I
Wenn die Hälfte aller Deutschen meint, Bachblütentherapie wäre eine Alternative zur Schulmedizin und einen nennenswerte Minderheit behauptet, Kontakt zum Jenseins zu haben, an Hexen und Magie glaubt, keltische und germanische Mythen für eine Alternative zur etablierten Religion hält und wenn die mit politischer Willensbildung beschäftigten Demokraten von durch den Bildschirm fliegenden Yogis schockiert werden, dann meinen manche, das sei angesichts der Erkenntnisse der Wissenschaft doch eigentlich unfassbar. Tatsächlich sprechen diese Erscheinungen aber eher gegen eine Gesellschaft, die solchen Blödsinn offenbar nötig macht, um mit ihr fertig zu werden und gegen eine Kritik, die dadurch eben diese Gesellschaft gefährdet sieht.
Damit dürfte auch klar sein, worauf die Kritik im Folgenden nicht
hinauslaufen wird: Gewiss, die Esoterik lässt sich als grotesk abtun; sie tritt
oft in grotesken, widerwärtigen, völkischen, biologistischen oder elitären
Formen auf, nicht selten in Verbindung mit Antisemitismus und faschistischen
Ideologien; sie lässt sich an allerlei Orten in der Gesellschaft ausmachen. Der
Kritiker mag da allemal Recht haben. Nur eine Kritik an der
Esoterik ist das nicht. Im Einzelnen als falsch nachgewiesen wird sie –
vielleicht aus guten, vielleicht aus weniger guten Gründen – ja gar nicht. Da
könnte der Kritiker mit der Esoterik, grotesk wie sie ist, schnell fertig sein
und sich ein paar richtigen Erklärungen über Land und Leute zuwenden.
Wenn das nicht geschieht, soll damit nicht nur Betroffenheit, sondern eine Sorge
ausgedrückt werden, eine Warnung an die lieben Mitbürger: Seht euch vor! Mit
der Esoterik ist nicht zu spaßen, das ist alles andre als ein harmloser Spleen!
Damit
sind esoterische Umtriebe als Bedrohung ausgemacht, der man begegnen müsse, vor
der die Kinder in Schutz genommen werden sollten, kurz, gegen sie sich die
Gesellschaft zu wehren hat. Woher kommt demnach die Esoterik, der
Antisemitismus, überhaupt jeder Irrationalismus? Aus kranken Hirnen, lautet die
Antwort. Und diese kranken Ideen breiten sich aus, wer mit ihnen in Berührung
kommt und unachtsam ist, sich von ihrer zuweilen harmlosen Gestalt einlullen
lässt, droht ihnen zu verfallen. Warum die Leute aber aus dem recht großen
Angebot pluralistischer Meinungsvielfalt gerade der Esoterik zusprechen, warum
die Esoterik oft so reaktionär ausfällt – das bleibt ungewiss, auch wenn meist
nachgeliefert wird, die Leute würden wegen angeblicher ›Umwälzungen‹ in
Wirtschaft und Gesellschaft in einer tiefen ›Sinnkrise‹ stecken, sie sähen
keine Perspektive oder ganz einfach, es ginge ihnen dreckig. Selbst vorgeblich
materialistische Erklärungen, wonach sich die Verlierer im ach so rationalen
Kapitalismus eben dem Irrationalen zuwenden würden, haben wenig Erklärungswert.
So eben ganz natürlich ist es ja nicht, aus seiner eigenen elenden Lage falsche
Schlüsse zu ziehen; auch das will erklärt sein.(1)
Der falschen Vorstellung subversiv wirkender, oft erst noch
zu entlarvender Ideen, ist auch manche Geschichte des Irrationalismus
geschuldet. Sie will mit historischem Blick die dunklen Bundesgenossen von so
manchem harmlos scheinenden Glauben und Aberglauben enthüllen. Eine Erklärung
von Esoterik und Irrationalismus ergibt sich aus ihrer Geschichte aber nicht.
Die irrationalen Theorien und esoterischen Lehren bringen sich nicht
auseinander hervor, sondern werden vom Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft
und Ideologie notwendig gemacht. Ein treuer Jünger mag seinem Lehrer nacheifern
und -schreiben; dass das produzierte Zeug jemand liest oder glaubt, geht
nicht ohne Bedürfnis danach. Was eine Geistesgeschichte des Irrationalismus
leisten kann, ist das Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft nach immer
irrationaleren Theorien zu belegen (Lukács, Die Zerstörung der
Vernunft).
Die historische Kritik belegt den Zusammenhang zwischen
Esoterik und reaktionärer Ideologie nur an Beispielen, erklärt ihn damit nicht,
behauptet ihn bloß. Und die Behauptung ist zudem falsch. Nicht jeder, der mal
Bleigießen veranstaltet, Freundschaftsbändchen getragen oder Black Sabbath
gehört hat, ist gleich ein Reaktionär. Irrationalismen, einschließlich
Esoterik, können auch Träger notwendiger Erneuerungen sein. Die Esoterik ist
mit der kapitalistischen Produktionsweise nicht nur verträglich, sie trägt auch
dazu bei, noch vorhandene Widerstände gegen diese Produktionsweise zu
überwinden, oder Träger der immer mal wieder fälligen Erneuerungsbewegungen zu
sein.(2)
Diese periodisch fälligen Erneuerungen der Gesellschaft, die
den sich ändernden Konkurrenzbedingungen und der für sie nötigen Zurichtung der
Staatsbürger geschuldet sind, bleiben stets der nicht begründeten Praxis der
kapitalistischen Produktionsweise verhaftet. Diese Erneuerung reproduziert
daher diese Praxis, wobei sie den Erfordernissen der Konkurrenz Rechung trägt.
