»Trotz einer beispiellosen Hasspropaganda mit allen Mitteln der gleichgeschalteten Staatsmedien gewann Oppositionskandidat Koštunica schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit.« (FAZ, 13.10.2000)
»Für Verwirrung und
zusätzliche Spannung hatte die Entscheidung des Verfassungsgerichts vom
Vorabend gesorgt. Es hatte die umstrittenen jugoslawischen
Präsidentschaftswahlen teilweise für ungültig erklärt« (FR, 6.10.2000)
»US-Außenministerin
Madeleine Albright kritisierte die Entscheidung des Verfassungsgerichts als
Missachtung des Volkswillens. Bei der Wahl habe Oppositionskandidat Vojislav
Koštunica mit absoluter Mehrheit über Präsident Miloševi gesiegt.« (FR,
6.10.2000)
»Offenbar in Anerkennung
seiner Wahlniederlage hat Jugoslawiens bisheriger Präsident Slobodan Miloševi
seinem gewählten Amtsnachfolger Koštunica gratuliert.« (NZZ, 7.10.2000)
»Die serbische Opposition
hat sich in einer Revolte gegen das Regime von Slobodan Miloševi erhoben und
den international geächteten jugoslawischen Präsidenten für abgesetzt erklärt«
(tz, 6.10.2000)
»Vorsitzender der SPS ist
weiter der gestürzte jugoslawische Präsident Miloševi, der sich offenbar in
seiner Residenz im Belgrader Viertel Dedinje aufhält, und von dort aus die
politischen Entwicklungen zu beeinflussen versucht.« (FAZ, 13.10.2000)
»Die Schlacht um Belgrad
hatte der große Puppenspieler des Balkans offenkundig verloren.« (Spiegel,
9.10.2000)
Europa wird noch demokratischer
Man jubelt in Deutschland und anderswo. Mit dem Machtwechsel in Jugoslawien vollendete sich die antikommunistische Revolution. Europa wird noch demokratischer.
Eigentlich stellte sich die
Frage, warum das so lange gedauert hatte. Der Luftkrieg gegen Jugoslawien,
natürlich ein voller Erfolg in Sachen Menschenrechten, konnte das eigentlich
selbstverständliche Ziel nicht erreichen, den letzten Diktator Europas und den
letzten Störenfried in Sachen Neuordnung Südost-Europas, zu beseitigen. Jetzt
wurde dieser Mangel des Kriegs korrigiert:
»Was sie Cruise Missilies
nicht vermochten, erledigten die Serben vorige Woche in einem weitgehend
unblutigen Volksaufstand. Auch eine samtene Revolution, die ehemals
kommunistische Bruderstaaten schon 1989/90 erfolgreich absolviert haben.«
(Spiegel, 9.10.2000)
Aber die ganze Begeisterung
über die friedliche, samtene Revolution sollte nicht darüber hinwegtäuschen,
dass den Serben auch eigentlich gar keine Wahl blieb, wollten sie sich nicht
als ebenso schurkisch wie ihre Regierung erweisen: »Die Serben hatten also
die Wahl: zwischen der bedrückenden Vergangenheit und einer besseren Zukunft,
zwischen Trostlosigkeit und Hoffnung, zwischen Isolation und Öffnung. Die
Alternativen sind selten so klar gewesen.« (SZ, 26.9.2000) Das hat seine
Zeit gedauert. Einem Volk kann man ja nicht zuviel zumuten; alle Mühe zum Trotz
dauert es ein wenig, bis es die ihm entsprechenden Volksgefühle produziert. »Draußen
auf dem Land braucht es seine Zeit, bis Unzufriedenheit und Verzweiflung in Wut
umschlagen.« (FR, 6.10.2000) Irgendwann aber schlägt der Volkskörper gegen
die demaskierten Verführer, die nur mehr Aussauger sind, zurück. Der Volkssturm
erhebt sich. »Es sind Männer mit gegerbten, verhärmten Gesichtern. … Es sind
die erbosten Bürger und betrogenen Wähler der Stadt, die auf die Barrikaden
gehen. … Ein verführtes Volk bäumt sich auf und will den Peiniger ein für alle
mal abschütteln.« (FR, 6.10.2000) Es ist gelungen.
Die Serben also, haben noch
mal die Kurve gekriegt und sich den Guten auf der Welt zugesellt. Nun ist der
Weg frei für die neue Weltordnung und »der ganze Balkan könnte ein weniger
gefährlicher Ort werden und Europa ein Kontinent, in dem es keine Alternative
zu Demokratie und Menschenrechten gibt.« (Spiegel, 9.10.2000)
Mit Miloševi ist nicht
einfach ein Diktator gestürzt worden – das passiert ja alle Nase lang und wird
gewöhnlich eben so zur Kenntnis genommen –_ sondern »das letzte Stück Mauer«
(Fischer). Miloševi war nicht einfach ein dem Westen missliebiger Politiker,
sondern sowohl Repräsentant einker Regierung gewesen, die sich dem absoluten
Ordnungsanspruch des Westens auf das letzte Stück Balkan wiedersetzt hatte
(daran ist nichts besonders fortschrittliches, weswegen auch kein »linker
Nationalismus« ansteht) und zweitens Symbol für den noch nicht gelungenen
Endsieg des Kapitalismus. Pünktlich zur Zehnjahresfeier des wiedervereinigten
demokratischen und deutschen Europas, fällt nun auch diese letzte Bastion und
die antikommunistische Grundkonsens der
europäischen Politik wird noch einmal bekräftigt. In diese neue Ordnung
integriert sich Jugoslawien mit seiner »Rückkehr zur verfassungsmäßigen
Ordnung« (NZZ, 7.10.2000) und seine Bürger werden künftig gemäß dem
Nützlichkeitsprinzip den ihnen gebührenden, gerechten Anteil bekommen.
Der Sieg des freien Westens
im Volkskrieg gegen den Realsozialismus brauchte keine Argumente gegen den
Sozialismus; der militärisch-ökonomische Sieg war immer schon Argument genug.
»Freiheit statt Sozialismus« herrschte und »Freiheit statt Sozialismus« war die
Rechtfertigung der neuen Herrschaft. Folgerichtig sehen die ewigen Nörgler, die
darüber zu lamentieren pflegen, dass der Lebensstandard der breiten Massen in Osteuropa
ein gutes Stück tiefer als vor zehn Jahren liegt, ihre Kritik auch nicht als
Einwand gegen die Freiheit, sondern als idealistischen Auftrag, auch den
Reformverlierern ein paar Brosamen mehr zukommen zu lassen. Weil es also weder
um Argumente noch um die begründete Entscheidung für oder gegen eine bestimmte
Wirtschaftsform ging, sondern einfach um einen imperialistischen Sieg, kann
jetzt der Machtwechsel in Jugoslawien als Vollendung von Freiheit und
Demokratie in Europa gefeiert werden. »Weggefegt hat der Wille des Volkes
mit dem Nationalisten Miloševio die letzte kommunistische Bastion in Europa.
Der Belgrader Volksaufstand setzt damit den Schlussstein in einer Zeitenwende,
die in den achtziger Jahren mit wilden Streiks auf der Danziger Lenin-Werft
begann.« (Spiegel, 9.10.2000)
Dass es in Jugoslawien im
Jahr 2000 weniger denn je um Sozialismus, geschweige denn Kommunismus ging, ist
da nebensächlich. Der imperialistische Ordnungsanspruch erfuhr seine Grenzen,
sah sich verneint: Freiheit gab es folglich dort nicht und das Gegenteil von
Freiheit ist bekanntlich Kommunismus. Ebenso nebensächlich sind die wenig
idyllischen Folgen des Kapitalismus in andern Ländern Osteuropas. Wenn die
Freiheit siegt sind Kolalateralschäden in Kauf zu nehmen. Und dass sich die
Leute nicht um ihren Arbeitsplatz sorgen mussten wird zu einer Verletzung der
Wahlfreiheit. »Lieber tot als rot« ist eine Wahlmöglichkeit des freien
Individuums und für freie Völker sowieso Ehrensache.
»Freiheit statt Sozialismus«
ist nichts, was man weiter begründen müsste. Die Welt ist zwar nun noch freier
geworden, aber der Sieg war ohnehin überfällig. Zu argumentieren oder zu
begründen ist da ohnehin nichts. Das neue Ordnungsprinzip vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker wird den Bürgern nochmals bewusst gemacht.
