Seit Sommer diesen Jahres sind sie sich alle einig- SPD, Grüne, CDU/CSU, Arbeitgeberverband und Medien von FAZ bis TAZ: die „Gefahr von Rechts“ muss bekämpft werden. Gemeint ist damit freilich nicht der rassistische Normalzustand, der in deutsche Gesetze und Institutionen gegossen ist und der für Flüchtlinge und MigrantInnen tagtäglich eine existentielle Bedrohung darstellt. Gemeint ist die standortschädigende Strassengewalt von Stiefelnazis, für die es weniger klar ist als für Günther Beckstein, dass sich „auch der Ausländer, der morgen abgeschoben wird, heute auf unseren Strassen sicher fühlen muss“.
Zumal sich in der staatlichen
Debatte über Migration einiges verschoben hat, seit die deutschen Unternehmen
händeringend nach qualifiziertem Humankapital suchen, das sie für die
Führungsposition auf dem Weltmarkt dringend brauchen, an dem es ihnen aber
hierzulande offensichtlich mangelt. Nach Ansicht von Klaus Zimmermann,
Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sind pro Jahr
200000 EinwanderInnen nötig, um den Arbeitskräftebedarf in der BRD zu decken.
Allerdings sind diese Leuten nur dann erwünscht, wenn sie bereit sind, fleissig
zu arbeiten, nicht aufmucken und sich einer, wie auch immer gearteten,
„deutschen Leitkultur“ (das sagt die CDU/CSU ganz offen, die SPD vermeidet
dieses Wort) unterwerfen- kurz, wenn sie willig sind, sich zu „integrieren“.
Und- um auf dem Teppich zu
bleiben- wird das alles den meisten Leuten, die aus verschiedensten Gründen als
Flüchtlinge und MigrantInnen hier leben oder hierher kommen wollen, ohnehin
nicht viel nützen. Im Gegenteil: Es zeichnet sich in der deutschen Politik
bereits der Trend ab, zugunsten einer quotierten Einwanderung für erwünschte
ArbeitsmigrantInnen die Restfragmente des Grundrechtes auf Asyl völlig zu
entsorgen. Also eine Migrationspolitik, die Menschen säuberlich nach dem
Kriterium der Verwertbarkeit sortiert in „diejenigen, die uns nützen und
diejenigen, die uns ausnützen“(G. Beckstein).
Deutsche Migrationspolitik: Flüchtlingsabwehr auf allen Ebenen
Vorreiterin ist, wie so oft
in rassistischen Debatten, die CDU/CSU. Sie will, als Ersatz für das noch auf
dem Papier stehende und formell einklagbare Grundrecht auf Asyl eine
„institutionelle Garantie“. Das heisst in der Praxis: Flüchtlinge können kein
Asyl mehr individuell einklagen, sondern der deutsche Staat behält es sich vor,
je nach Interessenslage bestimmte Gruppen von Flüchtlingen aufzunehmen und sie
dann auch schnell und unbürokratisch wieder abzuschieben. Vorexerziert wurde
dieser Umgang bereits im Umgang mit Flüchtlingen aus dem Kosovo: Während des
NATO-Krieges gegen Jugoslawien wurde als „humanitäre Geste“ eine begrenzte Zahl
von Kosovo-Flüchtlingen aufgenommen, kaum hatte die NATO gesiegt, wurde
begonnen, diese Leute in ein zerbombtes und verwüstetes Land abzuschieben. Aber
auch in den Reihen der SPD finden solche Modelle der Migrationsverhinderung
durchaus Gefallen, vor allem bei Innenminister Otto Schily, der vor gar nicht
langer Zeit von „90% Scheinasylanten“ sprach und dabei laut über eine neue
„Grundrechtsreform“ nachdachte.
Einig ist man sich sowieso
darin, dass es notwendig ist, noch effektiver gegen „illegale Einwanderung“
vorzugehen. Es vergeht keine Bundesinnenministerkonferenz, bei der nicht die
entschiedene Bekämpfung der „Schleppermafia“ – also einer für die meisten
Flüchtlinge und MigrantInnen dringend notwendigen Dienstleistung- gefordert
würde, kein EU-Gipfel, bei dem man sich nicht über eine weitere Hochrüstung der
EU Aussengrenzen und eine weitere „Harmonisierung“ von Asylrecht und
polizeilicher Zusammenarbeit verständigen würde. In der Aussenpolitik von BRD
und EU spielt die Verhinderung von unerwünschter Migration eine zunehmend
wichtige Rolle. So gilt für Staaten wie Polen und Tschechien die Vorverlagerung
der Flüchtlingsabwehr auf ihr Territorium als Eintrittsticket in die EU.