Esoterik ist nur eine Form irrationalen Glaubens. Die
Bemühungen des bürgerlichen Individuums, sich einen Reim auf die scheinbaren
Sachzwänge zu machen, die sein Leben bestimmen; das Interesse der bürgerlichen
Gesellschaft, den Widerspruch zwischen Reichtum und Armut nicht aufzuheben,
sondern zu rechtfertigen – das alles zeitigt allerlei Ideologie: Da wird die
Zukunft in Horoskopen gesehen oder in 30-Tages-Durchschnittskursen des
Aktienmarktes; da wird die Scheidung von In- und Ausländern durch staatliche
Gewalt mal in Volkscharakter und Heimatverbundenheit, mal in Übermenschentum
und Auserwähltheit übersetzt; da wird das gesunde Leben mit Wünschelruten oder
Ökopilzen, Erdstrahlen oder Fischölkapseln gesucht; da wird das, was man im
Leben sowieso tun muss, oder wobei man von dem, was man sowieso tun muss,
Kompensation zu finden meint, zum höchsten Ideal gemacht – in Buddha, Jesus
oder dem geclearten Zustand.
Ideologien und Irrationalismen, über die sich als Esoterik
lässig den Kopf schütteln lässt, sind in der bürgerlichen Gesellschaft Teil des
alltäglichen Bewusstseins. Auch die bürgerliche Wissenschaft kommt ohne sie
nicht aus: Dass es oftmals recht irrational zugeht, ist kein Fehler im
Wissenschaftsbetrieb. Die Verträglichkeit des Irrationalismus mit der
bürgerlichen Wissenschaft, natürlich arbeitsteilig organisiert, wird schon ihre
Gründe haben: dem Verlangen der kapitalistischen Produktionsweise sowohl an
ideologischem Überbau als nach produktivitätssteigernden
naturwissenschaftlich-technischen Erkenntnissen.
II
Die Welt ist oft nicht so, wie es die Menschen gerne hätten. Der Alltagsverstand nimmt's hin, weil's halt so ist, der Intellektuelle nörgelt und der Philosoph versucht den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu führen. Das ist freilich so einfach nicht. Selbst verschuldet, das heißt, das Individuum ist selber Schuld, jedenfalls im Prinzip: wenn man's nur abstrakt genug sieht und von allen konkreten Bedingungen absieht. Die Leute haben also Schmarren im Kopf. Und um die Welt besser zu machen, brauchen sie sich den bloß aus dem Kopf zu schlagen. Das ist der Idealismus.
Idealistische Theorien blamieren sich zwangsläufig vor einer
Welt, die anders aussieht, als es der Theorie nach sein sollte. Wenn dann die
Jahre ins Land gehen und die tollen Ideen sich nicht durchsetzen konnten, kommt
der eine oder andere auf den Verdacht, da sei was faul. Wer dann, z.B. weil er
Philosoph ist, keine materialistische Kritik auf die Reihe kriegt,
steckt in der Klemme. Einerseits sieht man alles durch Bewusstsein, Ideen,
Vorstellungen, kurz: Gedanken bestimmt; andererseits scheint es nicht
vernünftig zuzugehen. Die daraus entstehende Alternative: Selbstbeschränkung
der Vernunft auf rationale Kernbereiche und Unterwerfungen des
Gesamtzusammenhangs unter Schicksal, Zufall und die Schlechtigkeit des
Menschen, prägt das bürgerliche Denken. Konsequent ignoriert werden in den
empirisch konstatierten Phänomenen liegende gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten
und ihre Wirkung auf die Welt der Gedanken.
Der Idealismus setzt den vorgefundenen Gegenständen seine idyllischen
Idealbilder entgegen. Die Welt kann er dadurch weder erklären noch verändern.
Weil die bürgerliche Wissenschaft die Widersprüche nicht kapiert, muss sie sich
einerseits nach positivistischer Manier eine Selbstbeschränkung auf bestimmte
Kernbereiche auferlegen und andererseits den Gesamtzusammenhang dem Schicksal,
Zufall und Mythos unterwerfen.
Der Widerspruch zwischen aufklärerischen Idealen und
offensichtlich dahingehend unveränderbarer Realität wird scheinbar in der
Romantik und ihren Spielarten aufgelöst. Das sich an diesem Widerspruch
abarbeitende Individuum landet bei romantischer Ironie, Dekadenz und
Beliebigkeit oder beim Sprung in den Traum oder das Absolute. Hier schlummert,
zunächst noch verdeckt, die irrationale und reaktionäre Gedankenwelt. Sie ist
reaktionär, insofern sie das in der aufklärerisch-idealistischen Tradition noch
vorhandene kritische Material aufgibt und das Bestehende verherrlicht: und je
zurückgebliebener das Bestehende ist, desto mehr wird es verherrlicht, wenn die
gesellschaftlichen Widersprüche verschwinden. Es ist irrational, weil diese
Versöhnung nur durch Aufgabe des Denkens gelingt: Die Welt wird nicht mehr
erkannt, sondern nur noch gefühlt, intuitiv erschaut. Unmittelbarer Zugang ist
gefragt, und dass Kritik so nicht möglich ist, macht gerade die Stärke dieses
Vorgehens aus: dass die Vernunft am Bestehenden was auszusetzen hatte, war
ja der zu überwindende Widerspruch. Jetzt ist nur noch die richtige
Einstellung gefragt: think positive!, kein Fleisch mehr essen, oder sich
dem Wohle der Gemeinschaft unterordnen, etc. um sich wohl zu fühlen: da man
sich dem Zwang als Naturgesetz unterordnet, ist von den Widersprüchen nichts
mehr zu sehen.