Und weil man sich mit seiner Regierung ohnehin in Problem und Auftrag einig
sieht, wird die Politik auch nur an der Erfüllung dieses Auftrags gemessen. Mit
der Lösung verschwindet auch die Sorge und das wird auch ganz materiell
beobachtet, wenn die Mühsal unserer Politiker mal belohnt wird: »Gänzlich
faltenfrei schien plötzlich das sonst knittrige Gesicht, aufgelöst die übliche
Anspannung in wohlige Wonne und ein breites Schmunzeln, das nicht weichen
wollte.« (Spiegel, 9.10.2000)
Ein wenig überrascht hat den
freien Westen sein Erfolg in Jugoslawien schon. So schnell hat man nicht mit
dem Sieg gerechnet, sonst hätte man ja auch keine Kriegsschiffe vor der Küste
auffahren lassen und sich auf die Abspaltung Montenegros vorbereiten müssen. »Noch
vor drei Tagen hätte kein Beobachter ernsthaft gewagt zu behaupten, dass es
möglich sei, den Belgrader Potentaten mit einer einzigen Massendemonstration zu
stürzen.« (taz, 7.10.2000) Überrascht war man vor allem deshalb, weil das
alte »Regime« nicht den Show-down
gezeigt hatte, den man sich erwartete. »Die jugoslawische Armee und
die Belgrader Polizei wollen offensichtlich nicht gegen das Volk vorgehen.«
(tz, 6.10.2000) Auch das sprach freilich gegen Miloševi. Denn dass er wenn’s
drauf ankäme über Leichen gehen würde, hatte Fischer schon längst
herausgefunden. Dass jetzt nicht drauflosgeballert wurde, konnte also nur auf
die Schwäche und die Isolation Miloševin hinweisen. Die Regierung kritisierte
zwar die teilweise gar nicht so samtenen Demonstrationen: »Der serbische
Innenminister Vlajko Stojiljkovic bezeichnete die Protestaktionen als ›das Werk
von Hooligans‹.« (SZ, 9.10.2000) Aber den Worten folgten dann keine Taten.
Den Sicherheitsinteressen eines demokratischen Staates konnte die jugoslawische
Regierung also nicht genüge tun, was auch schon wieder ein Argument gegen
Miloševi ist.
Grundsätzlich ist gegen einen
Feind der Demokratie natürlich vieles erlaubt, was sonst eher Feinden der
Demokratie vorbehalten ist. Der vom Westen unterstütze Bürgermeister von Cacak führt natürlich keine Chaoten, sondern
allenfalls Helden nach Belgrad: »Die viele Kilometer lange Kolonne aus
Bussen und Personenwagen aus Cacak hatte auf der Fahrt Polizeiposten mit der
immer gleichen Taktik gesprengt: Bulldozer an der Spitze bahnten den Weg, und
aus vollbeladenen Lastwagen heraus hagelten Steine. Für seine Revolutionsarmee
hatte Ilic sowohl Fallschirmspringer und Spezialpolizisten in Zivil angeheuert,
wie auch Uniformen zur Verkleidung ausgegeben.« (SZ, 11.10.) Velimir Ilic,
der Bürgermeister von Cacak »rechnet es sich zum Verdienst an, in
konspirativer Vorarbeit ein Zusammenspiel mit der Polizei eingefädelt zu haben«:
»Ohne den 49jährigen hätte die Sternfahrt aus den serbischen Städten nach
Belgrad und die Überflutung der Hauptstadt mit Demonstranten zur Verteidigung
des Wahlsiegs der Opposition nicht im Sturz von Slobodan Miloševi geendet.h«
(ebd.)
Wenn dann auch noch die
Instanz, die schon immer auf der Seite der Unterdrückten stand, die immer schon
das gesunde Volksempfinden gegenüber den Hirngespinsten den die
»Kommunisten« den Leuten in den Kopf
gesetzt haben, repräsentierten und die Hybris bekämpft hat, die
Produktionsverhältnisse nach den Menschen und nicht die Menschen nach den
Produktionsverhältnissen einzurichten: »Das Oberhaupt der
serbisch-orthodoxen Kirche forderte die Armee auf, den demokratischen Willen
des Volkes anzuerkennen und damit Koštunica als Oberbefehlshaber. Auch die
Sozialistische Volkspartei von Montenegro teilte mir, dass sie Koštunica
anerkenne.« (NZZ, 7.10.2000) Mit Gottes Hilfe kann nix mehr schief gehen.
Und wenn’s mit dem Himmelreich hier noch nichts wird, singt man eben das alte
Entsagungslied.
Das Ergebnis, das als Sieg
der Freiheit ohnehin feststeht, wird dann auch als großes Abenteuer, als
Happening goutiert, das man am Fernsehbildschrim verfolgen kann und bei dem
man, wie damals auf dem Platz des Himmlischen Friedens oder bei Jelzins Putsch
gegen Gorbatschow live den Freiheitshelden bei der Arbeit zusehen kann. Ganz so
wohl ist der bürgerlichen Presse bei dieser »Revolution« freilich nicht; man
kann ja nie wissen, nicht? Entsprechend fällt auch die Begutachtung aus, die
der Aufstand in der Presse erfährt. »Die Führung der Opposition hat die
Kontrolle über den radikalen Kern ihrer Anhänger verloren. Vergebens mahnt
Koštunica: ›Zerstört nicht, was dem Volk gehört‹.« (Spiegel, 9.10.2000) Zu
toll treiben sollen sie es nicht: auch hier ist ein Aufstand der Anständigen
angesagt. »Chaos. Menschenmassen ziehen durch die Innenstadt – ohne Ziel.«
Das wäre bedrohlich, könnte es nicht ohnehin bloß besser werden im
Miloševi-Land. Aber es geht gut aus: »iKirchenglocken läuten… ›Das Volk hat
gesiegt. Wir sind wieder frei‹.« Zwischendrin droht Gefahr »Panzer
rollen auf das Stadtzentrum zu.« Was könnte man schon sonst vom
kommunistischen Diktator erwarten; würden die Panzer nicht rollen, man müsste
sie sich glatt ausdenken. Miloševis Schwäche führt dennoch zum Erfolg: »sMit
einem Jahrzehnt Verspätung erleben die Bürger Serbiens das, was die Deutschen
beim Fall der Berliner Mauer erlebt haben: das Ende eines Systems.« (taz,
7.10.2000) Und: »Das alles hätte viel blutiger ausgehen können.«
(Spiegel, 9.10.2000) In der Tat. Einen weiteren Krieg hat’s vorerst nicht
gebraucht. »Serbien ist nach aufregenden Tagen wieder zur Normalität
zurückgekehrt.« (NZZ, 7.10.2000)
»Nicht gerade ein klassischer Parlamentsbesuch«
»… aber das war nun mal die Art, in der das Volk von Belgrad das verhasste Bundesparlament beehrte.« (Die Welt, 7.10.2000)
Was gehört nun dazu, damit
ein Land eine echte Demokratie wird? Ein Parlament jedenfalls nicht, das wird
nämlich angezündet, wenn beim »Volksaufstand« (FR, 7.10.2000) der »Bodybuilder
und Fußballfans« (jW, 17.10.) das Parlament erstürmt wird. »Während des
Protestzugs von Hunderttausenden aus ganz Serbien stürmten Demonstranten das
Parlament. … Kurze Zeit danach waren nach Augenzeugenberichten in der
Eingangshalle des Parlamentsgebäudes Flammen zu sehen.« (FR, 6.10.2000) In
so einem Fall müssen sich auch aufrechte Demokraten und solche die es werden wollen
so ihre Sorgen machen. Zwar verwechselt unter den Politikern des freien Westens
keiner die demokratischen Spielregeln, die bei der Überprüfung der Welt
angelegt werden mit dem, was sich die Subjekte einer überprüften Nation von den
Demokratie erhoffen sollen. Die »Junge Welt« nimmt aber dennoch die Ideale, die
man über die Demokratie in die Welt gesetzt hat, für bare Münze. Und mit diesen
gemütlichen Vorstellungen aus dem Sozialkundeunterricht, wie Demokratie zu
gehen hat – damit hat die demokratische Revolution in Jugoslawien tatsächlich
wenig zu tun.
