Der wirtschaftliche Wiederaufbau
Mit der Bereitschaft der neuen Regierung, den Ordnungsansprüchen der Weltmächte USA und Deutschland zu genügen, stellt sich die Frage, wie die Integration Jugoslawiens in den deutsch-europäischen Wirtschaftsraum zu bewerkstelligen ist.
Dass sich die Sozialisten in Jugoslawien so lange
halten und die große Zeitenwende überstehen hatten können, liegt daran, dass
die Reformen, d.h. die Transformation zum Kapitalismus schon in den 80ern
begonnen wurde – unter ebendiesen Sozialisten. »Aber als im Osten die Mauern
fielen, wurden in Jugoslawien neue errichtet … So koppelte sich Serbien vom
Gang der Geschichte ab. Es machte sich auf den Weg in ein dunkles Zeitalter.«
(Die Zeit, 42/2000)
Für ein Ende der
Miloševi-Regierung sorgt erst zum einen der direkte Eingriff des Westens in den
Wahlkampf, zum anderen die recht nüchterne Abwägung der Bevölkerung, welcher
Politiker dem Land die besten Zukunftschancen verspräche. Dass die Sanktionen
beibehalten würden, dass weitere
Sezessionen gefördert würden, dass auch wieder militärische Aktionen zu
erwarten wären – das war ja den Leuten klar; das wurde von den staatlichen
Medien auch so vermittelt, die ihrer Regierung damit letztlich keinen Dienst
getan haben.
»G 17 plus«, eine Gruppe von
siebzehn Wirtschaftsprofessoren plus Anhang, hat für die Opposition das
Wahlprogramm geschrieben und »sich dem 18-Parteien-Bündnis DOS durch
wirtschaftspolitischen Sachverstand schwer entbehrlich gemacht.« Es sieht
die Einführung radikaler Wirtschaftsreformen vor, will Jugoslawien zurück in
die Welt führen, den jugoslawischen Dinar stabilisieren, evt. die DM als
Zweitwährung einführen, das Land für ausländische Banken öffnen, die
Nationalbank wieder ins Weltbanksystem integrieren und Mitglied im IWF werden.
Die Preise sollen liberalisiert werden, die administrative Preiskontrolle also
abgeschafft. Den Arbeitern, die nach der Zerstörung der Fabriken nicht mehr
produktiv arbeiten können, dennoch weiterhin Löhne zu bezahlen, wäre dann nicht
mehr möglich. (www.dos.org.yu)
Otpor! selbst (www.otpor.net) stellen ihre Gründung als »spontanen Gedanken«
dar; »die Faust selbst wird als Symbol für individuelle Initiative
verstanden« und als »Symbol für persönlichen Mut«. Auf ihren
Plakaten stellen sich rein formal-demokratisch dar und fordern »1.Freie und
gerecht Wahlen in Serbien 2.Freie Universität 3.Unabhängige Medien«. In
ihrer »Deklaration über die Zukunft Serbiens« werden sie konkreter: Weil
»das Überleben unseres Staates ernsthaft bedroht« sei, fordern sie ein
politisches System, beruhend auf »demokratischen Prinzipien«; die »Öffnung
zu allen internationalen Organisationen«; den »vollen Schutz des Rechts
auf Privatbesitz«; »zwangsweise und gerechte Privatisierung« und die
»Einführung einer freien Marktwirtschaft«.
Die JUL fordert
humanistischen Quark, wie er modernen demokratischen Parteien viel zu altbacken
ist und allenfalls noch in Präambeln Platz findet; schon daran merkt man, dass
die Partei zur modernen Demokratie noch nicht so ganz passt. Ziele sind »Freiheit,
Gleichheit, Frieden, Demokratie, Wohlstand, Wissen und Schönheit«. »Die
theoretische Basis ist jeder (!) Gedanke aus Philosophie, Wissenschaft, Kunst
und Religion (!), der zur Befreiung der Menschen von Armut, Ausbeutung,
Demütigung und Unwissenheit beiträgt.«
»Sobald die Lage stabil
ist und die Sanktionen aufgehoben sind, gehen deutsche Firmen als erste wieder
nach Jugoslawien« (Michael Harms, Balkan-Experte beim Ostausschuss der
deutschen Wirtschaft).
»Das Engagement der
deutschen Wirtschaft und der EU in Jugoslawien, wird bei einer Stabilität der
politischen Lage und einer Demokratisierung deutlich steigen.« (taz,
7.10.2000)
Die Weltbank hat ihre Hilfe
beim Wideraufbau des Landes bereits angeboten. Demnach hätte Jugoslawien
zunächst um eine Wiederaufnahme im IWF und dann erst in der Weltbank
nachzusuchen (1993 ist die Mitgliedschaft mit der Auflösung Sozialistische
Bundesrepublik Jugoslawien erloschen; die heutige Bundesrepublik Jugoslawien
war nicht als Nachfolgestaat anerkannt worden). Danach würde die Weltbank die
wirtschaftliche Situation Jugoslawiens bewerten und mit der Regierung
aushandeln, wie die $1.7 Mrd. Schulden bei der Internationalen Bank für
Wideraufbau und Entwicklung zu begleichen sind. Die Weltbank würde dann mit der
jugoslawischen Regierung einen Plan für strukturelle und soziale Reformen
entwickeln. Nach dem Beitritt Jugoslawiens stünden dann Gelder bereit, die wohl
hauptsächlich zur Finanzierung dieser Reformen eingesetzt werden müssten.
