Jörg K. löscht seine Familie aus« – er hatte seine Alterssicherung an der Börse verspielt. Ein Fall von vielen noch vor dem weltweiten Kurssturz. Ein Anlaß für STREITBLATT exemplarisch in seiner Juliausgabe 1999 das «positive Denken« in Sachen Kapitalismus zu kritisieren und seine ideologischen Voraussetzungen aufzuzeigen.
»Da erzählt einem das frühstückliche
Börsenfernsehn in diesem unserem Land vor jedem Wüstenrot , dass es gelte eine
zweite Säule der Alters- und Familienvorsorge zu bauen. Da sich Vater Staat aus
eben diesem Bereich zurückzuziehen gedenke, heiße Zukunft – nach der
Bausparvertragsära- in Zukunft vor allem: Aktie!!!
Da wird der Börsengang der Hirne
alltäglich in Großschlagzeilen verkündet – natürlich mit dem dazugehörigen
Kleingedruckten, d.h. dem Hinweis, dass Aktie aber ebenso Risiko bedeute und
eine seriöse Art des Glückspiels darstelle. Hier und manchmal warnt auch noch
ein DGB/SPD- Schösser und – Riester, dass auch Aktiengesellschaften, inklusive
Versicherungen pleite gehen können, bzw. bei Geschäftsschwierigkeiten dies
zuerst auf die Arbeiter und dann auf die Kleinaktionäre abwälzen, wobei da die
Schutzvereinigung der Kleinaktionäre
eifrig zustimmt. Nun haben wir nicht das vielbeschworene
Katastrophenszenario 1929 und riet auch die deutsche Sozialdemokratie zum
zweiten Standbein durch Aktienbesitz (Produktivvermögen) – also noch alles
palletti. Wohl vieles des Großgedruckten hatte sich Jörg K. sowohl als Chance
in der Not, wie auch als Hoffnung und Verpflichtung zugleich aufgemacht.
Wahrscheinlich wollte er nicht in einer jener Talkshows enden, wo ihn ein
aufgehetzter Progrommob a là Hans Meiser gleichlautend mit Edmund Stoiber und
Renate Schmidt als 'Sozialschmarotzer' und Parasiten (wegen Arbeitslosen – oder
Sozialhilfeempfängnis) öffentlich als Paradeschwein durch die multimedialen
Gassen treiben. Da sich Vater Staat zurückzieht, fühlte sich Familienvater Jörg
K. gleich mehrfach verpflichtet, unter Druck, Streß und Verantwortung gestellt.
Als Herr über den Staat im Staate, der Urzelle des Staates, seiner Familie,
fühlte er sich herausgefordert und suchte einen Ausweg.«
Diesen Ausweg fand er in Aktien als
zweiter Säule seiner Altersversicherung . Der Erfolg blieb jedoch infolge der
üblichen Spekulation auf dem Anlagenmarkt aus. Jörg K. suchte wie die meisten
Bürger die Schuld bei sich selbst. Als radikale Ausführung seiner »Selbst-Schuld«-Software
ermordete er seine Familie:
»An der Börse verspekuliert: da
löschte er seine Familie aus« (tz).
STREITBLATT
zeigte die globale Euphorie der New Economy und ihrer kapitalistischen
Heilsversprechungen auch durch (ein) Beispiel(e) staatlich verordneter privater
Alterssicherung aus Asien auf.
«Jörg K. auf asiatisch
HONGKONG
Hongkongs Finanzminister Donald Tsang
hat aus einer Stützungsaktion für den Aktienmarkt einen Riesengewinn erzielt.
Nun will er die Aktien wieder in den Markt bringen (...) Im kommenden Jahr will
Hongkong damit beginnen, die Altersversicherung der rund 6,5 Millionen Chinesen
dort auf ein neues Fundament zu stellen. Mit der Einführung des Mandatory
Provident Fund (MPF) soll Hongkongs Erwerbstätigenheer verpflichtet werden
beizeiten ausreichend für den Ruhestand zu sparen.« (Handelsblatt)
Keiner jener
Aktienkulturpropagandisten wollte den normalen Gang des Kapitalismus
kommen sehen: Regelmäßige Krisen mit
ihren Kapitalentwertungen. Im Reich der Börse herrscht zusätzlich die
Spekulation und verschärft die Willkür. Und so gibt es nun nach dem
NASDAQ-Crash nicht 1 Jörg K., sondern sind es gleich viele:
»Absturz ins Börsenloch (...) Viele
Kleinanleger , die in der Euphorie des Frühjahrs über Kredite ihr
Börsenengagement finanziert haben, stehen nun fassungslos vor den Scherben
ihrer Altersvorsorge. Die Anleger, die Händler, die Märkte insgesamt sind
hypernervös. In dieser kritischen Phase ist vieles möglich und nichts
ausgeschlossen.« (SZ
v.22. 12.2000).
Die SZ übergeht dabei die ständig
vom Staat gekürzten Renten als Grund für den Zwang zur privaten
Altersicherung. In den Kursstürzen des Aktienmarktes endeten die
Sicherheitsträume von Millionen. Die freie Marktwirtschaft zeigte, dass ihr
Zweck nicht in der Versorgung der Bevölkerung besteht. Sie bietet ihr gemäße
Lösungen an. Etwas zu vorausschauend für die Öffentlichkeit machte sich
Ärztepräsident Vilmar Gedanken über »sozialverträgliches Frühableben«.
