Die wahrhaftige Wirklichkeit

Als es etliche Jahre nach Wiedereinführung der Armee im Lande der Besiegten dortselbst zu einer Diskussion um Kosten und Strukturen der Streitkräfte gekommen war, blieben etliche veraltete Militärstandorte auf der Strecke und wurden, bis zum Abriss und einer zivilen Neubebauung, provisorisch weitervermietet an anderweitige Nutzer.

Gleichso erging es der weitläufigen Kaserne im Norden der Landeshauptstadt, die aufgegeben ward von den Waffenherren und ihrem ungewissen Schicksal harrte. Angezogen von der günstigen Lage am Rande der City und den außerordentlich preiswerten Mieten, hatte sich dort alsbald aber ein munteres Völkchen eingenistet: Handwerker, Enterpreneurs und Künstlervolk aller coloeur, denen man für ein paar Jahre die Nutzung des alten Geländes überließ.

 

Erbaut worden war die Festung in den düsteren Jahren der braunen Kohorten zum Zwecke der Rassengeburt und der Unterwerfung der Welt. Wuchtig und schwer lagen die Häuser über das Areal verstreut, duckten sich unter den Schatten alter Bäume und taten ihren Dienst.

In einem dieser Gebäude an der Ostseite des Geländes, dicht an der Mauer gebaut als ein riesiges, zweistöckiges „U“, hatte auch der Kunst- und Ateliersverein Mack e.V., so genannt, weil an der Mackstraße gelegen, sein vorläufiges Domizil gefunden. Die Mitglieder des Mackschen Kunstvereines und die ansässigen Ateliersbetreiber rekrutierten sich vornehmlich aus Studenten und Ehemaligen der hiesigen Kunstakademie. Der Verein vergab feste Mitgliedschaften, akzeptierte lose Förderfreunde, hatte natürlich eine Satzung (das Betreiben der Kunstförderung) und, wie es pflichtens war, einen ordentlich gewählten Vorstand. Dieser bestand inclusive der Stellvertreter, der Beisitzer und des Schriftführers aus sieben Personen, zwei Frauen und fünf Männern. Diese verstanden ihr Amt nicht allein als ein administratives, das Mietverträge erstellte, Mieten abrechnete und den Unterhalt des Hauses sichern sollte, sondern durchaus auch als schöpferische Aufgabe, das die allgemeinen Richtlinien der Kunst-Politik des Hauses vorgab. Es gab in regelmäßigen Abständen exclusive Zusammenkünfte des Vorstandes, sozusagen ein Politbüro der Schönen Künste, und man beratschlagte in nichtöffentlichen Sitzungen das Wohl und Wehe des Hauses, waltete seines Amtes und disputierte über das Gesamt-Konzept, und wer zum Beispiel nicht mehr in dasselbe passen mochte, auf das er hinausgeekelt war mit Schimpf und Schande und somit Platz gemacht ward für einen Adepten, einen Verehrer derselben Muse, einen Spezl quasi.

Was wunder, daß bei diesen Geheimtreffen auch geniale Ideen geboren waren, Projekte der Kunst, die zu verwirklichen allemal Platz war genug, denn man hatte ja freie Hand.

 

Ein solches Konzept, ausgeheckt oben bei Birk, von dessen Studio das ganze Haus hochherrschaftlich zu überblicken war, hatte sie allesamt derart in den Bann geschlagen, daß ihnen darüber die Nacht wie im Fluge verging, vor lauter Diskussion und Gedanken- spielerei.

Es war ein wahrhaft großes Projekt, für das sie sich so begeisterten. Dies uralte Gebäude war ja weitläufig unterkellert, getragen von einer unterirdischen Welt, die man nicht kannte. Dem Verein stand nur ein winziges Karree im Keller zu als Abstellplatz  für Fahrräder und kleines Mobiliar, das jedoch endete an einer eisenbeschlagenen Tür, gesichert durch ein stählernes Schloß, hinter dem sich eine mysthische Welt von Katakomben und labyrinthischen Gängen befand, so mutmaßte man. Voller Geheimnisse aus den Zeiten seines Heeresdienstes oder womöglich gar aus den grausamen Tagen seiner Erbauer, des braunen Mobs.

