Nietzsche

Wochenendbeilagen und Feuilletons, Titelbilder und Sonderkataloge erinnerten uns die letzten Monate an das „Erdbeben des Jahrhunderts“, Nietzsche, einen der Großen im Kanon deutscher Identitätsstiftung, einen der Dichter und Denker. Der Anlass ist bezeichnenderweise nicht etwa die plötzliche Entdeckung der Richtigkeit seiner Behauptungen und auch nicht das Gegenteil, die Kampagne also auch keine Aufklärung mit dem Anliegen die Leute vor dem Irrtum zu bewahren Nietzsche für richtig zu halten, sondern lediglich die Tatsache, dass Nietzsche seit genau 100 Jahren tot ist. Diese hat herzlich wenig mit dem zu tun, was er denn geschrieben hat, darauf kommt es ja auch nicht an. Wenn sich heute jemand auf Nietzsche beruft, dann verwendet er ihn im Normalfall lediglich als überhaupt großen Denker, als einen der gar nicht so daneben gelegen haben kann wie es einem selbst möglicherweise böswillig unterstellt wird, weil schließlich allgemein anerkannt ist, dass Nietzsche ein großer Denker war. Dafür braucht es zwei Vorraussetzungen: Diese Anerkennung, also die Tatsache dass Nietzsche erfolgreich genug war um in die Top Ten des deutschen Kulturerbes aufgenommen zu werden, zweitens muß die Bezugnahme zumindest einer oberflächlichen Prüfung standhalten. Wie erfolgreich philosophische Behauptungen sind, hängt aber nicht davon ab ob sie stimmen, und ihre oberflächliche Übereinstimmung mit so ziemlich jeder Art von bürgerlicher Idiotie haben Nietzsches Ansichten von der Nullformel „Wille zur Macht“ und deren Pendant in der bürgerlichen Wirklichkeit, der Unterschiedslosigkeit der Waren als Wertdinge, der praktischen Nullformel für die Beschaffenheit der menschlichen Arbeitsprodukte und der dazu nötigen Arbeiten.

