Während seines Berlinbesuchs im Juni 2000 verkündete der neue Präsident Russlands, Putin: »Russland handelt nicht um den Status einer Weltmacht. Es ist eine.« (Welt am Sonntag v. 11.6.2000) .
Schon damals warnte er die
Europäer an einer Beteiligung am amerikanischen Raketenabwehrsystem, hierbei
vor allem Großbritannien, Dänemark und Norwegen, schlug zudem ein allgemeines
System zur Raketenabwehr für Europa unter russischer Beteiligung vor. Des weiteren
warnte er die NATO , die sich »auf die russischen Grenzen zubewegt«
Vor einer Osterweiterung ,
die Russland als »feindlich, seiner Sicherheit entgegenstehend ansieht«. Unter
gegebenen Umständen, »wird Russland
seine Sicherheit zu verteidigen wissen.«. Ebenso soll die Kritik wegen des
Tschechenienkriegs aufhören, da auch in Europa »Terroristen« mit
militantem Seperatismus (z.B. die ETA) verfolgt würden. Stattdessen sollte eine
gleichberechtigte und konstruktive Zusammenarbeit gewährleistet werden, wie
auch die wirtschaftliche »Zusammenarbeit« intensiviert werden, Projekte im
Energiesektor, aber auch in der Hochtechnologie gefördert werden. Im Vorfeld
des Besuchs jedoch hatte Verteidigungsminister Scharping den Bau des Militärtransporters Antonow von Seiten der
Ukraine und Russlands zugunsten des europäischen Airbus-Konsortiums gekippt.
Der Ukraine und Russland wurde höchstens noch die Rolle eines Subunternehmers
für das Militärprojekt eines zunehmend sich formierenden EU-Imperialismus in
Aussicht gestellt.
Schröder ließ sich in
sicherheitspolitischen Fragen auf keine weiteren Diskussionen ein, sondern
blieb im Vagen.
Seine verkündete »Diktatur
des Rechts«, d.h. dass »Gesetze nicht nur geschrieben und verkündet,
sondern durchgeführt werden« wollte Putin auch im Sinne seines Gastgebers
verstanden wissen, nämlich als Herstellung von Stabilität und zur Verbesserung
der Investitionsbedingungen in Sachen Rechtssicherheit . Deutschland, der
größte Handelspartner, Investor und Gläubiger könne daran nur Interesse haben.
Seitdem ist nun über ein
halbes Jahr vergangen. Putins Image des eiskalten, unheimlichen
undurchschaubaren Machtpolitikers hat seitdem in der deutschen Presse kaum eine
Aufhellung erfahren. Die Zentralisierung der Macht, die Vermittlerrolle zugunsten
Nordkoreas, der Besuch Kubas und die Einführung der Sowjethymne wenn auch mit
neuem Text, waren da noch die am wenigst beunruhigt aufgenommenen Taten,
ordnete man ihnen eher symbolische denn reale Bedeutung zu. Besorgter wurde
hingegen registriert, dass im Dezember 2000 erstmals ein russischer
Verteidigungsminister den Iran besuchte und Rüstungsexporte in Höhe von
angeblich 7 Milliarden Dollar vereinbarte und damit ein 5 Jahre altes
Einverständnis mit den USA beendete, obwohl die USA hierauf wahrscheinlich mit
Sanktionen reagieren werden.
»Sergejew nennt die
Zusammenarbeit mit Iran »eine gute Grundlage für Sicherheit und Stabilität in
der Region«. Sie sei gegen kein drittes land gerichtet. Sein iranischer Kollege
Admiral Ali Schamakani, der nicht aus den klassischen Streitkräften, sondern
aus der Parallelarmee der Revolutionswächter kommt, spricht von »enger
Kooperation«, die unvermeidlich sei. Der Schlüssel zu dieser Bemerkung ist ein
Vorschlag, den der stellvertretende iranische Außenminister Ali Ahani Mitte des
Monats bei einem Besuch in Moskau machte. Vor dem Verteidigungsausschuss der
russischen Duma hatte Ahani die Gründung eines Paktes zwischen Teheran, Moskau,
Peking und Delhi, um einem Vordringen der Nato nach Zentralasien und in die
Kaspische Region entgegenzutreten. Die »aggressiven Pläne der Nato« seien nicht
nur für Russland und Iran gefährlich, sondern bedeuteten auch eine Gefahr für
China und Indien. Allen genannten Ländern ist das Unbehagen über Amerikas Rolle
als einzig verbliebene Supermacht gemeinsam. Sie teilen ferner Besorgnisse über
das von den Taliban beherrschte Afghanistan und dessen Protektion durch
Pakistan. Sowohl Russen als auch Perser unterstützen mit Waffen und Geld den
Stammesführer Ahmed Shah Massud, derr noch einen kleinen Teil Afghanistans
gegen die Taliban hält.« (SZ v.
