Chronik
Im Juli dieses Jahres scheiterten die Camp-David-Verhandlungen, die eine endgültige Friedenslösung zwischen Israel und Palästina bringen sollten, an der Frage, wer Ost-Jerusalem kontrollieren darf. Im September stellt der Palästinensische Nationalkongress die Ausrufung eines eigenen Staates zurück und Ariel Scharon besucht mit Abgeordneten seiner Partei den Tempelberg. Über die darauf folgenden Unruhen schüttelt jeder Zeitungsleser den Kopf und fragt sich, warum »die da unten« nicht friedlich zusammenleben können.
Bestimmt ist der Konflikt vor
allem von zwei Momenten: dem Widerstreiten zweier Staatswillen und der
Naturalisierung des daraus entstehenden Konflikts im Gegensatz zweier
Volksgruppen. Beide Erscheinungen sind aus so gut wie allen Staaten bekannt,
sie nehmen aber im Nahen Osten eigene Formen an.
Die beiden Willen zu einem
Staat, also dem Recht souverän über Land und Leute entscheiden zu können,
fallen nämlich recht unterschiedlich aus. Israels Ordnungsmacht reicht über die
diplomatisch anerkannten Grenzen seiner Souveränität hinaus, was sich in
allerlei Völkerrechtsverletzungen niederschlägt, die ja auch von der UNO
konstatiert werden, aber keinerlei moralische Komponente haben, weil keine
andere Gewalt Israel zur Rechenschaft zieht. Ohne Gewalt auch keine Moral. Im
anderen Fall hat es zur Souveränität bisher noch gar nicht gereicht: das macht
Arafat einerseits erpressbar, andererseits zu allem entschlossen – was nicht
ohne Risiken für ihn ist: sie Unterscheidung zwischen einem Terroristenführer
und einem potenziellen Staatsgründer verläuft schließlich nicht fern von
diplomatischen Nützlichkeitserwägungen.
Die Trennung zwischen dem
eigenen Volk und denen, die eigentlich gar nicht dazugehören fällt entsprechend
der strategischen Lage im Nahen Osten aus. Die Trennung zwischen Juden und
Arabern ist nicht auf eine Wahnvorstellung zurückzuführen, sondern Folge der
militärischen und politischen Auseinandersetzungen in der Vergangenheit.
Was ist passiert? Mit seiner
unnachgiebigen Haltung hat Barak erreicht, dass es keine Rückkehr zu den
Grenzen von ´67 (vor dem 6-Tage-Krieg) gibt und nicht zur Rückkehr der
palästinensischen Flüchtlingen kommt. Israel setzt mit der palästinensischen
Autonomie die saubere Ausgrenzung eines fremden Volkes durch, und will
Sicherheit bezüglich seines gesamten Territoriums. Weil das alles zum immer
noch nicht abgeschlossenen Staatsgründungsprogramm zählt, will der Besitz
dieses Territoriums auch ideologisch gerechtfertigt sein. Die größten
israelischen Parteien lassen Zugeständnisse daher nur als Gnade vor Recht zu,
um erst gar keinen Zweifel an der Souveränität ihres Staates zu lassen, seine
Region nach seinem Gutdünken einzurichten.
Der PLO, dem anerkannten –
wenn auch noch nicht souveränen – Repräsentanten des »anderen« Volks, geht es
selbstverständlich nicht um die Lebensqualität der arabischen Bevölkerung;
schließlich will man ein eigener Staat werden und ist dann mit deren Interessen
qua definitionem identisch. Weil die Souveränität bis jetzt noch gar nicht
besteht ist die PLO prinzipiell zu jedem Zugeständnis bereit. (Wenn die
Zugeständnisse, was wahrscheinlich ist, recht großzügig werden ausfallen
müssen, trifft es sich gut, dass Arafat nicht mehr der jüngste ist...) Weil sie
aber von der Unterstützung anderer arabischer Staaten abhängt, muss sie auf
Herausgabe des Symbols der Verletzung des arabischen Gesamtstaates beharren:
dem Tempelberg.
Dass Israel andererseits
einen souveränen palästinensischen Staat nicht gut gebrauchen kann und sich das
auch bei seiner endlich abgeschlossenen Gründung zeigen soll, macht den
Konflikt so langwierig. Weil sich in der heutigen weltpolitischen Lage weniger
Interessen im Nahen Osten bündeln, ist aber der Atem der beteiligten Parteien
kürzer.
Ausgelöst werden die jüngsten
Unruhen durch einen Besuch Ariel Scharons am Tempelberg. Der gute Mann kam
nicht alleine, sondern brachte seine Kollegen vom Likud-Block und tausend
Soldaten mit. Warum hat Ehud Barak dem zugestimmt? Der Besuch war natürlich mit
den Palästinensern abgesprochen. Es sei kein Problem, solange Scharon die
el-Aqsa-Moschee nicht betreten. War es aber doch. Aber warum das Risiko? Auch
in Israel herrscht Wahlkampf. Scharon will sich in den Vorwahlen gegen seinen
Parteikollegen Netanjahu durchsetzen. Dazu muss er Stärke und Unnachgiebigkeit
zeigen. Weil aber Barak viel lieber Scharon als Oppositionsführer hat, ist er
vielleicht auch bereit gewesen, ihn ein bisschen zu unterstützen, oder
zumindest seinen Wahlkampf nicht zu behindern.
Wie dem auch sei, seit
Scharons Besuch auf dem Tempelberg, herrscht die Gewalt in Israel und den
besetzten Gebieten. Barak droht, wenn Arafat es nicht schaffe, die Gewalt im
Gazastreifen und im Jordanland zu beenden, werde für Israel der
Verteidigungsfall eintreten und Barak wolle »eine Notstandsregierung aus
Arbeiterpartei, Likud und religiösen Parteien« (SZ, 9.10.) bilden.