Da wird ausgerechnet das
Parlament, die zentrale Institution der bürgerlichen Demokratie angezündet
(diese Bilder von der brennenden Skupština firmieren in den bürgerlichen Medien
dann unter dem Titel »Demokratie in Serbien«). Die Wahlergebnisse, ursprünglich
ob ihrer angeblichen Fälschung Anlass zu den Protesten, werden nun komplett
ignoriert: die Mehrheit aus SPS, JUL und montenegrinischen Sozialisten darf
keine mehr sein, sondern muss durch eine »Expertenregierung« ausgeschaltet und
durch baldige Neuwahlen beseitigt werden. Miloševis Partei soll, trotz
Mehrheit, von der Regierung ausgeschlossen werden (»Regierung der
Diskontinuität« heißt so was); so einen Anlass, die Verletzung demokratischer
Spielregeln zu bemängeln, hat Miloševi dem Westen nie gegeben. »
Die Parteigenossen des
gestürzten Präsidenten Slobodan Miloševi sollen aus der neuen Führung des
Landes weitgehend ausgeschlossen werden.g«
(SZ, 9.10.2000)
Das mit der Demokratie darf
man also so wörtlich nicht nehmen. Das war zwar, neben den
Menschenrechtsverletzungen, die man in Miloševis Machtbereich aller Orten
festgestellt hatte, der Titel unter dem jedwede Aktion gegen Jugoslawien
gerechtfertigt war. Aber jetzt ist das was anderes, geht es doch darum eine
Diktatur zu beseitigen: »Es ist drollig zu beobachten, dass gerade die nicht
einmal gewendeten kommunistischen ›Machtingenieure‹ Serbiens, die seit
Jahrzehnten den Staat und dessen Institutionen wie das Privateigentum der
Partei behandelt und ›verbogen‹ haben, plötzlich ihre Liebe zum Buchstaben des
Gesetzes entdecken.« (FAZ, 13.10.2000)
Und schließlich gilt es ja
vor allem das ideelle Wahlergebnis zu berücksichtigen: Demokratisierung, bla,
bla »uDafür hat Koštunica im
Wahlkampf geworben, und dafür hat er von der Mehrheit der Bevölkerung ein so
klares Mandat bekommen, dass selbst die unverfrorensten Betrugsversuche des
mittlerweile gestürzten Regimes nichts dagegen auszurichten vermochten.«
(FAZ, 13.10.2000) Den Kommentatoren ist schon klar, dass das »demokratische«
Wahlergebnis in Jugoslawien ganz untypisch für eine Demokratie sich nicht im
Austausch führender Köpfe beschränkt. Vielmehr war der Zweck der ganzen Übung,
dem Souveränitätsanspruch eines Staates, der sich gegenüber dem Anspruch der imperialistischen
Welt uneinsichtig zeigte, einen Dämpfer zu verpassen und die Regierung gegen
eine andere auszutauschen, die tatsächlich eine andere Politik verfolgt,
nämlich eine bescheidenere und ihrer weltpolitischen Macht angemessene. Und um
diese Veränderung durchzusetzen reichen Wahlen nicht hin, und ihre Ergebnisse
zu respektieren, genauso wenig. Die neue Regierung ist so einzurichten, dass
sie dem neuen Staatszweck entspricht; und die Neugestaltung des Staates findet
nicht durch Wahlen statt. Die neue Regierung wird sich einiges herausnehmen
können; die »demokratische Revolution« hat ihr auf absehbare Zeit die
Blanko-Legitimation des Volkes verschafft.
Deswegen gelang auch die
»Einigung« mit den Parlamenten, in denen die bisherige Regierung weiter eine
Mehrheit gehabt hätte. Die Übergangsregierung im Parlament Serbiens sieht für
den Ministerpräsidenten und die Schlüsselressorts die Führung durch die SPS
vor. Je einen Stellvertreter soll die Serbische Erneuerungsbewegung Juc
Drascovics und die im Parlament gar nicht vertretene DOS stellen. Die
Entscheidungen sollen im Einvernehmen getroffen werden. Für das Bundesparlament
braucht die DOS, die die Regierung stellen will, die Unterstützung durch die
montenegrinische SNP, die sich einen Ministerpräsidenten aussuchen soll.
Djukanovic und seine DPS
haben eine Beteiligung an der Bundesregierung abgelehnt. Sie erkennen die
Parlamentswahlen nicht an und stellen ich vor allem gegen eine
Regierungsbeteiligung der SNP; diese wiederum hatte die Verhandlungen abgebrochen,
weil sich die DOS nicht auf eine Beteiligung ihrer Schwesterpartei SPS einlässt
(SZ, 18.10.), war aber schließlich doch bereit, eine Regierung mit der DOS zu
bilden (SZ, 20.11.).
Gleich nachdem Miloševi
seinen Herausforderer Koštunica als Präsidenten anerkennen musste, stand dem
vom Westen gewünschten Machtwechsel nur mehr die falsche Zusammensetzung der
Parlamente Serbiens und Jugoslawiens im Weg.
Der Befund: »Jugoslawien
wird in den nächsten vier Jahren eine Linksregierung haben« (junge Welt,
28.9.2000) geht auch im demokratischen Sinne des Worts an der Sache vorbei. Was
an SPS/JUL so links sein soll, verschweigt uns die junge Welt ohnehin. Die
Parlamentsmehrheit der bisherigen Regierung dürfte vielmehr dafür
verantwortlich sein, dass der Westen in den nächsten vier Jahren ein Auge
zudrücken wird, wenn es Koštunica mit den demokratischen Spielregeln nicht
allzu genau nimmt. Irgendwie muss man schließlich umgehen mit einem Parlament,
dass der letzte Überrest einer Diktatur ist.
Das serbische Parlament
glaubte man bald im Griff zu haben. Am 17.Dezember sollten hier Neuwahlen
stattfinden. Das Parlament sollte einer Übergangsregierung aus allen Parteien
zustimmen und sich dann selbst auflösen. Doch die Sache verzögerte sich, denn
die Parlamentarier von JUL und SPS waren nicht so eifrig, an ihrer eigenen
Entmachtung mitzuwirken. Erst nachdem Mitarbeiter Koštunicas mehrfach gedroht
hatten, die Gewalt wieder auf die Straße zu tragen, scheint es Bereitschaft zu
den Neuwahlen zu geben. (ap, 14.10)
In Serbien bleibt vorerst das
Problem der sozialistische Regierung. Neuwahlen sollen eine Lösung bringen.
Anfangs war der 17.Dezember vorgesehen, was die DOS auch schon lauthals
verkündete. Die Regierungsparteien ziehen sich aus den Verhandlungen zurück,
worauf Djindijc erneute Proteste ankündigt. »Ein wichtiger Vertreter der
DOS, Zarko Kovac, hatte bereits zuvor gewarnt, Miloševi und seine ›Plünderer,
Usurpatoren und Gewalttäter‹ planten ein ›gefährliches Abendteuer der illegalen
Rückkehr an die Macht‹.c« (SZ, 12.10.2000)
Als Ministerpräsident kommt
nur ein Verbündeter Miloševi_s in
Frage: der muss nämlich laut Verfassung aus Montenegro kommen, wenn der
Präsident Serbe ist. Miloševis Gegner in Montenegro aber hatten die Wahl
boykotiert.e
Die Bewertung der Bewegung
als Revolution oder Konterrevolution, also die Parteinahme, ist ganz falsch am
Platz.
In der Logik des Machtkampfes
sind die Geschehnisse aber allemal angebracht. Die Medien werden von den
Anhängern Miloševi gesäubert, also gleichgeschalter, doie ehemaligen
Regierungsparteien werden drangsaliert, ihre Büros verwüstet.
Der Druck der Straße ist vor
allem dazu nötig, die – demokratischen – Wahlergebnisse zu korrigieren: denn im
Bundesparlament hat die bisherige Regierung noch die Mehrheit. Die Drohung mit
dem Volkszorn und der internationale Druck wirken wie vorgesehen: »Die
Sozialistische Volkspartei Montenegros, früher auf Milosevics Seite,
signalisierte nach Angaben eines führenden Vertreters Zustimmung für Koštunica.«
(Handelsblatt, 13.10.)
Die Macht der Straße treibt
die Bewegung weiter, »die tatsächlichen Veränderungen geschehen außerhalb
des Raumes, in dem Stimmen gefälscht und Wahlergebnisse verbogen werden können.