Man wollte diese Schattenwelt erobern, sie reinigen und säubern von altem Müll und Gerümpel und sie frech besetzen mit neuer Idee. Ein Reich des Lebens und des Tanzes sollte werden, was einstens war ein Hort von Erniedrigung und Tod. Von solch schöpferischer Dringlichkeit erschien ihnen dies Projekt, daß sie ihm verhaftet blieben in rauschhaftem Eifer auch noch am nächsten Tag. Sie gingen schnell zu Werke und vergeudeten keine Zeit. Das Schloß ward aufgebrochen und mit kleinen Lampen versehen brach man auf in das Reich der Dunkelheit.

Was sie hinter der Türe zu sehen bekamen, verschlug ihnen schiergar den Atem. Ein modriger Gestank der Verwesung schlug ihnen entgegen und eine wahrhaft beängstigende Finsternis. Sie wagten sich nicht allzuweit hinein, aber wohin sie auch leuchteten, welche Kammer, welchen Gang sie auch betraten, überall starrte sie altes schlammiges Gerümpel aus untergegangenen Welten an, dem ein würgender Duft des Zerfalls entströmte. Bald hatten sie genug gesehen und schlossen die große Türe hinter sich, versehen mit einem neuen, starken Schloße, für das sie die Schlüssel hielten.

 

Nach dieser ersten Begehung kam es, nicht überraschend, in Henk‘s Atelier, zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen den Künstlern, zu einem wortreichen Ringen um die zukünftige Schiene, auf der nun das Projekt weiterbewegt werden sollte. Vertraten die einen die Auffassung, daß all der Schmutz und Dreck, den man gesehen hatte, von ihnen selbst, von eigener Hand als Teil der künstlerischen Prozedur weggeschafft gehörte, so plädierten die anderen vehement dagegen, denn ihnen war es, im Namen der Kunst, um das Konzept an sich zu tun, wobei ausführende Arbeit durchaus delegiert sein durfte. Die Vertreter letzterer Auffassung hatten zudem einen starken Trumpf im Ärmel, als nämlich Bodo, dessen Vater erfolgreich in der Baubranche tätig war, von Spezialfirmen wußte, die weiter nichts taten, als grob verschmutzte Baustellen professionell von hinderlichem Müll und Dreck zu reinigen. Günstig und bezahlbar und die Säckel waren ja voll, dank wirtschaftlicher Mietzinspolitik.

 

Nichtsdestotrotz war man sich in dieser elementaren Frage so uneins, daß eine endlose Woche lang eine hitzige Debatte den Vorstand spaltete und gar ein Scheitern des ganzen Projektes drohte. So gab man denn, zu guter letzt, doch nach, der großen Sache willen und schweren Herzens und Bodo ward beauftragt, über die väterlichen Beziehungen einen erfahrenen Trupp Schwerreiniger für diese Arbeit zu engagieren.

 