Den Worten folgen aber
vorerst keine Taten. Die israelische Regierung verlängert das Ultimatum um den
internationalen Vermittlungsbemühungen Rechung zu tragen; Barak stimmt einem
Gipfeltreffen in Ägypten und einer von den USA geleiteten
Untersuchungskommission zu. Diese Kommission soll die Ursachen der Gewalt
klären. »Dass Barak nun auch noch der Untersuchungskommission zu den Unruhen
zustimmt, ist ein taktisch wohlüberlegter Schachzug ... Hätte Barak die
Kommission abgelehnt, hätte es zudem den Verdacht genährt, dass Israel in der
Tat maßlos Gewalt anwendet.« (SZ, 11.10.) Den medialen Höhepunkt erreicht
die Gewalt im Lynchmord an zwei israelischen Soldaten, der live gefilmt im
Fernsehen übertragen wird.
Am Krisengipfel in Scharm al
Scheich hatten Barak und Arafat nur auf internationalen Druck hin teilgenommen,
weil die »Stabilität der ganzen Weltgegend« in Gefahr sei. Die
palästinensischen Behörden nahmen bereits kürzlich befreite Hamas-Anhänger nach
Ausschreitungen wieder fest. Israel forderte außerdem die Entwaffnung der
Tanzim und ein »Ende der Hetze in palästinensischen Medien« (FAZ,
16.10.)
Die Tanzim kündigten gleich
nach dem Ende des Gipfels in Scharm el-Scheich an, sich nicht an den
Waffenstillstand halten zu wollen. Sie würden kämpfen, bis sie es zu ihrem
eigenen Staat gebracht hätten. Dennoch treffen sich Sicherheitsexperten beider
Seiten; Israel gibt Arafat 48 Stunden, um für Ruhe zu sorgen. »Die Armee
rief die Bewohner Beit Jalas« – von dort aus wurde ein israelischer Siedler
erschossen – »auf, ihre Häuser zu verlassen, da sie aus Panzern auf den Ort
schießen werde.« (FAZ, 19.10.)
Die Ausschreitungen flauen
zwar etwas ab, doch warfen sich beide Seiten vor, die Bestimmungen von Scharm
el-Scheich nicht vollständig umzusetzen. Die israelische Armee zog sich
teilweise zurück, aber immer noch werden Palästinenser und Israelis erschossen.
Die
UN-Menschenrechtskommission verurteilte unterdessen ein weiteres mal Israel.
USA und die europäischen Staaten stimmten gegen die Resolution.
Nach den schwersten
Zusammenstößen seit Beginn der Unruhen hatte Israel ein weiteres Mal ein
Ultimatum gestellt und gedroht, den Friedensprozess für beendet zu erklären,
wenn die Gewalt nicht beendet werde. Erste Anzeichen für einen Waffenstillstand
wären hoffnungsvoll gewesen.
Mit unterschiedlicher
Heftigkeit gehen die Kämpf weiter, israelische Siedlungen werden beschlossen,
palästinensische Kleinstädte wie Beit Dschalla werden beschossen, israelische
Soldaten schießen mal scharf, mal mit Gummigeschossen und palästinensische
Kinder werden von ihren Volksgenossen in die erste Reihe gestellt. Ein
besonders guter Moslem verübt einen Selbstmordanschlag, der ihm großes Lob von
Scheich Hassan Nasrallah einbringt: »Die wichtigsten Aktionen in der
Auseinandersetzung sind Selbstmordattentate wegen ihrem negativen materiellen,
psychologischen und moralischen Effekt auf den Gegner und ihrem positiven
Effekt auf den heiligen Krieger.« (AP, 28.10.) Unterdessen nehmen die
Koalitionsverhandlungen zwischen Barak und Scharon konkrete Formen an.
Obwohl Baraks Angebot
weitergegangen ist als das, was Israel den Palästinensern jemals zuvor
angeboten hatte, hat Arafat die Friedensgespräche platzen lassen. Dass Israel
nur 92% des besetzten Landes zurückgibt und den Palästinensern nur recht
beschränkte Souveränität lässt, ist zwar auch in Israel umstritten, entspricht
aber der Logik des israelischen Staatsgründungsprojekts. Das zieht nämlich auf
möglichst unumschränkte Souveränität ÿab und beschränkt daher die potenzielle
palästinensische.
Darum dreht sich auch der
Streit um Jerusalem: Tempelberg und Hauptstadtfrage haben wenig mit Religion zu
tun – das religiöse Gemüt hat ja auch sonst keine Schwierigkeiten, sich Objekte
der Betätigung zu suchen – viel aber damit, wie sich die staatliche
Souveränität symbolisch niederschlägt. Der Besitz des Tempelbergs ist außerdem
das Symbol für den arabischen Ordnungsanspruch in der Region: darauf kann
Arafat nicht verzichten, wenn er an der Macht bleiben will.
Dem Staatsgrünungsprojekt
sind auch die israelischen Siedler zu verdanken. Es sind tatsächlich Leute die,
wie man das von Leuten mit übermäßigem religiösem Einschlag kennt, nicht allzu
viel Realitätssinn haben. Das heißt aber nicht, dass der Zweck, dem sie dienen,
irreal wäre: das Recht auf staatliche Herrschaft zu begründen. Und wenn Israel
dieses Recht nicht wahrnimmt, so ist das ein Zugeständnis.
Baraks Strategie deckte sich,
anderes als die seines Vorgängers Netanjahu im wesentlichen mit den Wünschen
der USA. Netanjahu hatte versucht, die Souveränität Israels mit Hilfe der
Siedler auf die besetzten Gebiete auszudehnen. Der arabischen Seite wurden
keine Zugeständnisse gemacht, weil Netanjahu glaubte, sich auf seine
militärische Stärke verlassen zu können.
