Alehandro war ein Schwein

Trotz des männlichen Namens aber eine Sie, eine kräftige, zufriedene Muttersau inmitten einer Schar lebhafter Ferkel. Sie lebte mit ihrer Familie im Garten und am Haus von Frau Arkansch, einer alleinstehenden Mutter etlicher Kinder, deren Mann einstens in die weit entfernte Stadt Bullawulla gegangen war und der sich zuhause nur noch sehr gelegentlich blicken ließ. In diesem Hause hatten auch wir, in einem rückwärts gelegenen Zimmer, Quartier bezogen.  Alehandro, die Sau, war anfangs natürlich distanziert und scheu, betrachtete uns aus klugen Augen aus der Ferne, mied, wie alle freilebenden Hausschweine dort, die allzugroße Nähe zu Menschen. Immer zur Morgenzeit jedoch kamen wir uns näher, stückchenweise, wenn man sich, dem Ruf der Natur folgend, in die nahen Büsche schlug. Dort wartete sie, im Schutze niederer Sträucher, umringt von ihrer lauernden Ferkelschar, auf ein wohlschmeckendes Frühstück. Man wünschte sich einen guten Tag und ihr Abstand zu mir verringerte sich von Woche zu Woche.

Alehandros Job in dieser Symbiose mit den Menschen bestand in der Entsorgung verdaulicher Überreste, von menschlichen Ausscheidungen bis hin zu Obst- und Gemüseabfällen. Sie und ihre Kinder taten ihre Arbeit gut und bekamen von Frau Arkansch dafür abends auch noch immer eine Extraportion Schweinesuppe mit rätselhaftem Inhalt.  Zwar aß man im Hause der Arkansch das jahrüber kein Fleisch, gönnte sich einen guten Happen nur an Weihnachten. Trotzdem blieben die Schweine immer auf sicherer Distanz zu den Menschen, garnicht zu reden von direkten Berührungen.

Sie verbrachten die heißen Stunden des Tages in feuchten Kuhlen und unter schattigen Büschen, hielten mal ein Schwätzchen mit der Nachbarsau oder unternahmen, später dann am Nachmittag, einen Familienaus-flug runter an den Strand. Fürsorglich und gesellig lebten sie eher beschaulich ihren Tag, blinzelten in die Sonne und kratzten sich genüßlich die Borsten an geeigneten Palmstämmen. Alehandro entging es nicht, daß es bei uns zur Essenszeit immer leckere Sachen gab. Man kochte Gemüse, aß Obst und immer blieb eine Menge übrig für ein Schwein. So kam es denn, daß Alehandro immer am späten Nachmittag, wenn wir aßen, ganz unauffällig, samt Ferkelschar um unsere Türe lungerte. Bald schon mußte man die Essensreste nicht mehr in hohem Bogen zu ihr hinüberwerfen. weil sie näher und näher kam. Und wenn man mit ihr sprach, Freude zeigte über ihren Besuch, blinzelte sie freundlich auf die Köstlichkeiten in unseren Händen. Eines Tages dann überwand sie tapfer ihre Scheu. Meine Stimme hatte sie beruhigt, sie sah nichts Arges an mir, und so kam sie und holte sich aus meiner Hand eine saftige Bananenschale. Und in Zukunft versorgte sie sich mit Leckereien immer direkt aus erster Hand. Und rannte auch nicht mehr davon, sondern ließ es sich an Ort und Stelle gutgehen. Wir waren Freunde geworden.  Der Platz vor unserer Tür war ihr bald ein lieber Flecken geworden, wo man schon mal ein Nickerchen machen konnte. Und irgendwann dann, in einem speziellen Augenblick, durfte ich sie kratzen, am Bauch, mit einem Stöckchen. Und sie grunzte dazu freundschaftlich. Aber dann kam Weihnachten und ihre Ferkelchen hatten schon kräftig zugelegt an Größe und Gewicht. Eines davon wollte Frau Arkansch sich und ihren Kindern gönnen zum Fest. Eines Tages war es dann soweit. Zwei kräftige Nachbarn hatten ein unachtsames Ferkel in eine Ecke am Haus getrieben. Es schrie fürchterlich, noch bevor man es richtig gefaßt hatte. Alehandro war sofort alarmiert, ging über zur Attacke. Männer, mit Stöcken bewehrt, schlugen die angreifende Sau zurück. Schnell begriff Alehandro, daß sie ihr Kind alleine nicht würde retten können und rannte hilfesuchend zu den Nachbarschweinen, die ob des Lärms schon hellhörig geworden waren.

Zu dritt oder viert griffen sie an. Von verschiedenen Seiten.

Strategisch.

Wir standen in einiger Entfernung dabei und konnten nur zusehen. Auch die Männer hatten sich verstärkt und es entbrannte eine regelrechte Schlacht zwischen Menschen und Schweinen.

Aber endlich versiegte das Quieken des kleinen Schweines im Inneren des Gartens. Es war tot. Geknickt verließen die geschlagenen Schweine umgehend den Ort des Grauens.

Zwei, drei Tage lang war von Alehandro und den restlichen Ferkeln nichts mehr zu sehen. Doch dann kehrten sie zurück aus ihrem Elend. Die Lebendigkeit hatte sie wieder. Sie grunzten wieder dahin und pufften sich um hingeworfene Leckereien. Aber nie wieder kam Alehandro an meine Tür, um sich graulen und kratzen zu lassen. Sie hatte nicht vergessen, daß wir, ihre Freunde, nur zugesehen hatten als sie vergebens kämpfte um das Leben ihres Kindes.

 

Hierzulande, so hört man, sind diese organisationsfähigen und lebensfrohen Wesen ausgestorben. Das jedoch stimmt so nicht. Irgendwie gibt es sie noch. Aber menschlicher „Fortschritt“ hat ihnen die feuchten Kuhlen genommen, die sie so sehr lieben, die schattigen Plätzchen unter Büschen, wo es sich für Schweine so angenehm plaudern läßt. Eingemauert stehen sie in Beton in ihrem eigenen Mist, aufgebläht, ohne Sonne, ohne Regen, hinter Gittern. Nicht tot, schlimmer noch, lebendig begraben in ihrem trostlosen Schmerz. Hoffnungslose Fabriken am Rande der Dörfer, aus denen der Wind gelegentlich den Gestank der Verwesung trägt.

Eine Gesellschaft, die diesen Lebewesen aus rohen und niedersten Beweggründen alles Leben stiehlt, tut das ebenso und ohne zu Zögern auch mit allen anderen Creaturen, eigenen Artgenossen nicht ausgeschlossen, auch wenn die Gitterstäbe bisweilen gülden glänzen.

In diesem Sinne bin ich der Meinung, daß es Zeit ist, die Sau wieder rauszulassen.

 

© März 2000

Gerhard Lassen


www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de