Sie geschehen ›auf der Straße‹« (FR, 6.10.2000); lässt der Druck nach,
nehmen auch die Widerstände des alten Regimes zu. Dass, zunächst fast von der
Öffentlichkeit unbemerkt, die wahren Veränderungen in den Betrieben ablaufen,
in den Institutionen, in den Medien, wo die bisherigen Leitungen zum Rücktritt
gezwungen werden und durch Krisenstäbe ersetzt werden, passt gut dazu. Die
serbische Regierung erklärt die von DOS eingerichteten Krisenstäbe zunächst für
illegal: »... die Polizei solle die Kontrolle über jene Betriebe und
Institutionen übernehmen, deren Führungen vom Volk in den vergangenen Tagen
verjagt worden sind.« (SZ, 12.10.) Dieser Widerstand wird dann mitsamt der
serbischen Regierung aus dem Weg geräumt.
Bei aller Freude über die nun durchgesetzte Demokratie herrscht auch ein
wenig Sorge darüber, dass es auch so demokratisch bleibt wie es die neue
Weltordnung braucht. Da darf auch scheinbar nichts der neuen Ordnung
widersprechen: »Den Wirtschaftswissenschaftler Goran Pilic erinnern die
Krisenstäbe ›stark an kommunistische Revolutionsräte‹. Wie könne jemals
Rechtssicherheit entstehen, ›wenn wir jetzt die gleichen Methoden anwenden wie
Miloševi vor zehn Jahren‹?l« (Weltwoche 42/2000)
Einem freien Volk kann eben
nichts und niemand Widerstand leisten. »Wie ein Feuer war dann die Woge des
Volkszorns auf Belgrad herniedergekommen. Am Donnerstagmorgen hatte der in der
Wahl am 24. September klar ausgepunktete Alleinherrscher das ihm ergebene
Verfassungsgericht dekretieren lassen, der Urnengang müsse ›wegen
Unregelmäßigkeiten‹ wiederholt werden.« (Spiegel, 9.10.2000) Ein Wunder ist
es bloß, das alles so leicht gegangen ist. Ein Machtwechsel, der dem in einer
»echten« Demokratie nicht unähnlich ist, passt schlecht zu dem Aufwand an
Krieg, Bomben und Propaganda, den sich der Westen die Beseitigung des
jugoslawischen Ärgernisses hat kosten lassen. Ein Ungeheuer wie Miloševi lässt
sich mit einer bloßen Wahl nicht unschädlich machen. Immer noch droht, dass das
alte Regime zurückschlägt. »QWo war der Despot abgeblieben? Weggetaucht, um
den Gegenschlag der Armee einzufädeln, wie viele befürchteten? Oder hatte der
Herrscher sich mit seiner Familie und den engsten Hofschranzen nach Russland
abgesetzt?« (Spiegel, 9.10.2000) Wie? Miloševi will gar nicht verduften? Er
ist weder in China, noch in Nordkorea, noch sonst wo, auch nicht an der Grenze
nac_h Bulgarien aufgegriffen, sondern in Jugoslawien geblieben? Kaum zu
glauben. »Eine Drohung, ein neuer Pokerbluff des Gestrauchelten oder
lediglich ein Rückzugsgefecht in der Hoffnung auf einen erträglichen Deal?«
(Spiegel, 9.10.2000) Nachdem Miloševi die Wahlniederlage eingestanden hatte,
erdreistet er sich nämlich, nicht etwa ins Exil zu gehen, sondern im Hinblick
auf die Mehrheitsverhältnisse im Bundesparlament, weiterhin politisch eine
Rolle spielen zu wollen. Zoran Djinji sieht darin schon den Gegenschlag Miloševis
sich vorbereiten. Andere sehen bloß eine weitere Bestätigung für die Machtgier
des Diktators: »_Und selbst der abgehalfterte Despot Slobodan Miloševi sucht
übereifrig nach seinem Platz im demokratischen Staatswesen.g« (SZ,
9.10.2000) Es ist doch wirklich unglaublich, wie sich diese Wendehälse
aufführen. Kaum darf nichts mehr anderes als demokratischen Privateigentum
herrschen, schon fangen sie an wie anständige Politiker Politik nach den
Sachzwängen des Marktes zu machen – und entpuppen sich als ebenso wenig
revolutionär, wie sie das schon immer waren. »In der Sava-Kongresshalle
saßen die Abgeordneten aus Miloševiss Sozialistischer Partei sowie der
Neo-Kommunisten seiner Ehefrau Markovic und genossen den historischen Moment,
den sie zuvor mit allen Mitteln zu verhindern getrachtet hatten.« (SZ,
9.10.2000) Das sie das mal hatten, versteht sich von selbst. Und jetzt?
Miloševi selbst lässt das typische demokratische Gesülze a lá Oscar von sich:
»_Wegen des Endes der großen Verantwortung, die ich für ein ganzes Jahrzehnt
trug, plane ich persönlich mich ein wenig auszuruhen und etwas mehr Zeit mit
meiner Familie und meinem Enkel Marko zu verbringen.« (Jungle World,
11.10.) Kaum zu glauben, böse Menschen haben doch keine Kinder. Nur auf
ungläubiges Kopfschütteln stößt in den westlichen Medien die Ankündigung
Miloševis, dem Vorsitzenden der stärksten Partei mit Mehrheit im Parlament,
weiter in der Politik bleiben zu wollen. »eAuch im Auswärtigen Amt räumt man
ein, dass dieser Mann, solange er noch im Land ist, eine Bedrohung für jede
demokratische Regierung bedeutet.« (taz, 7.10.2000)
Da stellt sich bloß die
Frage: Kann man das zulassen. Schließlich hat der Westen nicht nur für etliche
Milliarden Bomben auf Jugoslawien geschmissen, sondern auch ein
Kriegsverbrechertribunal in Den Haag eingerichtet. Soll das alles für die Katz
gewesen sein? Nicht ganz. Vorerst regiert wieder die Diplomatie. Und die will
einer Regierung, die sich in den Machtraum der deutschen Europapolitik
eingliedert, keine Steine in den Weg legen. Der Westen will daher vorerst auf
Miloševies Festnahme verzichten. In Jugoslawien erwartet ihn vermutlich eine
Anklage wegen Korruption oder Wahlfälschung. Damit wären viele Probleme gelöst
und der Diktator hätte sich immerhin als Verbrecher erwiesen. Eine Verurteilung
in Den Haag würde nur mehr den Schlussstein setzen und den Kosovokrieg per
richterlichem Urteil zur gerechten Tat adeln. Vorerst kontrastiert der
dämonische Schatten des alten Machthabers mit der jungen und zarten Demokratie »tWährend sich in der Innenstadt
Polizisten unter das Volk mischen und seine Freude teilen, funktioniert in
Dedinje noch die alte Welt. Überall Polizei, nicht mit ärmlichem Tränengas
ausgerüstet, sondern mit Maschinenpistolen und Handgranaten.« (Die Welt,
7.10.2000) – und damit leuchtet jedem ein, dass man der neuen Regierung nicht
zuviel zumuten darf, dass es dort auch ein wenig anders zugehn darf als im
Bundestag und vor allem: dass übermäßige Demokratie im Umgang mit
undemokratischen Bestrebung nicht angesagt ist. Eine Demokratie hat zuallererst
einmal wehrhaft zu sein – sonst kann man für nichts garantieren.
Damit jeder mitkriegt, wie
gut der Diktator doch wegkommt, fällt immer wieder der Vergleich mit Ceaucescu.
Miloševi solle sich in acht nehmen, dass es ihm nicht auch so ergehe. »eDer
Despot hat sich davongestohlen. Und schlichtweg kapituliert, so jedenfalls
scheint es« (scheint es, denn das kann nicht sein, dass so ein Diktator,
der ein paar Monate Bombardement reichlich verdient hatte, einfach so mir
nichts dir nichts zurücktritt) »hat auch der gesamte Repressions- und
Propagandaapparat der bisherigen Staatsmacht«. (Spiegel, 9.10.2000) »US-Präsident
Bill Clinton wie Bundeskanzler Gerhard Schröder forderten, es dürfe für den
Balkan-Brandsstifter keine politische Zukunft mehr geben.« (Spiegel,
9.10.2000)
Und damit eine solche Zukunft
ausgeschlossen wird, müssen Staat und Medien auch schön demokratisch
eingerichtet werden: »Wie reife Pflaumen fallen die publizistischen Zitadellen
des Regimes der Opposition in den Schoß, eine nach der anderen.« (Spiegel,
9.10.2000) Da muss man freilich hin und wieder auch ein wenig herzhaft
zulangen. »Anhänger der jugoslawischen Opposition besetzten nach Angabe des
Radiosenders Pancevo den Staatssender. Sie waren mit einem Bulldozer
eingedrungen« (FR, 6.10.2000) – dann hat man auch Erfolg: »Bis zum Abend
schlugen sich fast alle TV-Sender auf die Seite der Opposition« (tz, 6.10.)
