Manch
ein Film begnügt sich mit einem einfachen moralischen Weltbild. Zwei Parteien
kämpfen um die Vorherrschaft der Welt. Beide töten, doch die einen (die Bösen)
töten gerne, die anderen (die Guten) werden dazu gezwungen. Damit auch keine
Verwechslung aufkommt wird das Böse (Darth Vader in Star Wars, Amon Goeth in
Schindlers Liste, Vito Corleone im
Paten II usw. ), meist durch ein Ritual als böse ausgezeichnet: durch die in
Selbstjustiz vorgenommene Hinrichtung.
X – Men der erfolgreiche Actionfilm von Bryan Singer geht da
komplexer vor. Er gibt eine Antwort auf die Frage wie jemand zum Volksfeind
werden kann, der jedes Vertrauen in die menschliche Gemeinschaft verloren hat.
Indem ihm das schlimmste angetan wurde, was die Geschichte hervorgebracht hat:
Auschwitz.
Magneto, dessen Eltern vor seinen Augen deportiert werden,
entwickelt dort als Jugendlicher seine ungewöhnlichen Kräfte die ihn wie all
die anderen Mutanten zu Aussenseitern der Gesellschaft verurteilen. Sie müssen
ihre Fähigkeiten verbergen und finden nur wenig Anschluß an die Menschen. Doch
während die guten Mutanten, repräsentiert durch den Besten (Patric Jean-Luc
Steward als Xavier), ein Bündnis mit der Gesellschaft suchen bleibt den übrigen
um Magneto (Ian McKellen) nur die Abkehr. Er mißtraut der Freiheit, welche die
amerikanische Gesellschaft ihm versprach. Ein Anti-Mutanten Gesetz ist in der
Vorbereitung und es kommt zum Bruch der ehemaligen Freunde Xavier und Magneto.
Der kritische Dialog bricht ab. Im weiteren Verlauf kommt es zu einem
ansehnlichen relativ kinderfreundlichen Gemetzel zwischen den X-Men.
X-Men identifiziert die Mutanten völlig offen mit den
amerikanischen Juden. Magneto wird durch Auschwitz zum Juden gemacht, einer von
denen, welchen da was angetan wurde. Seine Tätowierung wird pathetisch ins Bild
gesetzt. Für die letzten Deppen wird auf einer UN Konferenz der israelische
Vertreter gezeigt, die Fahne schnell noch mit aufgenommen.
Die harmlose Identifikation bringt ein paar weniger harmlose
alte Vorstellungen mit sich. Mutanten sind genetisch von Menschen
unterschieden, ohne daß sie als solche äußerlich zu erkennen sind. Während die
weithin anerkannte Gleichsetzung von Juden und Opfern des Holocaust einen
historisch wahren Kern enthält, der Juden von Nichtjuden unterscheidet,
zementiert die rassistische Interpretation das Bild von dem Anderen fremden
Blutes. Sehr subtil geschieht die Blutschändung nicht durch Geburt, sondern
durch undefinierte Mutationen, unter denen sich niemand etwas genaues
vorstellen kann. Auch in dem neuen Star Wars Film „Episode One“ sowie in
„Blade“ finden sich die Übermenschen mit den veränderten Blutzellen unter uns.
Während die Kraft der Jedi in den ersten Folgen des Sternenkriegs noch
verbunden ist mit Disziplin und Konzentration, dem Mentalen, ist es im letzten
Film schlicht ein Blutwert, der Hinweis auf verborgene Kräfte gibt. So nimmt
X-men einerseits das Bild von verborgenen Übermenschen auf, unterlegt es
anderseits mit einer gesellschaftlichen Kategorie, der der Juden.
Sie, die X-men, sind diesem Bild folgend auch in geheimen
elitären Bündnissen organisiert. Schon in der Eingangsszene wird klar, daß hier
einflußreiche Leute gezeigt werden; während ein Parlamentarier debattiert,
treffen Xavier und Magneto auf dem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen
Gang zusammen, um das „eigentliche“ Gespräch zu führen. Xavier, unangefochtener
Führer der Guten, ist Leiter einer abgelegen Eliteschule, welche die Mutanten
sammelt und auf die Welt vorbereitet. Die Arme seines Imperiums reichen weit,
mittels einer speziellen Maschine gewinnt er unerkannt Einblick über das
Geschehen. Magnetos „Reich“ ist da schon dunkler, deutlich weniger geeignet für
eine Weltverschwörung.
Die Tatsache, daß die guten X-men eben die Guten, also
kinderfreundlich, schön und siegreich sind, und somit die Juden auch gut
wegkommen, läßt dennoch die Vorstellung der rassisch Anderen bestehen.
Nach klassischem Muster steht das Gute direkt oder indirekt
im Dienste des Staates, moralisch hochstehend sich über korrupte Elemente
hinwegsetztend. Das Böse hingegen begeht, historisch bedingt, immer die
bösesten Sachen, und gehört folglich ausgelöscht.
Bei X-men hingegen bekommt das Böse eine neue Bedeutung
zugewiesen; es ist das Unversöhnliche, welches immer wieder auf die Gefahr
eines neuen Holocaust hinweist und nicht bereit ist seine Kräfte dem Staat (=
Gesetz = Gerechtigkeit) anzuvertrauen. Ausschwitz mahnt zum ewigen Hass, der
schließlich, hier wieder in gewohnter Actionfilm Manier, in Revolte und
Vernichtung der gesamten Gesellschaft umschlägt.
Diesem Bösen wird die Hinrichtung nicht gewährt, alle
Tötungsrituale weichen bewußt von ihr ab. Der hetzende Senator, angeschnallt
auf einem elektrischen Stuhl, wird lediglich in einen Mutanten verwandelt, die
Kugeln der Polizeiwaffen fallen kurz vor Eintritt in die Schädeldecken harmlos
zu Boden, die Attentate auf Xavier und
Rogue schlagen fehl und sind rational motiviert, um das Überleben der Mutanten
zu sichern.
Der böse Magneto stirbt, klassischer Dramatik entsprechend,
auch nicht, sondern gibt im Spezialgefängnis noch einen Dialogpartner und
Herausforderer von Xavier ab.
Erst durch diese modifizierte Darstellung des Bösen wird die
Anspielung auf den Konflikt zwischen versöhnlichen und unversöhnlichen Juden in
den USA möglich und damit die Sanktion letzterer. Auch der Holocaust, so die
einfache Botschaft, ermöglicht keine Sonderrechte mehr. In diesem Sinne kann
der Film auch als „stumpfe Durchhalteparole“ (Stefan Groß) verstanden werden.
Nachtrag: In etwas anspruchsvollerer Form findet sich letzte
Botschaft in Norman Finkelsteins neuem Buch „The Holocaust Industry“ (Rezension
später, auch zur Frage was Finkelstein von dem Antisemiten Martin Walser
unterscheidet). Schon lange führt Finkelstein, der sich selbst als Linker
begreift, einen Kampf gegen die sogenannte Holocaust Industrie, welche versucht
den Holocaust zu instrumentalisieren um in der heutigen Gesellschaft die
Interessen Israels oder anderer Lobbyisten durchzusetzen. Er geht sogar weiter
und macht die Holocaust Industrie für wachsenden Antisemitismus verantwortlich.
Finkelstein ist jedoch, wie der Film X-Men dem Paradox ausgeliefert, dass er,
indem er die Sonderrolle des Holocaust der zu einem moralischen Imperativ
verpflichtet oder berechtigt, leugnet, genau diese Sonderrolle unterstreicht.
Daniel Roth