»Gold!
Kostbar, flimmernd, rotes Gold!
Soviel
hiervon macht schwarz weiß, hässlich schön;
Schlecht
gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.
...
Ihr Götter, warum dies? Warum dies, Götter;
Ha!
Dies lockt euch den Priester vom Altar;
Reißt
Halbgenes´nen weg das Schlummerkissen;
Ja
dieser rote Sklave lößt und bindet
Geweihte
Bande; segnet den Verfluchten;
Er
macht Aussatz lieblich; ehrt den Dieb,
Und
gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß
Im
Rat der Senatoren; dieser führt
Der
überjähr´gen Witwe Freier zu;
...
Verdammt Metall,
Gemeine
Hure du der Menschen«.
(Shakespeare,
»Timon of Athens«)
Der Konsum ist eigentlich noch nichts besonders spektakuläres, man kann konsumieren vielleicht als den Archetyp der Aneignung betrachten. Die Art, wie die Menschen sich die Natur als Lebensmittel aneignen ist aber längst über das unmittelbare Konsumieren der Arbeitsprodukte hinaus. Damit, dass die Menschen in der Lage sind ein nennenswertes Mehrprodukt, also mehr als das, was sie unmittelbar bedürfen, zu erzeugen, wird das Eigentum potenziell zu einer gesellschaftlichen Macht. Es ist, sofern es gewaltsam durchgesetzt – also nicht mehr nur potenziell, sondern real ist - zunächst die ausschließliche Gewalt über die Produkte der eigenen Arbeit, entwickelt sich aber mit der gesellschaftlichen Reproduktion, mit der wachsenden Bedeutung des Mehrprodukts, das immer mehr zur Grundlage der jeweils aktuellen Produktion (Kultur, Religion, Moral) wird, zu einer ausschließlichen Gewalt über die Lebensmittel überhaupt und ändert so auch den Charakter der Arbeit. Die Arbeit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist schon nicht mehr erstes Lebensbedürfnis und Lebensweise überhaupt, sondern nur vermittelt mit dem gesellschaftlichen Reichtum, der erreichten Stufe der Reproduktion, Lebensmittel.
Indem
das Gold oder Geld als allgemeines Tauschmittel funktioniert, hebt es alle
Unterschiede in der Beschaffenheit der Arbeitsprodukte auf. Als Wertdinge
gelten sie für qualitativ gleich, als überhaupt Produkte menschlicher Arbeit.
Dadurch ist das Geld unmittelbar gesellschaftlicher Reichtum, es ist als
Tauschmittel das Maß der Verfügung über den Reichtum einer Warenproduzierenden
Gesellschaft. Als konkretes Ding ist es andererseits immer das Eigentum
einzelner Individuen und trennt diese bloß als unterschieden durch ein
unterschiedliches Maß an Zahlungsfähigkeit. Dadurch, indem sie ihre Produkte
als qualitativ gleich setzen, gilt ihre jeweils konkret unterschiedliche
Arbeit, bloß noch als menschliche, gleiche Arbeit. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse der Produzenten werden dadurch zur Gesellschaft der Produkte, und
die sachlichen Beziehungen der Arbeitsprodukte werden zur Gesellschaft abstrakt
freier und gleicher Individuen. Der Widerspruch der darin steckt, ist der
zwischen Wert, gesellschaftlicher oder gleicher Arbeit; und Gebrauchswert, der
individuellen, tatsächlichen Tätigkeit, die nicht mehr unmittelbar
Lebensmittel, sondern nur noch eine Funktion der gesellschaftlichen
Reproduktion ist. Der Entwicklungsverlauf dieses Wiederspruchs hat allerdings
nicht nur Shakespeares Klagen über den Verlust der alten Ordnung zur folge,
sondern auch die ganzen aufklärerischen Ideen über den freien Menschen und auch
so manches romantisches Klagen und teils irrationale Vorstellungen über die
Hintergründe des irdischen Jammertals. Aber auch die tatsächlichen
Konsequenzen, die wirkliche Freisetzung eines Großteils der Leute von allen
Lebensmitteln: Das Proletariat.
Wenn
man aber die gesellschaftlichen Resultate der historischen Entwicklung des
Kapitalismus und seiner Reproduktion nicht begreift, obwohl man Soziologe ist,
dann kann man auf so abstruse metaphysische Spekulationen verfallen, wie Natan
Sznaider dies mit seinem Vortrag: »Holocausterinnerung und Globalisierung«(*)
getan hat.