(Presseerklärung 2001/088/ECA) Die Weltbank sieht ihre Aufgabe im Kampf gegen
die Armut, partnerschaftlich mit den Regierungen betroffener Länder; und sie
weiß, wann dieser Kampf fällig wird.
Der IWF will seine
Zusammenarbeit mit Jugoslawien wieder aufnehmen (Handelsblatt, 13.10.), wenn
ein Plan mit dem Umgang mit $128 Mio. Altschulden vorliegt.
Hier sind einige Anmerkungen
zu IWF und Weltbank angebracht. Diese Institutionen sind nämlich keineswegs
gewissenlose Exzesse im Dienste des personalisierten Weltjudentums, des
globalisierten, marodierenden Turbokapitalismus, sondern Institutionen, die den
mittlerweile ziemlich exklusiven existierenden kapitalistischem Weltmarkt am Laufen
halten. Wer nicht zu den Gewinnern des Weltmarks gehört ist offensichtlich: die
verhungern nämlich ab und zu oder sind mit der Zur-Verfügung-Stellung ihrer
Ressourcen beschäftigt. Ohne Weltbank und IWF wäre auf dem Weltmarkt einiges
anders dass dies zugunsten der
Verlierer des Weltmarkts ausfallen würde, ist eine eb enso naive wie falsche
Vorstellung.
IWF und Weltbank erfüllen
ihre Aufgaben recht gut. Den Weltmark mit den nötigen Austauschmitteln
auszustatten und die Länder flott zu machen, die ihre Rolle als Rädchen im
Weltmarkt nicht mehr spielen können. Letzteres ist Aufgabengebiet der Weltbank
und der darf man durchaus abnehmen, dass sie in partnerschaftlicher
Zusammenarbeit mit den betroffenen Staaten die Armut bekämpft. Die Armut kommt
in zwei Formen vor. Erstens der, in der Staat die ihr weltwirtschaftlich
zugedachten Rolle nicht mehr übernehmen kann. Zweitens der in dem die Leute
massenhaft verhungern, was natürlich nicht vorauszusehen war (d.h., es war
nicht ganz sicher). In beiden Fällen hilft die Weltbank. Im ersten überlegt sie
sich ein Projekt, wie man die Minen wieder flott kriegt; im zweiten, wie man
die Leute kostengünstig beerdigt. Dass man von einem Bruchteil des
Weltbanketats die Menschen hätte durchfüttern können, ist keine Kritik an der
Weltbank – das war nicht ihre Aufgabe.
Der IWF erfüllt ebenso seine
Aufgabe. Er macht insolvente Staaten, die sich ihre Käufe auf dem Weltmarkr
nicht mehr leisten können, wieder flott, indem er ihnen Devisen zur Verfügung
stellt. Dafür fordert er von den Staaten eine bestimmte Wirtschaftspolitik.
Nicht weil der IWF eine bestimmte ›neoliberale‹ Wirtschaftspolitik aller Welt
aufs Auge drücken möchte, die in Wirklichkeit total blödsinnig und
menschenfeindlich wäre, sondern weil das eben die ganz richtige Politik ist, um
eine Ökonomie wieder weltmarkttauglich zu machen. Weltbank und IWF sind eben
keine freischwebenden Institutionen die das Böse über die Welt bringen, sondern
Teile der imperialistischen Weltordnung, die man auch nur zusammen mit dieser
kritisieren kann.
»In Brüssel wird erwartet,
dass die Außenminister das Ölembargo bereits am Montag aufheben werden … Das
wenige Öl, das unter Umgehung des Embargos über die Grenzen geschmuggelt wird,
ist bisher fast ausschließlich« (muss man das erwähnen? Das versteht sich
doch von selbst, oder?) »der Funktionärs-Clique von Miloševi zugute
gekommen.z« (SZ, 7.10.2000)
Heute wird gerne gesagt, dass
Milosevics Leute die Nutznießer der Sanktionen gewesen seien, dass sie also die
falschen getroffen hätte. Nun ist es so, dass unter den Bedingungen der
Sanktionen nur durch Bestechungszahlungen an Öl und Benzin zu kommen war. Die
Bedingungen der Blockade verstärkten also noch die Korruption, die in allen
osteuropäischen Staaten vorkommt, deren Wirtschaft in Abwicklung ist.
Es ist also nicht unbedingt
so, dass korrupte Politiker die Sanktionen umgehen konnten und sich so
bereicherten, sondern auch so, dass sie Sanktionen Korruption und
Schattenwirtschaft notwendig machten. Beide Arten der Korruption setzen
grundsätzlich eine gewisse Nähe zur Regierung voraus. Die Regierung ist es
schließlich, von der die Wirtschaft abgewickelt wird. Schmuggel und die
Umgehung von Blockaden und Embargos setzen ein Arrangement mit der Gewalt
voraus, von der die Importrouten kontrolliert werden. Das ist in der Regel der
staatliche Souverän, oder eben eine mit Gewalt ausgestattete nationale
Minderheit, wie die UÇK im Kosovo. Die durch beide Arten der Korruption
entstandenen reichen Privateigentümer wurden in der JUL-Partei zusammengefasst
und zu Alliierten Miloševis gemacht. (vgl. jW, 14.10.)