Reaktionäre Ideologien speisen sich aus der romantischen
Antwort auf die Widersprüche der Gesellschaft. Weltflucht, die nicht mehr im
Traum endet, sondern die Zwänge als Chancen sich zurechtlegt, sich
manchmal gleich in Volksgemeinschaft, manchmal in anderen Gruppen und
Prinzipien äußert, stets aber die gesellschaftlichen Zwänge subjektiviert
und sich affirmativ dem Bestehenden unterwirft. Die Ideologie des
Nationalismus ersetzt die Volksgemeinschaft aus Sachzwang durch den Sachzwang
aus Volksgemeinschaft und hat in jedem demokratischen Patrioten, dem ein „wir“
stets leicht von den Lippen kommt, einen potentiellen Anhänger. So wird die
Folge der vom Staat aufrechterhaltenen Konkurrenz zur Knappheit der
Volkswirtschaft umgedichtet und zeitigt die Aufgabe, zwecks Sicherung der
weltweit knappen Reichtümer den Standort auf Vordermann zu bringen. An dieser
Aufgabe arbeiten sich der Staat und seine Staatsbürger ab.
III
Auch Moral und Religion sind Auffassungen der Wirklichkeit. Dass richtige Auffassungen mit ihrem Gegenstand etwas zu tun haben, ist recht banal: sie sind eben seine richtige Erklärung, also Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand. Falsche Auffassungen scheinen dagegen gerade deswegen falsch zu sein, weil sie mit ihrem Gegenstand nichts zu tun haben.
Solche falschen Theorien können nun nicht dadurch erklärt
(und damit auch nicht einfach als falsch erwiesen) werden, dass sie auf
irgendeinen ›Grund‹ zurückgeführt werden. Denn die Gründe, die dafür angeführt
werden könnten, warum sich falsche Theorien einiger Verbreitung und gehörigen
Ansehens erfreuen – von Dummheit bis Boshaftigkeit, Korruption bis Gewalt,
Erziehung bis Medienmanipulation – sind nicht nur ihrerseits
erklärungsbedürftig, sondern zeigen auch nicht dass und warum
eine Theorie falsch ist: es wird ja nur kritisiert, warum sie einer
glaubt.
Erst wenn die Ideologien aus den wirklichen Verhältnissen
entwickelt werden, kann angegeben werden, was an ihnen notwendig ist und
was bloß nebensächlich, weil keine Bedingung zur Erreichung ihres Zwecks.
Die Ableitung erklärt außerdem den Fehler der Ideologien,
Subjekt und Objekt zu vertauschen und sich für die Ursache zu halten.(3) Diese ideologische Verkehrung, das Recht aus der Moral,
Angst und Hoffnung aus der Religion, den Staat aus der Anthropologie usf.
abzuleiten, wird somit aufgelöst, womit auch die genuine Tätigkeit des
Philosophen, metaphysische Erklärungen für diese Ideologien zu finden,
entbehrlich wird.
Ideologien sind nicht einfach eine falsche Theorie im obigen
Sinne, als ob sich da jemand über irgendeine Eigenschaft der Wirklichkeit
täuschen würde. Die Ideologien beziehen sich vielmehr auf den realen Schein
der Dinge, ohne aber die Gesetze zu begreifen, von denen die Dinge beherrscht
werden. Weil sie bei dem unmittelbaren „Das ist halt so!“ nicht stehen bleiben
möchten, müssen sie diese Erscheinung aus einer höheren Idee ableiten.
Ideologisch erscheint dann die ganze Galerie von menschlicher Praxis
eingerichteter Sachzwänge – wie wir produzieren, wie wir
wirtschaften, konkurrieren, der Staat, dem wir unterworfen sind usw. –
als naturgegebene Zwänge.
Irrational und reaktionär sind diese Ideologien allemal, die
Frage ist höchstens, wie sehr. Irrational, weil sie eine richtige
Erklärung der Wirklichkeit ausschließen müssen, und somit die rein auf
Intuition oder Offenbarung gebaute Ideologie nur ein Extremfall ist. Reaktionär
weil sie durch die Mystifizierung der menschlichen Ordnung zu Naturgesetzen
nicht nur dem richtigen Verständnis der kapitalistischen Produktionsweise im
Wege stehen, sondern auch den daraus allemal fälligen Konsequenzen.
Diese Konsequenzen passieren nicht von allein. Die Menschen
sind ja keineswegs ständig dabei, ihre Gesellschaft umzuschmeißen, sondern
haben es sich in ihr, wenn nicht bequem, so doch gewohnheitsmäßig eingerichtet.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse treten den Leuten wie ein Sachzwang
gegenüber – und an diesen passen sie sich an, schließlich müssen sie ihr Denken
und Wollen darauf richten, die sachzwanghaften Probleme zu bewältigen. Die
hinter den Sachzwängen stehende materielle Gewalt ist daher nicht nur schlagendes
Argument gegen jede Kritik an den Verhältnissen, sondern auch Grund dafür, dass
der Alltagsverstand in dem Maße, wie er der kapitalistischen Praxis verhaftet
ist, reaktionär und irrational ausfällt. Die Kritik, die sich der
Alltagsverstand herausnimmt, ist nämlich genau die der materiellen Gewalt
dienliche: eine, die die Zwänge der Konkurrenz bedient und die Probleme
sachgemäß löst. Eine Kritik der Verhältnisse von denen die Sachzwänge in die
Welt gesetzt werden, kommt dabei freilich nicht heraus.