»Der Konsumbürger«
Mit dem Interesse ein besseres Verständnis der »Erinnerungsarbeit«, also des Umgangs mit der Geschichte und hier speziell des Holocaust zu erlangen, will Sznaider einen neuen Begriff der Bürgerlichkeit vorstellen, »der für die ‚Subpolitik’ (wird hier versanden als: nicht-politisches, sondern privates Leben) unserer Zeit passend ist«. Es geht also nicht um die historischen Ereignisse selbst, sondern um den Umgang damit in der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Um das besser als bisher zu verstehen, will Sznaider erst mal diese Bürgerlichkeit selbst verstehen, klammert dabei aber qua Vorraussetzung alles politische aus. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Sznaider seinem Bürger nicht vorwirft »gleichgültig, uninteressiert, vergesslich, ja sogar verflacht zu sein«, freilich, gegen was sollte dieser Bürger denn noch gleichgültig sein, das nicht seine Privatangelegenheit und persönliche Lustigkeit ist, wenn er von Sznaider subpolitisch gefasst wird. Warum aber gerade ein Soziologe die Leute eben nicht gesellschaftlich begreifen will, bleibt rätselhaft.
Sznaiders
Begriff des Konsums ist offenbar geprägt von dem gedankenlosen Geschimpfe
mancher Leute auf die »Konsumgesellschaft«, die allgemeine Verlotterung, den
Verfall der Moral und besonders des Pflichtbewusstseins. Den schönsten Ausdruck
fand das wohl in Kennedys berühmtem Satz: »Frag nicht, was dein Land für dich
tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst.« Sznaider will nun diesen
Wiederspruch zwischen Bürgerlichkeit und Konsum als einen scheinbaren
entlarven. Mit seinem Konsum verhält es sich nämlich so: »Der Konsum, so
behaupten wir, beinhaltet eine individualistische Moral, eine neue
Bürgerlichkeit, die mit Traumvorstellungen klassenübergreifender Solidarität
nichts zu tun hat. Diese neue bürgerliche Moral entspricht dem Verhältnis
zwischen Individuum und dem globalen Referenzsystem.« Die Logik solcher Behauptungen
ist einfach. Der Konsum oder das Konsumieren gilt bei Sznaider für die
Daseinsweise des bürgerlichen Individuums überhaupt. Er sieht einfach davon ab,
dass die Sachen, die so konsumiert werden erstens auch produziert werden müssen
bevor man sie konsumieren kann, und dass man sich in bürgerlichen Verhältnissen
diese Sachen zweitens auch irgendwie aneignen muß, bevor man sie konsumieren
darf. Die sogenannte Traumvorstellung klassenübergreifender Solidarität ist da
auch alles andere als eine Traumvorstellung, es ist ein reales
Gewaltverhältnis: Der bürgerliche Staat, der eben jene Bedingungen der
gesellschaftlichen Reproduktion durchsetzt und erhält, die Sznaider schlichtweg
ignoriert. Wenn man das mal ausreichend gemacht hat, dann muß man sich das Verhalten
der Leute eben anders erklären, und so entspringt dem Konsum eine
»individualistische Moral«, die es offenbar irgendwie geschafft hat, trotzdem
sie eine Moral ist, dem privaten Jenseits zu entspringen. Woran also Kant trotz
umfangreicher und ernsthafter Versuche scheiterte, das schafft Sznaider mit
einem Zauberwort: Konsum!
Die
tatsächliche Praxis der Bürger scheint Sznaider daher naturgemäß der Markt zu
sein. So kommt er zu der Annahme, dass die realen historischen Verhältnisse,
die Ausübung der politischen Macht durch Staaten – deren Hoheit über die
Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion, incl. gegenseitiges
Nutzbarmachen und Einseitiges Ausbeuten - , ganz eigentlich durch den Weltmarkt
(»Verhältnis zwischen Individuen und dem globalen Referenzsystem«) überwunden
sein müsste. Schließlich ist man sich ja einig, dass man konsumieren will und
der Rest entspringt der individualistischen Moral. Der moderne Bürger wird also
subpolitisch, mag von der Politik in Ruhe- und mit seiner Moral alleingelassen
werden. Mit dieser verquerten Sichtweise kann man garnicht verstehen, dass der
Weltmarkt eben vor allem das Mittel der imperialistischen Staaten ist, um ihre
Konkurrenz auszutragen, nicht die Überwindung dieser Konkurrenz.
