Seitdem die Taliban aus dem Bürgerkrieg in Afghanistan siegreich hervorgegangen sind, hatte die westliche Öffentlichkeit zu ihnen ein zwiespältiges Verhältnis. Die ehemaligen Hätschelkinder sind zur Nemesis der USA geworden, Frauen haben glücklich ein Objekt der Kritik entdeckt, das ihnen nicht Spott ob ihres Emanzentums, sondern Einladungen in Talkshows und ihrem Staat Eingriffstitel in der Mitte Asiens verschafft, auch wenn der noch nicht wahrgenommen zu werden braucht. Andrerseits konnten sich vor allem die Feuilletons eines multikulturellen Respekts vor den Theologiestudenten nicht enthalten und man brauchte kein Innenminister zu sein, um den kriminalitätssenkenden Resultaten der zero-tolerance-Politik Bewunderung zu zollen. Dann aber passierte das Ungeheuerliche: Zwei Steinbuddhas die zwar eigentlich viel zu weit vom Schuss liegen, aber, wären sie in einem schnuckeligen Tourismusgebiet, zur Erbauung und Erweiterung des verstaubten Horizonts einladen würden – gingen zu Bruch, als die Taliban ihre Restbestände an Raketen, Munition und Granaten an ihnen auf Tauglichkeit testeten. Die bildhafte Darstellung Gottes sei eine Beleidigung für jeden Moslem, meinten die Taliban, nur um von den westlichen Zeitungen gesagt zu bekommen, der Islam sei zwar eine nette Sache (sicher besser als Kommunismus), aber sie sollten sich doch jetzt bitte nicht so kindisch anstellen.
Zwischen Kunst und Schund
entscheidet der Staat. Was unanständig ist auch. Was passiert eigentlich, wenn
Denkmäler gestürzt werden. Statuen umgestoßen und ›historisches Erbe‹
vernichtet wird? Antwort: Es kommt immer drauf an. Nicht darauf, ob das Zeug
jemandem nützt oder schadet, ob es gefällt oder nicht. Wohl aber darauf, wofür
die Statuen stehen – für ein verbrecherisches Regime oder eine kleine, harmlose
religiöse Bewusstseinserweiterung, die auch noch dafür bekannt ist, dem im
Arbeitsalltag angeknacksten Selbst wieder ein geistiges Gleichgewicht zu
verschaffen: »Als sich nach der Explosion der Qualm verzog, war nur noch ein
Teil des Sockels der Statue zu erkennen. Auf den Resten des Buddha-Kopfes
ließen sich nach der Sprengung zwei weiße Tauben nieder.« (SZ, 20.3,
Bildunterschrift auf der Titelseite) Nicht der Islam als solcher stößt dem
herrschenden Imperialismus unangenehm auf, sondern einer, der sich an die
›Spielregeln‹ nicht hält. »Auch viele gläubige Muslime waren empört über die
Bilderstürmer von Afghanistan.« (SZ, 15.3) Hier wird der gute gegen den
schlechten Glauben ausgespielt. An den Inhalten dessen, was die Leute im Kopf
haben, wird freilich nichts kritisiert, nur daran, dass die Gläubigen einer
bestimmten Sorte die bürgerliche Ideologie der Kritiker nicht teilen. Viel
besser als die Taliban kommt daher Ahmed Schah Massud an, von dem ebenso wenig
sozialstaatliche Experimente zu erwarten sind, der es aber nicht übertreibt mit
der nötigen Dosis Gottesfurcht und die »falsche Wahrnehmung des Islam«
durch die Taliban kritisiert. Massud, so meint man offenbar, sei ein Vertreter
der bürgerlichen Religiosität, die dem Privatgeschmack der Bürger anheimfällt
(jeder soll da nach seiner Fasson selig werden) einer also, der nicht daran denkt, Religion mit Gewalt
durchzusetzen, aber der auch keinen Staat zu führen droht, der meint auf
Religion verzichten zu können. Das bringt ihm viel Lob ein von denen, die
gerade keine Geheimverhandlung mit den Taliban führen, und das Europäische
Parlament hat ihm sogar »Unterstützung im Kampf gegen die
radikal-islamischen Taliban zugesagt. Massud sei ein ›Pol der Freiheit‹, sein
militärischer Widerstand gegen das Regime verdiene politische Anerkennung und
Unterstützung, sagte Parlamentspräsidentin Fontaine.« (FAZ, 6.4.2001)
Die religiöse Form der
talibanischen Taten ist nicht besonders bemerkenswert. Unter der Prämisse,
dass man gar nichts gegen Buddha-Statuen hat, ist an denen natürlich auch
nichts auszusetzen. Ansonsten ist das, was hierzulande an religiösem Eifer
abläuft auch nicht zahmer als das, was das »Regime gefährlicher Autisten« (SZ,
15.3) so zu ihrer Feierabendunterhaltung abzieht.