Die Diskussion über »Humanes Sterben« à la Holland oder die
Patent-anmeldung eines Präperates »Euthanasia« in München sind da
logische Schritte in die »richtige«, d.h. also in die kapitalismusadäquate Richtung. Ein zunehmender Bedarf scheint ja
ausgemacht. Weiter vermelden die Medien:
10 Jahre Boom a la USA, d.h.
Weltwirtschaft MUSS ja plötzlich mal zu Ende gehen. All jene Euphoristen haben
es ja plötzlich schon immer gewusst, wenngleich auch das Gegenteil in den
letzten Jahren kontinuierlich vermeldet. Der Abschwung umfasst sowohl Old wie auch New Economy. Über die Weltkonjunkturlokomotive USA wird gemutmaßt,
ob sie eine der klassischen zyklischen Krisen ansteuert. Nun beginnt wieder
einmal die öffentliche Suche nach schwarzen Schafen und Scharlatanen in Sachen
Anlageberatung. Als eigentliche Ursache und Sündenbock fungieren nun unseriöse
Abzocker:
»Nicht jeder Analyst ist ein
Scharlatan, aber wie mancher Experte unerfahrene Menschen in Engagements
gedrängt hat, die sie jetzt bitterlich bereuen müssen, trägt skandalöse Züge.
In wenigen Monaten ist der Neue Markt in Deutschland von 9631 Punkten am 10.
März 2000 auf weit unter 3000 Punkte gegen Jahresende gerutscht – dieser Absturz
ist mehr als das übliche Auf und Ab in der Wirtschaft, er lässt sich auch mit
dem Stichwort 'Risiko' nicht ausreichend erklären – dahinter steckt auch viel
Vorsatz, mindestens Fahrlässigkeit seitens unseriöser Berater. Viele
Kleinanleger, die in der Euphorie des Frühjahrs über Kredite ihr
Börsenengagement finanziert haben, stehen nun fassungslos vor den Scherben
ihrer Altersvorsorge.«
(SZ v. 22.12.2000)
Dass gerade SZ, FAZ,
Wirtschaftswoche, Handelsblatt, FOCUS, ARD, ZDF, Medien etc. samt bürgerliche
Parteien und Professorenzunft erfahrene, wie auch unerfahrene Menschen aufgrund
ihres wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Sachverstands zu einem derartigen
Engagement in Aktien als zweiter Säule der Altersversicherung gedrängt haben,
davon wollen diese Herrschaften nun plötzlich gar nichts mehr wissen.
Den Sündenbock spielen nun
Verschwörer, die mit Vorsatz handelten. Raffende Kapitalisten, die da die
ehrlich schaffenden, produktiven und kreativen Kapitalisten in Verruf bringen.
Vielleicht noch Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Oder es wird übles
Spekulantentenfinanzkapital wie schon bei der Asienkrise ausgemacht (Soros).
Dass ein einzelner Finanzjongleur da vielleicht als Auslöser wahrgenommen wird,
erklärt freilich nicht die Ursachen und den Zusammenhang aus dem heraus »er«
etwas auslösen kann. Als Sündenbock und »Erklärung« dient er aber allemal
und/oder: es werden da gleich noch verschworene Kräfte hinter »ihm« vermutet.
Ergo:
Verschwörungstheorien machen sich
breit. Gerade so als ob es sich nicht um einen ganz normalen Verlauf des
weltweiten Geschäftsganges in Sachen Kapitalismus handelt. Zur »Kreativen
Zerstörung« (Schumpeter) gehören eben
auch und vor allem die Opfer des Kapitalismus, die sogenannten
»Modernisierungsverlierer« und »Looser« halt.
New Economy, Aktienkultur,
Futurismus, positives Denken etc. da als Vorboten eines krisenfreien, blühenden
Kapitalismus sind zunächst einmal out. Linke Zusammenbruchstheoretiker, die in
den systemimmanenten Krisen des Kapitalismus schon neue Qualitäten des Imperialismus,
letzte oder höchste Stadien des Kapitalismus, eine prärevolutionäre Endzeit
oder die KRISIS (z.B. der »Arbeitsgesellschaft wie Robert Kurz bei
Veranstaltungen im DGB-Haus) zusammenspinnen, sehen sich im Aufwind.
Wer sich nicht mit Schuldfragen beschäftigen
möchte, sondern einmal etwas über den mehr als 200 Jahre herrschenden
Kapitalismus und seine sich immer wiederholenden Gesetzmäßigkeiten erfahren
will, bietet die GEGENUNI die Lektüre von Marx »Das Kapital« Band 1-3.
Dabei diskutieren wir auch Aktuelles
und können hierzu auch Arbeitsgruppen einrichten.
Um zukünftigen Jörg K. s vorzubeugen,
bieten wir an:
Artikel : siehe www. streitblatt.de
Jörg
K.
Kurz
Krisen
.......
Marx »Kapital« jeden Mittwoch
Aktuelle Themen jeden Freitag
Streitblatt Januar 2001