Ebenso
nicht verstanden hat Sznaider folgerichtig die Kritik der Frankfurter Schule:
»Frankfurter Schüler einst und heute, (...) sehen den Markt lediglich als eine
Institution, die gemeinsames Unternehmen unmöglich macht.« Was auch immer man
der Frankfurter Schule vorwerfen kann, das jedenfalls nicht. Die
wissenschaftliche Kritik des Kapitalismus beginnt ja gerade mit der
Identifikation des Markts als das gemeinsame Unternehmen. Es ist wohl unter
Soziologen eine ebenso verbreitete Unsitte die Frankfurter Schule auf Max Weber
zu beziehen, wie es unter Philosphen üblich ist Hegel nur mit Hilfe von Luhmann
zu verstehen. Kommunisten sehen im Markt jedenfalls nicht »konzeptuell eine
residuale Kategorie«. Sie sehen aber eine historisch besondere, nicht
irgendwelchen ewigen moralischen Gesetzen entspringende, Form des Stoffwechsels
der menschlichen Gesellschaft in der Warenproduktion. Sznaider sieht vielmehr
den Konsum residual, also unter Absehung von allem, was dazugehöhrt außer dem
Essen eines Apfels und dem individualistisch- moralischen Reim, den man sich
darauf macht.
Weil
Sznaider den Konsum derart mythologisiert, entspringt für ihn der dem
Individuum äußerliche Zwang, etwas verkauft haben zu müssen, bevor man etwas
kaufen, also auch konsumieren kann, der individuellen Moral des »Konsumbürgers«.
Diese »Praxis des Konsums« wird dann »von politischen Akteuren und sozialen
Gruppen zur Konstruktion kollektiver Identitäten benutzt«. Eine schöne
Vorstellung: Wer reich und schön sein will, der konsumiert halt einfach Chanell
No5, wer das nicht will, der kann sich ja dann mit Le Patron eine Fahne zulegen
und sich dem Kollektiv der Isarbrückenbewohner anschließen, Sozialdemokrat wird
man durch den Erwerb einer Mainelke und wer denn unbedingt zur CSU will, der
kann sich ja auf dem Nockerberg zur Starkbierzeit verlustieren. Irgendwie
bedeutsam sind diese Unterschiede nicht, man ist halt so oder so Konsumbürger.
Ein leiser Missbrauchsverdacht klingt da aber schon an, wenn es nicht
irgendwelche Leute sind, die da die Konsumptionspraxis benutzen, sondern eben
die sowieso verdächtigen politischen Akteure und die ominösen sozialen Gruppen.
Die Lösung liegt dann auf der Hand: Lasst euch nicht verarschen, vertraut auf
die regulierenden Kräfte des Marktes und geht bewusst damit um. Wer was gegen
Pelztierhaltung hat, der möge eben keinen Pelz mehr kaufen, McDonalds
boykottieren ist auch keine schlechte Idee,... Wollte Sznaider zuvor noch den
»elitistische(n) Begriff des engagierten Staatsbürgers« überwinden, so nimmt er
spätestens mit dieser (hier zwar nur unterstellten, aber was sollte wohl sonst
dabei herauskommen?) Konsequenz seiner Haltung, selbst den Standpunkt einer
Elite ein. Das Problem der meisten Leute ist es nämlich nicht, wie sie ihr Geld
ausgeben, sondern wie sie überhaupt zu Geld kommen. Hier macht sich nämlich der
Zwang nichts konsumieren zu können, weil man nichts verkauft hat, als das
bemerkbar, was er ist, nicht wie in Sznaiders Vorstellung eine moralische
Vorliebe, sondern eine gewaltsame Freisetzung von Lebensmitteln. Wenn man
jedoch unter »sozialen Gruppen« in bester soziologischer Tradition nur die
letztlich beliebige Subsumption unter irgendwelchen Kriterien versteht, welchen
Verdacht Sznaider wohl selbst gegen die nationalen Identitäten hegt (wohl vor