Barak meint dagegen, zu einem
endgültigen Friedensschluss kommen zu können und auf der Basis gesicherter
Grenzen seine militärischen und ökonomischen Mittel als Regionalmacht besser
einsetzen zu können. Das ist genau im Sinne der USA, die in die Ordnung der
arabischen Welt auch ganz gerne die arabischen Staaten einbinden würde und zum
Beispiel »eine militärische Zusammenarbeit zwischen Ägypten und Israel«
wünschen (FAZ, 25.10.99).
Während Netanjahu zur
Siedlungspolitik die Besetzung brauchte, setzt Barak auf einen endgültigen
Frieden, um dann politisch agieren zu können. Die zum diplomatischen Gelingen
unabdingbare ökonomische und militärische Macht wird vom Westen nach Kräften
unterstützt. Die USA stellen massiv Militärhilfe und beteiligen Israel, sich am
Raketenabwehrsystem zu beteiligen; die BRD lieferte (und finanzierte zum großen
Teil) drei U-Boote à $300 Mio.
Israel verhandelt aus einer
Position der Stärke. Prämisse in allen Verhandlungen ist die militärische
Überlegenheit Israels, die auch – von den USA geduldet – auf Atomwaffen beruht.
Die Verhandlungsposition Israels ist es darum, den Verhandlungspartnern lauter
letzte Angebote zu machen, die die roten Linien der israelischen Regierung
enthalten, sich aber als Zugeständnisse verstehen, weil Israel zur Güte auf
Anwendung seiner überlegenen Gewaltmittel verzichtet.
Im Streit über die
Souveränität macht die Tatsache, dass Arafat noch über gar keine verfügt, ihn
nachgiebig. Nach der Anerkennung eines palästinensischen Staates wird dieser
Grund wegfallen und Israels Verhandlungsposition sich erschweren. Darum soll
der neue Staat wirkliche Souveränität gar nicht besitzen und reell wie
symbolisch von Israel abhängig sein. Der palästinensische Staat darf z.B. keine
direkte Grenzen zu Jordanien haben, genauso wenig wie ein eigenes Militär;
außerdem kontrolliert Israel den Zugang zum Meer und den Flughafen. Außenhandel
und internationale Kontakte sind damit ohne israelische Zustimmung nicht
möglich, ebenso wenig wie Zuwanderung; Israel möchte die palästinensischern
Vertrieben auf dem von ihm kontrollierten Territorium nicht haben.
Der neue Staat wird sich also
schon bei seiner Gründung dazu bekennen müssen, nicht wirklich souverän zu
sein.
Der Wunsch nach einem
endgültigen Friedensschluss entspringt der Erkenntnis von den Gefahren und
Kosten einer Besetzung: Dadurch werden militärische Gewaltmittel gebunden, das
Recht strapaziert, weil man es noch gar nicht hat und Steuergelder gebunden.
Alles Sachen auf die ein Staat auch gerne verzichten kann. Der palästinensische
Staat soll politisch und ökonomisch so ausfallen, dass jede Vereinbarung den
Charakter eines Zugeständnisses von Seiten Israels hat.
Anders als Netanjahu will
Barak nicht die ganzen Palästinenser in Israel behalten – damit würde er sich
auf Dauer Schwierigkeiten einhandeln: von der Gefährdung der inneren Sicherheit
bis zum Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen. Ein eigener Palästinenserstaat dagegen
würde seine Bürger selbst beaufsichtigen und doch könnte die israelische
Wirtschaft bei Bedarf auf das Arbeitskräftepotenzial dieses Staates
zurückgreifen. Deshalb gibt Barak die vorgeschobenen Außenposten der Siedlungen
auf, weil sie die Ausweisung eines geschlossenen palästinensischen
Siedlungsgebietes unmöglich machen würde. Genau das war auch Netanjahus
Absicht. Der weitere Ausbau einiger Siedlungen, vor allem im Osten Jerusalems
wird ihm von der Weltöffentlichkeit nachgesehen, weil er prinzipiell bereit
sei, einen unabhängigen palästinensischen Staat zu dulden und sich bemühe, die
Landnahme durch einzudämmen.
Parteinahme
Der Nahostkonflikt ist eine imperialistische Auseinandersetzung, in der es allen Beteiligten gleich um die höchsten Güter des imperialistischen Strebens geht: Souveränität und die Frage, wer Ordnungsmacht ist. Da hört der Spaß nämlich auf. Und da sollte es auch nicht verwundern, dass nicht nur Israel und die PLO mitspielen, sondern auch lokale Mächte wie Ägypten und die Arabische Liga und weltweite Ordnungsmächte wie die USA oder die BRD. Den wechselnden Interessen der beteiligten Mächte sind die Entwicklungen des Konfliktverlaufs geschuldet.
Parteinahme für eine der
beteiligten Seiten ist nicht angesagt: beide Seiten gehorchen eben den
Gesetzmäßigkeiten der imperialistischen Logik. Und nein, keiner Seite geht es
um „die Leute“. Genauso falsch ist es, sich die Forderungen der israelischen
Friedensbewegung zu eigen zu machen. Die imperialistische Logik gehen die
nämlich gar nicht an. Sie zeigen nur, dass es auch in Israel Leute gibt, die
von der Gewalt – verständlicherweise
genug haben.
Wenn zwei Staatswillen
miteinander in Konkurrenz geraten und sie die ihnen zur Verfügung stehenden
Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele auffahren, dann hat davon keiner ihrer
Subjekte einen materiellen Vorteil. Weder ein Angestellter in Tel-Aviv von
neuen Siedlungen auf dem Golan oder auf der Westbank ebenso wenig wie ein
palästinensischer Arbeiter von einem eigenen Staat, auch wenn der nicht von
ökonomisch von Israel abhängig wäre. Das könnte nun Anlass für eine Kritik
daran sein, wie internationale Politik in den alten wie neuen Weltordnung geht,
ist es aber nicht. Statt dessen ist der Nahostkonflikt dem besorgten Deutschen
Anlass zu Parteinahmen verschiedenster Art.