Als der Vier-Mann-Trupp im Hause des gemeinnützigen Kunstvereins Mack anrückte, ward er empfangen vom gesamten Vorstand und von diesem alsogleich erkannt als die Spezialisten, die Profis, die man sich erhofft hatte. Legionäre allesamt, harte Hunde, das sah man ihnen an, die an sie gestellte Aufgaben mutig bewältigen würden. Ausführlichst wurden sie von den Damen und Herren des Vorstandes instruiert hinsichtlich der schöpferischen Aussage des Werkes und deren Umsetzung, soweit es sie betraf. Besonders eingeschworen wurden sie jedoch auf größtmögliche Heimlichkeit, zu absolut diskreter Arbeitsweise, denn dies Werk sollte weißgott ihr eigenes Baby bleiben. Niemand durfte etwas davon erfahren bis zu seiner Fertigstellung, wie es ratsame Sitte in Künstlerkreisen ist. Aber die Viere waren alte Hasen, Tagelöhner, die keine Probleme mit konspirativen Vorgehensweisen hatten, war das doch allemal ihr eigen täglich Brot. Gemeinsam beging man einige Meter weit das verborgene Areal, auf dass sich die Truppe ein Bild machen konnte von Art und Umfang ihrer Aufgabe. Fachmännisch waren die technischen Notwendigkeiten für das Unterfangen aufgelistet, ein vorläufiger Zeitrahmen ward vereinbart, den man allerdings variabel ließ, war doch die Größe des zu bearbeitenden Terrains noch garnicht in vollem Ausmaße erfaßt. Über weitere Modalitäten, den Lohn etwa und dessen wöchentliche Überweisung, wurde man sich schnell handelseinig und schon am Vormittag des nächsten Tages, die ruhigsten Stunden im Hause, rückten die Viere an mit Lampen und Kabeln, Haken und Schaufeln, Schubkarren und Säcken und begannen hinter verschlossener Tür mit ihrem großen Werke.

 

Der Organisator der Truppe war Axel, ein kleiner kompakter Mann in den mittleren Jahren mit dicken Hammerärmen, der Anführer und Motor des Unternehmens. Seine Leute waren allesamt handverlesen. Nobbas und Schmitt hatte er ins Team genommen, denn er kannte sie schon lange. Arbeiteten immer zusammen. Taten, was man ihnen auftrug. Nicht gerade schnell zwar, aber gründlich. Konnte man anblaffen nach Belieben. Lief an ihnen ab wie heiße Luft, als berührte es sie nicht. Schufen echte Malocheratmosphäre und waren nicht nachtragend. Seine rechte Hand jedoch, wie bei so manchen Aufträgen der letzten Zeit, war wieder einmal Bubu, der auffahrende Wiener Geschäftsmann, der die Baustellen nicht lassen konnte, weil es ständig neue Projekte zu finanzieren galt, der aber, daraus ward kein Hehl gemacht, nichts mehr verabscheute als die Arbeit an sich. Viel lieber schwadronierte er über seine weltläufigen Geschäfte.

Axel hörte immer gerne dabei zu. Bei einer Zigarette, auf einen bequemen Besen gestützt, schwelgten die beiden zeitvergessen in weiten Welten und schufen sich noch in dem dunkelsten Loch ein buntes, internationales Aroma.

Bis es Axel dann wieder packte, er wieder zum Stier wurde und sich in die Arbeit stürzte. Und Bubu tat es ihm, wenns drauf ankam, gleich. Das schätzte man so an ihm. Er war mannsgenug, beizeiten auch kräftig mit anzupacken vor Ort und der Welt zu zeigen, daß er ein ganzer Kerl an allen Fronten war.

Alle Viere waren sie aus demselben Holz geschnitzt und wussten Arbeit, zudem so wohl bezahlte, ökonomisch zu bewältigen. Ihnen allen war die Größe und die Bedeutung der an sie gestellten Forderung wohlbewußt und es dauerte nicht lange, da hatten sie einen funktionierenden Arbeitsmodus gefunden. Bald kannten sie die besten Zeiten des Hauses, um in gebotener Diskretion ihrer Arbeit nachgehen zu können, die rasch bestens organisiert war. Was hatten die Viere nicht schon alles zusammengeschaufelt und aufgepickt, gesammelt und gestapelt, um es dann nachts heimlich aus dem Haus zu bringen und mittels eines getarnten Fahrzeuges fortzuschaffen: Fässer, Kisten, alte Bohlen, Säulenreste, Moderkartonagen, giftige Fracht und Kriegsgeheul aus alten Tagen. Wie Zwerge in tiefer Erzgrube waren sie zugange in der ewigen Dunkelheit des unterirdischen Labyrinths, erhellt von grellen Lampen hinter denen die Nacht lauerte.