allem aufgrund seiner unhistorischen Sicht, aber zurecht was romantische
Illusionen in etwa das Deutschtum, oder falsche Theorien über Rassen betrifft),
dann verliert man auch die tatsächlichen sozialen Resultate der
kapitalistischen Reproduktion aus den Augen. In der Tat spaltet der Kapitalismus
die Gesellschaft in zwei Lager: Bourgeoisie und Proletariat, welche kollektiven
Identitäten aber nicht einfach irgendwie konsumiert werden, sondern notwendiges
Resultat der kapitalistischen Reproduktion sind. Diese besteht aber nicht
einfach in einer unbestimmten und allgemeinen Konsumptionspraxis, sondern in
der besonderen Praxis, sich durch die Konsumption menschlicher Arbeitskraft
Mehrwert anzueignen auf der einen Seite; und auf der anderen Seite der Praxis,
seine Arbeitskraft für den Preis der Reproduktion derselben zu verkaufen. Und
trotzdem sich diese kollektiven Identitäten auf der einen Seite als
Anlagebedürfnis und auf der anderen als Freisetzung von Lebensmitteln über
nationale Schranken hinwegsetzen, bleibt die Vorraussetzung für ihre Reproduktion
ein Gewaltmonopol, die politische Macht eines Staates mit all seiner
Geldordnung, Rechtswesen, und am besten demokratisch, d.h. mit der allgemeinen
Freiwilligkeit der eigenen Unterwerfung unter diese Macht (Wahlrecht, noch
nicht Pflicht), freilich die Unterscheidung in deutsch und undeutsch
vorrausgesetzt.
Wenn
Sznaider darauf hinweist, dass ausgerechnet Nazideutschland »die wohl am
stärksten politisierte Gesellschaft in der deutschen Geschichte war«, dann
drückt das seinen bereits angesprochenen Verdacht gegen die politischen
Identitäten aus. Deswegen aber darauf zu kommen, dass überhaupt nicht politisch
zu sein der konsequenteste Antifaschismus ist, ist falsch. Einem Staatsprogramm
mit Ignoranz zu begegnen klappt nämlich nur solange man nicht selbst davon
betroffen ist und verhindert andererseits gar nichts. Gerade die jüngere
Geschichte des deutschen Imperialismus zeigt das deutlich. Da wurde politisch
vollkommen indifferent argumentiert, es gälte die »Fratze der eigenen
Vergangenheit« zu bekämpfen und dieses Argument überzeugte sogar die Grünen von
der Notwendigkeit eines Krieges gegen Jugoslawien. Das liegt sicher nicht an
der übermäßigen Auseinandersetzung mit dem Staatsprogramm. Der freundliche,
individualmoralisch (etwa: Wenn die so wenig haben, dass sie sich darum
streiten, warum kaufen sie sich denn nicht einfach etwas mehr? – Das müssen die
wohl noch lernen, da müssen wir zivilisatorisch eingreifen!) korrekte Krieg,
fand tatsächlich ohne Faschismus statt. Ohne politische Macht, ohne Berliner Republik,
wäre er jedoch wohl nicht zu haben gewesen. Sznaider übersieht bei seiner
Träumerei vom Subpolitischen die Affirmation der politischen Verhältnisse, die
sich darin verbirgt. Wenn man die Agitation von der neuerdings globalisierten
Welt derart ernst nimmt, dann sollte man nicht die Forderungen gegen alle, bei
denen es da nicht so klappt, die immer mitgemeint sind unterschlagen und sich
außerdem mal überlegen warum dabei trotz aller Erdumfassung immer auch noch ein
»Wettbewerb der Standorte« stattfindet, also eine Konkurrenz der Staaten
untereinander. Da nämlich werden die Forderungen ganz offen vorgetragen: Die
Sachzwänge, die sich aus der Standortrationalität ergeben.