28.Dezember 2000).
Doch gleichzeitig wurde dies
Bedrohung eines derartigen Paktes gleich wieder stark relativiert:
»Außer Iran signalisiert
allerdings keiner der angesprochenen Partner Bereitschaft zu einer umfassenden
Allianz. Indien hat im Gegenteil in diesem Jahr eine gewisse Annäherung an die
USA vollzogen. Sogar in Teheran bestehen Hoffnungen, dass der neue
republikanische Vizepräsident Dick Cheney sich für die Aufhebung des Embargos
einsetzen wird, das den amerikanischen Ölgesellschaften eine Tätigkeit in Iran
verbietet.« (SZ v. 28.12.2000).
Dennoch wurde der Schritt
Russlands als äußerst eigenwillig gesehen. Da nützte auch der Verweis der
Russen nichts, dass doch auch der US-Verbündete Deutschland mit dem Iran Handel
und »Kritischen Dialog« betreibe.
Doch an anderer Front wird
nun von deutscher Seite neuerdings Erfreuliches vermeldet und die Person Putins
da schon eher gelobt:
»Die deutsche Wirtschaft
sieht Russland auf dem richtigen Weg
(...) Der Verband der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation
bewertet die russische Wirtschaftsentwicklung überaus positiv. In einem
Jahresbericht zur Lage Russlands spricht der vor fünf Jahren gegründete Verband
auch mit Blick auf die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen von einer
»neuen Qualität«. Ausdruck dessen sei unter anderem die Einrichtung einer mit
ranghohen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik besetzten Arbeitsgruppe
für »Strategische Fragen der deutsch-russischen Kooperation im Wirtschafts- und
Finanzbereich«, die von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir
Putin während der Berliner Regierungskonsultationen vom Juni vereinbart worden
war (...) Die Wirtschaft Russlands habe sich, heißt es in dem bericht des
Verbandes, viel schneller als erwartet vom Zusammenbruch des gesamten privaten
und staatlichen Finanzwesens am 17. August 1998 erholt. Die Industrieproduktion
sei 2000 im vergleich zum Vorjahr um beinahe 10 Prozent gestiegen und das
Bruttoinlandsprodukt um 6 bis 7 Prozent. Der Wirtschaftsverband führt diese
Erfolge vor allem auf die Tatkraft ausstrahlende Person des neuen russischen
Präsidenten Putin zurück, aber auch auf die hohen Weltmarktpreise für Öl und
andere Rohstoffe sowie die Rubelabwertung vom August 1998. Damit seien sowohl
Importsubstitution – und damit der Binnenmarkt- als auch der Export wieder auf
die Beine gekommen. Wie der Ministerpräsident Michail Kasajanow kürzlich
mitteillte, erwartet die russische Regierung aus diesen Gründen einen
Handelsüberschuß von 60 Milliarden Dollar« (FAZ v. 28.Dezember 2000).
Das erfreut das deutsche
Kapital und die Regierungsmannschaft, lässt da schon mal wieder eine
Hermesbürgschaft von 1 Milliarden DM rollen, könnte doch nun auch obendrein die
ausstehenden Schulden eingetrieben werden. Doch die Freude ist sichtlich
getrübt, da sich die Russen da widerspenstig gebärden:
»Der Fluch des plötzlichen
Reichtums
In Russland wirkt sich der
hohe Ölpreis negativ auf die Tilgung der Schulden aus.«
Die betragen gegenüber den im
Pariser Club zusammengeschlossenen Gläubigerstaaten 40 Milliarden Dollar,
gegenüber den im Londoner Club zusammengeschlossenen privaten Gläubigern 36
Milliarden Dollar.
»Mit einem Anteil von 40%
ist Deutschland Russlands größter Gläubiger und daher besonders an dem Thema
interessiert. Dabei dürfte es auch noch eine Weile bleiben. Bereits 1998 hat
Russland wegen der damaligen Finanzkrise
an den Pariser Club keinen Schuldendienst geleistet, die Verhandlungen
ein Jahr später führten lediglich zum Aufschub der Zahlungen für die Jahre 1999
und 2000 im Umfang von acht Milliarden Dollar. Russland sieht sich außer
Stande, die geforderten jährlichen Summen aufzubringen. Für nächstes Jahr sind
Rückzahlungen an Deutschland in Höhe von vier Milliarden Dollar fällig, ein Betrag,
der jedoch im russischen Staatshaushalt nicht vorgesehen ist. (...) Anstatt
jedoch die Zusatzeinnahmen für Schuldentilgung zu verwenden, setzte die
Regierung weiter auf ein Entgegenkommen des Pariser Clubs und verteilte die
zusätzlichen Mittel auf andere Haushaltsposten. Das stößt im Ausland auf
Unverständnis, lässt sich aber durch die Not im eigenen Land erklären: Für die
Tilgung und Bedienung der gesamten Auslandsschulden wird gegenwärtig mehr als
ein Viertel des russischen Etats verwendet. Damit übertrifft der Schuldendienst
die Ausgaben für Gesundheit, Bildung, Soziales und Rechtswesen.