Imperialistisches Verständnis
Zumindest so lange die eigene Staatsmacht nicht in Sachen Befriedung, Menschrechten und Demokratisierung unterwegs ist, macht die bürgerliche Öffentlichkeit, an viele Jahrzehnte imperialistische Weltpolitik gewöhnt, nichts lieber, als sich in die verschiedenen Seiten einzufühlen und die aus der jeweiligen Staatsräson abgeleiteten Politik als unvermeidliches Schicksal den beteiligten Völkern zuzumessen. »Die Palästinenser« brauchen halt einen eigenen Staat, »die Israelis« brauchen Sicherheit, etc.
Das die palästinensische
Seite einen eigenen Staat will leuchtet wegen dem Selbstbestimmungsrecht der
Völker von rechts bis links jedem guten Deutschen ein. Das Sicherheitsinteresse
Israels im Grunde ebenso – schließlich wird mit den gleichen Argumenten die da
ins Feld geführt werden von jeher die Politik des freien Westens
gerechtfertigt.
Die militärische Stärke
Israels ist ja eine recht zweischneidige Sache. Sie hat nämlich dazu geführt,
dass Israel sich auf seine militärische Stärke verlassen hat und viele
Konflikte daher am schwelen gehalten wurden. Überlegen ist Israel natürlich den
Palästinensern und einzelnen arabischen Staaten. Wenn die Unruhen aber auf die
arabischen Israelis übergreift und so für unsichere Verhältnisse im
Landesinneren sorgt und wenn sich Israel dann einer Koalition arabischer
Staaten gegenübersieht, wird die Situation militärisch unhaltbar. Vorerst
schließt die Haltung Ägyptens eine solche Koalition aus; sollten sich die
politischen Verhältnisse ändern, wäre ein Präventivschlag Israels wohl
unvermeidlich. Das leuchtet jedem Bürger ein.
Ebenso leuchten die Schwierigkeiten ein, die die
Arabische Liga mit einem Staat hat, dass zu diesem Pakt nicht gehört. Die
Arabische Liga ist eine schwache Organisation. 1999 erst wurde Ägypten wieder
Mitglied, 1990 attackierte Saddam die saudischen Prinzen, kurze Zeit später
schickte die Arabische Liga eine arabische Schutzmacht an den Golf. 1996 wurde
gegen die Wahl Netanjahus protestiert. Jetzt forderten einige Staaten
diplomatische und militärische Maßnahmen gegen Israel, doch Leute wie Mubarak
versprachen schon von vorneherein für Frieden zu sorgen. In Interesse Ägyptens
oder Jordaniens lag eine Eskalation nämlich nicht.
Bedrohlich wird die Lage für
Israel dann eingeschätzt, wenn die gemäßigten arabischen Länder durch die
Islamisten unter Druck geraten. Große Legitimation besitzen die meisten ohne
hin nicht. Die antiisraelische Stimmung würde dann schnell in eine anti-westliche
umschlagen. Außerdem drohe der Einsatz der »Ölwaffe« durch die Golfstaaten (Die
Zeit, 43/2000).
Auch die Politik der USA ist
für deutsche Zeitungen keine Überraschung. Nicht dass da von der
Ordnungspolitik der Weltmacht die Rede wäre. Aber dass Clinton, ein bleibendes
Erbe seiner Amtszeit hinterlassen möchte wird gerne als Erklärung für die Rolle
der USA genommen. Mit dem Drängen auf eine endgültige Friedensregelung sind
zwar tatsächlich die unversöhnlichen Gegensätze ausgebrochen. Eine oder beide
Seiten hätten auf etwas verzichten
müssen, was für sie unverzichtbar ist: nämlich einen möglichst souveränen Staat
zu gründen bzw. zu etablieren. Aber in seiner Rolle als »Verhandlungspartner«
hat Clinton Dinge, die einen Souveränitätsverlust für Amerikas Verbündeten
Israel bedeutet hätten, gar nicht erst zugelassen. Dass Clinton unterstellt
wird, er würde bloß wegen seines Images quasi weltpolitisch Russisch Roulette
spielen, ist freilich auch ein Hinweis darauf, was für die Charaktermasken der
Demokratie notwendig ist, um an die Macht zu kommen und sie zu erhalten.
Antisemitismus
Nicht jeder Parteinehmer hat für den sich im Nahen Osten abspielenden Imperialismus Verständnis. Manche Parteinahme fällt antisemitisch aus, weil die antisemitischen Erklärungsmuster im Falle Israels wieder hervorgeholt werden. Manchmal muss der Hinweis auf israelische Soldaten, die einen Bürgerkrieg führen, auch für die Andeutung herhalten, dass die Juden auch nicht besser sind als die Deutschen, die Vernichtungslager bauen. Und schließlich gehört hierher auch der Philosemitismus, der durch möglichst auffällige Verteidigung jedweder israelischer Taten und Untaten einen Bruch mit der Vergangenheit suggerieren will und damit die Normalität des »Wir« durchsetzten will, zu dem er sich mit seinem Volk und dessen Tradition gehörig sieht.
Der Antisemitismus ist kein
Vorurteil oder eine bloße Zweckpropaganda der Herrschenden, die im Sinn der so
beliebten wie falschen »Sündenbocktheorie« von den wirklichen Schuldigen
ablenken soll.