»Die staatlichen jugoslawischen Medien arbeiteten am Freitag wieder normal.
Viele verbreiten öffentliche Entschuldigungen für ihre Unterstützung Miloševis
in der Vergangenheit._« (FR, 7.10.2000)
Unschöne Szenen gibt es auch,
aber die sind eben die Folge des Volkszorns; und wer will es dem Volk schon
verargen, wenn es sich nach so vielen Jahren der Unterdrückung mal wehrt. »Ein
Chefredakteur und zwei Nachrichtenredakteure die aus dem Fernsehgebäude
fliehen, werden von der Menge nahezu gelyncht.« (Spiegel, 9.10.2000)
Ceaucescu ist nicht so glimpflich davon gekommen – na also.
Die formalen Spielregeln zu
erfüllen ist eben nur die halbe Sache. Noch wichtiger ist zu wissen, wer Freund
und wer Feind ist. Was beim Feind zum Beleg seiner Schurkereien taugt, ist beim
Freund verzeihbar und mit einem Augenzwinkern abgetan: »Die Nachrichten im
staatlichen Fernsehen bestehen noch immer hauptsächlich aus Verlautbarungen der
Präsidenten. Nur heißt der jetzt nicht mehr Slobodan Miloševi, sondern Vojislav
Koštunica.« (Die Weltwoche 42/2000)
Auch auf Koštunica gilt es
allerdings aufzupassen, den die Presse weiß: Auch der ist ein Nationalist. »In
der ›nationalen Frage‹ ist von Jugoslawiens neuem Staatsoberhaupt kein
Kurswechsel zu erwarten« (taz, 7.10.2000) denn »… der neue Mann an der
Spitze gilt als nationalistischer Hardliner und Verfechter ›Großserbiens‹«
(SZ, 9.10.2000). Nur sein Antikommunismus beruhigt die Gemüter. Denn wenn einer
kein Kommunist ist, kann’s so schlimm ja nicht kommen. »Eine tadellose
politische Biografie macht ihn zum geeigneten Mann für einen Neuanfang: 1974
fliegt er wegen seiner antikommunistischen Einstellung von der Universität
Belgrad. Sein Spezialgebiet: Menschenrechte und Meinungsfreiheit.«
(Abendzeitung, 7.10.2000) Damals freilich wusste man, selbst im freien Westen
noch nicht, dass der Verrat am serbischen Volk, den Koštunica der Staatsführung
vorwarf, ein Verstoß an den Menschenrechten war. Dass die Meinungsfreiheit die
Entfernung von Verfassungsfeinden aus dem Staatsdienst geradezu verlangt, galt
dagegen immer schon nur in wehrhaften Demokratien.
Der Westen fordert den Bruch
mit der Vergangenheit ein: Soweit muss Koštunica mitspielen, sonst ist er der
falsche Mann. An alle Beteiligten ergeht jetzt die Aufforderung, ihrer Rolle
gerecht zu werden und sich in einen postkommunistischen Staat einzugliedern.
Das bedeutet im Einzelnen:
Miloševi und seine Anhänger
sollen untertauschen , nach Russland fliehen oder verprügelt werden. Das
gelingt, wie gesehen, nur zum Teil: »)Am Samstagmorgen setzte sich sein Sohn
Marko mit Frau und andershalbjährigem Enkel per Linienmaschine nach Moskau ab.«
Koštunica muss sich den
Wünschen des Westens beugen (Den Haag) und eine Zusammenarbeit mit der SPS/JUL
ablehnen. »Was Koštunica über die einstündige Unterredung zu sagen hat, hört
sich gespenstisch an: ›Wir haben über die üblichen Dinge gesprochen, die die
Tatsache einschließen, dass eine einmal verlorene Macht nicht eine für immer
verlorene Macht bedeutet.‹« (SZ, 9.10.) Dazu gehört auch eine gewisse
Bußfertigkeit: »Der neue Präsident interpretiert manche der Stellungnahmen
aus dem Westen tatsächlich als ›Gewissensbisse‹, nachdem die Welt sich an
seinem Land, versündigt habe. Kein Wort, was Serben anderen Völkern
Ex-Jugoslawien angetan haben.« (ebd.) Das man Recht daran tat, wie man mit
Jugoslawien umsprang will man in den USA und in Deutschland schon bestätigt
wissen. Und zurückgenommen wird nichts. »Von Koštunica wird erwartet, dass
er seine Vorstellungen über die politische Zukunft seines Landes und des von
Natotruppen besetzten Kosovo erläutert.« (SZ, 12.10.2000)
Auf dem EU-Gipfel kann er den
Westen beruhigen: Der »demokratische Musterschüler« bekennt sich zum
Euro-Kompatiblen Nationalismus: »Natürlich fühle er sich als Serbe, ›so wie
Franzosen Franzosen sind‹, nicht mehr und nicht weniger.« (SZ, 16.10.)
Koštunica wird der deutschen Südosteuropapolitik keine Steine in den Weg legen.
Subversive Aktion: Demokratie muss sich lohnen
»Jugoslawien war von Anbeginn eine Missgeburt. Zusammengehalten durch Zwang und Gewalt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die südslawischen Völker unter die serbische Fuchtel gezwungen ... Miloševi war nicht die Ursache der jugoslawischen Tragödie, vielmehr ihr Symptom und Totengräber. ... Europa und Rest-Jugoslawien sind den verrückten Diktator Miloševi losgeworden. Das jugoslawische Chaos bleitebt uns erhalten. Wir (!!) werden keinen Frieden herbeizaubern können.« (Abendzeitung, 7.10.2000) Der Krieg damals, der war schon gerechtfertigt. Schließlich war die Auseinandersetzung zwischen Völkern, die – wohl von kommunistischen Weltverschwörung – unter die Fuchtel gezwungen wurden, wohl unvermeidlich. Ein Volk braucht einen Staat und seine Selbstbestimmung sonst gibt’s Ärger. Die BRD hat sich dabei nur als Geburtshelfer, die Nato nur als Katalysator betätigt. »Schon 1990 hatte sich herauskristallisiert, dass die Demokratisierung des Gesamtstaates Jugoslawien nicht möglich war.« (taz, 7.10.2000) Sicher, weil: das kann ja auch nicht gehen. Weil ein Völkergefängnis ein Verbrechen ist, war die Zerschlagung die einzige Möglichkeit wie eine freiheitliche Demokratie wie die BRD mit Jugoslawien umgehen konnte. Spätestens, nachdem ein Separatist die erste Kugel auf die Zentralverwaltung geschossen hatte, konnte er sich der deutschen Unterstützung sicher sein.
Das Bombardement zielte auf
die Vernichtung der Infrastruktur, also der Lebensgrundlagen der Menschen in
Jugoslawien ab. Dieses Ziel haben die kriegsführenden Mächte zumindest zum Teil
erreicht. Dem Krieg folgte der Zusammenbruch der ohnehin angeschlagenen
Wirtschaft. »Der Staat der größten südslawischen Nation wurde zu Europas
Paria und Armenhaus. Zuletzt lag die Arbeitslosenquote bei 50 Prozent, das
monatliche Durchschnittseinkommen der über acht Millionen Einwohner Serbiens
bei umgerechnet 45 Euro.« (Spiegel, 9.10.) Der Westen war am Krieg zwar
nicht schuld – ihm blieb wegen Miloševis Untaten einfach keine andere Wahl –
sah sich aber doch mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Betroffenen die
Schuld tatsächlich denen geben konnten, die den Krieg befohlen hatten. Der
Kriegszweck, Miloševi zu stürzen, konnte daher nur erreicht werden, wenn die
Bewohner Jugoslawiens entweder einsahen, dass die Erpressung, die mittels der
Sanktionen auf sie ausgeübt wurde funktioniert oder dass auf eine Regierung wie
die von Miloševi eben als bedingter Reflex eine Bombardierung folgt; in jedem Fall
mussten sie lernen, wie internationale Politik funktioniert –_ und bei den
Wahlen den einzig möglichen Schluss ziehen. »Das Leitmotiv aber stimmen die
Arbeiter an, die unter dem Regime die größten materiellen Härten zu ertragen
hatten und nicht mehr bereit sind, alles Unheil nur dem Nato-Bombardement und
den internationalen Sanktionen zuzuschreiben: Sie haben verstanden, dass sich
unter den bisher vorhandenen Machtverhältnissen an der Misere nichts ändern
wird.« (FR, 6.10.2000) Womit sie, egal was sie nun von Miloševi halten
mögen, recht hätten.
