untersuchung des Zusammenhangs von
Kredit und Krise.“, wobei H. die Auffassung zurückweist, Marx habe den
Zusammenbruch des Kapitalismus wg. Krisen vorhergesagt. Warum „die Schwäche der
Geld- und Kredittheorie nicht nur aus theoretischen Gründen fatal“(alles S.15)
sein soll, wird allerdings nicht klar.
Komplimente
an die bürgerliche Ökonomie
Während
die verflachte bürgerliche Ökonomie von Marx im Unterschied zur klassischen
Ökonomie als Vulgärwissenschaft bezeichnet wird, spricht H. vornehm von einem
„anderen theoretischen Feld“ der modernen Ökonomie, bei der ein
„Paradigmenwechsel“ stattgefunden habe:
„Marxistische
Ökonomie galt nicht als wissenschaftliches, sondern lediglich als
´ideologisches´ Unterfangen ... Dieser Umgang mit der Marxschen Theorie läßt
sich nicht auf die individuelle Borniertheit oder Interessiertheit bürgerlicher
Ökonomen reduzieren. Vielmehr hatte in der akademischen Ökonomie gegen Ende des
19. Jahrhunderts ein entscheidender Paradigmenwechsel eingesetzt: Mit der
Grenznutzentheorie und dem Einzug mathematischer Methoden verschoben sich nicht
nur die Inhalte der ökonomischen Theorie, sondern auch die Standards der
Wissenschaftlichkeit.“(S.13)
Daß
diese „Verschiebung“ hin zu anderen „Standards“ die Funktion der Bürgerlichen
Wissenschaft (und nicht nur ihrer ökonomischen Abteilung) zur Legitimation der
kapitalistischen Verhältnisse beinhaltet, scheint Heinrich nicht weiter zu
stören. – Auch eine Art, sich in einem Wissenschaftsbetrieb einzurichten, der
gegen Kritik immun ist und bei jeder ernsthaften Kontroverse mit der
Staatsgewalt droht!
Marx
- ohne Popper und die moderne Erkenntnistheorie zu ambivalent
Bei
Marxisten galt dagegen „das Kapital als gesicherter Ausgangspunkt, die weißen
Flecken der Marxschen Theorie wurden kaum als solche wahrgenommen.“(S.13) Für
H. ist „daher auch nicht überraschend, daß man allerorten eine Abkehr von der
Marxschen Ökonomie und insbesondere von der Werttheorie registrieren kann“,
woraus folgt, daß „vor allem die Beseitigung bestimmter Defizite des
kategorialen Apparates der Kritik der politischen Ökonomie“(S.16) ansteht.
Marx
muß sich also getäuscht haben, wenn er glaubte, im „Kapital“ (in welcher
Fassung auch immer) den Begriff des Kapitals und die wissenschaftliche Erklärung
der kapital. Produktionsweise entwickelt zu haben (womit nicht gesagt
werden soll, daß sich der Kapitalismus seit Marx nicht gewandelt habe und seine
moderne Erscheinungsform nicht (neu) zu erklären ist).– Denn dank H. wissen wir
jetzt, „daß sich auch ... im ´Kapital´ permanent zwei verschieden Diskurse
durchkreuzen“(S.17) (wie schön!): nämlich Klassische politische Ökonomie vs.
Ihre Kritik durch Marx.
Heinrichs
Arbeit liegt demnach die „weitergehende These zugrunde, ... daß sich der
Diskurs der Klassik aber auch noch innerhalb seines (Marx´) eigenen Diskurses
wiederfindet ... seine eigene kategoriale Entwicklung bleibt an entscheidenden
Stellen ambivalent.“(S.17) – Wer wollte da nicht an den alten Goethe denken:
„Denn wo Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Diskurs sich ein.“
Der
wissensch. Beliebigkeit sind dann auch Tür und Tor geöffnet: „Wissenschaft
besteht nicht nur aus Beobachtungen und Theorien, vielmehr ist eine
Problematik, d.h. nicht nur eine einzelne Fragestellung, sondern die Struktur
eines Diskurses ... konstitutiv für Theoriebildung und Beobachtung.“(S.23) Wie
es sich für einen kritischen Wissenschaftler gehört, ist auch das noch nicht
das letzte Wort seines erkenntnistheoretischen Relativierungs-Dogmas, sondern:
„Verschiedene
Problematiken lassen sich ihrerseits wieder auf ein zugrunde liegendes
theoretisches Feld beziehen, das aus einer Reihe von Annahmen besteht, die
meistens gar nicht expliziert, sondern als selbstverständlich angesehen werden.
... Das theoretisches Feld konstituiert damit die Art und Weise, in welcher das
Objekt einer Wissenschaft gegeben ist, es bestimmt überhaupt erst die jeweilige
Vorstellung von Empirie.“(S.23) (schwierig, schwierig! – wenn Marx das alles
schon gewußt hätte ...)
Und zum Schluß noch: „ Es gibt keine gegebenen Objekte, die Objekte der Wissenschaft sind durch die Tätigkeit des Wissenschaftlers konstruiert“(S.25) und „Als geistiges Produkt ... existiert der Text nur in seinen Interpretationen.“(S.26), womit dann endgültig jede wissenschaftliche Objektivität bestritten wäre!