Der Antisemitismus ist
vielmehr die Identifikation der Negation der guten Gemeinschaft, die Nation ist
und Volk heißt. Das Volk ist eine Gemeinschaft, die als natürliche ich gemäß
leben könne, würde sie nicht gestört. Das ist möglich von außerhalb durch andere
Völker, oder aber im Inneren mittels Zersetzung durch ihr Gegenteil: den Juden.
Selbst wenn noch von Kapital
und Kapitalismus die Rede ist, werden die Erscheinungen nicht in ihren
Gesetzmäßigkeiten und in ihrer Notwendigkeit für das Kapital begriffen, sondern
als bloße Erscheinungen die es zu bekämpfen gelte. Das ist dann meist mit dem
Irrtum verbunden, den Kapitalismus als persönliches Herrschaftsverhältnis und
nicht als gesellschaftliches Zwangsverhältnis aufzufassen. Zur Personifikation
der unangenehmen Eigenschaften im Juden ist es dann nicht mehr weit.
Das Volk und die Nation gehen
unmittelbar mit dem bürgerlichen Staat einher, werden also nicht nachträglich
von den Individuen dazuerfunden. Volk und Nation sind tatsächlich ideologische
Konstrukte: sie sind die Naturalisierung eines Gewaltverhältnisses. Eine
Rechtfertigung, aber keine manipulative, sondern eine, die sich aus dem
falschen Schein ergibt, dass da etwas Gleichartiges beherrscht wird. Das ist falsch, weil erstens die
Gemeinsamkeiten erst durch die Herrschaft entstehen; und zweitens weil die
bürgerliche Herrschaft für eine persönliche genommen wird, die sie nicht ist.
Das Kapitalverhältnis reproduziert ja die gesellschaftlichen Unterschiede
gerade innerhalb der scheinbar gleichermaßen beherrschten Volksgemeinschaft.
Konkret äußert sich
potenziell in Antisemitismus übergehenden Parteinahmen in verschiednen Formen.
Erstens als
antiimperialistische Parteinahme für die Palästinenser, die sich natürlich nie
antisemitisch fühlt. »In Deutschland protestieren Tausende Palästinenser,
zum Teil gewalttätig gegen Israel. In Essen bewerfen Demonstranten die Synagoge
mit Pflastersteinen.« (SZ, 9.10.) Das ist ja auch mal schön, wenn man mal
Verständnis für Synagogenzerstörung haben kann; vielleicht waren das ja auch
sonst nicht immer die netten deutschen Jungs von nebenan?
Zweitens als Rechtfertigung
dafür, das an den Juden mal offen bekritteln zu dürfen, was man sonst für sich
behält. »Solange israelische Soldaten Palästinenser erschießen, kann man in
Deutschland Blumen vor dem geschändeten jüdischen Friedhof ablegen und trotzdem
weiter über die Juden nörgeln.« (Jungle World, 18.10.) Für deutsche
Kommentatoren ist vor allem einer an der Gewalt schuld: Ariel Scharon. Ist ein
Jude erst mal zum Abschuss freigegeben, können sich an ihm alle antisemitischen
Ressentiments austoben. Was man Scharon zuschreibt ist das, was man eigentlich
von den Juden sowieso denkt. Was tatsächlich passiert spielt plötzlich keine
Rolle mehr; alles geht unter in der Feststellung, dass Scharon die
Palästinenser ja provoziert habe.
Drittens, indem man ein
moralisches Maß an die imperialistischen Taten anlegt, dass sonst eher anders
ausfällt. Die junge Welt etwa lässt die israelische Friedensbewegung zu Wort
kommen. Damit lässt sich alle Kritik vorbringen und keiner wird das
antisemitisch nennen. Im Falle Jugoslawiens war man aus gutem Grund sehr
vorsichtig mit der von den bürgerlichen Medien so hochgelobten Kritik der
Opposition am jugoslawischen Staat. Zu sehr bediente diese Kritik das Verlangen
des Westens an einer Legitimation seiner Politik.
Und dass wir uns nicht falsch
verstehen. Rassistisch und national ist jeder bürgerliche Staat; Rassisten und
Nationalisten sind alle guten Staatsbürger. Der Umkehrschluss, das gälte von
Israel nicht, wäre also falsch. (Sicher, der Nationalismus fällt mal mehr, mal
weniger rabiat aus, da gilt es nicht alles über einen Kamm zu scheren; nur
hängt das leider nur ganz wenig von Bürgertugend und Zivilcourage ab und ganz
viel von den Aufgaben und den Möglichkeiten des Staates.)
Selbstbestimmungsrecht der Völker
Die Auseinandersetzungen im Nahen Osten werden hierzulande vor allem als Kampf um das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstanden. Die Palästinenser werden zu einer kleinen unterdrückten Minderheit, mit deren Kampf man sich solidarisiert, ohne zu sehen, dass es sich schon lange nicht mehr um ein paar steinwerfende Jugendliche handelt, sondern um gut ausgebildete und ausgerüstete Soldaten. Dabei wurden recht gekünstelt Unterschiede zum auf deutschen Straßen randalierenden Mob konstruiert.
Solche nationalen
Minderheiten verlieren schnell jegliche Solidarität, wenn sie ihre Schuldigkeit
getan haben: Gewalt auszuüben und die politischen Verhältnisse zu
destabilisieren. Die Kosovo-Albaner sind schnell wieder zu einer
halbzivilisierten Mafia geworden.
Das Selbstbestimmungsrecht
der Völker will auch durch Verletzungen dokumentiert sein. Schließlich muss man
ja auch Gründe angeben können, warum ein Volk seinen eigenen Staat braucht.
Nach dem Rückzug der israelischen Armee will die Hisbollah im Gefängnis von Al
Khiam ein »Foltermuseum« einrichten und dem Kampf gegen Israel bis zur
Freilassung aller Gefangenen und der Rückgabe der Schebaa-Ländereien
fortsetzen. Die mit Israel verbündete SLA floh entweder nach Israel oder wurde
verhaftet. »Ein Großteil der lokalen Bevölkerung ist in den Süden Israels
geflohen.« (Jungle World, 31.5.2000)
Seine liebste diplomatische
Waffe entsichert die BRD auch, wenn es um den Nahen Osten geht.