Die Folgen der Bombenangriffe
sind keine Folgen der Bombenangriffe, sondern Miloševis Schuld: »iDie Bomben
der Nato versetzten dem heruntergewirtschafteten Werk im vergangenen Jahr nur
noch den symbolischen Todesstoß.« Da hat die Nato mit der Zerstörung der
Auto- und Waffenfabrik in Zastava ja glatt ein hygienisches Werk getan. Daher
braucht die neue Regierung nicht die Kolalateralschäden der Nato wegzuräumen,
sondern kann »Wirtschaft und Infrastruktur wieder aufbauen, die schon vor
den Bombenangriffen durch Miloševis autoritäre Führung und Misswirtschaft
ruiniert worden« sind.« (FAZ, 16.10.)
Die Misswirtschaft, nicht die
Zerstörung der Fabrikhallen, ist für das Elend der Menschen verantwortlich.
Misswirtschaft und Korruption. Denn letztlich landete der ganze Volksreichtum
in den Händen der regierenden Clique: »Beim Zugriff auf Volkseigentum kannte
Miloševi keine Skrupel_.« (Spiegel, 9.10.2000) Und wenn dann die zerstörten
oder bestreikten Kraftwerke keinen Strom liefern, kann niemand anders als der
Terror Miloševis daran Schuld sein. »aWie so oft in den letzten Tagen gibt
es mal wieder keinen Strom. Das Regime will die Hauptstadt für den Streik der
Bergarbeiter strafen, die keine Kohle mehr fürs Kraftwerk außerhalb Belgrads
fördern wollen.« (FR, 6.10.)
Die Jugoslawen mussten
schließlich einsehen, dass Miloševi ihr Unglück ist. »DMiloševi gewann 1990
die Wahlen und ließ die serbische Demokratiebewegung von Panzern niederwalzen.«
(taz, 7.10.2000) Und seitdem wurde alles immer schlimmer. »Wenn es schlimm
stand um das Serbenreich, dann hat er es noch schlimmer gemacht. Wenn die
Bürger gefroren haben, dann hat er ihnen mit Kriegspropaganda eingeheizt. Und
wenn sie nach verlorenem Krieg noch mehr gefroren haben, dann war der Krieg
schuld und der Feind verantwortlich.« (SZ, 26.9.2000)
Die Opposition sieht das auch
ein. »Koštunica spricht von ›Jahren‹ die zum Wideraufbau nötig seien. Doch
er macht dafür nicht nur die westlichen Sanktionen und die Nato-Bomben
verantwortlich, sondern ebenso die serbische Misswirtschaft unter Miloševi.«
(SZ, 16.10.2000) Nicht nur Zoran Djinji, der immer schon meinte, man hätte gut
getan, die Luftangriffe nicht vor getaner Arbeit abzubrechen; auch sonst ist
klar, dass es eine wirtschaftliche Zukunft nur ohne Miloševi gibt. Und so ist
nicht mehr von der Verantwortung der Nato für die Kriegsschäden die Rede, dafür
»šerklärte Koštunica erstmals die jugoslawische Führung für mitschuldig für
die Bombardierung des Landes« (jW 19.9). Es scheint nicht mehr in so weiter
Ferne, dass der Krieg durch seine Opfer gerechtfertigt wird. »Und während
NATO-Politiker zuhauf nach Belgrad strömen, um dort ihren eigenen Erfolg zu
bestaunen, wurde die ewige Flamme, die auf einem Obelisken an die Opfer des
Aggressionskrieges der westlichen Militärallianz im vergangenen Jahr erinnert,
gelöscht.« (jW, 13.10.) Zwar beharrt Koštunica auf einer Rückkehr der
350,000 aus dem Kosovo vertriebenen Serben hält dafür aber in erster Linie eine
Zusammenarbeit mit dem Westen für notwendig (jW, 19.10).
Miloševi widersprach der
geplanten Neuordnung des Balkans. Mit ihm war ein wirtschaftlicher Wiederaufbau
ebenso wenig in Aussicht wie ein Ende der Sanktionen oder diplomatische
Kontakte zum feindlichen Ausland. Aus der Inkompatibilität Miloševis mit der
aneuen Weltordnung folgte, seine Unwählbarkeit ebenso wie sein Wahlbetrug. Das
er seinen Konkurrenten um den Sieg betrügen würde stand nicht erst nach
Schließung der Wahllokale (und vor der Auszählung) fest, sondern schon vor
Wahlbeginn. »Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Miloševi die Wahlen
wirklich gewinnen kann. Noch schwerer aber kann ich mir vorstellen, dass er
meinen Sieg akzeptieren wird._« (Koštunica) Deshalb konnten Kofi Annan und
Javier Solana nach der Wahl Miloševi nur die schleunigste Abdankung empfehlen:
»Miloševi solle den wachsenden Protesten Rechnung tragen und sein Amt an den
Wahlsieger Vojislav Koštunica übergeben.S« (FR, 6.10.2000) Nach der
Ankündigung Koštunicas, die Stichwahl zu boykottieren, herrschte im Westen
kurzzeitig die Sorge, Miloševi könnte – unangefochten –r die Stichwahl gewinnen
und legal weiter regieren. Darüber hinaus endet die Amtszeit Miloševigs erst im
Sommer 2001 und im Bundesparlament haben zudem die Regierungsparteien die
Mehrheit. Da half nur der Druck der Straße und die Hoffnung, damit Miloševi ins
Exil zu treiben, was den Westen der meisten seiner Probleme enthoben hätte.u
Die plumpe Erpressung der
jugoslawischen Wähler, die Sanktionen nur aufzuheben, wenn sie ihren Diktator
nicht wieder wählen würden, war eine unsichere Sache, da man nie wusste, wie
viele Jugoslawen die Schuld an den Sanktionen nicht der Regierung, sondern den
Sanktionierenden geben würden. Es war also angebracht, die richtige
Interpretation der Lage den Menschen nahe zubringen und im Falle einer
undemokratischen Wahlergebnisses die Befreiung eines weitern Volks aus dem
Völkergefängnis vorzubereiten. »Mit der Aufhebung der Sanktionen wurde
gewunken, die Opposition allein aus Washington mit knapp 80 Millionen Dollar
gesponsert, zusätzliche NATO-Truppen marschieren auf, ein US-Flugzeugträger war
vor Jugoslawiens Küste zur Stelle, in Montenegro förderte man den
Abspaltungsdruck.« (Neues Deutschland, 26.9.2000)
Letztlich war »das Signal:
Demokratie lohnt sich« (Spiegel, 9.10.) ausreichend um die Wähler zu
überzeugen. »Am Wahltag war die Opposition derart gut ausgestattet, dass sie
den Ausgang der Wahl besser kontrollieren konnte als Miloševi.« (ebd.) Und
der Ausgang der Wahl zeigte, dass die Wähler gelernt hatten in der Demokratie
nicht nur zu wählen, sondern richtig zu wählen. »Rund 30 Millionen Dollar,
überwiegend aus Amerika, wurden über ein Büro in Budapest ins Land geschleust,
um die Opposition für den Wahlkampf und den Urnengang mit Computern, Telefonen
und Büromaterial auszustatten.« (Spiegel, 9.10.2000)
Der Wahlkampf der Opposition
wurde von der BRD mit 16 Mio. DM und von den USA mit $ 37.5 Mio. unterstützt.
Das Geld aus den USA stand aber nur unter der Bedingung zur Verfügung, dass es
nicht zu weiterer Destabilisierung Jugoslawiens eingesetzt wird. Die deutschen
Zahlungen dagegen waren mit der Unterstützung montenegrinischer Separatisten
verbunden. Die BRD hält das Selbstbestimmungsrecht der Völker schließlich hoch.