»Made in Germany«
Die nationale Identität der deutschen nach 45 wurde laut Sznaider »durch universelle Motive desKkonsums und der Arbeit überlagert.« Freilich meint Sznaider hier nur den Teil Deutschlands, bei dem nach dem Krieg auch der Kapitalismus ohne nennenswerte Modifikationen und mit gewichtiger Hilfe der Westalliierten wiederbelebt wurde. Aber diese Entwicklung implizierte »nicht die Aufgabe eines besonderen Selbstverständnisses des Deutschen an sich«, sondern »kollektive Identität wurde durch Stolz auf wirtschaftliche Leistungen bestimmt.« Diesen Befund erklärt er uns ein paar Zeilen weiter unten, wo die Rede von »der Synthese des nationalem und globalem« ist: »Ludwig Erhards Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft war darauf bedacht jene als ein deutsches Modell zu präsentieren. Die Expansion des Konsums wurde auch als ein wichtiger Schritt zur Integration in das westliche Bündnis gefeiert.« Was es mit dieser nationalen Identität auf sich hat wird vielleicht klarer, wenn man das KPD-Verbot und die Tatsache, dass das westliche Bündnis eines gegen die Sowjetunion war in seine Betrachtungen miteinbezieht. Die Vorstellung von der gemeinsamen wirtschaftlichen Leistung zur Steigerung der Größe der Nation ist sicher, und da hat Sznaider recht, ein beabsichtigtes Resultat der Agitation von der Sozialen Marktwirtschaft, der besonderen deutschen Variante des sonst nicht so sozialen Kapitalismus. Das ist vor allem eine Argumentation gegen die Gegner des Kapitalismus, wie diese auch etwa gleichzeitig mit dem Aufkommen dieser Propaganda politisch ausgeschaltet wurden. Die Redeweise von der Sozialen Marktwirtschaft ist insofern auch nicht unähnlich mit dem Agitationsmodell des modernen Antisemitismus, der etwa in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts besonders in Deutschland und etwa gleichzeitig mit der dortigen Entstehung eines modernen, bürgerlichen Kapitalismus aufkam. Der Inhalt dieser Agitationen ist etwa immer dieses Schema: Kritik am Kapitalismus ist schon richtig, nur nicht die marxistische (und jüdische) Propaganda vom Klassenkampf, die nur erfunden wurde, um Deutschland zu spalten. In Wirklichkeit, so der moderne Antisemitismus, ist es das raffende, jüdische Kapital (unsoziale-), das den Deutschen (soziale Marktwirtschaft) zu schaffen mache. Es käme nun also darauf an den Rassenkampf zu führen, statt sich von den falschen Parolen des Klassenkampfes spalten zu lassen. (Siehe dazu auch: Reinhardt Opitz: »Faschismus und Neofaschismus«) So wird die kapitalistische Akkumulation und der Erfolg in der Konkurrenz mit anderen Staaten ideologisch zum Anliegen der Mehrheit, der der staatlichen Gewalt Unterworfenen gemacht, auch gegen eine Minderheit unter ihnen. Zweitens war das westliche Bündnis eben alles andere als integrativ, es war ein feindseliges Bündnis gegen die Sowjetunion und man hatte da auch keine Hemmungen das Potsdammer Abkommen bezüglich Deutschland zu ignorieren, also Deutschland etwa wiederzubewaffnen. Daß sie den Kapitalismus als gemeinsames Unterfangen begreifen, ist nun mal die Voraussetzung für folgsame Lohnarbeiter, sonst ist es nämlich schwer darauf zu kommen, dass ausgerechnet Lohnarbeit der Befriedigung der Bedürfnisse dient. Das »universelle Motiv der Arbeit« hat seine Universalität nämlich nur in dem Mangel nichts anderes zu verkaufen zu haben als seine Arbeitskraft, zusammen mit dem staatlichen Zwang, nichts konsumieren zu können, wenn man vorher nichts verkauft hat.
»Das Konzept des Politischen: Von Freund-Feind zum Fremden«
»Erfüllung in der Politik lässt sich nicht mehr so einfach in der künstlich geschaffenen Solidarität der Nation produzieren. Vielmehr: Erfüllung findet sich eher in einer nicht gewollten Solidarität der Produzenten und Konsumenten, in der Karriere, in der Schule, die darauf vorbereitet; in der Familie, wie sie heute auch aussieht, oder im Kreis der Freunde, oder sie findet sich eben in den Dingen, die wir uns anschaffen, und in dem Glück, das diese Dinge uns bereiten können.« Was Sznaider nicht verstanden hat, ist hier besonders deutlich. Die nicht gewollte »Solidarität der Produzenten und Konsumenten« ist die Nation, das angeblich gemeinsame Anliegen. Sznaider sieht die kapitalistische Produktionsweise als sich einfach ungewollt ergeben habend, dem ewigen Natur- oder Vernunftgesetz entspringend. Sich einfach so glücklichmachende Dinge anschaffen geht aber nicht, weswegen die Leute auch in die Schule gehen und Karriere machen, nämlich um sich Anschaffungsmittel zu besorgen bzw. ihre Arbeitskraft für den Verkauf zuzurichten. Ob man die Schule schafft hängt nämlich nicht davon ab, was man dort lernt, sondern davon wie gut man in der Notenkonkurrenz besteht, und wer die Schule nicht schafft, der macht im Normalfall auch keine großartige Karriere. Wer nicht in die Schule will, der wird gezwungen und wenn die Mamma sich allein um die glücklichmachenden Dinge kümmern muß, dann kann es schon vorkommen, dass sie »anschaffen« geht, aber wie die Familie heute so aussieht ist dem offensichtlich wohlgeborenen Sznaider ziemlich wurscht. Dem Kapital ist das übrigens auch egal, es interessiert sich lediglich für verwertbare Arbeitskraft und es ist ihm dabei nur recht, wenn die bürgerliche Familienmoral die Frau zum kostenlosen Reproduktionsmittel für die Männer macht.