Ungestört und alleine mit sich und ihrer Aufgabe konnten sie schaffen und wirken, denn sie waren, das blieb ihnen nicht verborgen, schon seit richtig langer Zeit nicht mehr besucht und inspiziert worden von den Künstlern des Vorstandes. Und das hatte weißgott triftige Gründe, von denen die Viere aber nichts ahnen konnten, denn ihr wohlbemessener Lohn, die Seele des Geschäftes, ward ja überwiesen in schöner Regelmäßigkeit. Der Vorstand des Kunst- und Ateliersvereins Mack nämlich, der sie engagiert hatte im Dienste der Kunst, war mit Schmach und Fluch längst aus dem Amt getrieben worden, allesamt, und es war die Rede von Korruption und Mißwirtschaft der übelsten Art.

Die Buchhaltung war ein Chaos an fliegenden Zetteln, der berechtigte Verdacht einer multiplen Kontenführung ward geäußert und ein Fluß der Gelder war kaum nachvollziehbar, so groß war das Durcheinander. Größere Summen Geldes mußten verschwunden sein, das ließ sich mit dem Daumen überschlagen. Aber niemand wollte oder wußte zusagen, wohin und zu welchem Zwecke, denn die vorgefundenen Unterlagen waren mangelhaft und spärlich und verschleierten mehr, als sie aufklärten.

Ein neuer Vorstand ward gewählt, vor sich die mühevolle Arbeit des Aufarbeitens, der Wiederherstellung der täglichen Geschäfte ebenso wie einer neuen, einer offenen Atmosphäre im Haus, in der alle eingebunden sein sollten in vertrauensvollem Miteinander anstatt in konspirativer Exclusivität.

Die Alten aber waren hinausgetrieben mit Macht und mit allerlei rechtlichen Klagen drangsaliert. Niemand konnte sagen, wielange es bräuchte, bis das angeschlagene Schiff wieder Volldampf voraus lief, geheime Konten aufgespührt und Licht in das Dunkel gebracht war.

 

Licht in das Dunkel brachten auch die vier Legionäre, die das Schicksal in dies vergessene Labyrinth gesandt hatte, das dem Irrgarten der Vereins-Buchhaltung in nichts nachstand.

Und pünktlich bekamen sie ihr, wohlbemerkt, gutes Geld und so leisteten sie rechtschaffen ihren Dienst, wie es guter Brauch ist. Je länger jedoch der Zeitraum wurde ohne Vorstandsbesuche, ohne jegliche Kontrolle seitens ihres buntgescheckten Auftragsgebers, desto autonomer und selbstständiger wurde ihre eigene Arbeitsweise, desto freizügiger ließen sie die Kraft der eigenen Creativität in ihr Schaffen einfließen.

 

Die Gänge im Bauch des Hauses waren längst zu ihrem ureigensten Besitz geworden. Sie waren die Herren dieser dunklen Heimstatt und ihnen oblag die schwere Aufgabe, es zu verwandeln in ein Reich des Lichtes.

Die Methodik ihrer Arbeit ward längst ausdiskutiert und flexibel gehandhabt und hatte sich als erfolgreich erwiesen.

Dafür sorgte Axel.

Während oben, in der Welt der Kunst, eine neue Sonnenfee durch die leeren Gänge tanzte und zur gemeinsamen Tat, zu einem neuerstandenen Reigen der Kindheit rief, waren die Jungs unten im Keller auf Arbeit und räumten auf mit der alten Scheiße. Niemand mehr kontrollierte ihr Wirken, niemand mehr erteilte ihnen Aufträge, sie waren zu den Herren des Projektes geworden, zu den Verfechtern der reinen Sache. Oft genug, wenn sie ein weiteres dunkles Gewölbe in den Tiefen des Kellers erreicht hatten, es mit Licht fluteten und ansichtig wurden des ganzen Mülls der vergangenen Jahrzehnte, diskutierten sie gerne und mit zeitloser Muse die künstlerische und die politische Dimension ihres Handelns. Grundsatzdiskussionen unter den vier Eroberern wurden gute Sitte, solange sie nicht handgreiflich betrieben wurden.