IV
Vom Staat zu meinen, er sei nicht gerecht oder das „Marktgleichgewicht“ als bloß durch Missbrauch gestört zu betrachten heißt, sowohl den Staat als auch den Markt als naturgesetzlich gegebene Objekte der Sorge hinzunehmen. Es ist von vorneherein eine Einsicht in den wirklichen Zweck bzw. die wirklichen Resultate der Staats- und Marktpraxis ausgeschlossen, wenn man sie bloß aus irgendwelchen Gründen als nicht angemessen, also nicht zweckgemäß, betrachtet. Warum es mit dem gerechten Staat oder dem Gleichgewicht auf dem Markt nicht klappt, liegt freilich ganz und gar nicht außerhalb deren wirklicher Zwecke. Vielmehr liegt es an den idealistischen und irrationalen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gleichgewicht, an denen sich Staat und Markt blamieren.
In der Esoterik, wie überhaupt stets, wenn von der
irrationalen Ganzheitlichkeit die Rede ist, wird der Individualismus der
bürgerlichen Gesellschaft
(4) fortgesetzt. Die Individualisierung steht nur
scheinbar in Widerspruch zu der esoterischen „Aufhebung der Persönlichkeit“ in
einer größeren Wahrheit, sei es die Natur, sei es eine kosmische Entität. Denn
die Ideologie, dass jeder seines Glückes Schmied sei, kehrt wieder darin, dass
das Glück auf die spirituelle Verfasstheit, persönliches Schicksal oder Karma
zurückgeführt wird. Neu ist nur die gerade mal angesagte Form, in der
sich die Individualität äußert. Gleich bleibt der falsche bürgerliche Anspruch an
das Individuum für sein eigenes Schicksal zu sorgen. Die
Ganzheitlichkeit ist ein abstraktes Prinzip. Sie ist mit beliebigen Inhalten zu
füllen und begrifflich nicht zu erfassen, sondern nur intuitiv. Damit stellt
sie eine Regression auf Lebensphilosophie, konservative Zivilisationskritik und
ähnliches dar.
Die Idee, die historische Entwicklung generell als einen
Fortschritt zu denken, ist eine ganz bürgerliche. Sie geht einher mit der
Akkumulation des Kapitals, also mit dem Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit
im Kapitalismus. Die materielle Tätigkeit mit der die meisten Leute den größten
Teil ihrer Zeit beschäftigt sind, wird ständig daran gemessen, wie sie
effizienter, schneller, produktiver werden, also mehr hervorbringen können.
Qualitative Verbesserungen sind da mitgemeint, aber immer nur im dem Sinne,
dass dadurch größere Mengen minderwertiger Produkte, sprich Arbeit, ersetzt
werden. Alle Kosten und alle Produkte – mit denen Kapitalist und Lohnarbeiter
täglich zu tun haben – zählen nur nach ihrem Wert, praktisch nach dem Preis,
der bezahlt bzw. verlangt wird. Fortschritt hat stets die Form der
Produktivitätssteigerung. Diese Fortschrittsvorstellung wird dann ideologisch
ausgedehnt auf alle anderen Bereiche des Lebens; also auf Politik,
Gesellschaft, Kunst, Kultur. Weil der Fortschritt im Kapitalismus in diesen
Bereichen nur ein frommer Wunsch bleibt, ja den Bedingungen, unter denen der
Kapitalismus gedeihen kann, zuwiderläuft, schlägt dieser Fortschrittsglaube
nach der ersten Euphorie, in der die Verhältnisse immer mehr zur Freude des
Bürgertums eingerichtet werden, um. Weil der Fortschritt nicht in einer
sozialen Revolution aufgehoben wird, bleiben die Widersprüche der
kapitalistischen Gesellschaft bestehen. In dem Maße wie diese Widersprüche auch
das Bürgertum einhohlen, entwickelt sich der pessimistische Irrationalismus.
Gemeinsam haben die Erscheinungsformen des Irrationalismus die Nichterklärung
bzw. die Schicksalhaftigkeit der Phänomene, vor allem der ungemütlichen; diese
Nichterklärung stellt auch den Übergang von der bürgerlichen Wissenschaft zum
Irrationalismus dar. Denn insbesondere die Geisteswissenschaften waren in ihrer
Kritik der Rechtfertigung der überkommenen Produktionsformen ebenso konsequent,
wie sie heute ausschließlich der Ideologieproduktion für die bestehenden
Produktionsform dienstbar sind.
Die ideologische Kritik will die gesellschaftlichen
Verhältnisse, weil sie deren Kritik nicht begriffen hat, gerecht
einrichten. Auch esoterische Lehren, die den realen Lebensverhältnissen
ablehnend gegenüberstehen, gedeihen auf einer Grundlage, die den Klassen- und
Interessengegensatz schon für eine Analyse des Kapitalismus hält, nichts vom
gesellschaftlichen Zwangsverhältnis wissen will und die verdinglichten
Verhältnisse der Menschen zueinander, in denen die persönlichen Beziehungen zu
versachlichten, scheinbar naturgesetzlichen werden, ignoriert. Ohne ein
richtiges Verständnis von Kapitalismus und seiner Ideologie können die
Meinungen der Menschen nur noch in „gute“ und „schlechte“ (manipulierte)
eingeteilt werden. Das ist der Nährboden für wissenschaftliche Weltanschauungen
und Esoterik.
Mit den Esoterikern verbindet das Bürgertum generell die
Vorstellung, menschliche Verhältnisse seinen eine Frage des subjektiven
Wollens, des Bewusstseins also. Das geht von der Vorstellung, der Staat könnte
ja für Gerechtigkeit sorgen, die Politiker seien nur zu dumm, zu bestechlich
etc.; über individualistische Projekte, die den Menschen nahe legen,
umzudenken, Kommunen zu bilden und neue Beziehung auszuprobieren, bis zu
esoterisch-spiritualistischen Versuchen, ein neues kosmisches Bewusstsein zu
erlangen.