Was
sonst noch an Sznaiders Vorstellungen von dem globalen Referenzsystem des
Konsumbürgers nicht stimmt, kann man sich mal an den Staaten klarmachen, die zu
den Verlierern auf dem Weltmarkt gehören, jedenfalls dann, wenn man mit der
Erklärung die Afrikaner seien halt unterentwickelt nicht zufrieden ist.
Sznaiders
diffuse Neuformulierung des Politischen als »Raum, (...) wo Spaltungen
überwunden werden können«, schließt konsequent mit einem neuen Zauberwort ab:
»Öffentlichkeit ist daher nicht Solidarität oder Verpflichtung, sondern
Soziabilität.« Soziabilität ist nichts weiter als die Forderung nach
Konformität, Sznaiders »kosmopolitische Soziologie der Solidarität« nichts
weiter als eine Illusion über die tatsächlichen Verhältnisse.
Wenn
Sznaider annimmt, »dass das Ziel der modernen Gesellschaft nicht der Krieg ist,
sondern Frieden und die Schaffung materiellen Wohlstands«, dann täuscht er
sich. Im Kapitalismus ist die gesellschaftliche Entwicklung die Akkumulation
des Kapitals, der bürgerliche Staat sorgt sich da um den Fortgang der
Reproduktion des jeweils eigenen Reichtums (Helmut Kohl: »Heimat ist Eigentum und
Erbe«) – in Konkurrenz zu anderen Staaten und als Gewaltapparat. Die andere
Vorstellung, gerade der Holocaust hätte gezeigt dass die Moderne nicht halten
kann was sie verspricht ist schon eher richtig, wenn es auch falsch ist den
Holocaust so allgemein mit der Moderne in einen Topf zu werfen. Betrachtet man
die Vernichtung der Juden jedoch als ein besonderes Mittel der Kriegsführung,
nach inner wie nach außen, dann kann man sagen, insofern Kriege trotz aller
Bürgerlichkeit ein staatliches Konkurrenzmittel bleiben, ist auch so etwas wie
der Holocaust in Zukunft nicht ausgeschlossen, solange die Klassengesellschaft
und somit die Staaten nicht überwunden sind.
Zu dem was Szainer sonst noch über die Debatte um die »Erinnerungsarbeit« sagt, nur soviel:
Sznaider hat recht insofern er die Angriffe der Walserantisemiten zurückweist. Deren Vorwürfe der Verplattung der Erinnerung, oder es würden Geschäfte auf Kosten der deutschen Identität gemacht, sind nichts weiter als die Funktionalisierung des Holocaust für die deutschnationale Ideologie. Wenn Sznaider jedoch folgendes über Krakau und die dortigen Gedenkstätten berichtet: »Vor allen suchen Amerikanische jüdische Jugendliche nach den Spuren ihrer Herkunft. Wie viele andere Amerikaner sind sie historisch schwerelos und schweben so über die Gräber Polens leicht hinweg.«, dann möchten wir doch anmerken, dass sich sicher nicht alle amerikanischen jüdischen Jugendlichen den Besuch Krakaus leisten können, die universelle Verfügbarkeit dieser Art des Andenkens also durchaus von dem Kriterium Zahlungsfähigkeit eingeschränkt ist.
(*): Alle kursiven Zitate aus: »Holocausterinnerung und Globalisierung« von Natan Sznaider, erschienen im Reader zum Kongress »Ganzheitlich und ohne Sorgen in die Republik von Morgen«, erhältlich beim AStA der Uni-München. (äg)