Dafür sorgte Axel.

Fortan betrachtete man die Arbeit von einem veränderten Standpunkt aus, beschritt die verdreckten, verschlungenen Pfade der Geschichte mit den Augen des Forschers, der sich gerne messen wollte an den Erkenntnissen seiner Kollegen. Und so manchesmal wurde hart gerungen um die Vorherrschaft der eigenen Anschauung, wenn denn die Argumente der anderen zu weit hergeholt und zu unakzeptabel schienen.

Zuhause aber, spät nachts während der Woche und an den Wochenenden, sorgten sie bei ihren drei Gattinen für einiges Erstaunen über den neumodischen Krimskrams, den sie da mit von der Arbeit brachten. (Heinze Schmitt, der vierte, war nicht verheiratet, war obdachlos quasi, denn er schlief in einem verkommenen Wäldchen nahebei auf einem abgestellten Sofa): da waren grüblerisch die Hegelschen Thesen vom Sein und vom Werden auf den Tisch gebracht, die Marxsche Dialektik in ihrer geschichtlichen Dimension angesprochen und es ward die Rede von einem Kantschen apriori-Animalismus.

 

Allein, die Damen ließen ihren treuen Männern diese neue Mode gerne durchgehen, wo sie doch so fleißig waren bei der Arbeit und soviel gutes Geld verdienten, so daß es ihnen wirklich gutging.

 

Axel hielt die Fäden in der Hand. Er sorgte für Frieden in seiner Belegschaft und moderierte das Team mit geschickter Hand. Nur ein einziges Mal hatte er wirklich Mühe mit den Jungs, als es um Wittgensteins Nulldimension und die Definition des Punktes ging. Aber auch in diesem Fall blieb Axel Herr des Geschäftes und kühlte die Gemüter seiner Männer mit etwas handfester Arbeit, so daß sie sich nicht gänzlich verloren in den weiten Räumen der Philosophie. Auf diese Weise und nach etlichen Monaten der Lichtlosigkeit war das große Werk getan.

 

Orientierungsfäden in verschiedenen Farben durchzogen die leergeräumten Gänge und Unterschlupfe des gesäuberten Kellerareals. Man war zu einem Ende gelangt. Auch die letzten Winkel waren erforscht und aufs penibelste geräumt von altem Mist und Gestank. Immer noch war pünktlich das Geld auf dem Konto.

Vom Vorstand persönlich hatten sie nichts mehr gehört und gesehen. So sollte es ihnen nur recht sein und sie begannen im Kegel einer Baulampe, bequem auf hergerichteten Steinbänkchen sitzend, mit der gemeinsamen Lektüre und kritischen Diskussion des Marxschen Kapitals.

 

Die Frauen der drei Jungs, (Heinze Schmitt war immer noch obdachlos und hatte sich derweil ein schickes Faß um sein Sofa gebaut.) nahmen‘ s nach wie vor gelassen, denn sie waren klug genug, ihren Männern kleine Vergnügungen dieser Art sehr wohl zu gönnen.

 

Allein, noch bevor die Vier wirklich zur Rate und der Masse des Mehrwerts vorgedrungen waren, fühlte Axel wieder dieses Kribbeln in seinem Gedärm. Solange hatten sie nun geredet und die Dinge des Lebens betrachtet, daß es ihn wieder trieb zu tatkräftiger, schweißtreibender Arbeit. Der Stier in ihm brach sich wieder Bahn. Doch es gab nichts mehr zu tun. Auch die allerletzten Winkel des lichtlosen Gemäuers waren von dem Quartett ausgeräumt und saubergefegt. In seiner Not entdeckte Axel aber ein neues Feld an Arbeit für sich und seine Mannen.