V
Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft zeigen sich unter anderem in Wissenschaft und Ideologie, insofern die Erfordernisse des Produktionsprozesses oder die Zurichtung des Staatsvolkes Modifikationen erfahren. Im Ungenügen der bürgerlichen Wissenschaft steckt ihre Negation. Der Irrationalismus ist eine falsche Negation. Die bürgerliche Wissenschaft trägt zum Gelingen des Kapitalismus bei, kann aber die gesellschaftlichen Widersprüche nicht aufheben. Weil die Erkenntnis der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten dadurch verbaut ist, dass die Ursachen der Widersprüche als gesellschaftliche Naturgesetze erscheinen, droht stets der Übergang in den Irrationalismus. Der Irrationalismus verwirft das Denken, um die gesellschaftlichen Widersprüche zu bewältigen, und eignet sich eben darum als Kampfinstrument gegen ein Denken, das die Widersprüche erklärt. Er ist notwendige Folge der Funktion bürgerlicher Wissenschaft.
Die Geisteshaltung des bürgerlichen Subjekts wird durch die
Positivismus-Irrationalismus-Dichotomie nicht richtig erfasst. Die bürgerliche
Wissenschaft trägt einen kritikablen, durch das Kapitalverhältnis erklärbaren
Charakter, der sich mitunter, aber keineswegs immer als Positivismus äußert.
Nicht eine Geisteshaltung ist zu erklären, sondern die gesellschaftlichen
Verhältnisse, die sie notwendig machen.
Was seine Ursachen in den Erfordernissen des
Produktionsprozesses an Lehre und Forschung und im Zweck des Staatsvolkes hat,
äußert sich in Beliebigkeit und Pluralismus auf der einen, Kriegsbereitschaft
und Antisemitismus auf der anderen Seite.
Der Irrationalismus ist eine Reaktion auf Veränderungen, die
darauf abzielt, altes zu erhalten, obwohl es wissenschaftlich unhaltbar ist,
aber auch der Versuch, Antworten geben zu können, die wissenschaftlich nicht zu
rechtfertigen sind.
Der Übergang ist zwar klar: Wer auf falschen Theorien
beharrt, wird irgendwann vom rationalen Denken abweichen müssen, um nicht
peinlicherweise irgendwann doch noch auf die richtige zu kommen. Sich vor der
Wahrheit zu drücken ist aber was anderes als ein Weltbild zu entwerfen, in dem
die Wahrheit von vorneherein nicht vorkommt.
Die Positivismus-Irrationalismus-Dichotomie erhält ihre
scheinbare Plausibilität durch die freiwillige Selbstbeschränkung bürgerlicher
Physiker und Chemiker, die dann Sonntags auch gern mal ihrem örtlichen Pfaffen
zuhören. Nur: das passiert halt nicht immer. Mittlerweile sind Physiker und
Chemiker, Biologen und Geisteswissenschaftler mit einem ganzheitlichen Anspruch
nicht selten. Diese Borniertheit bestimmt sich aber nicht aus der Negation des
Gegenstandsbereichs oder der Methode positiver Wissenschaft. Der gleiche
Gegenstandsbereich wird irrational bearbeitet. Die Sehnsucht nach dem
Unmittelbaren ist dort verbreitet und nötig, wo eine echte Erklärung nicht
geht: bei den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Widersprüche einer
Klärung nicht zugänglich sind, weil ihre Gesetze als Naturnotwendigkeiten
gelten. Klar, dass man sich da dann besser auf unmittelbare Evidenz, auf
Harmonie mit der Natur und ähnlichen Krampf verlässt. Das ist aber, wie gesagt,
keine ursächlich methodische Verfehlung, sondern eine inhaltliche. Die Gesetze
der bürgerlichen Gesellschaft sind eben keine Naturnotwendigkeit. Das ist der
Grundirrtum der bürgerlichen Wissenschaft. Aus dem daraus folgenden Konflikt
zwischen Vernunft und Wirklichkeit den Schluss zu ziehen, dass die Vernunft
eben nichts taugt, macht den Irrationalismus aus.
Der Irrationalismus sucht eine Antwort auf die
Krisenerscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft, ohne deren Gesetze als ihr
spezifische zu erkennen. Unter dieser Bedingung können die Widersprüche nur
gewaltsam versöhnt werden, entweder mittels direkter Gewalt oder aber durch
Unterwerfung unter ein übergeordnetes Prinzip.
Die Kritik des irrationalen Denkens, sowohl in ihrer
oberflächlichen als auch ihrer antifaschistischen Variante wird ihrem
Gegenstand nicht gerecht. Das irrationale Denken lässt sich nicht aufheben,
daher nur bejammern. Es ist der Zustand des bürgerlichen Denkens nach der
versäumten Möglichkeit seiner Aufhebung.