Die EU-Kommission hat bis
2006 4.2 Mrd. DM für Serbien reserviert; der Ministerrat hat das aber noch
nicht abgesegnet. (SZ, 12.10.2000)
Die Herrichtung des letzten
Balkanstaates zur Weltmarkfähigkeit ist ein Prozess, der immer wieder als
›Globalisierungsprozess‹ missverstanden, als instabil halluziniert und als
schon bald zusammenbrechend verstanden wird.: »Der Globalisierungsprozess
ist ... keine wirkliche (!) und wahre (!) Idee (!!). Genau deshalb wird er nicht
von Dauer sein. Das Macht- und Geldhungrige US-Imperium wird wie ein Kartenhaus
einstürzen.« (Mihailo Markovic in jW, 14.10.) Dass so jemand Vordenker
in der SPS sein konnte spricht Bände über das, was in Jugoslawien als
Sozialismus galt.
Auf dem EU-Gipfeltreffen in
Biarriz wurden € 200 Mio. zugesichert. Koštunica will, so wird berichtet, das
Geld für die »Reparatur der Transportwege, den Wideraufbau von Schulen, die
Gesundheitsfürsorge sowie die Energieversorgung« verwenden (ap, 14.10);
Miloševi hätte dagegen nur unschuldige Menschen damit gequält. Auflagen sind
mit dem Geld laut EU nicht verknüpft, es ist sogar nur als »Ýsymbolische
Geste« (SZ) zu verstehen. Wie dem auch sei, die Wirtschaft, die damit
aufgebaut wird, wird nicht zur Verfügung von Koštunicas Untertanen stehen. Die
Untertanen muss Koštunica nun davon überzeugen, dass die neue Politik –
zumindest ideell – zu aller Nutzen ist: »Der neue Mann in Belgrad muss zu
Hause den Beweis antreten, dass die Hinwendung zu Europa und zum Westen aus der
Misere der Miloševi-Diktatur führt.r« (SZ, 14.10.) Wenn Schröder nämlich
verkündet: »Die Bevölkerung in Serbien muss spüren, dass die Hinwendung zum
Westen hilfreich ist und die Lebensbedingungen positiv verändert«, dann
spricht daraus die empirisch in Osteuropa gewonnene Erkenntnis, dass die
Lebensbedingungen erst interpretiert gehören, damit sie der Prolet auch als
positiv versteht.
Volk statt Nation
Miloševi hat, was –e wenn nicht von kommunistischen, so doch von sozialistischen – Resten in Jugoslawien noch Bestand hatte liquidiert und durch eine nationalistische Politik ersetzt. Koštunica ist die Nation nicht Leid, aber die Rolle dieser Nation wird künftig von den Bedürfnissen der »internationalen Gemeinschaft« abhängig sein, mit der Koštunica sich so gut versteht. Macht nichts, sein Herz hängt auch nicht an der Nation, sondern am Volk. Die Ablösung der nationalistischen durch die völkische Politik ist die ideologische Konsequenz des Machtwechsels.
Das bürgerlich-demokratische
Gemüt, auch wenn es sich für sozialistisch hält, kann den Imperialismus nicht
verstehen, weil es ihn nicht verstehen will. Eine Analyse würde nämlich die Parteiname
gefährden, mit der manch einer sich dann schon auf der siegreichen, zumindest
richtigen und damit guten Seite wähnt. Miloševi habe »teinen gerechten, aber
aussichtslosen Kampf gegen die nationale Unterwerfung geführt« poltert
Werner Pirker und bekommt glänzende Augen (jW, 7.10.2000).
Die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Nationalismus ist freilich auch in Jugoslawien geläufig. Der gute Nationalismus, oder Patriotismus ist der, in dem sich die Bürger mit dem Interesse ihres Staates identifizieren. Der schlechte Nationalismus ist dagegen einer, der der Staatsräson zuwiderläuft oder dem Ansehen des Staates schadet. Mihailo Markovic, »Vordenker« der SPS sieht das so: »Patriotismus ist Liebe zu seinem eigenen Volk und zu seinem eigenen Land und ist vollkommen gerechtfertigt. Sie können nicht Internationalist sein, ohne Patriot zu sein; und wo Unrecht und Aggression geschieht, da haben Sie ihr Land zu verteidigen, so wie Sie jedes andere Land verteidigen würden« (in welchem Fall freilich kein spezifischer Patriotismus nötig wäre) »Patriotismus ist etwas gänzlich Positives.« »Aber Chauvinismus, den ich den ‚bösartigen’ Nationalismus nennen würde, ist etwas völlig anderes.« (jW, 14.10.)