Er sah Schimmel und grünlichen Pilzbefall an so manchen Wänden, an Säulen und in entlegenen Mauerkanten. Dem sollte nun zu Leibe gerückt werden. Seine Mannschaft, deren Rat er schätzte und den er einholte, gab ihm grünes Licht für das neue Unterfangen, damit er was zu tun hatte und Ruhe gab, derweil sie selbst die Produktion des relativen Mehrwerts kritisch unter die Lupe nahmen.

Axel aber hatte seine Hilti geschultert und machte sich auf zu neuen Taten. Mit Macht stemmte er schadhaftes Gestein aus Wänden und Säulenfluchten, das dann des abends von der Mannschaft, als sportlicher Ausgleich sozusagen, in Kärren hinausgeschafft war, um einen guten Arbeitstag erfolgreich ausklingen zu lassen.

 

Inzwischen war es goldener Herbst geworden, die Tage wurden kürzer und desgleichen die Arbeitszeit des Trupps. Aber obwohl sie freie Herren ihrer Zeit waren, keinerlei Rechenschaft eingefordert war von ihrer Klientel, kamen sie, abgesehen von gelegentlichen blauen Tagen, die man sich wohl gönnte, pünktlich und gerne zur Baustelle. Es war so leichtes, geruhsames Geld, das man hier verdiente. Es galt ja nur noch, den von Axel in seinen tierischen Phasen geförderten Beton des nachts heimlich aus dem Hause zu schaffen und in ihrem unscheinbaren Lieferwagen wegzubefördern und untergehen zu lassen im Müll der heilen Welt.

All die andre Zeit des Tages aber opferte man der Muse und der typischen Selbstverwirklichung des Mannes am Arbeitsplatze. Man war inzischen abgekommen von der reinen Wissenschaft und hatte sich in amüsantem Geplauder, auf alten Ziegeln um einen kleinen, feinen Dreckhaufen sitzend, der Literatur genähert.

Die Aufführbarkeit der Faustschen Tragödie zweiter Teil hatten sie schon ein Weilchen in der Mache und hatten ihren Spaß dabei, als auch, angezogen von so muntrer Thematik, Axel wieder zur Truppe stieß und sein Quentchen Geistesblitz zu den illustren Runden in den Kellergewölben beitrug. Bis er letztlich dann doch wieder der himmlischen Sphären müde wurde und aufs Neue die Macht der Erde in der Urwucht seiner Hilti spüren wollte. Tatkräftig, den Bohrer im Anschlag, durchwanderte er die Räume und hielt Ausschau nach schadhaftem Beton.

Und wieder einmal war er fündig geworden und ein weiteres Mal gellte aus seiner Brust dies befreiende Triumphgeheul, das in den Katakomben widerhallte und den Jungs in ihrer Dichterstube sagte, daß es des abends Männerarbeit für sie gab.

 

Es war eine seltsame Mauer, die er da entdeckt hatte, eine breite Säule eher, eine Wand, die zu ihren Seiten an keine andere traf, sondern alleine und wie sinnlos inmitten einer Halle stand und vermoost war durch und durch.

Seinen Berechnungen nach befand sich die Wand in der Sockelmitte des „U‘s“, nach Osten hin. Axel schlug zu mit seinem Bohrgerät und fand das Steinmaterial verletzlicher als gedacht. Die Hilti fuhr in das Mauerwerk wie in schiere Butter. Er musste behende zur Seite springen, so groß war der Brocken, der sich aus der mächtigen Säule gelöst hatte, als er ein Geächze hörte, dem leisen Aufschrei eines berstenden Felsens gleich, dem ein verhalten grollender Donner nachfolgte und Axel über sich einen trüben Riß in der Decke sah, aus dem sich, apokalyptisch, weißer, giftiger Staub ergoß und im Lichtkegel der Baulampe herniedersank wie Schnee. Weggeschleudert war da die Hilti und Axel floh auf Teufelsschwingen durch die dunklen Gänge, als ihm, detonierend, das laute Brüllen des platzenden Felsen nachjagte, gefolgt vom rollenden Getöse eines mächtigen Erdbebens, das eine Wolke, eine Walze aus Staub und aufgebrachtem Gestein vor sich hertrieb.