»Zeitungen erhielten Papier, um überhaupt erscheinen zu können. Kleineren
Blättern wurde auch schon mal eine neue Druckmaschine in die Redaktion
gestellt. Rundfunk- und TV-Stationen wurden mit moderner Sendetechnik
ausgerüstet. Redaktionen bekamen kostenlosen Zugang zu unabhängigen internationalen
Nachrichtenagenturen. Journalisten wurden zu Kurzausbildungen und Hospitationen
nach Deutschland eingeladen.« (Spiegel, 9.10.2000)
Mit der erfolgreichen Wahl
und dem »Volksaufstand«, war der Weg frei, Jugoslawien in das stabile
Südosteuropa zu integrieren. »Bereits am Donnerstag Abend kündigte Hubert
Védrine, derzeit Chef des Außenministerrats, das Ende der Sanktionen gegen
Serbien an.« (taz, 7.10.2000) Eine gewisse Mitschuld der Bevölkerung bleibt
freilich weiter zu konstatieren. Die Jugoslawen sollen ja auch nicht auf den
dummen Gedanken kommen, jetzt werde es ihnen besser gehen oder auf den noch
dümmeren, unter Miloševis sei es ihnen mal besser gegangen. Außerdem ist es
doch etwas stark, die Wirtschaft eines ganzen Landes nur wegen einem Mann in
Grund und Boden zu bombardieren. Zoran Djinji weiß, dass die serbische
Bevölkerung um auf dem Weltmarkt verwertbar zu sein, sich zunächst selbst
ändern muss: »Wir müssen den Miloševi in uns bekämpfen!« Und wer’s nicht
schafft, darf sich seine Arbeitslosigkeit dann selbst zuschreiben.
Zunächst reicht es aber, die
Überreste des alten Regimes zu brechen (»in uns«, heißt da wohl »in unserem
Volkskörper«), wobei es auf die demokratischen Spielregeln so genau gar nicht
ankommt: Die Frage sei nämlich, »wie Koštunica nun die so mächtige Regierung
der Teilrepublik Serbien los wird – wahrscheinlich nur durch vorzeitige Wahlen.«
(SZ, 9.10.2000) Auch für das Bundesparlament werden, ob der sozialistischen
Mehrheit, baldige Neuwahlen empfohlen.
Mit dem Sturz des Diktators
kommt es zum »Wegfall der Sanktionen«, zur »Vollmitgliedschaft Jugoslawiens
im EU-Stabilitätspakt« und zur »Freigabe reservierter Milliardenhilfen«
in Höhe von 5.1 Mrd. DM. (taz, 7.10.2000).
Weniger subtil als sonst in
parlamentarischen Demokratien üblich, versuchte man in Jugoslawien den
Wählerwillen in die richtigen Bahnen zu lenken. Vor der jugoslawischen Küste
stand ein US-Kriegsschiff, die Wirtschaftsblockade würde ohne die Abwahl
Miloševis nicht aufgehoben. Montenegro würde nach einem falschen Wahlausgang
eine militärisch vom Westen unterstütze Abspaltung beginnen. Die Sorge um das
Wohl der eigenen Nation fand da nur eine Lösung: Miloševi muss weg. Wenn man mal an die vom
Oppositionsbündnis angegebenen Wahlergebnisse glaubt, und die Gegner Miloševi
glauben daran, dann erledigt der Geist der Demokratie schon den Rest. Da sind
52% das Volk und 42% allenfalls Günstlinge und Hofschranzen.
Die Wähler bekamen aber nicht
nur vermittelt, wie wenig sich Miloševi lohnt, sondern auch, wie sehr sich
Opposition lohnt: »wKernstück ... waren die Städtepartnerschaften zwischen
Städten in Jugoslawien und im westlichen Ausland. Circa 45 Millionen Mark
gelangten auf diesem Weg direkt zu den knapp 40 Städten, in denen die
Opposition regiert. …Schulen und Kindergärten in den Oppositionsgebieten, die
Miloševi zielgerichtet vernachlässigt hatte, wurden renoviert und winterfest
gemacht. … Miloševi hatte eigens ein
Gesetz erlassen, das die Annahme von Hilfe aus dem Westen unter Strafe stellte.
Das deutsche Geld – bis heute 16 951 800 Mark allein für Städtepartnerschaften
– stammt in Wahrheit aus dem Fundus des Auswärtigen Amts für den
Stabilitätspakt.« (Spiegel, 6.10.)
Es kommt freilich sehr darauf
an, wer da den Wählerwillen zu beeinflussen versucht. Nicht das Miloševi so was
nicht auch versucht hätte. Abgesehen davon, dass seine Mittel nach Jahren der
Wirtschaftsblockade nicht mehr so reichlich ausfallen, hat er aber in den Augen
des Westens vor allem den Nachteil, einen undemokratischen Wahlausgang zu
bewerben. Das macht nichts her: »Am Donnerstag bekommt die junge Chemikerin
von ihrem Arbeitgeber einen merkwürdigen Anruf. Sie darf ihren Monatslohn
abholen, und dann die zusätzliche Überraschung: Es gibt zehn Prozent mehr als
bisher. Die nun knapp hundert Mark reichen aber auch nicht viel weiter.«
(Nur gut, dass die von Koštunica angekündigte Privatisierungspolitik den
allgemeinen Lebensstandard gewaltig zu steigern verspricht.) »›Eines der
Zückerchen, die uns das Regime verabreichen will‹, kann Snjezana über den Anruf
nur lachen.« (FR, 6.10.2000) Wenn man mit dergleichen Mitteln aber Gutes
tun, also Miloševi durchP Demokratie ablösen will, sieht die Sache gleich ganz
anders aus: »Brüssel wollte vor allem das Miloševi-Regime treffen, versuchte
aber gleichzeitig die demokratische Opposition zu fördern. So wurden
beispielsweise im vergangenen Winter im Rahmen des Prog ramms ›Energie für
Demokratie‹ reformorientierte serbische Städte mit 20000 Tonnen Heizöl
beliefert.« (SZ, 7.10)
»Die Experten« von
G-17-plus meinen, diese Belohnung für die Demokratie würde auch nach getaner
Arbeit noch anhalten und sie »hoffen aber auch auf einen moralischen Impetus im
Westen, das Schleifen der letzten Bastion des Kommunismus in Europa zu belohnen
und das schlechte Gewissen wegen der Bombardierung Serbiens zu beruhigen.«
(FAZ, 16.10.) Das wird abzuwarten bleiben. Oder auch nicht – schließlich darf
man die Kräfte des Marktes ja nicht verzerren – bei aller Liebe.
Letzte
Chance für den Kosovo
Der Westen hat, fürs erste, sein Ziel erreicht. Die weitere Zerstückelung Jugoslawiens ist damit auf Eis gelegt. Das Nachsehen haben diejenigen, die sich im Kosovo oder in Montenegro gerne einen eigenen Nationalstaat gesichert hätten. »Die Forderung nach Unabhängigkeit verliert nach Koštunicas Sieg an Legitimität.« (taz, 7.10.2000) Und die Kosovoalbaner, fürchten, der Westen würde ihre Unabhängigkeit nun weniger fördern. »Der UN-Administrator des Kosovo, Bernard Koucher versucht in einen ersten Stellungnahmen nicht, entsprechende albanische Befürchtungen zu zerstreuen.« (taz, 7.10.2000) Aber ihre Zeit kann noch kommen.
Koštunica setzt sich für die
strikte Befolgung der UNO-Resolution 1244 ein, die die Rückkehr der serbischen
Flüchtlinge in den Kosovo fordert.. Jedenfalls hat er mit dieser Forderung (und
dem Wissen der Wähler, dass dies mit MiloševiQ nicht gelingen wird) die
Präsidentschaftswahlen gewonnen. »Die Albaner im Kosovo sehen schwere Zeiten
auf sich zukommen. Mit dem Machtwechseln in Belgrad platzten ihre Träume von
der Unabhängigkeit der serbischen Provinz.« (SZ, 9.10.2000)
Bei den Kommunalwahlen im
Kosovo hat man schon mal für die Unabhängigkeit geübt; die Wahllokale waren mit
dem albanischen Adler geschmückt; und alle waren für einen eigenen Staat – was
man aber anhand der Parteiprogramme auch ohne Wahlen hätte herausfinden können.
Der Sieg der LDK des »gemäßigten« Rugova wurde vom Westen mit allgemeiner
Erleichterung aufgenommen; schließlich hält dieses Ergebnis die meisten
Optionen offen.
Die USA wollen Jugoslawien
weiterhin erhalten, lassen aber die Möglichkeit offen, dass das Kosovo eine
unabhängige Republik wird. Das entspricht weder dem Geschmack Koštunicas,
Djukanovics oder der UÇK (jW, 18.10.) Obwohl sich Koštunica aufgrund westlichen
Drucks wohl mittlerweile doch damit anfreunden könnte.