»Als Jugoslawien das Recht
abgesprochen wurde, sich gegen Terrorismus zu wehren, war es Ariel Scharon, der
davor warnte, Israel könne das nächste Ziel einer ›humanitären Intervention‹
werden.« (Jungle World, 18.10.) So ganz unbegründet ist diese Angst nicht. Noch
hält sich die BRD zurück, noch meint Josef Fischer nur: »Wir können einwirken
und beitragen (!) zur Vermittlung. Alles andere« (allein aufräumen, oder wie?)
»würde unsere Kräfte überfordern« (Reuters, 25.10.). Aber das kann sich ändern.
Man muss die (Welt)Öffentlichkeit nur entsprechend vorbereiten.
Diplomatisches Unvermögen
Die besorgte Öffentlichkeit blickt auf den Nahen Osten, schüttelt den Kopf über so viel sinnlose Gewalt – und findet lauter Schuldige. Scharon provoziert die Araber, die lassen sich auch noch provozieren, Barak geht zu gewaltsam vor, Assad hat »seine« Hisbollah nicht zurückgepfiffen, Arafat taktiert zu viel... Die Politiker sind also allesamt unfähig.
Im Nahen Osten fehle es vor
allem an »Krisenmanagement-Verhaltensregeln« (FAZ, 16.10.). Besonders
die Palästinenser müssten auch mal ein Erfolgserlebnis haben. »Doch
Vorbedingung für Erfolg dieser Methode war zügiger Verlauf; statt dessen kam es
unter Netanjahu zu einer Sabotagepolitik ständiger systematischer
Verzögerungen; und die wurde unter Barak bei all seinem Entgegenkommen nicht so
fundamental und sichtbar anders.« (ebd.)
Von dem ganz realen Konflikt
zweier widerstreitender Staatswillen will keiner was wissen. Statt dessen wird
überall vorhandenes Unvermögen und Schurkenhaftigkeit Schuld daran sein, dass
die da unten einfach nicht friedlich zusammenarbeiten können. Leicht gesagt so
was, wo er doch hierzulande Dank einer ziemlich erfolgreich durchgesetzten
Sortierung gar nicht friedlich mit Volksfremden auszukommen braucht.
»Es bedurfte einer Woche
Non-Stop-Diplomatie der Vereinten Nationen (UNO), der Vereinigten Staaten, der
Europäischen Union (EU), Russlands und Ägyptens, um den israelischen
Ministerpräsidenten Ehud Barak und Palästinenser-Präsident Jassir Arafat an den
runden Tisch zu bewegen. Unter dem Druck ihrer aufgebrachten Völker haben sich
die beiden als Friedenspartner so gut wie abgeschrieben.« (Handelsblatt,
15.10.2000)
Ehud Barak wendet sich der
Innenpolitik zu und will eine Verfassung schaffen. Bisher ist die, was die
Festschreibung von Grundrechten betrifft, recht lückenhaft ausgefallen: Sachen
wie Gleichheitsgrundsatz, oder Rede- und Versammlungsfreiheit konnten nicht
definiert werden. Außerdem möchte Barak das Religionsministerium abschaffen,
zivile Ehen einführen, die rechtliche Stellung der Frauen verbessern, eine
allgemeine Dienstpflicht einführen (die Orthodoxen waren bisher ausgenommen)
und den schulischen Lehrplan regeln. Das klassische sozialdemokratische
Modernisierungsprogramm also. Hintergrund ist, den Druck auf die rechten und
orthodoxen Parteien zu verstärken, wieder in die Regierung einzutreten.
Aber: »Auf innenpolitische
Konflikte reagieren bestimmte Teile der israelischen Gesellschaft mit einer
außenpolitischen Radikalisierung.« (Jungle World, 6.9.2000) Und damit ist
der ganze Konflikt als Folge eines dummen innenpolitischen Hickhacks entlarvt.
»Wenn der Frieden tot ist, sehe ich keinen Grund, warum wir keine Regierung
der nationalen Einheit haben sollten.« (Barak)
So bleibt von dem Konflikt,
nur mehr die diplomatische Finesse übrig, mit der die beteiligten Politiker den
Balanceakt meistern: »Die jordanische Regierung muss wegen einer aus
Palästina stammenden Bevölkerungsmehrheit einen besonders heiklen Balanceakt
meistern. Sie erließ am Donnerstagabend eine in scharfen Worten gehaltene
Kritik an Baraks militärischer Repression. Mubarak rief am Freitag in einer
Kehrtwendung zu einem Vierergipfel der letzten Chance auf, der durch Clintons
Teilnahme eine Verständigung Arafats mit Barak ermöglichen sollte. Doch die
beiden Gegner sind aus spiegelbildlichen Gründen zur Einsicht gekommen, dass
zur Zeit höchstens eine Waffenruhe, aber keinesfalls ein Friedensabkommen über
Jerusalem und einen Palästinenserstaat möglich ist.« (NZZ, 14.10.)
Und schließlich gibt es da ja
noch die psychopatischen Diktatoren, die sich am Konflikt ergötzen und ihn von
außen anheizen. Stefan Ulrich, Hobby-Diplomat der SZ, weiß Bescheid: »Für
den Umgang mit Gaddafi gibt es ein einfaches Rezept: flexible response,
höchstmögliche Flexibilität. Nimmt er Vernunft an und streckt die Hand aus, so
soll man sie ergreifen. Verfällt Gaddafi aber wieder seiner Hybris und schlägt
um sich, so muss man gegen halten, bis er zur Besinnung kommt.« (SZ,
21.10.) Immerhin: Gut auf den Punkt gebracht, wie die Westmächte Politik
machen.