Axel rannte um sein Leben und tatsächlich, er entkam dem Steingewitter, so schnell war er gewesen. Und konnte, außer Atem zwar, so doch ungesehen das Haus verlassen, wie es die andern Drei, als hätten sie einen bösen Zauber gespürt, schon beim ersten Krächzen des Gemäuers getan  und im Kleinlaster das Weite gesucht hatten.

Axel selbst trat zu Fuß den Rückzug an und schlich sich als ein Ledernacken vom Gelände, was ihm geschickt gelang noch vor dem Eintreffen von Polizei und Feuerwehr, die im hellen Licht des Tages eine ausgewachsene Katastrophe zu sehen bekamen.

Das breite U des Gebäudes war entzwei gebrochen und entstanden waren zwei gegeneinandergestellte „L“s. Wie von einem Geisterdaumen eingedrückt, versank das mittlere Segment des Gebäudes in etwa fünfundzwanzig Metern Breite halb in der Erde.

Und noch einmal tat es, vor den Augen der Obrigkeit, gehörig „Pflopp“ und da versank besagtes Segment in einer mächtigen Staubwolke voll und ganz im Boden, während die Flügel des Hauses leise erzitterten unter solcher Urgewalt.

Eine Katastrophe solch grober Baufälligkeit in einer so modernen Stadt war den großen und den kleinen Zeitungen des Landes die Titelseiten wert.

Glücklicherweise aber stellte sich schnell heraus, daß niemand zu Schaden gekommen war und niemand vermisst wurde, da die betroffenen Künstler gottseidank alle ihrerseits auf Arbeit waren. Unter ihnen auch der neue Schatzmeister des Vereins, dem es bis dato nicht gelungen war, den Myriaden von Zetteln in der übernommenen Buchhaltung eine redliche Form zu geben und die nun durch die Macht des Schicksal hinabgerissen waren in den aufgesperrten Schlund der Hölle, um auf ewiglich darin begraben zu sein.

 

Binnen weniger Minuten war der ganze Komplex komplett verschlossen und versiegelt und außer den Rettungsdiensten und, später, den Spreng-Experten ward das Haus von niemandem mehr betreten.

Schiere Baufälligkeit hieß die Diagnose der Experten und dem widersprach niemand.

Zwar fand man im Keller des Gebäudes einige intrigante Gegenstände, diverses Arbeitsmaterial etwa, Schaufeln, Besen, Kärren, Säcke, Bohrgerät, Teebesteck und bequeme Filzpantoffeln, sowie eine alte Ausgabe des Dr. Faustus aus der Feder des Geheimrates G., vollgekritzelt mit unleserlichen Notizen, denen man aber seitens der Behörden keine Bedeutung beimaß, wo doch gottlob weder Tote noch Verletzte zu beklagen waren.

 

So ward das evakuierte Gebäude noch vor Jahresfrist fachgerecht gesprengt und in Schutt und Asche gelegt und getilgt vom Angesicht der Erde.

Die Viere aber, gehörig gebeutelt von einem tiefen Schock, wanderten beruflich fortan wieder auf ungefährlicheren Pfaden und ihren vier Frauen (Heinze Schmitt war inzwischen auch unter der Haube) sollte das nur recht sein.

 

So erzählt es die Legende und so war es wohl in Wirklichkeit. Und so munkelt man noch heute, sentimental, in den Kneipen und Ateliers der Stadt von den Schätzen einer vergangenen Kultur, untergegangen in fernen Tagen und auf immer begraben unter dem zehnspurigen Autobahnzubringer, der heutzutage den Norden der Stadt, auf Kunst gebaut, in elegantem Bogen ostwärts durchzieht.

 

(c)    G.Lassen  August  2000