Russland befindet sich nun
im Dilemma. Als scheinbar reicher Staat kann es bei den im Februar 2001
anstehenden Verhandlungen mit dem Pariser Club nicht auf Schuldenstreckung oder –erlass setzen, andererseits sind die
zusätzlichen Haushaltseinnahmen längst verbraucht. Dies ist der Hintergrund für
den Vorschlag, Schulden gegenüber der Bundesrepublik
in Beteiligungen deutscher Unternehmen in Russland umzuwandeln. Damit hofft man
der Zahlungsunfähigkeit zuvorzukommen« (SZ.
v.22.Dezember 2000).
Doch mit dem Ausverkauf des
Tafelsilbers, mit dem deutsches Kapital in Schlüsselbereiche der russischen
Wirtschaft eindringen kann, wäre erst der Anfang des Problems benannt. Denn
zusätzlich zu rechtlichen oder anderen Garantien, ergäbe sich dann noch ein
weiterer Streitpunkt
»Sollte diese Art der
Schuldentilgung von den Staaten des Pariser Clubs in großem Stil angenommen
werden, stünde Russland vor einem neuen Problem: Es wäre eine Einstufung der
gegenwärtig extrem niedrig bewerteten russischen Unternehmen nötig. Nach
Schätzungen von Experten liegt der Wert der russischen Unternehmen, derzeit bei
ganzen 52 Milliarden Dollar, was in keinem Verhältnis zur russischen
Schuldenlast steht. Daher wird zunächst zwischen Moskau und Berlin über die
Umschuldung von drei Milliarde Dollar gesprochen.« (ebd.)
Das beschreibt schon recht
klar die Tagesordnung, die Schröder nun bei seinem Januarbesuch in Moskau mit
Putin zu verhandeln hat. Zudem wird von deutscher Seite vermerkt:
»Als Investitionshemmnis
wird auch das seit Jahren nicht angewandte, in der Verfassung aber verankerte
Privateigentum an Grund und Boden kritisiert.« (FAZ v. 28.Dezember 2000). Und schon vorrauseilend
selbstkritisch klingt es aus Russland:
»Russland fehlt Kapital
für Telekommunikation
Der russische
Regierungschef Michail Kasjanow hat den Markt für Telekommunikation zur
Chefsache erklärt und um Milliardenkredite für den »sehr aussichtsreichen
Sektor« geworden. In einer in Moskau vorgestellten Studie wird ein rasanter
Zuwachs der zahl der Mobiltelefone von derzeit 2,9 Millionen auf 22,2 Millionen
Stück im Jahr 2010 vorrausgesagt. Größtes Hindernis sei noch fehlendes Kapital
(...) Die Telekommunikation sei einer der aussichtsreichsten und am schnellsten
wachsenden Märkte in Russland. In den nächsten Jahren sollen 72 Milliarden DM
in die Kommunikationsnetze investiert werden. Auch die Zahl der Telefon- und
Internetanschlüsse werde sich vervielfachen. Die rechtlichen Grundlagen für
Beteiligungen ausländischer Investoren seien allerdings noch nicht ausreichend
geklärt, kritisierten Finanzexperten. Wenn die russische Seite auf einer
Kontrollmehrheit i Kommunikationsunternehmen beharre, sei mit bedeutenden
Investitionen aus dem Ausland nicht zu rechnen, schrieb die Tageszeitung
Sewodnja.« (SZ v.22. Dezember 2000)
Die netten Bilder von Staatsmänner und Ehegattinen bei Bankett verschleiern da wohl, dass die russische Bevölkerung da für deutsche Begriffe wohl ein wenig zu fette zwei Jahre hinter sich hat. Denn wie der Verband der deutschen Wirtschaft schreibt, könnte sich der »Ölsegen«, auf dem die Wiederbelebung ganz wesentlich besteht als »trügerisch erweisen«. Bevor der so gelobte Putin da wieder weniger positiv gesehen werden könnte und sich widerspenstig gebärden sollte, gilt es nun schnell Tatsachen zu schaffen. (ro)
Streitblatt Januar 2001