Koštunica war aktiver Antikommunist. Das brachte ihm, so pluralistisch war Jugoslawien denn auch nicht, keine großen Sympathien von Seiten des Staats ein. Aus der Uni geschmissen wurde er, anders als es die westlichen Beobachter gerne glauben wollen aber nicht deswegen, sondern wegen seines Nationalismus: gegen eine Verfassungsänderung, die den Regionen Kosovo und Vojvodina mehr Autonomierechte brachte, agitierte er, dies sei ein Verrat an Serbien. Das ist übrigens das einzige, was die linken Nationalisten von der jungen Welt gut an Koštunica finden: schließlich seien das »ausufernde Autonomierechte« gewesen, die »Serbien gegenüber den anderen fünf Republiken im sozialistischen Jugoslawien« benachteiligten und indirekt für die Sezessionsbewegung im Kosovo verantwortlich seien (jW, 13.9). Heute kündigt Koštunica übrigens genau das an, was ihm damals ein Gräuel war. Eine neue Verfassung soll Serbien regionalisieren und den Regionen stärkere Autonomierechte zubilligen.
»Während Miloševi immer
ein eher instrumentelles Verhältnis zum Nationalismus pflegte, entspringt
Koštunicas und das Serbentum der meisten seiner Oppositionsfreunde tiefer
Überzeugung.« (Jungle World, 4.10.2000)
Koštunica meint »Für
Menschen wie Miloševi ist die nationale Frage immer nur Zweck und nie das
Mitteln.)« (Spiegel, 9.10.2000) Und so etwas gilt heute als Kritik.
»Als Sohn eines
königlich-jugoslawischen Offiziers wurden Vojislav Koštunica Antikommunismus
und Nationalismus gewissermaßen in die Wiege gelegt.« (taz, 7.10.2000) »Doch
erst als der serbische Nationalismus Mitte der Achtziger in den intellektuellen
Zirkeln Belgrads Mode wurde, tauchte er wieder auf der politischen Bühne auf.«
(taz, 7.10.2000) »Als Antikommunist und Nationalist ist Vojislav Koštunica
unter Serben glaubwürdig geworden.« (taz, 7.10.2000) »Sie können zu ihm
aufsehen, aber er ist einer von ihnen.« (taz, 7.10.2000)
»So wurde Vojislav
Koštunica 1974 ... von der Belgrader Uni geworfen, nicht nur, weil er Antikommunist
war, sondern auch, weil er gegen eine Verfassungsänderung eintrat, die die
Position der föderalen Republiken und autonomen Provinzen erheblich stärkte.
Die Reform sei ›ein titoistisches Komplott gegen das Serbentum‹.« (Jungle
World, 4.10.2000)
Die junge Welt sieht den
rechtskonservativen Nationalisten Koštunica tatsächlich, im Gegensatz zu Zoran
Djinji als Vertreter der gemäßigten Opposition: » Er hätte die Wahlen nicht
gewonnen, würde er nicht die gleichen Hoffnungen verkörpern, die die Serben
dareinst mit Slobodan Miloševi verbanden, als sie ihm zu Millionen folgten.i«
Schon richtig, aber die junge Welt meint das als Lob. (jW, 13.10.2000) Mit
Koštunica scheint man sich nämlich arrangieren zu können: »Koštunica ist ein
Legalist und ein Mann von Prinzipien. Die meisten seiner gegenwärtigen
Verbündeten sind weder das eine noch das andere.« (jW, 13.10.)
Koštunica kündigt
Minderheitenpolitik an – aber er spricht nicht mehr im jugoslawischen, sondern
nur noch im serbischen Namen, also in einem Namen der von vorneherein auf einer
ganz bestimmten Ethnie aufbaut. Minderheiten haben da, bei allem geheuchelten
Wohlwollen, einen viel schwächeren Stand – nämlich von solchen, die eigentlich
gar nicht dazugehören.
Nachdem Koštunica auf dem
EU-Gipfel in Biarizz für guten Verhältnisse zum demokratischen Europa gesorgt
hatte, reist er in den serbischen Teil Bosniens, um zusammen mit anderen
serbischen Nationalisten an der Beisetzung der aus den USA überführten
Überresten des 1943 dort gestorbenen Jovan Ducics teilzunehmen. Ducic war
Dichter und Diplomat des Königreichs Jugoslawien. Dort sucht sich die
Konterrevolution ihre Vorbilder. Dazu passt das Umerziehungsprogramm, das aus
dem jugoslawischen Volk mit nationalistischem Einschlag eine Gemeinschaft von
Volksgenossen macht: »Es hilft auf jeden Fall, wenn die Schuld des einzelnen
geklärt wird, aber die Frage der kollektiven Verantwortung kann nur durch eine
intensive öffentliche Diskussion und eine Art nationale Katharsis geklärt werden« (Dejan Anastasijevic)
Das dieser Nationalismus von
Miloševi ein übersteigerter, also schlechter, Nationalismus war leuchtet dem
westlichen Betrachter ein; schließlich kann ein Präsident mit so einem
läppischen Staat sich doch nicht anmaßen, international mitspielen zu wollent.