An die Erkenntnis Lukács’, der die Zerstörung der
Vernunft konstatiert hat, können bürgerliche Intellektuelle daher auch
nicht anknüpfen; mehr als ein Steinbruch für Zitate kann Lukács ihnen nicht
sein. Jenseits der falschen Rede von der „wissenschaftlichen Weltanschauung“
ist der Marxismus tatsächlich ein radikales Brechen mit der bürgerlichen
Wissenschaft. Will man die bürgerliche Gesellschaft, nachdem sie in ihrer
Widersprüchlichkeit erwiesen ist, dennoch beibehalten, ist das nur als
idealistische Ideologie, positivistische Selbstbeschränkung oder als
Irrationalismus möglich. Wenn die Vernunft die bürgerliche Wirklichkeit
widerlegt, ist ihre Verteidigung nur mehr auf irrationale Weise durch Intuition
oder in einer „höheren“ Wirklichkeit möglich. Vernunft ist ohne das radikale
Brechen mit der bürgerlichen Ideologie nicht zu haben. Richtig ist, dass
irrationale Gedankengebäude häufig dazu dienen, faschistische oder auch
reaktionäre Thesen zu rechtfertigen. Falsch ist, dass der Irrationalismus zum
Faschismus führt. Irrational kann vielmehr alles begründet werden.
VI
Dass Irrationalismus für die Wissenschaft keine Bedrohung darstellt, weil die irrationalen Positionen sich widerlegen lassen, hat Hegel gezeigt. Der hat zwar nur zu oft aus lauter richtigen Urteilen über das Denken falsche über die Welt gemacht. Sein Urteil über die Sorte Irrationalismus, die den unvermittelten Zugang zur Wahrheit sucht, ist aber treffend.
Für das metaphysische, ideologische Denken ist der
Ausgangspunkt nicht das „konkret Allgemeine“ (also die alle konkreten Momente
enthaltende Totalität der Dinge), sondern die »abstraktre Allgemeinheit“ (ein
allgemeines, abstraktes und damit recht inhaltsleeres Prinzip) und der „allgemeine
Gedanke“. Und ebenso der Endpunkt: denn in der „allgemeinen Idee“ werden alle
Unterschiede und Bestimmungen aufgelöst.
„Dies eine Wissen, dass im Absoluten alles gleich
ist, der unterscheidenden und erfüllenden oder Erfüllung suchenden und fordernden
Erkenntnis entgegenzusetzen – oder ein Absolutes für die Nacht
auszugeben, worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind, ist die
Naivität der Leere an Erkenntnis.“ (Hegel, Phänomenologie des Geistes)
Wer vom Allgemeinsten – dem Absoluten – spricht, spricht von
allem, von nichts bestimmtem, damit von Nichts. Das
höchste, allgemeinste Prinzip entpuppt sich als leeres Gerede.
Irrational ist die Borniertheit, die sich manch rational
auftretendes System mit geschauten Wahrheiten von Sektenpredigern und
Kartendeutern teilt: die Sehnsucht nach dem unmittelbaren Zugang zum
Gegenstand. Ein solcher Zugang hat freilich mit Denken nichts zu tun, das ja
gerade auf die Vermittlung der objektiven Gegenstände an das Subjekt abzielt.
Hier verbindet sich der theoretische Irrtum des Irrationalismus mit dem
praktischen Interesse, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu mystifizieren.
Verbrämt wird diese Notbremse als Zweifel, ob denn Erkenntnis überhaupt möglich
sei:
„Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein
Misstrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten
ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht
umgekehrt ein Misstrauen in dies Misstrauen gesetzt und besorgt werden soll,
dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“ (ebd.)
Die abstrakt-kritische, zweiflerische Haltung ist nämlich
nicht voraussetzungslos. Sie setzt ein Bild von Wissenschaft als Werkzeug oder
Medium voraus und trennt zwischen der zu erkennenden Wahrheit und dem Erkennen,
das als außerhalb der Wahrheit, aber dennoch in einem bestimmten Sinne
existierend aufgefasst wird: „Eine Annahme, wodurch das, was sich Furcht vor
dem Irrtum nennt, sich eher als Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt.“
(ebd.)
Und wer dann – durch Intuition, Beschwatzen, oder ähnliches
– seine Hörer und Leser von seinem grandiosen, neuen und alles bestimmenden
Prinzip – Hegel nennt das die absolute Idee – überzeugt hat, dem sollte
es dann nicht mehr schwer fallen, nun auch wirklich alles zu erklären:
„In Ansehung des Inhalts machen die andern sich es wohl
zuweilen leicht genug, eine große Ausdehnung zu haben. Sie ziehen auf ihren
Boden eine Menge Material, nämlich das schon Bekannte und Geordnete, herein,
und indem sie sich vornehmlich mit den Sonderbarkeiten und Kuriositäten zu tun
machen, scheinen sie um so mehr das übrige, womit das Wissen in seiner Art
schon fertig war, zu besitzen, zugleich auch das noch Ungeregelte zu
beherrschen, und somit alles der absoluten Idee zu unterwerfen, welche hiemit
in allem erkannt, und zur ausgebreiteten Wissenschaft gediehen zu sein scheint.
Näher aber diese Ausbreitung betrachtet, so zeigt sie sich nicht dadurch
zustande gekommen, daß ein und dasselbe sich selbst verschieden gestaltet
hätte, sondern sie ist die gestaltlose Wiederholung des einen und desselben,
das nur an das verschiedene Material äußerlich angewendet ist, und einen
langweiligen Schein der Verschiedenheit erhält.“ (ebd.)
VII
Aus der Funktion der bürgerlichen Wissenschaft folgt schon alles, was es über den Irrationalismus zu sagen gibt. Die Methode, auf die soviel Wert gelegt wird, ist selbst ein Gegenstand der Kritik, insofern sie gerade dazu dient, jedem Urteil aus dem Weg zu gehen. Zu kritisieren ist insbesondere der Versuch, einer bestimmten Methode eine Wirkung auf Politik und Gesellschaft zuzuschreiben.
