Hinweis: Der folgende Artikel befasst sich mit dem
speziellen Phänomen des Islamismus und hat mit dem Sammelbegriff des Islam
nichts zu tun. Religiöse Gefühle brauchen sich demnach auch nicht verletzt
sehen, da sie gar nicht angegriffen wurden.
In seiner Zeit als Black Muslim unter Elijah Muhammad schätzte Malcolm X in besonderem Maße deren militärische Disziplin und die effiziente Organisationsstruktur. Nach seinem Austritt und seiner Pilgerreise nach Mekka beeindruckt ihn der integrative und egalitäre Charakter des Islam, denn die Hautfarbe der Mekkapilger spielt, so sieht er, in der Gemeinschaft der Gläubigen keine Rolle mehr.
Der Islamismus ist eine spät-
oder postmoderne Bewegung die mit dem Angebot einer Refundamentalisierung
auftritt, sich am iranischen Beispiel orientieren mag, selbst aber nicht auf
feudale Strukturen, sondern auf säkulare Regierungsweisen folgt oder zu folgen
versucht. Hierbei wurde und wird in der Regel hart gegengesteuert, doch läßt
sich nicht verstecken, daß der Islamismus massive soziale Mißstände aufgreift
und thematisiert, die zuvor eher stillgeschwiegen wurden.
Der Wahlsieg des algerischen
‘Front islamique du salut’ (islamische Heilsfront) im Dezember 1991, der wenige
Tage darauf zu einem Militärputsch und schließlich in den Bürgerkrieg führt,
zeigt, wie effizient es der Islamismus verstanden hat, der ehemaligen
algerischen Befreiungsbewegung ‘Front de la libération nationale’ (FLN)
Unfähigkeit, Korruption und Verkrustung vorzuhalten. Neben Ägypten hängt ebenso
Tunesien an seiner Tourismusindustrie - auch wenn weiße Bierbäuche in Badehosen
tatsächlich kein schöner Anblick sind - und pflegt auf seine Islamisten so fest
draufzuhauen, daß man im Ausland gar nicht merkt, daß auch Tunesien um seine
säkulare (und autoritäre) Regierung fürchtet. Die libanesische Hisbollah
unterhält ein umfassendes soziales Netzwerk, das den Armen und Vergessenen eine
Chance gibt. Vor wenigen Tagen hat sich die gesamte Hisbollah-Fraktion des
libanesischen Parlaments gegen den milliardenschweren Fettsack Rafik Hariri als
Premierminister ausgesprochen. In Palästina bildet die Hamas die Speerspitze
des aktuellen Widerstandes und macht vergessen, daß einst wichtige Größen des
palästinensischen Befreiungskampfes Christen waren.
Im Sudan waren bereits die
80er Jahre das Jahrzehnt islamistischer Lobbyisten und Wanderprediger. Schon
1983 mußte der Nasser-Schüler General Numeiri unter dem Druck der Islamisten
die sogenannten Septembergesetze ausrufen, um an der Macht zu bleiben. Das neue
Rechtssystem wurde selbstbewußt als Sharia betitelt, galt von nun an für alle
und - was, glaubt man den Intellektuellen, beinahe noch schlimmer war -
sämtliche Alkoholvorräte der lebenslustigen Stadt Khartoum wurden in den Nil
gekippt. Trotzdem wurde Numeiri wenig später gestürzt, doch erst 1989 konnte
sich in einer ‘Nationalen Islamischen Revolution’ die ‘National Islamic Front’
unter der Doppelspitze von Präsident Omar al-Beshir und Parlamentspräsident und
Chefideologe Hassan al-Tourabi an die Macht putschen - auch wenn sich Beshir
heute nur selten in Uniform zeigt, sollte man allerdings die Rolle des Militärs
beim Umsturz von 1989 nicht unterschätzen.
Wovor haben säkulare Regierungen und Bevölkerungsanteile in Afrika und Asien Angst und warum?