Das ein Volk dagegen etwas ist, auf das man stolz sein kann, leuchtet genau so
ein, ist man selber ja auch; worauf so ein Serbe da stolz sein kann, weiß man
zwar nicht so recht, aber komische Typen sind’s halt eh. Ehre, Blutrache und
so, ist schon klar. Dass die Serben sich jetzt nicht mehr mit den Albaner
prügeln (= schlechter Nationalismus), sondern sich lieber untereinander beim
Fußballspiel Roter Stern gegen Partisan Belgrad eins auf die Nase geben (=
liebenswerter Volkscharakter), passt da wunderbar ins Bild.
»… greise Veteranen in
Tschetnik-Uniformen des Zweiten Weltkriegs reckten Schnapsflaschen gen Himmel.«
(Die Welt, 7.10.2000)
»Das Volk ist wieder stolz
auf sich, und es hat wieder einen serbischen Helden.« (Die Welt, 7.10.2000)
»Seit am späteren
Donnerstagabend klar wurde, dass das Miloševi-Regime dem geballten Widerstand
des Volkes nichts mehr entgegenzusetzen wusste, feiern die Bewohner der
Zwei-Millionen-Metropole eine Riesenparty._« (Abendzeitung, 7.10.2000)
»Am traditionellen (!)
Hass und an der hohen Gewaltbereitschaft zwischen den verschiedenen
Bevölkerungsgruppen im Kosovo habe sich durch den Umsturz in Belgrad noch
nichts geändert, sagte Scharping.« (SZ, 11.10.2000)
Der alte jugoslawische Staat,
»Vielvölkerstaat« genannt, und seine heute noch existierenden Residuen, gelten
gern als Beispiel für das angeblich große Unheil der letzten Jahre: der
Regression vom zivilisierten Nationalstaat zum völkischen Blutsstaat. Das
Urteil, das sich darin ausdrückt ist aber grundfalsch. Nation und Volk sind
keine Gegensätze, damit sind die Zivilisationsverteidiger wohl noch
einverstanden; die sehen die völkische Ideologie dann zum Vorschein kommen,
wenn im Volk mehr gesehen wird, als die eben vom jeweiligen Staat unter seine
Herrschaft gezwungenen Menschen. Mehr ist am Volk auch tatsächlich nicht
dran, da haben sie recht. Verheerend falsch ist aber, gerade und allein im
Umstand, dass sich ein Volk sein Dasein ideologisch verklärt, das große
Schlamassel zu sehen. (Dahinter steht wohl wieder der Wunsch, unbedingt Partei
ergreifen zu wollen; das ginge sonst nämlich nicht.)
Falsch ist das einerseits
weil Nation ohne Ideologie gar nicht zu haben ist. Zu keiner Zeit gab es eine
Nation, die bei sich alle, die wollten, mal eben so hätte mitmachen lassen; und
ohne einen Nationalcharakter besitzen zu glauben, ist auch keine ausgekommen.
Falsch ist es aber auch, weil sich die Nationen gegenseitig allerhand antun –
eben um international was zu reißen – ohne dafür schon vorher eine passende
Ideologie zu haben. Um die kleinen und großen Unterschiede dann zu
rechtfertigen wird sich hinterher schon ein entsprechender
Volkscharakter finden lassen.
Wenn auf die völkische
Begründung der eigenen Nation verzichtet wird (und damit ist immer nur die exzessive
gemeint), dann geht’s nicht unbedingt gemütlicher zu, als wenn nicht. Die
Gegenüberstellung verdreht den tatsächlichen Zusammenhang: die völkische
Argumentation kommt nämlich immer dann auf, wenn irgendwelche – reale oder
aspirierende – Gewalten meinen, dass die existierenden Staaten und Völker nicht
mehr aufeinander passen. Dann krachts und dann wird sich auch die
völkische Rechtfertigung dafür finden. Der völkische Nationalismus mag ja noch
ekelhafter sein als der staatsbürgerliche Nationalismus, aber er gehört zu ihm
wie Krieg und Krise zum stabilen imperialistischen Zustand: das bleibt der
nämlich nicht – stabil.
Nach vollendetem Machtwechsel
ist ideologische Aufräumarbeit angesagt. Dazu gehört erstens, Recht
durchzusetzen, was auch als Aufarbeitung der Vergangenheit bekannt ist, und
zweitens die real-notwendige Politik nicht zu gefährden: »Dieses Volk muss
jetzt aus der Wüste geführt werden, in der es sich in mörderischer Verblendung
verrannte. Es hat seinen falschen furchtbaren Propheten selbst gefällt – auch
wenn es ihn nicht zum Richtblock schleppte.« (Die Zeit, 42/2000) Was Recht
war, muss auch Recht bleiben. Und das müssen jetzt auch die Serben einsehen.