Die BRD setzt dagegen auf die
Option eines unabhängigen Kosovo. Der Fischer-Vertraute Tim König, Chef der
Zivilverwaltung im Kosovo, will spätestens im nächsten Jahr allgemeine Wahlen
für seine Schützlinge, um »die Verhandlungsposition des Kosovo gegenüber
Serbien zu stärken« (Jungle Word, 1.11.) Ob Deutschland einen neuen Krieg
vom Zaun bricht oder nicht – es wird von der Fügsamkeit der jugoslawischen
Regierung abhängen.
Endgültig festlegen will man
sich schließlich nicht, ehe sicher ist, dass die Reformen in Serbien auch so
hinhauen, wie sich der Westen das vorstellt. Aber: »Sollte die Wende zur
Demokratie in Belgrad gelingen, wird es wohl kein unabhängiges Kosovo und kein
völlig unabhängiges Montenegro geben.« (SZ, 14.10.)
In Montenegro sieht die Sache
ähnlich aus: »Während Slobodan Miloševi sein Land in die internationale
Isolation führte, hatte der pro-ewestliche Djukanovic mit Montenegro einen Kurs
Richtung Unabhängigkeit eingeschlagen. Zur Umkehr, das zeigt sich nach dem
demokratischen Wandel in Belgrad, ist er kaum noch bereit.« (SZ, 9.10.2000)
»Der Präsident der insgesamt 650,000 Montenegriner fürchtet vielmehr alles,
was sein Land wieder enger an Belgrad binden und ihn selbst zum
Provinzpräsidenten degradieren würde.« (SZ, 9.10.2000) »Der Westen ist
an einem unabhängigen und wirtschaftlich kaum lebensfähigen Zwerg-Bergstaat auf
dem Balkan kaum interessiert.« (SZ, 9.10.2000) »Mit Montenegro« meinte
Koštunica »solle ein ›demokratischer Dialog‹ geführt werden«. (SZ,
11.10.2000) Die Aussöhnung mit Montenegro hält Koštunica für die »Aufgabe aller
Aufgaben«; Montenegro erkennt die jugoslawische Regierung aber nicht an.
Wer, wie der montenegrinische
Präsident Djukanovic, nützlich war im Kampf gegen Miloševi, muss sich nun in
die neuen Verhältnisse einfügen, sonst gilt er als Störenfried: »jWenn er
nun weiter nach Selbstständigkeit strebt, ist dies Beleg für eine eigennützige
Politik« (SZ, 9.10.2000) – eine die dem Westen nun nicht mehr nützlich ist.
»Die Nato will sich durch
die Umwälzungen in Jugoslawien nicht verleiten lassen, in ihrer Wachsamkeit auf
dem Balkan nachzulassen.« Sie werde »ihre Mandate im Kosovo und in
Bosnien-Herzegowina weiterhin erfüllen. Sie werde, so lange es nötig sei, mit
ihren Truppen für Sicherheit und Stabilität in der Region sorgen.« (SZ, 11.10.)
Der
Erfolg westlicher Demokratie
Russland hat beim Machtwechsel eine besondere Rolle gespielt. Aussenminister Iwanow reiste noch während der Unruhen nach Belgrad, begrüßte Koštunica und überredete Miloševid, seine Niederlage anzuerkennen. Weil man russischen Einfluss auf dem Balkan aber gar nicht brauchen kann, wird klargestellt, wie es sich wirklich verhält:
»Der Westen hieß es, hätte
angeblich mit einem größeren Schuldenerlass für das notleidende Russland
gewinkt, wenn es den serbischen Diktator zum Einlenken und Aufgeben bewegen
könne.« (Spiegel, 9.10.2000) Russland auf dem Balkan – das ist allenfalls
als Erfüllungsgehilfe des Westens möglich. Auf sich alleine gestellt, wären sie
zum Mitspielen auch gar nicht fähig: »In Wahrheit hatten Russlands
Außenpolitiker, wie schon so oft zuvor, einen weiteren Akt des jugoslawischen
Dramas verschlafen.« (Spiegel, 9.10.2000) Die Russen sollen sich als
außenpolitische Aufgabe dem Zusammenhalt ihrem innenpolitischen Zusammenhalt
annehmen. Von Moskau bis Wladiwostok für befriedete Verhältnisse zu sorgen –
das ist eine den Russen angemessene weltpolitische Rolle. Alles andere nicht: »Und
das ist ein positives Ergebnis der Kosovo-Geschichte: Wir haben ihnen gezeigt,
dass sie keine Chancen haben, Interventionen der NATO durch ein Veto Russlands zu behindern. Und ich hoffe, Moskau
hat das verstanden.« (General a.D. Klaus Naumann bei der Jahrestagung der
Clausewitz-Gesellschaft in Hamburg 1999).
Vor den Massendemonstrationen
wurde der russische Staatschef noch hofiert. Washington lobt sein Angebot,
zwischen Miloševi und der DOS zu vermitteln. » …als seien die Ressentiments
Moskaus gegenüber den Nato-Staaten der Einsicht gewichen, eine vermittelnde
Position in Südosteuropa könne dem russischen Renommee nur gut tun.«
(Jungle World, 4.10.2000)
Als sich die Niederlage
Miloševis anbahnte, wurde die Hilfe Russlands entbehrlich. Die Russen entdeckt
man nun ehemalige Kommunisten stecken natürlich mit dem ewigen Kommunisten
Miloševi unter einer Decke. Sie wollÿÿ_en »nicht wahrhaben, was auf dem
Balkan passiert. In Zeitlupe hechelte Präsident Wladimir Putin den Ereignissen
hinterher.« (taz, 7.10.2000)
Es ist ja auch tatsächlich
kaum zu fassen: Es steht Spitz auf Kopf, die letzte Diktatur Mitteleuropas
stürzt gerade ein und Putin war gar nicht da: »der aus Indien zurückgekehrte
Kremlchef« tritt dann bloß mit einem »faden Appell« an die Öffentlichkeit.
Von Demokratie, Frieden und Volk ist da die Rede, aber die echte
Entschlossenheit der Führer des freien Westens fehlt doch, die Wahl schon für
entschieden zu befinden ehe sie stattgefunden hatte. So ist denn auch Putins
zögern, mit der Anerkennung Koštunicas glatt bis zur Verkündung der
Wahlergebnisse zu warten, ein weiteres Zeichen für seine völlig verfehlte
Balkanpolitik: er hat »die strategische Lage falsch« eingeschätzt. Einen
kameradschaftlichen Rat an den Kreml mag man sich auch nicht verkneifen: Die
Fehler der UdSSR solle Russland nicht wiederholen – was soviel heißt, als doch
bloß nichts anderes als der Westen zu wollen. Denn: »Die osteuropäischen
Satelliten, die die UdSSR damals aus totalitärer Umklammerung entließ, hatten
nichts eiligeres zu tun, als sich von Moskau ab – und dem Westen zuzuwenden.«
(taz, 7.10.2000) Auch eine nette Art, erfolgreichen Imperialismus zu
beschreiben.
»Immerhin hatte Moskau den
Machtwechsel nun bestätigt, wenn auch höchst vorsichtig und längst überfällig.«
(Spiegel, 9.10.2000)
Ganz im Gegensatz zum
konzeptlosen Putin steht Deutschlands Jockel Fischer: »Eigentlich wäre er
diese Woche weit ab vom Schuss gewesen. Marokko, Algerien, Tunesien stand auf
dem Reiseplan des Ministers. Er hat die Tour abgesagt, noch ehe« (er
scheint es geahnt zu haben!) »am Sonntag die informellen Umfragen Koštunica
als Wahlsieger auswiesen. Joschka Fischer erkennt eine revolutionäre Situation
wenn er sie sieht.« (taz, 7.10.) Das meinen die ganz ohne Ironie.
Hämisch guckt man auf die
fast, aber noch nicht ganz Dazugehörenden. Neben Russland ist das vor allem
China, »das nun einen engen Verbündeten im Kampf gegen die gehasste
Einmischung des Westens« verliert. China, das selbst noch halb totalitär ist
und dessen« (was sind sie wohl? Richtig:) »kontrollierte Medien«
haben gar nicht, wie es sich für freie Medien gehört, den Wahlbetrug schon vor
der Wahl konstatiert, sondern von den Wahlergebnissen im weit entfernten
Jugoslawien erst berichtet, als es feststand. (7.10.)
»Die EU« dagegen »hat
auf den Volksaufstand in Jugoslawien rasch reagiert. … Zweifellos werden die
Minister einen Grundsatzbeschluss zur Aufhebung der Sanktionen fassen. … Die
Gemeinschaft will so den demokratischen Umbruch unterstützen.« (SZ, 7.10.)
(fb)