Die Zeit nach den
Unabhängigkeitskriegen zwang die Eliten der neuen Staaten, sich zwischen (von
der Modernisierungstheorie geprägten) kapitalistischen und sozialistischen
Entwicklungsmodellen zu entscheiden. Was damals ein Politikum von Weltbedeutung
war, hat sich heute erledigt. Die sozialistischen Staaten konnten sich unter
dem Druck der kapitalistischen Weltökonomie nicht halten und mußten vor Bretton
Woods die Waffen strecken - Mitte der 80er etwa gab ein einst kämpferischer
Nyerere sein Präsidentenamt auf, die Drecksarbeit (Einführung eines
Mehrparteiensystems, Annahme von Strukturanpassungsprogrammen etc.) überließ
er, selbst tief enttäuscht, seinem Nachfolger. Das kommunistische Äthiopien
neigte zum Massenmord an seinen Bewohnern und man braucht sich nicht zu
wundern, daß die vormals albanisch-marxistische TPLF davon heute nichts mehr
wissen will. Was die kapitalistischen Modelle anbelangt, so war und ist die
Enttäuschung groß, daß man zwar den Westen mit Rohstofflieferungen entwickelt
hat, doch nicht sich selbst. Die sozialen Probleme, die der Islamismus
aufdeckt, lassen sich also nicht einfach leugnen. Die Popularität der
gescheiterten Entwicklungsideologien ist unwiederbringlich dahin, hier setzt
der Islamismus an und bietet mit einfachen Grundsätzen und einer organisierten
Wohlfahrt eine Alternative, die sich unter Akademikern ebenso durchsetzen kann
wie unter einfachen Stadt- und Landbewohnern. Der Islamismus erhebt einen
Anspruch darauf, die Menschen zu einigen, eine gemeinsame und selbstbewußte
Identität zu stiften, Korruption zu bekämpfen und soziale Grundsätze
einzuführen und zu verteidigen (siehe das Zinsverbot im islamisierten
Bankenwesen sowie die Almosenpflicht gegenüber Bedürftigen), und bietet
schließlich ein neues Moralgebäude kathartischer Nüchternheit. Letzteres wird
zum einen den als degeneriert verstandenen Formen der mystischen Volksislam und
des Sufismus entgegengehalten - Refundamentalisierung im Sinne eines ‘Zurück zu
den Wurzeln’ - wie auch dem weiten Feld westlicher Dekadenz, was eine Kritik
der auf die eine oder andere Weise verwestlichten Elite einschließt. Daß der
Islamismus in dieser Beziehung auf vieles im Westen aktuell reagiert - und
damit eben keineswegs “mittelalterlich” ist, wie Bürger und Christen zu
behaupten pflegen - zeigt sich an den Binäroppositionen, die man aufdecken
kann.
Der Westen trinkt. :: Der Islamismus verbietet den Alkohol (im übrigen auch dort, wo das Biertrinken - wie im ländlichen Sudan - zu Hochzeiten etwa durchaus mit dem Volksislam vereinbar war).
Der Westen raucht. :: Der Islamismus sieht Zigaretten, Kautabak, Wasserpfeifen oder gar Marihuana als Angriff auf seinen Grundsatz der Nüchternheit, doch scheinen manche dieser Laster in Arabien so stark verbreitet und traditionell verwurzelt zu sein, daß sie nur schwer auszumerzen sind.
Der Westen zieht die Frau aus und vermarktet seine Produkte mit ihr. :: Nüchernheit heißt Nüchternheit der Sinne und wirkt sich deshalb selbstverständlich auch auf den Berich der Erotik und der Sexualität aus. Was tun, um das ewig lockende Weib aus dem Sinn zu verbannen? Mann versteckt sie einerseits durch entsprechende Kleidungsvorgaben, andererseits durch ihr Abdrängen aus dem öffentlichen Leben und der Zuordnung zum häuslichen Bereich.
In beiden Fällen läßt sich im
übrigen ein deutlich patriarchalisches Grundsystem erkennen, was aber weder der
Westen, noch der Islamismus als Reaktion hierauf aufzuarbeiten bereit ist.
Die Mahdiyya-Bewegung (1881-1898)
Im Sudan hat dieser
Moralismus der Nüchternheit eine besondere Tradition, an die leicht angeknüpft
werden kann: Die britische Krone, die faktisch Ägypten und den Sudan in der
Folge des Suezkanalbaus bereits dominierte, war nach dem Rücktritt des in Cairo
ansässigen Khediven Ismail 1879 und in Konkurrenz zur französischen
Afrikapolitik an einem Machtausbau im Sudan interessiert. 1881 jedoch formierte
sich dort eine lokale und später regionale militärische Macht unter der Leitung
Mohammed Ahmads, der sich zum Mahdi (von Allah erwählter Anführer des Djihad)
erklärte. Ausgehend von El-Obeid in Kordofan machte er sich auf den Weg nach
Khartoum und räumte hierbei den einen oder anderen europäischen Militär oder Governor
aus dem Weg. Die Verstärkung, die General Gordon herbeirief, um den
Belagerungsring um Khartoum zu durchbrechen, kam um drei Tage zu spät, die
ausgehungerten Briten gaben am 22.1.1885 auf, Gordon wurde geköpft, der Mahdi
und seine Nachfolger regierten bis 1889, dann wurden sie von
britisch-ägyptischen Truppen niedergemetzelt. Der Sudan geriet bis 1956 unter
(britisch dominierte) gemeinsame Verwaltung der Krone und Ägyptens. Für die
westliche Welt aber war der Mahdi-Aufstand ein ähnlich großer Schock wie ein
ein paar Jahre später 1896 die Niederlage der Italiener bei Adwa. Der Mahdi war
mit einem explizit religiösen Programm angetreten und hatte mit seiner
antikolonialen, antiwestlichen Doktrin die Massen hinter sich versammeln
können. Die nüchterne Diziplin seiner Soldaten war wesentlich für ihre
Schlagkraft, ein erster moderner Islamismus war als Ideologie bestätigt worden
- konkret: festgeschriebene Erfüllung der religiösen Pflichten, kein Alkohol
und Frauenverbot auf öffentlichen Plätzen.