Vergangenheit »muss bewältigt werden. Doch nicht heute und morgen. Nach so
viel Not geht Ruhe erst einmal vor Recht.« (Die Zeit 42/2000)
Eingliederung Jugoslawiens in SO-Europa
Die »Rückkehr des Balkanstaates in die internationale Staatengemeinschaft« steht an. Mit dem Machtwechsel gliedert sich Jugoslawien nahtlos in die deutsch-europäische Einflusssphäre in Süd- und Osteuropa ein. »An den runden Tischen von Stabilitätskoordinator Hombach blieb von Anfang an symbolisch ein Stuhl für Serbien frei.« (taz, 7.12.2000)
Der Übergang Jugoslawiens zu
einem Staat, der Land und Leute für die deutsch-europäische Wirtschaftszone verwertbar
macht, ist noch nicht gesichert. Aber die entscheidende Aufgabe des Westens ist
gelöst: »Koštunica kündigte die Rückkehr Jugoslawiens in die
Weltgemeinschaft an.« Die Folge: »Die EU empfängt den neuen Präsidenten
mit offenen Armen. Die Staats- und Regierungschefs wollen dem jugoslawischen
Volk zeigen, dass es jetzt den Weg zurück nach Europa finden kann.« (SZ,
12.10.2000)
An der jugoslawischen
Regierung unter Miloševi war nichts ungewöhnliches für ein osteuropäisches
Land, in dem die Marktwirtschaft triumphiert und das nicht mehr weltmarktifähig
ist. Das Land dient der Bereicherung derer, die darüber die Aufsicht führen.
Wie in allen ehemaligen realsozialistischen Staaten zerfällt die politische
Klasse in drei Sparten: ehemalige Kommunisten, die mit Kommunismus nichts, viel
aber mit der nostalgischen Betreuung der Verlierer zu tun haben; Nationalisten,
Monarchisten und Klerikale, die etwas suchen und finden, auf das sie stolz sein
können und Pro-Westler, die auf Belohnung hoffen, wenn sie dem Imperialismus
möglichst wenig Steine in den Weg legen. Weil bei der Abwicklung der
sozialistischen Wirtschaft auch etwas für die lokale Herrschaft abfällt, kommt
dort Korruption vor. All das ist nichts neues. Die alte jugoslawische Regierung
unterscheidet sich innenpolitisch nicht großartig von den Regierungen anderer
osteuropäischer Staaten. Der Krieg gegen Jugoslawien wurde aber auch nicht
geführt, um die wirtschaftliche Eingliederung Jugoslawiens in den Weltmarkt
voranzutreiben. Diese Eingliederung war ohnehin in Gang und wäre ohne Krieg und
Sanktionen schneller und reibungsloser zu haben gewesen.
Die Feindschaft des Westens
und besonders Deutschlands verdankt Jugoslawien seinem Versuch, selbst
Ordnungsmacht auf dem Balkan zu sein. Groß war diese Macht real nie: Also nur
ein schwacher Grund für einen Krieg? Keineswegs. Zum einen ist das Interesse
von imperialistischen Staaten, überall auf der Welt die Ordnung nach ihrem
Gutdünken gestalten zu können, ein recht essentielles und die Mittel fallen
entsprechend maßlos aus. Zum anderen wurde mit Jugoslawien mehr als nur eine
alternative Ordnungsmacht angegriffen, sondern gleichzeitig ein
alternatives Ordnungsprinzip, das dem Prinzip widerspricht, mit dem
Deutschland für in ganz Ost- und Südosteuropa für Ordnung sorgt. Jugoslawiens
Ordnungsanspruch beruhte institutionell und ideologisch auf der Nation, der
Anspruch des jetzt herrschenden Imperialismus auf dem Selbstbestimmungsrecht
der Völker.
»Jugoslawien wird nach dem
demokratischen Wechsel am 26.Oktober in der rumänischen Hauptstadt Bukarest als
Vollmitglied in den Stabilitätspakt für Südosteuropa aufgenommen.« (SZ,
21.10.) Das neue Ordnungsprinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker wird in
diesem Stabilitätspakt verbindlich festgeschrieben. »Wohlstand und Stabilität
für Südosteuropa« heißt das Ziel und das könne nur verwirklicht werden,
wenn »Frieden und Eintracht zwischen den verschiedenen Volksgruppen«
garantiert werden können. Und wer kann schon was gegen Frieden und Eintracht
haben? Und in der Tat leuchtet das der besorgten Öffentlichkeit sofort als
feine Sache ein. Schließlich hält man es ja für normal, dass es verschiedene
Völker gibt, zwischen denen im Naturzustand Hass und Zwietracht herrschen,
während die Staaten, wenn sie nicht gerade von einem Verführer wie Miloševi
regiert werden, meigentlich alle das gleiche wollen: Stabilität und
Wachstum. Dass es tatsächlich ohne Konflikte nicht abgeht, mag sich die
demokratische Öffentlichkeit nicht mit der imperialistischen Weltordnung
erklären. Muss sie auch nicht, dafür hat man sich schließlich die verschiedenen
Völkchen einfallen lassen, die – zumal wenn sie in unzuverlässigen Weltgegenden
angesiedelt sind – ihrem Volkscharakter dadurch entsprechen, dass sie sich
gegenseitig die Köpfe einschlagen. Genug der Erklärung. Aber wie bringt
man das wieder in Ordnung; und vor allem wer?