Alltagsphilosophie

Heutzutage ist es oftmals schick sich von der Philosophie als einer Ausgeburt der Dekadnz, einem ganz und gar nutzlosen Treiben zu distanzieren. Was zählt ist die Welt der Fakten. Hier weiß man bescheid, kennt sich aus und löst seine Probleme. Ein Beispiel: „Die Soziale Marktwirtschaft wurde zu einem Erfolg, weil sie die freie Entfaltung des Marktes sicherte und zugleich nicht tolerierbare soziale Härten auffing. Dieses Konzept, das marktgerechte Leistungen fördert und den Schwachen Solidarität gewährt, ist auch heute noch richtig. Es muß aber den neuen Realitäten angepasst werden. (...) Heute wird jedoch ein Drittel unserer gesamten wirtschaftlichen Wertschöpfung zur Finanzierung von Sozialleistungen aufgewandt. Vor 30 Jahren waren es nur rund 20 Prozent. Diese Expansion droht die Wirtschaft unseres Landes und damit auch unseren Sozialstaat zu gefährden. (...) Der Sozialstaat muß von seinen Ausuferungen befreit werden, damit er die wirklich Bedürftigen schützen kann.“  (1) Diese Aufklärung über die Problemlage verdanken wir Prof. Dr. Hans Tietmeyer, dessen Karriere nicht nur eine Akademische war, sondern ihn verschlug es vom Wirtschaftsministerium über das Finanzstaatssekretariat in das Direktorium der deutschen Bundesbank, wo er 1999 seinen Hut nahm, um sich der nächsten Herausforderung zu stellen: die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Aber lesen sie selbst, was das ist. Nachdem uns Herr T. durch Aufzählung einiger Fakten und unter Berufung auf die Ikone des deutschen Kapitalismus, Ludwig Erhardt, überzeugt hat, dass Gerechtigkeit Chancengleichheit bedeutet, erklärt er sich über den Zweck der Initiative: „Zur Nutzung dieser Chancen aufzurufen – das ist das zentrale Anligen der Initiative neue Soziale Marktwirtschaft“, ihr geht es „um einen Klimawechsel in unserer Gesellschaft. Lange Zeit bestimmten eine möglichst umfassende soziale Absicherung und vielfältige staatliche Transferleistungen die wirtschafts- und sozialpolitische Agenda. In Zukunft müssen wieder mehr Leistungsbereitschaft und Mut zum Risiko im Vordergrund stehen.“ (1) Da hat sich nun der Markt frei entfaltet; das Recht auf freie Entfaltung im deutschen Grundgesetz bezieht sich mit dieser Redeweise noch auf Persönlichkeiten, Herr T. räumt dem Markt da wohl ganz ähnliche Begabungen ein wie sie Personen normalerweise haben (Kriegsziel ist das übrigens auch schon: Das „Menschenrecht“ wird durchgesetzt, „dynamische marktwirtschaftliche Ordnungen auf der Grundlage solider makroökonomischer Politiken, Märkte, die sich (...) öffnen sowie effektive und transparente zoll- handels- und ordnungspolitische Regime“ (Stabilitätspakt für Südosteuropa) – Grundrecht auf freie Entfaltung des Marktes); soziale Härten wurden toleriert oder aber auch nicht, als wären sie nicht das Resultat gesellschaftlicher Praxis, sondern seien der Gesellschaft (soziale Marktwirtschaft) äußerlich, könnten toleriert werden oder eben nicht. Zuende gedacht findet sich dieselbe Einstellung in jeder Arabella am Mittag Sendung: „Sozialschmarotzer, Asoziale“, Leute eben, die nicht wirklich zum „wir“ gehören. Leistungen waren marktgerecht oder nicht, förderlich seien nur die Marktgerechten. Es kommt also nicht darauf an, ob es einem was nutzt was dabei herauskommt, sondern nur darauf, ob es dem Markt gerecht wird. Das einfach für identisch zu nehmen ist gelinde gesagt wagemutige philosophische Spekulation. Gnädigerweise wurde „den Schwachen“ Solidarität gewährt – in Anbetracht der Geschichte der Kämpfe um heutige Zustände reinster Zynismus, die Zeiten der Herrschaft von Gottes Gnaden sind nämlich tatsächlich vorbei – aber zweitens gilt in einer Gesellschaft die Leistungen nach Marktgerechtigkeit sortiert freilich immer der für schwach, dessen Zahlungsfähigkeit zu wünschen übrig lässt, dass die Zahlungsfähigkeit irgendwie aus der Veranlagung der Person entspringt, ob sie nun „stark“ oder „schwach“ ist, glauben wir Herrn T. nicht. Neue Realitäten wucherten wie Pilze im Wald, die Wirtschaft schöpfte den Wert - wohl in sechs Tagen um am siebten zu ruhen, derweil gedeihte die Zahlungsfähigkeit in den Leuten, damit sie am Montag der Wirtschaft den Wert abkaufen können - und wurde dann vom Sozialstaat bedroht, weshalb man diesen nun befreien muß, nämlich von seinen Ausuferungen und das freilich im Sinne der Bedürftigen, die wohl bisher etwas zuviel mit Solidarität bedacht wurden um ihre Chancen nutzen zu können. Diese brenzlige Situation ist naturgemäß und also nur naturgewaltig zu bewältigen: Ein Klimawechsel muß her. Trotzdem ist Herr T. kein Philosoph, er ist Politiker und Wirtschaftswissenschaftler, einer der von Fakten spricht und so kommt die Broschüre der Initiative etwas später auch zum Inhalt dieser philosophischen Abschweifungen des wohl schon etwas senilen Herr T., dem Rezept für die Chancennutzung. Pädagogisch versiert, als Anschauungsbeispiel Dänemark, bekommen wir die Lösung serviert: „Dynamik durch moderate Löhne. Zunächst senkte die Regierung die Unternehmenssteuern. Das entlastete die Betriebe und brachte die Konjunktur auf Trab. Zusätzliche Dynamik ging von moderaten Lohnabschlüssen aus. Sie machten die Schaffung neuer Jobs wieder bezahlbar. Hinzu kommt, dass die Lohnzusatzkosten in Dänemark vergleichsweise niedrig sind.“ (1) Diese schnöde, alte, weltliche Forderung nach Verzicht im Interesse des eigenen Arbeitsplatzes, einfach das Klagen der Bourgeoisie über den Preis der Arbeitskraft, und die Aufforderung an die Arbeiter sich diesbezüglich Konkurrenz zu machen: „Gewerkschaften haben in dieser neuen Sozialpartnerschaft ihren Platz, wenn sie erkennen, dass jedes Gewerkschaftsmitglied ein Mensch mit eigenen Zielen und Prioritäten ist“ (1) sollten uns allerdings nicht allzu sehr von den philosophischen Vorraussetzungen dieser Expertenmeinung ablenken. Hinter der wechselseitigen Abhängigkeit von Arbeitsplatzmenge und Lohnhöhe steckt nämlich schon die Vorraussetzung, dass es bei der Produktion (das was man am Arbeitsplatz macht) gar nicht darauf ankommt was produziert wird, sondern lediglich darauf, ob es denn rentabel ist, die „ Jobs bezahlbar“. Zusammen mit der Tatsache dass die Leute nicht anders an das Zeug kommen das sie brauchen, als indem sie einen Arbeitsplatz ergattern, dass sie also ansonsten vollkommen frei von Lebensmitteln sind, ergibt sich daraus die brutale Situation, dass die einen nur an Lebensmittel kommen, wenn es sich für die anderen lohnt. Das ist aber kein sachlicher Zusammenhang den man nur einsehen muß, der aber ansonsten unveränderlich ist, wie uns nicht nur die Sonntagsphilosophen von der „Initiative neue Soziale Marktwirtschaft“ sondern mittlerweile sogar DGB-Funktionäre einreden wollen, sondern ein historisch besonderer, gesellschaftlicher.