Deutsche Interessen im Nahen Osten
Die BRD hat seit ihrem Bestehen zwischen einer Unterstützung Israels und einer israelfeindlichen Haltung geschwankt. Die Parteinahme fällt letzten Endes im nationalen Interesse aus, oder was der Parteinehmer dafür hält. Der im Auswärtigen Amt verankerte pro-arabische Flügel, der von Außenminister Schröder, Karl Carstens und Herman Josef Abs getragen wird, opponierte bis ´65 gegen jede Annäherung an Israel. Der Adenauer-Flügel setzte sich für einen Ausgleich mit Israel ein, denn »die Haltung gegenüber Israel [sei] von entscheidender Bedeutung für das deutsche Ansehen in der Welt« (Jungle Word 9/98). Die Reparationszahlungen sollten helfen, »die Nachkriegs-Auflagen für die BRD« abzuschütteln und der Regierung »einen Persilschein als westliche Demokratie« auszustellen. Diese Haltung hatte natürlich ihre Grenzen: Chaim Weizman, der $8 Mrd. an Entschädigung verlangen wollte, bot Adenauer realistische 10 Mio. DM an. Adenauer drang vor allem darauf, die Entschädigungsleistungen nicht in Form von Devisen erbringen zu müssen, sondern in Warenform, am besten aber in Form von Waffenlieferungen, um »dadurch das von den Alliierten ausgesprochene Verbot der Kriegsrüstung durch Vorschub eines angeblich guten Zwecks zu unterlaufen«. In Israel gab es Anfangs nur eine geringe Bereitschaft, mit einem Deutschland zu verhandeln, in dem man »keine Anzeichen echter Reue« (ebd.) erkennen könne. Doch das Landnahmeprojekt Israels war nicht billig, und so konnte man es sich schließlich nicht leisten, auch nur die mickrigste deutsche Hilfe auszuschlagen. Sie belief sich schließlich auf nur 3.4. Mrd. DM und wurde in Waren geliefert.
Israel hatte 1954 die
Remilitarisierung der BRD verurteilt. In der Folgezeit nutzte Franz Josef
Strauß die Abkühlung des amerikanisch-israelischen Verhältnisses und knüpfte
geheime militärischen Beziehungen an. Er hatte Erfolg: Die deutschen
Waffenlieferungen bewirkten öffentliche Erklärungen von Ben Gurion, Levi
Eschkol und anderen zu Gunsten der BRD. (Jungle World, 9/98) Der mit den
Reparationszahlungen offiziell verkündete Philosemitismus schlug um bei der
Debatte um die diplomatische Anerkennung Israels. Als Folge der Anerkennung
Israels durch die BRD wurde die Anerkennung der DDR durch arabische Staaten
befürchtet.
Der pro-arabische Flügel der
aus diesem Grund die Anerkennung Israels hintertrieb war mit den
Industriekonzernen AEG und Mannesmann-Thyssen, die zeitweilig »den
arabischen Boykottaufrufen gegen Israel gefolgt« waren und den »offenen
Antisemiten vor allem bei der FDP« verbunden (Jungle World 10/98). Die
deusch-arabische Freundschaft zog weite Kreise. 500 deutsche Raketentechniker
arbeiteten im Dienste Nassers an Trägerraketen gegen Israel.
Beteiligt waren daran
»V2-Experten der Nazis«, wie Wolfgang Pilz oder Eugen Sänger, der
»Flugzeugbauer Willy Messerschmitt« und »KZ-Arzt Hans Eisele als medizinischer
Betreuer«. Eine Versuch, die Techniker zurückzupfeifen wurde nicht gemacht,
weil man um die Geschäftsbeziehungen zur arabischen Welt fürchtete. F.J.Strauß
empfahl den Technikern sogar in Ägypten zu bleiben um zu verhindern, dass die
Sowjetunion an Einfluss gewönne (ebd.). Erst mit der Hinwendung Nassers zur
UdSSR hatte die technische Unterstützung Ägyptens ein Ende.
Die deutsche Politik war
immer israelfreundlich, wenn Israel »uns« unterstützte, also westliche Kriege
führte und immer israelfeindlich bis antisemitisch, wenn Israel eigene
Interessen anmeldete.
Die deutsche Politik, die mit
dem Selbstbestimmungsrecht der Volker arbeitet, tut das heute natürlich auch in
Palästina. Man überlegt, wie man auf Israel »einwirken« kann (Helmut Schäfer).
Die Entwicklungshilfe für Israel wurde 1996 gestoppt; im Gegenzug dazu ist die
BRD der größte Geldgeber für die autonomen Gebiete.
Mit dem Ende des Ostblocks
nimmt das Konfliktpotenzial im Nahen Osten zu (und nicht nur dort). Die
Interessen von BRD, USA und Israel sind nicht mehr länger gleichgeschaltet. Die
USA haben auch erst im Laufe der Zeit, nachdem sich die Staaten des Nahen
Ostens zunehmend eindeutig positioniert hatten, auf die Seite Israels
geschlagen. Die partielle Deckung des Interessen Israels mit denen anderer
westlicher Mächte, vor allem der USA, sorgte für Israels Unterstützung.
Das deutsche – jederzeit
annullierbare – Wohlwollen gegenüber Israel erfuhr von Begin an Modifikationen
durch ein relativ starkes Interesse an der arabischen Welt. Bis 1965 wollte man
nicht die Anerkennung der DDR durch die arabischen Staaten riskieren. Heute
diktieren zunehmend wirtschaftspolitische Erwägungen eine Kooperation mit der
arabischen Welt: Panzergeschäfte mit den Saudis, Lieferungen von heiklem, d.h.
zu Raketen oder chemischen Kampfstoffen einsetzbarem, Material.