Was kann der Islamismus nicht?
Der Islamismus will keine
egalitäre Gesellschaft. Auch wenn in Khartoum die meisten Männer in weiße
‘djelabia’ gekleidet sind, so erkennt man doch bereits an deren
unterschiedlichen Weißheitsgraden, an der goldenen Armbanduhr, der Armani-Brille
oder dem Handy in der Tasche die soziale Bandbreite. Der Islamismus vertritt
tatsächlich eine soziale Marktwirtschaft, in welcher der Almosenpflicht genügt
wird, doch die Geschäfte nicht zu kurz kommen. Er ist von vorneherein eine
Ideologie der städtischen Bessergestellten, denn das regelmäßige Erfüllen der
Gebetspflichten hängt von einem geordneten Arbeitstag ab, der solches zuläßt.
Außerdem kann es sich nur leisten, seine Frau zu Hause zu verstecken, wer
selbst einigermaßen gut verdient. Die algerische FIS wurde in erster Linie von
kleinen und mittelständischen Geschäftsleuten finanziert, die Politik in
Khartoum wird von einflußreichen, politisch wie wirtschaftlich potenten Cliquen
gemacht, die al-Tourabi und al-Beshir nach Kräften unterstützten, auch wenn
sich durch den aktuellen Machtkampf zwischen diesen beiden ein gewisser Trend
zur pazifizierten, aber programmatisch nicht gänzlich abseitigen Umma-Partei
abzuzeichnen scheint. Das Basisaxiom ‘allahu akbar’, auf das beständig Bezug
genommen wird, darf nicht hinterfragt werden. Unter diesem Schutzmantel bewegt
sich die Marktwirtschaft, deren Besitzverhältnisse so unangetastet bleiben. Dem
offenen Erklärungsbedarf, den Intellektuelle, Besitzlose, Nicht-Muslime, Ketzer
und Aussenstehende haben könnten, kann einfach mit Ablehnung oder
Sanktionierung begegnet werden, da offenkundig das Basisaxiom nicht beachtet
wurde. Der Islamismus ist also antireflexiv, marktwirtschafterhaltend und
patriarchalisch (und damit dem westlichen Modell nicht so unähnlich, wie er es
auf den ersten Blick zu sein scheint).
Selbst die so oft bekannte
Zugehörigkeit des Sudan zur muslimischen und arabischen Welt, weckt - nach den
rassistischen Zusammenstößen zwischen ‘weißen’ Libyern und ‘schwarzen’
Sudanesen und Nigerianern Angang Oktober in Libyen - Zweifel. Ob die
‘schwarzen’ Gastarbeiter in Saudi Arabien und den Golfstaaten tatsächlich als
vollwertige muslimische und arabische Brüder akzeptiert werden? Wohl kaum, da
ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Der Sudan ist in der Antike und in
der Kolonialzeit von Ägypten aus stets als Hinterland betrachtet worden, auf
das man nicht zuletzt des Nils wegen ein Auge haben muß, dabei blieb es aber
eben auch der Ort, wo man Sklaven und Elfenbein von den Bäumen pflücken konnte.
Eine gewisse Kontinuität dieses Hinterlandphänomens scheint geblieben zu sein.
Nur kann der Sudan heute im Reigen der allesamt reicheren arabischen Staaten
eben nicht mehr als Männer und guten Willen bieten: 600 Palästinakrieger haben
sich an der Universität von Khartoum schon eingetragen. Ob man sie dort eher
akzeptieren wird als die äthiopischen Falasha-Juden nebendran in Israel, deren
Blutspenden man aus rassistischer Angst vor Aids weggekippt hat?
Nichtsdestotrotz sollte
niemand, der über den - im übrigen vor Sonne, Staub und Blicken schützenden -
Schleier und den händeabhackenden und christenunterdrückenden Islamismus
wettert, vergessen, daß im Sommer letzten Jahres mit Amir Agheeb ausgerechnet
und ironischerweise ein Sudanese von deutschen Bundesgrenzschützern getötet
wurde. (Tegadalay)