Weltmacht Nr.1 und 2: Die Konkurrenz der Ordnungsprinzipien
Zwei Strategien sorgen für Ordnung, wenn Staaten und Völker nicht mehr aufeinander passen. (Völker, die nicht zu ihrem Staat passen sind fast immer zu finden und wenn nicht, lassen sich neue Minderheiten schaffen, indem man Pässe des eigenen Landes ausgibt an diejenigen, die von Bluts wegen dazugehören – wie es z.B. die BRD in Polen macht.) Die erste Strategie spaltet die Länder auf und schafft ethnisch homogene Staaten (Slowenien ist dafür ein Beispiel). Die zweite Strategie belässt die Minderheiten in ihren Staaten, stattet sie aber mit Minderheitenrechten aus – was nichts anders heißt, als dass die Souveränität des betreffenden Staats eingeschränkt wird – und mit einer Schutzmacht, die aufpasst, dass sich der »Wohnstaat« auch benimmt.
Beides setzt eine Ordnungsmacht
voraus, die dafür sorgt, dass nach diesen Prinzipien auch verfahren wird, also Stabilität
herrscht. Und eins leuchtet ein: Die kleinen Völkchenstaaten werden’s nicht
sein, die da Ordnung stiften. Und die etwas größeren auch nicht, die plötzlich
lauter kleine Minderheiten bei sich vorfinden. Da brauchts schon einen Staat,
der eine reale Gewalt hinter sich hat und bei dem es eine Rolle spielt, ob man
Wirtschaftsbeziehungen zu ihm unterhält oder nicht. Die BRD zum Beispiel.
Dieses Prinzip des
Selbstbestimmungsrechts der Völker, das dem von der BRD entwickelten
Stabilitätspakt für Südosteuropa zu Grunde liegt, unterscheidet sich von dem
Prinzip, mit dem die USA ihre weltpolitische Rolle begründet haben. Die gehen
nämlich für gewöhnlich mit souveränen Staaten um, die mit der
Bevölkerung machen konnten was sie wollten (außer sozialistischen Experimenten
natürlich). Das liegt zum einen daran, dass das Rühren im Völkertopf eine ganze
Reihe neuer Staaten entstehen lässt, und auch in denen, die bestehen bleiben,
einiges durcheinanderbringt. Ideal für einen Staat wir die BRD, die sich mit
einem Mal als Weltmacht Nummer 2 wiederfindet und entsprechend auch auf der
Welt was zu seinem Nutzen einrichten will. Zum anderen birgt die
Volkstumsstrategie die Gefahr, dass einige der neuen weltpolitischen Subjekte
auch mal was verändern wollen, was man ganz gerne so belassen hätte, wie es
war. Außerdem sind die zur neuen Strategie gehörigen Kriege und Massaker dem
geregelten Geschäftsgang nicht unbedingt förderlich, weshalb die USA die
meisten Nationalstaaten, zu denen sie ganz einträgliche Beziehungen unterhält,
gerne so lässt wie sie sind.
Dem Ordnungsbedürfnis der BRD
in diesem Völkerzoo wird der Stabilitätspakt dagegen voll gerecht. Er
garantiert die Voraussetzungen indem er die »nationale und ethnische
Vielfalt der Staaten in der Region zu erhalten« verspricht, schafft Titel,
unter denen die Einmischung stattfinden kann, indem er »die Achtung der
Menschenrechte und Grundfreiheiten einschließlich der Rechte von Personen, die nationalen Minderheiten angehören«
fordert und die Bedeutung potenzieller Ordnungsmächte herausstellt: Nicht nur,
dass ein Haufen »multilaterale und bilaterale Übereinkünfte« zu
schließen sind; die Balkanstaaten sollen nämlich nicht einfach Verträge unter
sich abschließen. Um die Ziele des Stabilitätspakts zu erreichen ist die »Zusammenarbeit
mit … Staaten der Europäischen Union, sowie einschlägigen internationalen
Organisationen« gefordert, sowie die Unterstützung von »geeigneten,
bedarfsgerechten Strukturen«. Natürlich habe auch die Nato »bei
Erreichung der Ziele des Pakts eine wichtige Rolle zu spielen«.
Zweck der ganzen Übung ist
die weltmarktgerechte Herrichtung der Balkanstaaten, also die Schaffung von »Freihandelszonen«,
»wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Region«, »dynamische
marktwirtschaftliche Ordnung auf der Grundlage solide makroökonomischer
Praktiken« und »diversifizierte Eigentumsverhältnisse einschließlich
Privatisierung«. Weil das so gemütlich nicht abgehen wird, bereitet sich
der Pakt schon mal darauf vor, »das organisierte Verbrechen, Korruption,
Terrorismus und alle kriminellen und illegalen Aktivitäten zu bekämpfen«.
Die Zeiten, in denen
Nationalstaaten souverän waren und der Umgang mit ihrer Bevölkerung zu ihren
inneren Angelegenheiten gehörte, sind passé. Zumindest auf dem Balkan. Dort
gibt das Selbstbestimmungsrecht der Völker lauter Rechtstitel ab, mittels derer
sich der Souveränität der Einzelstaaten plötzlich lauter Beschränkungen
auferlegen lassen und Ordnungsmächte vom Schlage Deutschlands ganz viel zu
ordnen haben. Das Schöne: Konflikte mit einer Minderheit können jederzeit
anstehen. Und wer in der neuen Weltordnung eigene Ideen ausheckt und die auch
noch durchsetzen will, gerät schnell in Konflikt mit einer auf seinem
Territorium ansässigen nationalen Minderheit. Wo das Menschenrecht auf
nationale Selbstbestimmung zum Ordnungsprinzip wird, da wird ein
»Vielvölkerstaat« zu einer einzigen Menschenrechtsverletzung. (Mit seinen
Völkern und Völkchen trug dieser Vielvölkerstaat anomen est omen – den Kern des Übels schon in sich, der
später Handhabe gegen ihn bot. Wie in anderen realsozialistischen Staaten
wollte man halt auch in Jugoslawien die Berufung auf dämliche Traditionen und
Überlieferungen nicht bleiben lassen.) Diese Menschenrechtsverletzung ist nun
fast korrigiert.