Irrationalismus ist nicht gleichbedeutend mit falschen
Thesen. Augustinus oder Thomas von Aquin suchten Gott zu beweisen, sie
haben nicht einfach einen blinden Glauben postuliert, sondern versucht ihn zu
begründen. Die Beweise haben nichts getaugt; dennoch unterscheiden sie sich
fundamental von den Positionen, die Wissenschaft generell auf den Müll zu
werfen oder zumindest ihre Gültigkeit auf einen Teilbereich einzuschränken.
Kritik am Irrationalismus droht bloße Methodenkritik zu
werden. Das ist aber nicht ausreichend. Zwar verwirft der Irrationalismus die
Vernunft und versucht seine Wahrheit durch Intuition und Offenbarung zu finden;
der Irrationalismus muss aber in seiner bestimmten historischen Situation
verstanden werden, in seiner spezifischen gesellschaftlichen Funktion; er muss
außerdem auch in seinen Ergebnissen, also inhaltlich kritisiert werden.
Diese inhaltliche Kritik muss sogar im Vordergrund stehen, denn inhaltlich ist
dem Irrationalismus die Ablehnung der Wissenschaft begründet und inhaltlich ist
das irrational zu rechtfertigende vorgegeben. Der Irrationalismus ist in seinem
Kern keine falsche Methode, mit der dann zwangsläufig falsche Resultate
folgen, sondern die Rechtfertigung schon vorhandener Inhalte.
Der Natur wird Subjektcharakter zugeschrieben. Da die Natur
aber nicht denkt, wird das Denken, die Rationalität aus dem Handeln
ausgeschlossen. Auf eine Weltveränderung wird also ausdrücklich verzichtet. Was
bleibt, ist nur die Anpassung an die natürliche Ganzheitlichkeit. Und was auch
immer in die Natur hineingelegt wird, erscheint dann als letzte Wahrheit.
Die zur Methodenkritik verkommene Irrationalismuskritik
behauptet, da sei einer irrational vorgegangen und darum könne auch sein
Ergebnis nichts taugen. Eine solche Kritik, die sich der Notwendigkeit enthebt,
auf die Inhalte der kritisierten Sache einzugehen, hat aber nur scheinbar einen
Punkt gefunden, an dem sie die Welt der Dummheit aus den Angeln heben könnte.
Erstens ist diese Kritik affirmativ, indem sie nicht auf Inhalte eingeht, sich
also gar keinen Gegenstand erklären möchte, sondern nur darauf dringt, dass
bestimmte Spielregeln eingehalten werden. Zweitens verfällt sie in den Fehler
bürgerlicher Wissenschaft, ideologisch motiviert, die Erklärung einer Sache
nicht zu leisten. Weil sie auf eine Erklärung nicht dringt, kann sie auch keine
überzeugenden Argumente gegen die Irrationalismus bringen.
Eine Kritik an einem bloß methodischen Mangel bleibt
unzureichend. Selbst in der romantischen Haltung ist das fortschrittliche
Moment noch nicht ganz verschwunden. Die Romantik bewahrt – zunächst – die
Ideale auf, mit denen die Aufklärung an der Realität gescheitert ist; in dieser
Verneinung der herrschenden Zustände unterscheidet sie sich vom taktischen
Realismus, der als politischer Zynismus die affirmative Verdopplung des als
schlecht erkannten betreibt.
Zu kritisieren ist statt des methodischen Mangels die
Ursache der ideologischen Misere: der nach den Bedürfnissen des Produktionsprozesses
gestaltete Wissenschaftsbetrieb und die Funktionsweise des bürgerlichen Staats
samt seinem Volk.
Der Irrationalismus ist ein Moment der bürgerlichen
Gesellschaft und tritt in verschiedenen Formen auf. Als Esoterik, als
sogenannte ganzheitliche Wissenschaft und als Warenfetisch. Ein verbreiteter
Fehler ist die Kritik an den „Exzessen“ der Verblödung, sei es harmlos im
Kartendeuten und Handflächenlesen, lästig wie im Auf-Holz-Klopfen oder
Sternkreiszeichengeschwafel, sei es abstoßend wie in
faschistisch-mythologischen Rassismen. Eine richtige Kritik hätte, wobei die
genannten Fälle als Beispiele genügen mögen, den Begriff des
Irrationalismus zu bestimmen. Dieser Begriff ergibt sich aus der Funktionsweise
der bürgerlichen Gesellschaft. Er ist zunächst als Abweichung von der Vernunft
aufzufassen, diese mag explizit oder implizit sein. Er ist in den
verschiedenen Abteilungen der bürgerlichen Gesellschaft nachzuzeichnen und in
seiner jeweils konkreten Ausformung zu betrachten.
Bürgerliche Wissenschaftler und ihr Nachwuchs entsetzen sich
aber gerne über solche und allerlei andere irrationalistische Umtriebe, die sie
in demokratisch-pluralistischen Gemeinwesen ausmachen. Dabei ist der Erfolg von
Mythen und ganzheitlich-unvermittelten Weltanschauungen mit der Beliebigkeit
und Toleranz des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs nicht nur verträglich,
sondern auch auf den gleichen Zweck zurückzuführen, nämlich die Widersprüche
der bürgerlichen Gesellschaft zu bewältigen und eben nicht zu erklären.
Bei irgendwelchen Steinzeitmarxisten, die eben dies versuchen, ist nämlich
gleich Schluss mit der Toleranz. Diese Sorte Irrationalismuskritik ist nur die
Sorge um die Funktionsfähigkeit bürgerlicher Wissenschaft.