Der Grund, weshalb solche Behauptungen als Faktenwissenschaft daherkommen, ist letztlich die „interessierte Vorstellung, worin (...) Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt“ (2) werden. Ihre Einleuchtungskraft beziehen sie aus der gesellschaftlichen Praxis. Indem tendenziell alle Lebensmittel den Leuten als Waren gegenüberstehen, scheint deren gesellschaftlicher Charakter den Dingen selbst zu entspringen. Das gesellschaftliche Verhältnis, das den Wert der Sachen ausmacht, kommt auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft nur als Wert der Sachen selbst vor, wodurch die Ware den Reichtum der Gesellschaft in ihrem Wert aufhebt, ihn den Produzenten entgegensetzt und als Hieroglyphe zurückspiegelt – allerdings eine bereits entschlüsselte Hieroglyphe, weshalb es zum Teil schwer nachvollziehbar, bzw. eigentlich nur aus dem Klasseninteresse mancher bürgerlichen Ideologen erklärlich scheint, dass sie dennoch darauf hereinfallen, scheint wohlgemerkt. Denn tatsächlich setzt der Fortgang der gesellschaftlichen Reproduktion die Menschen frei, ist das freie Individuum, welches so vielen Wissenschaften als Ausgangspunkt dient, das Resultat derselben. Und als solches weiß es sich auch zu seinem Recht zu verhelfen: Der Staat, der die Vorraussetzungen dieser Reproduktion permanent durchsetzt (Eigentum bzw. Recht, Anerkennung der Wertzeichen, Billanzierungsrahmen bzw. Herrschaftsgebiet). Der Inhalt dieser Freisetzung ist aber, anders als insbesondere Nietzsche meint, nicht eine irgendwie besondere Qualifikation der wirklichen Individuen oder gar die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, sondern lediglich sein besonderes tätiges Verhältnis zur Welt, auf das er sich dann einen letztlich beliebigen Reim macht. Die Besonderheit des Freisetzungsverhältnisses hat im wesentlichen zwei Momente: Erstens, dass die Grundlage der aktuellen gesellschaftlichen Reproduktion bereits das Mehrprodukt der menschlichen Gesellschaft ist, zweitens, dass diese Grundlage als äußere Naturbedingung behandelt wird, indem die Produzenten des Mehrprodukts stets von der Verfügung darüber ausgeschlossen sind.

Aber nur weil sie erklärlich sind, die bürgerlichen Ideologien nicht zu kritisieren, bzw. alle Kritik daran locker als Philosophenspinnerei abzutun und dabei womöglich trotzdem noch ungeniert seine religiöse Notdurft in öffentlichen Bedürfnisanstalten zu verrichten, oder stolz auf sein Kulturerbe, seine „deutsche Leitkultur“ (Merz) sein, ist einfach Ignoranz.