„Heimatnahe humanitäre Massnahmen“ sollen dafür sorgen, dass Flüchtlinge in
streng überwachten Flüchtlingslagern im Nordirak, im Kosovo oder in Marokko
etc. stranden, anstatt sich auf den Weg Richtung Westeuropa zu machen. Im
neuesten Lomé-Abkommen zwischen EU und den afrikanischen AKP-Staaten werden
erstere als Voraussetzung für die Zahlung von „Entwicklungshilfe“ verpflichtet,
abgeschobene afrikanische Flüchtlinge aufzunehmen, egal ob es sich um ihre
eigenen StaatsbürgerInnen handelt oder nicht.
Auch innenpolitisch nimmt in
der BRD der Druck auf unerwünschte Flüchtlinge zu: Behörden, wie die
„Zentralstelle Rückführung“ in Bayern oder die „Clearingstelle der Zentralen
Ausländerbehörde“ in Hamburg arbeiten fleissig daran, die Beschaffung von
„Heimreisepapieren“ bei Botschaften zu verbessern- ein Schritt, der für ein reibungsloses
Funktionieren der Abschiebemaschinerie entscheidende Bedeutung besitzt. So
manche Flüchtlingsunterkunft gleicht mit Überwachungskameras und Wachdienst
immer mehr einem Abschiebeknast, ganz im Trend liegen Flüchtlingslager, bei
denen sich Unterkunftsräume und Schubzellen für Abschiebehäftlinge auf einem
Gelände befinden. Bei solchen Strategien der Isolation wird die Grenze zwischen
„auf freiem Fuss“ und Abschiebehaft zunehmend fliessend.
Soweit also in der deutschen
Flüchtlingspolitik nicht viel neues.
Antirassistische Perspektiven
Wenn der ganzen Debatte um
Zuwanderung aus antirassistischer Perspektive überhaupt irgendetwas gutes
abzugewinnen ist, dann vielleicht die Tatsache, dass das völkische
Selbstbewusstsein mancher Deutscher RassistInnen dadurch angekratzt wird, dass
ihr Vaterland nun plötzlich auf „ausländische“ SpezialistInnen angewiesen
ist.
Die Forderungen von
Flüchtlingen nach Beendigung alltäglicher Diskriminierung durch Sondergesetze
wie „Residenzpflicht“, Asylbewerberleistungsgesetz (Fresspakete+80DM im Monat)
und „Arbeit zuerst für Deutsche“ finden allerdings in dem „Deutschland, einig
Antifa“- Gelaber keine Beachtung. Die antirassistische Position „offene Grenzen
und Bleiberecht für alle“ gilt SPD-Gutmenschen vom Schlage eines Wolfgang
Thierse bestenfalls als „naiv“, „blauäugig“ und „gefährlich“ (W. Thierse bei
einer Podiumsdiskussion am 5. 11. im Jugendgästehaus Dachau). Bürgerliche Medien und Parteien rufen zwar
im Interesse des Standorts Deutschland zur „Zivilcourage gegen Rechts“, und zum
„Aufstand der Anständigen“, von den Kämpfen von Flüchtlingen und MigrantInnen,
die sich der Abschiebung entziehen, die in Abschiebeknästen revoltieren, die
Fresspakete boykottieren oder die auf der Strasse Selbstverteidigung gegen
Rassismus praktizieren, wollten sie allerdings noch nie viel wissen.
Diejenigen, die es betrifft, kommen in der herrschenden Debatte um
„Zuwanderung“ und „rechte Gewalt“ nicht vor. Als AntirassistInnen egal welcher
Herkunft sollten wir auf den staatlichen Hype nicht viel geben. Vielmehr
sollten wir das tun, was notwendig ist:
- Abschiebungen verhindern
- Illegalisierte Flüchtlinge und MigrantInnen unterstützen
- Gemeinsame Sache machen mit allen, die sich in ihrem Alltag gegen den
rassistischen Normalzustand
wehren wollen
- Den rassistischen Institutionen Sand ins Getriebe
streuen
- FaschistInnen und RassistInnen angreifen
- Und nicht zuletzt: Weg mit allen Grenzen-soziale Revolution weltweit
(Clandestino)