Wie man’s auch dreht und
wendet: Es sind vor allem Fragen der Souveränität und der Ordnungsmacht, die
hier relevant sind. Handelsverträge werden selbstverständlich zugunsten der
heimischen Wirtschaft geschlossen – wozu auch sonst? Die Konflikte, die mit
Israel und darüber mit den USA dann ausbrechen sind diplomatische: Die BRD will
nämlich souverän, d.h. nach ihren Interessen entscheiden, mit wem sie welche
Beziehungen eingeht.
Die Zusammenarbeit
Deutschlands mit Palästina bezieht sich auf Wasserprojekte, Müllbeseitigung,
einen Industriepark im Norden des Gazastreifens, ein Joint-Venture mit Siemens
im Hightech-Bereich, ein Hotel in Jericho, u.ä. »Aber mit dem Stillstand des
Friedensprozesses mit Israel sank leider auch das deutsche
Kooperationsinteresse auf ein Minimum.« (jW, 17.3.1999)
Mit dem Argument, die
Vermittlerrolle der USA habe sich verbraucht, bemüht sich die EU und allen
voran die BRD Einfluss auf den Friedensprozess und die Neugestaltung der Region
zu nehmen. »Wirtschaftliche Entwicklung braucht Frieden. Frieden braucht
Entwicklung.« (Schröder, SZ, 2.11.)
Die Position der BRD nimmt
sich bescheiden aus; diese Bescheidenheit ist aber nichts weiter als das
Eingeständnis, die USA als Ordnungsmacht in der Region noch nicht ablösen zu
können. Dieses »noch« ist durchaus ernstzunehmen: hielt es Schröder-Fischer
doch für notwendig, explizit klarzustellen, dass er nicht als Vermittler in den
Nahen Osten reise. Damit war nur gemeint, dass gegen die Vermittlerrolle der
USA nicht konkurriert werde. Jenseits eines großen tabula rasa wurde aber schon
kräftig vermittelt. Und Israel weiß, das die Rolle Deutschlands in der Region keine
kleine ist: »Schimon Peres forderte von der Bundesregierung ein klares
Signal an die Palästinenser. Arafat gehe davon aus, dass es auch ohne einen
Waffenstillstand Verhandlungen mit den Israel geben könne... Deutschland, als
eines der wichtigsten EU-Länder müsse Arafat deutlich machen, dass es diese
Haltung nicht teile.« (SZ, 13.10.)
Die BRD muss sich in der
Außenpolitik, will sie erfolgreich sein, der Rückendeckung der EU versichern,
die – darauf beruht gerade die Größe und schnelle Ausdehnung dieses Bündnisses
– nicht auf gänzlich gleichgeschalteten Staaten beruht. Regierungssprecherin
Reinhardt meinte: »Was immer Berlin tue, werde es mit den anderen
EU-Regierungen absprechen. In Berlin überwiegt die Auffassung, dass
Deutschlands Möglichkeiten vermittelnd in den Nahost-Friedensprozess
einzugreifen, gering sind.« (FAZ, 14.10.) Anders als die USA, deren
imperialistische Strategie – in Zeiten der Systemkonkurrenz entwickelt –
vorwiegend auf offene Konfrontation und militärisches Eingreifen stützt,
bevorzugen die Europäer eine Politik der ökonomischen Sachzwänge und der
Demokratisierung, mittels derer die eigentlichen Interessen der Nationen (siehe
selbstbestimmte Völker) gegen Störenfriede und Verführer durchgesetzt werden.
Das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes hat Schröder auf seiner
Nahostreise eigens betont.
Es gehört schon eine gewisse
weltpolitische Rolle und ein dazugehöriges Selbstbewusstsein dazu, die
Konfliktparteien aufzufordern, »die Gewalt umgehend zu beenden und an den
Verhandlungstisch zurückzukehren« (dpa, 29.10.) und die ägyptische
Regierung als engagierten Vermittler zu würdigen. Da werden Verhältnisse
klargestellt, wenn ein Staatsvertreter einem anderen sagt: das habt ihr gut
gemacht. Es gehört ein mit den USA durchaus konkurrenzfähiges ökonomisches
Gewicht dazu sich für die Staaten der Region »einzusetzen« (auch damit macht
man eine Rangordnung klar) und z.B. dem Libanon eine assoziierte Mitgliedschaft
in der EU in Aussicht zu stellen und eine Hilfe »bei der Lösung seiner Wasser-Probleme
und dem Aufbau des Landes« (ebd.)
Tabula rasa ist nicht
angesagt. Aber die Karten neu mischen will man schon. Die EU will Ordnungsmacht
im Nahen Osten werden und Schröder hat als Friedensengel ohne
Verhandlungsauftrag klar gemacht, dass damit nicht Lichtenstein gemeint ist.
Chirac hat Arafat geraten, keinen Waffenstillstand zu unterzeichnen, ohne dass
Israel einer internationalen Untersuchungskommission zustimmt. Schröder kündigt
an, dass »Deutschland die Region auch in schwierigen Zeiten nicht im Stich
lasse« (AP, 25.10.). Das kann ja noch heiter werden.
Dann wird sich eventuell auch der Antisemitismus wieder offener äußeren dürfen; je nach dem, auf welcher Seite sich Israel wiederfinden wird. Die Identifikation der Israelis mit den Juden ist ja nicht nur in Israel geläufig, sondern auch hierzulande. Noch einmal sei angemerkt, dass der Antisemitismus nicht »in den Leuten« steckt (und daher auch nicht die Wurzel alles Bösen ist), sondern eine Folge des Sortieren der Menschen: innerhalb einer Nation und auch sonst auf der Welt ist – und gerade darum auch in der Zukunft der BRD seinen Platz finden kann. (fb)