Die bürgerliche Geisteswelt ist wegen der Widersprüche, die
sie nicht lösen kann, ständig in Bewegung und schwankt zwischen Idealismus und
Romantik. Nur den Irrationalismus zu kritisieren geht an der Sache insofern
vorbei, als dass das die Beziehung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und
bürgerlicher Wissenschaft außen vor lässt und nicht das schon in der
bürgerlichen Wissenschaft angelegte irrationale Moment kritisiert. Eine als
Kritik missverstandene Ablehnung des Phänomens Irrationalismus droht in eine
Methodendiskussion auszuarten, die gleich der in der bürgerlichen Wissenschaft
verbreiteten Erkenntnistheorie als Kontrollinstanz dient.
Der Ursprung des Irrationalismus liegt immer in der
Ablehnung der sich durch die Vernunft ergebenden Antworten. Eine systematische
Ablehnung der Vernunft liegt darin begründet, dass die Wirklichkeit selbst
unvernünftig ist. Die rational erscheinende Welt ist in Wirklichkeit
irrational, widersprüchlich. Die Aufhebung dieser irrationalen Rationalität
gelingt dem, letztlich bürgerlichen, Irrationalismus nicht. Er setzt dieser fälschlicherweise
rational erscheinenden Wirklichkeit einen rationalen Irrationalismus
gegenüber. Den Irrationalismus einigt nicht die vordergründige Ablehnung
der Vernunft, dabei sind die irrationalen Erscheinungen vielmehr vielgestaltig;
sondern die mal argumentative, mal nur gefühlsmäßige Rechtfertigung einer irrationalen
Weltanschauung. Die Verneinung der Weltanschauung wird durch den
Irrationalismus angegriffen.
Eine Kritik an den irrationalistischen Erscheinungen im
Kapitalismus kommt gerne als Kritik an der Esoterik daher. Diese Kritik ist
sehr unverbindlich, richtet sie sich doch auf etwas, über dessen Ablehnung man
sich mit seinen Lesern schon von vornherein einig ist. Will man sich nicht nur
argumentativ in der Ablehnung des Phänomens bestätigen, kann
Irrationalismuskritik nur Kritik bürgerlicher Wissenschaft und Gesellschaft
sein. Der so genannte Irrationalismus entspringt einem Mangel bürgerlicher
Wissenschaft und hat seine Ursache in den Fetischen der bürgerlichen
Gesellschaft, wenn auch der Irrationalismus weit über das hinausgeht, was den
Menschen tatsächlich verkehrt erscheint.
Die verbreitete Irrationalismuskritik, die sich zudem noch
auf die Esoterik kapriziert, droht selbst irrational zu werden, indem sie die
bürgerliche Wissenschaft samt ihrer, wenn nicht irrationaler, so doch
unwissenschaftlicher Momente, für paradigmatisch nimmt. Irrationalismuskritik
ist eine bürgerliche Kritik, die ihre Wissenschaft ohne genaueres Ansehen
retten will. Sie ist eine saturierte Bewegung, die nicht auf die Kritik des
bürgerlichen Betriebs, sondern auf dessen Rettung vor äußeren Feinden abzielt.
Die rationale Wissenschaft ist, als Analogon zur sogenannten Zivilgesellschaft,
der Platz, an dem der moderne Intellektuelle es sich lauschig eingerichtet hat.
Literatur
G.W.F. Hegel,
Phänomenologie des Geistes
Georg Lukács, Die
Zerstörung der Vernunft
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke
Streitblatt Juni 2000
Christoph Türcke, Gewalt
und Tabu. Lüneburg, 1992.
1 Dieser Möchtegernmaterialismus will alle
Erscheinungen auf eine ökonomische oder nichtökonomische „Basis“ zurückführen – was
nicht ohne Gewalt geht. Weil Wirklichkeit und Prinzip nicht so recht
aufeinander passen wollen, muss gebastelt werden, um das Prinzip zu retten, was
dann so groteske Konstruktionen wie „Haupt- und Nebenwiderspruch“ ergibt. Erklärt
kann ein Gegenstand dagegen nur werden, wenn man ihn aus dem ableitet, was ihn notwendig
„Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den
irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den
jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu
entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher
wissenschaftliche Methode.“ (MEW 23, S. 392, Anm.)
2 „Ihr Programm der Ganzheitlichkeit, das
den Menschen zu seinem Ursprung zurückbringen soll, steht an der Spitze des
Fortschritts: in tiefem Einklang mit der totalitären Tendenz der
warenproduzierenden Gesellschaft, Dinge und Menschen als Objekte von Kauf und
Verkauf bis zur Indifferenz einander anzugleichen und zur 'irrationalen
Vereinigung der Gegensätze' (Jung) zu zwingen. Die Archetypen sind denn auch
keine archaischen Urbilder, sondern moderne Wunschbilder.“ (Christoph
Türcke, Gewalt und Tabu, Lüneburg: 1992.)
3 „Die Ideologie ist ein Prozess, der zwar
mit Bewusstsein vom so genannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen
Bewusstsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm
unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozess. Er imaginiert sich
also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozess ist, leitet
er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem
eignen oder dem seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das
er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf
einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist
ihm dies selbstverständilich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken
vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“
(Friedrich Engels, MEW 39, S. 97)
4 Diese sachlichen
Abhängigkeitsverhältnisse im Gegensatz zu den persönlichen erscheinen
auch so (das sachliche Abhängigkeitsverhältnis ist nichts als die den scheinbar
unabhängigen Individuen gegenübertretenden gesellschaftlichen Bedingungen, d.h.
ihre ihnen selbst gegenüber verselbstständigten wechselseitigen
Produktionsbeziehungen), so dass die Individuen nun von Abstraktionen
beherrscht werden, während sie früher voneinander abhingen. Die Abstraktion
oder Idee ist aber nichts als der theoretische Niederschlag dieses
Abhängigkeitsverhältnisses.
www.streitblatt.de,
April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de