Nicht dass Nietzsche einen Begriff davon gehabt hätte, aber mit einer kapitalistischen Ökonomie und spezieller mit der Herstellung weltmarkttauglicher Bedingungen für dieselbe, der bismarckschen Reichsgründung, hatte er es schon zu tun. Seine Kritik daran ist das folgerichtige Ergebnis einer falschen Analyse, deren Fehler ist, dass sie die Resultate der gesellschaftlichen Reproduktion falsch, als ganz unterschiedslose Macht abstrahiert, also von allem historisch besonderen, den Mitteln und Zwecken dieser Macht absieht, und das dann zweitens für den Zweck dieser Reproduktion nimmt. Erst in dem zweiten Moment dieses Fehlers steckt der ideologische Charakter von Nietzsches Behauptungen, oder wenn man so will, ihre Moral, die interessierte Vorstellung, worin Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt werden.

Der Wille zur Macht, oder das Prinzip der bloßen Psyche

Nietzsches „Wille zur Macht“ ist zunächst kein metaphysisches Prinzip im traditionellen Sinne. Ist es der Anspruch der klassischen Metaphysik, die ganze Welt aus dem einen oder anderen Prinzip, vielleicht sogar ein paar Prinzipien zu erklären, so erklärt sich Nietzsche zum Überwinder dieser Tradition. Er lässt keine Prinzipien gelten erklärt sie allesamt für moralische Spinnereien, macht sich über sie lustig und beginnt mit der Philosophie ganz von vorn. Der Trick, den er dabei anwendet ist die Umkehrung der Fragestellung der Klassischen Metaphysik. Fragte diese noch nach der Wahrheit und woher man wissen könne, dass es so und nicht anders ist, so erklärt Nietzsche die Frage nach der Wahrheit für eine moralische Voreingenommenheit und behauptet die ganze Subjekt-Objekt-, Ich-Welt-...- Wahrheit-Problematik für gelöst, indem er nicht die Welt sich gegenüber, sondern seine Psychologie in die ganze Welt setzt. Wo er also über die „mechanistische (oder „materielle“) Welt“ (4, 36) redet, auch nichts anderes meint als dieselbe „nicht als eine Täuschung, einen ´Schein´, eine ´Vorstellung´(im Berkeleyschen und Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts-Range, welchen unser Affekt selbst hat,- als eine primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt und abschwächt -), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämtliche organische Funktionen, mit Selbst-Regulierung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden ineinander sind, - als eine Vorform des Lebens?“ (4, 36) Folgerichtig will er der Psychologie zu neuen Ehren verhelfen: „Die gesamte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurteilen und Befürchtungen hängengeblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe gewagt. Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht zu fassen, wie ich sie fasse – daran hat noch niemand in seinen Gedanken selbst gestreift: (...) und der Psychologe, welcher dergestalt „Opfer bringt“ – es ist nicht einfach das sacrifizio dell’ intelletto*, im Gegenteil – wird zum mindesten dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder der Weg zu den Grundproblemen.“ (4, 23) Was Nietzsche also eigentlich hätte bewerkstelligen müssen, um seinen Ausgangspunkt abzuleiten, wäre das, was seiner Meinung nach einem künftigen Philosophen obliegt, „der die Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem „Willen zur Macht“ dermaßen euch vor Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort „Tyrannei“ schließlich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde Metapher – als zu menschlich – erschiene; und der dennoch damit endete, das gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet, nämlich dass sie einen „notwendigen“ und „berechenbaren“ Verlauf habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblick ihre letzte Konsequenz zieht.“ (4, 22) Stattdessen begnügt er sich mit dem für Irrationalisten so typischen Apell an die unmittelbare Anschauung, die erlebte Gewissheit, wären wir boshaft, dann könnten wir sagen: den geoffenbarten Glauben: „Hier muß man mal gründlich auf den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens Ausbeutung, - aber wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von alters her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? (...) Die „Ausbeutung“ gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. – Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, - als Realität ist es das Ur-Faktum aller Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich!“ (4, 259) was ihn aber nicht daran hindert die waghalsigsten Schlussfolgerungen aus seinem „Willen zur Macht“ zu ziehen, die Welt also durchaus schon als psychologisch berechenbar vorauszusetzen. Hinter diesem Punkt verbirgt sich auch letztlich die falsche Abstraktion von Nietzsche, von der vorhin die Rede war, also dass er die Resultate der ganzen gesellschaftlichen Bewegung oder Reproduktion einfach als Machtverhältnis abstrahiert: „Woher diese uralte, tiefgewurzelte, vielleicht jetzt nicht mehr ausrottbare Idee ihre Macht genommen hat, die Idee einer Äquivalenz von Schaden und Schmerz? Ich habe es bereits verraten: in dem Vertragsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, das so alt ist, als es überhaupt „Rechtssubjekte“ gibt, und seinerseits wieder auf die Grundformen von Kauf, Verkauf, Tausch, Handel und Wandel zurückweist.