»Belgrad scheint nun
endgültig vom Standpunkt abgerückt zu sein, wonach die Bundesrepublik
Jugoslawien die alleinige Rechtsnachfolgerin des alten jugoslawischen
Vielvölkerstaates ist.« (NZZ, 19.10.) Vielmehr kann sich Koštunica auch
eine Namensänderung vorstellen. »Serbien-Montenegro« könne der neue Staat
heißen, was dann auch klarmachen würde, dass da selbstbestimmte Völker
zusammenleben. »Auch käme dies dem Eingeständnis gleich, dass das alte
Jugoslawien zerfallen ist. Bisher hatte ‚Belgrad immer an der These
festgehalten, dass die ›sezessionistischen‹ Teilrepubliken den von Tito geschaffen
Staat zerschlagen haben.« (NZZ, 19.10.) Und als angenehmer Nebeneffekt
müsste sich Serbien-Montenegro bei den internationalen Organisationen neu
bewerben. Es müsste dann jeweils die Aufnahmekriterien erfüllen und könnte
dabei en passant noch normaler werden.
Mit der praktischen Behebung
des Unrechts ist es aber nicht getan. Das verletzte Recht gilt es
wiederherzustellen, weshalb auch Miloševis Bestrafung anstehen wird, sobald es
die Verhältnisse zulassen. Und das neiue Recht will ausdrücklich festgehalten
und Unrecht ein für alle mal als Unrecht entlarvt werden.
Der Westen ist mit dem Sturz Miloševis zufrieden. Mit ihm wird die jugoslawische Nation, also das konkurrierende Ordnungsprinzip auf dem Balkan zu Grabe getragen. Innenpolitisch ging der Machtwechsel deshalb so leicht, weil er »weit mehr Kontinuität als Bruch bedeutet« (Jungle World, 18.10.).
Wie in anderen osteuropäischen Staaten hatte sich in Jugoslawien ein Klientelsystem entwickelt. Dank der Kriegsschäden konnten innenpolitische Gegner nicht mehr eingebunden werden – dafür fehlte nun die materielle Grundlage. Insofern hatte das Bombardement also Erfolg. Mit dem abnehmenden Reichtum gibt es in der politischen Klasse immer weniger zu verteilen. Wirtschaftspolitisch gilt es nicht den Weltmarkt mitzugestalten, sondern den vorhandenen Reichtum abzuwickeln. Die Folge ist dort Korruption und hierzulande Rassismus wie er im Buche steht: die Korruption in den Ländern, die man zugrundegerichtet hat, wird zum Volkscharakter der dortigen Bevölkerung.
Bei allem guten Willen, den
die neue Regierung zeigt, ist die Integration Jugoslawiens keine Kleinigkeit.
Wie auch immer diese Integration bewerkstelligt werden wird und wo sich
Jugoslawien in der neuen Weltordnung wiederfinden wird – das wird nicht durch
Wahlen entschieden werden.
Die EU will Koštunica »Zeit geben«; die Bereitschaft, sich dem Westen unterzuordnen ist vorhanden, jetzt darf man aber nichts anbrennen lassen. Die Wünsche des Westens werden zukünftig im Rahmen der gewöhnlichen Diplomatie geäußert oder durch gewöhnlichen Druck durchgesetzt werden können. Wahlen werden wieder ihre demokratische Funktion erfüllen. Vorerst läuft die Integration Jugoslawiens über die Krisenstäbe. »Die faktisch von der Expertengruppe ›G 17 plus‹ geführte jugoslawische Nationalbank hat am Samstag den Wechselkurs der Deutschen Mark zum jugoslawischen Dinar auf eins zu dreißig festgelegt.« (FAZ, 16.10.) Die Demokratie wird, sofern sie in Jugoslawien dienlich ist, schon noch nachfolgen.
»Ob das Kopfgeld für Miloševi reicht, um Koštunica und Co. zu bestechen, wird sich zeigen. Ob Belgrad auf dem ‚Weg nach Europa’ große Fortschritte machen wird, muss man nicht erst abwarten. Diesen Weg gibt es nicht.r« (Jungle World, 18.10.) Wenn einem Bomben auf den Kopf fallen und die ganze Wirtschaft einem Embargo unterliegt, wollte man meinen, es könne nur besser werden. Sicher war man sich nicht. »Man einigte sich darauf, dass es jedenfalls nicht schlimmer kommen könne.« (NZZ, 7.10.2000) Da lag man wohl daneben. (fb)