“ (3, 2) – Nein Nietzsche, das erzählst du uns hier zum ersten Mal, und es wird auch durch wiederholendes Versichern nicht richtiger. Die psychologische Berechenbarkeit der Welt ergibt sich für Nietzsche in der Äquivalenz von Schaden und Schmerz. Der Schaden wird von Nietzsche dabei einfach als Beschädigung der Macht bzw. unbefohlene Betätigung in der Machtsphäre abstrahiert, genauso wie andersherum die Zufügung von Schmerz ihm als Beschneidung der Macht des Anderen, den erlittenen Machtschaden durch Machtbetätigung ausgleichend gilt. Nur gemessen am Willen zur Macht, abstrahiert auf ihren Machtgehalt, sind Schaden und Schmerz äquivalent. Allerdings zweitens nur als komplett in der Psychologie sich abspielend, ohne weiteren Inhalt als die Lust oder Unlust: „Die Äquivalenz ist damit gegeben, dass an Stelle eines gegen den Schaden direkt aufkommenden Vorteils (also an Stelle eines Ausgleichs in Geld, Land, Besitz irgendwelcher Art) dem Gläubiger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden wird, - das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Wollust `de faire le mal pour le plaisir de la faire`, der Genuß in der Vergewaltigung: als welcher Genuß umso höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft steht, und leicht ihm als köstlicher Bissen, ja als Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann.“ (3, 2) Diese Äquivalenz oder Reduzierbarkeit aller menschlichen Verhältnisse auf einen Machtgehalt, dessen größtmöglicher Fülle dann alles menschliche Streben gilt, ist der Inhalt der Behauptung der psychologischen Berechenbarkeit des Ablaufs der Welt – vorrausgesetzt man hat sie vorher komplett auf die menschliche Psyche reduziert, und das hat Nietzsche eben zugegebenermaßen noch nicht getan, das ist seine Hypothese. Allerdings stört ihn das nicht weiter und er schließt frohgemuts die Bedeutungslosigkeit alles tatsächlichen Stoffwechsels in der menschlichen Gesellschaft: „Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, um den Gang unsrer Untersuchung wieder aufzunehmen, hat, wie wir sahen, seinen Ursprung in dem ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältnis, das es gibt, gehabt, in dem Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner: hier trat zuerst Person gegen Person, hier maß sich zuerst Person an Person. Man hat keinen noch so niedren Grad von Zivilisation aufgefunden, in dem nicht schon etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar würde. Preise machen, Werte abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen - das hat in einem solchen Maße das allererste Denken des Menschen präokkupiert, daß es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist die älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden, hier möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorrangs-Gefühls in Hinsicht auf anderes Getier zu vermuten sein.“ (3, 2) Die Äquivalente, Preise, Kauf, Verkauf, Tausch, „Handel und Wandel“ – alles ausgedachtes Zeugs, ohne wirkliche Substanz, im freien Wettbewerb der persönlichen Willen zur Macht sich ergebend, außerdem alt, uralt, Begründung der menschlichen Gesellschaft, des „Personen-Verhältnis“es überhaupt. Hier wundert es nicht weiter, dass Nietzsche gerne von irgendwelchen Apologeten des Kapitalismus als Berufungsinstanz verwendet wird, verdrehterweise gerade für die Sachen, die er eben selbst als noch von irgendwelchen künftigen Philosophen zu zeigen betrachtete: „Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Kausalität des Willens glauben: tun wir das – und im Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Kausalität selbst -, so müssen wir den Versuch machen, die Willens-Kausalität hypothetisch als die einzige zu setzen. „Wille“ kann natürlich nur auf „Wille“ wirken – und nicht auf „Stoffe“ (nicht auf „Nerven“ zum Beispiel -): genug, man muß die Hypothese wagen, ob nicht überall, wo „Wirkungen“ anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt – und ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin tätig wird, eben Willenskraft, Willens-Wirkung ist. – Gesetzt endlich, dass es gelänge, unser gesamtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung einer Grundform des Willens zu erklären – nämlich des Willens zur Macht, wie es mein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung – es ist ein Problem – fände, so hätte man sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht.“ (4, 36) Die Lösung des Problems der Ernährung durch die freie Konkurrenz wird uns auch von moderneren Apologeten des Kapitalismus versprochen (siehe oben), ebenso wie freilich für die Vulgärökonomie der Wert der Sachen nur die Wirkung von aufeinandertreffenden Willen ist: Angebot und Nachfrage. Bei Nietzsche ist das nur eine Hypothese, die er aber dermaßen für trefflich hält, das er einfach die Praxis des Warentauschs für nur eine Erscheinungsform (wenn auch ursprüngliche), dem Wille zur Macht nur accidentiell erklärt. Das er damit in Wirklichkeit nur die herrschende Ökonomie als ewiges Naturgesetz affirmiert, genauer: deren Egalität gegen die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, indem er die ganze Welt auf die Nullformel „Wille zur Macht“ reduziert, begreift er nicht. Was in der kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich der Fall ist, dass sich die Menschen nur als Warenbesitzer gegenübertreten und der Markt die Schnittstelle zwischen ihnen selbst und ihrer Verfügung über Lebensmittel (Macht) ist, wird von Nietzsche in eine ewige Grundbedingung des Lebens umgedichtet.

Der Wille zur Macht ist hier den Menschen des „vorhistorischen“ (3, 2) Zeitalters bereits unterstellt, abgesehen wird dabei lediglich von der besonderen historischen Form gesellschaftlicher Macht, dem Geld oder Maß der Verfügungsgewalt über gesellschaftlichen Reichtum. Die Tendenz zur Herstellung und Erhaltung der Art ergibt sich hier aus der Psychologie der Leute in der Weise, dass der psychologische Genuß umso größer ist, je größer zuvor umgekehrt die gesellschaftliche Distanz war, daher auch das Bestreben diesen Genuß zu erlangen mit derselben zunimmt. Den Wille zur Macht als Treibkraft der Menschen vorrausgesetzt, ergibt sich daraus die Tendenz zum Erhalt derselben als Art, indem die ohne Macht umso stärker danach streben. Zweitens ergibt sich die Differenzierung der Gesellschaft in Mächtige und nicht so Mächtige als natürliche Folge eines mehr oder weniger erfolgreichen Willen zur Macht.

Freilich erkennt er da auch nichts der freien Konkurrenz der Willen zur Macht übergeordnetes mehr an, nachdem er sich einmal auf seinem Willen zur Macht festgebissen hat, sieht er gar nicht ein, warum es da noch Nationalstaaten gibt, mit staatlicher Macht (vs. Marktmacht/Freiheit: Zahlungsfähigkeit), und schon gleich doppelt überhauptgarnicht, wenn sie auch noch demokratisch sein sollen, und umso weniger, je mehr sich die Wirklichkeit seiner Zeit an ihrem eigenen Anspruch blamiert, je mehr sich seine Kritik der Moral auch an der modernen, demokratischen Nationalmoral „der sonnenlosen Begriffs-Gespensterei und Blutarmut, - unserer deutschen Krankheit des Geschmacks, gegen deren Übermaß man sich augenblicklich mit großer Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die „große Politik“ verordnet hat“ (4, 254) zu bewähren scheint (man vergleiche das „Seegethier“ der „Morgenröte“ 1881 mal mit dem späteren Nietzsche). Nietzsche sieht darin eigentlich nur eine Erneuerung des Christentums, einen weiteren Sklavenaufstand.

Nachdem es mittels der „Sittlichkeit der Sitte“: „Die ungeheure Arbeit dessen, was von mir „Sittlichkeit der Sitte“ genannt worden ist (vgl. „Morgenröte“) - die eigentliche Arbeit des Menschen an sich selber in der längsten Zeitdauer des Menschengeschlechts, seine ganze vorhistorische Arbeit hat hierin ihren Sinn, ihre große Rechtfertigung, wieviel ihr auch von Härte, Tyrannei, Stumpfsinn und Idiotismus innewohnt: der Mensch wurde mit Hilfe der Sittlichkeit der Sitte und der sozialen Zwangsjacke wirklich berechenbar gemacht. Stellen wir uns dagegen ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich seine Früchte zeitigt, wo die Sozietät und ihre Sittlichkeit der Sitte endlich zutage bringt, wozu sie nur das Mittel war: so finden wir als reifste Frucht an ihrem Baum das souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche, das von der Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, das autonome übersittliche Individuum (denn „autonom“ und „sittlich“ schließt sich aus), kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen Willens, der versprechen darf und in ihm ein stolzes, in allen Muskeln zuckendes Bewußtsein davon, was da endlich errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigentliches Macht- und Freiheits-Bewußtsein, ein Vollendungs-Gefühl des Menschen überhaupt.“ (3, 2) nun der Menschheit gelang, freie Individuen zu werden, könnte sie...

Die Moral

...eigentlich beginnen Übermenschen zu werden, die Erhaltung der Menschheit durch ihre Fortentwicklung abzulösen, wäre da nicht die Sklavenmoral: „- Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, daß das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem  „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat. Diese Umkehrung des werte-setzenden Blicks - diese notwendige Richtung nach außen statt zurück auf sich selber - gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Außenwelt, sie bedarf, physiologisch gesprochen, äußerer Reize, um überhaupt zu agieren - ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion.“ (3, 1) Zur Verdeutlichung sei hier mal auf den Unterschied zu der vochristlichen-, oder Moral in einer gesunden Aristokratie hingewießen: „Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen Kampfe mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingungen. (...) Nun sehe man einmal ei aristokratisches Gemeinwesen, etwa eine alte Griechische Polis, oder Venedig – als eine, sei es freiwillige, sei es unfreiwillige Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: es sind Menschen beieinander und auf sich angewiesen, welche ihre Art durchsetzen wollen, meistens, weil sie sich durchsetzen müssen oder in furchtbarer Weise Gefahr laufen, ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes Übermaß, jener Schutz, unter denen eine Variation begünstigt ist;“ (4, 262) Dieses Art ist für Nietzsche allerdings etwas ganz tolles, das Resultat der Vorgeschichte der Menschheit, wo sie erst mal beginnt neben dem angeborenen Talent der Vergesslichkeit gewaltsam sich ein Gedächtnis zu erziehen, um letztlich modernes, geschäftsfähiges, freies Individuum zu werden. Der Schlüssel zur Geschäftsfähigkeit ist für Nietzsche die Fähigkeit zu versprechen, wozu es den Menschen frei der Welt gegenüber braucht, und außerdem die Erinnerung zum Zwecke der Bilanzierung. Das Geschäft der Menschen rechtfertigt denn auch alle möglichen Grausamkeiten: „Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die Erstlingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die Kastrationen), die grausamsten Ritualformen aller religiösen Kulte (und alle Religionen sind auf dem untersten Grunde Systeme von Grausamkeiten) - alles das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im Schmerz das mächtigste Hilfsmittel der Mnemonik erriet.“ (3, 2) Die Sklavenmoral dagegen ist „Ressentiment“, als Resultat aus der Schwäche des „Willen zur Macht“ in den betroffenen Individuen. Wo in Wirklichkeit die „notwendige Richtung nach außen statt zurück auf sich selber“ daraus folgt, das die Leute einfach von vornherein von Lebensmitteln ausgeschlossen sind, gehöhrt sie bei Nietzsche „eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Außenwelt, sie bedarf, physiologisch gesprochen, äußerer Reize, um überhaupt zu agieren“ und das haben wir in der Tat schon mal gehört, dass die Arbeiter selbst an ihrem Elend schuld sind und nur ihre Chancen nutzen müssten, flexibler werden und wettbewerbsfähig. Nietzsches Kritik an der Nationalmoral oder Moral überhaupt hat auch nichts mit unserer zu tun, sie ist reaktionär, genauso wie die aktuelle Propaganda der Globalisierung, der der Staat auch mal hin und wieder zuviel wird. (chen)

 

* Opferung des Verstandes

 

(1): „Chancen für alle“, 1/2000, Hrsg.: Initiative neue Soziale Marktwirtschaft, erschienen als kostenlose Beilage im SPIEGEL, 42/2000, die Initiative hat für Frühling 2001 ein Buch angedroht.

(2): Manifest der Kommunistischen Partei, 1848

(3, AbhandlungNr.): Nietzsche: „Zur Genealogie der Moral“, 1887

(4, VersNr.): Nietzsche: „Jenseits von Gut und Böse“, 1886