»Eine Kommunikation ist
nur schwer möglich, da keine gemeinsame Wertebasis zu bestehen scheint.«
(SZ, 15.3.) Und was ist mit dem Projekt Weltethos? (Das Streitblatt
berichtete.) Meinten nicht die Pfaffen a là Küng schon, am Wohle ihrer
ökumenischer Bewußtseinsverbesserungsplattitüden könnte die Welt endlich
zusammenwachsen und der Mensch im permanenten Stadium des Besinnungsaufsatzes
als Vorbild dienen. Und dann so was! Haben die doch glatt andre Werte!
Klar, dem im religiösen Stumpfsinn befangenen Christen ist die Kommunikation
dann unmöglich, wenn sein Gegenüber nicht sowieso schon das gleiche denkt.
So wie die Taliban ein
staatliches Interesse an der Zerstörung haben, so werden ihre Taten von andren
Staaten ganz nach ihren jeweiligen Interessen begutachtet. Da verhalten sich
die Taliban zwar eigentlich ganz anständig, verweigern aber die prinzipielle
Unterwerfung, erscheinen deshalb außer Kontrolle und als »Wesen wie
aus einer anderen Zeit« (SZ, 15.3.2001) Die einst heißgeliebten
Freiheitskämpfer gegen das Reich des Bösen, Naturburschen mit dem Charme eine
Alm-Öis, sind darum auf dem besten Wege, Schergen eines Schurkenstaats zu
werden (wenn sie es nicht schon sind), der – wie alle Schurkenstaaten –
Verbindungen zur internationalen Terrorszene unterhält. Usama Bin Ladin ist in
Afghanistan untergeschlüpft, wird trotz Drohungen nicht ausgeliefert und plant
die ganze Welt mit Terror zu überziehen, was sich leicht durch entsprechende
Festnahmen beweisen lässt: »Dass am Donnerstag in Italien und Deutschland
Komplizen von Usama Bin Ladin festgenommen wurden, ist ein weiterer Hinweis
darauf, dass der islamische Terrorist von seinem Versteck in Afghanistan aus
Mittelsmänner in der ganzen Welt steuert.« (FAZ, 6.4.2001)
»Mit der Zerstörung der
Buddhas von Bamiyan haben die Taliban ein Tabu gebrochen. Sie haben der Welt
ins Gesicht gespuckt und erklärt, dass sie nichts von einem Grundkonsens wissen
wollen, der über die Kulturgrenzen hinweg Geltung verlangt (!).« (SZ, 15.3)
Diese Wertebasis ist aber
nicht nur das Sammelsurium von Plattitüden, deren Fehlen dem christlich-abendländischen
Gemüt die Kommunikationsfähigkeit raubt und sein Gegenüber nur noch als
»gefährliche Autisten« wahrnehmen kann, es ist auch ein Eingreiftitel in all
den Teilen der Welt, wo die ›westliche Demokratie‹ noch nicht herrscht – und damit
ist die Macht gemeint, nach eigenem Gutdünken für Ordnung zu sorgen. (Und dass
damit dann auch weniger Unterdrückung einhergeht, sollte man nicht
glauben, denn – wie gesagt – werden da bloß formale Kriterien angelegt.
Wenn man gegen Unterdrückung ist, sollte man sie beseitigen; sich diese
Beseitigung nur in Form von westlicher Demokratie vorstellen zu können,
verlangt schon ein recht komisches Urteil, auf das man erst mal kommen muss.)
Leiden die Leute in
Afghanistan nicht wirklich an der Politik der religiösen Fanatiker? Da mag
schon was dran sein. Nur bringt das keinen Zeitungsschreiber auf die Idee, dass
es falsch gewesen ist, das kommunistische ›Regime‹ in Kabul zu destabilisieren
und Mrd. um Mrd. zu seiner Destabilisierung auszugeben. (Der Nachrichtendienst
yahoo.de hat eine Umfrage gestartet, wie man die Zerstörung hätte verhindern
können. Die meisten meinten, nur durch militärisches Eingreifen. So kriegsfähig
sind wir schon.)
»Seit Jahren drangsalieren
die fundamentalistisch-islamischen Herrscher Afghanistans ihr Volk. Sie foltern
verstümmeln, peitschen und steinigen; und sie verweigern Frauen und Mädchen
permanent die fundamentalsten Freiheitsrechte.« (SZ, 15.3.) Natürlich ist
da nicht umsonst von ›fundamentalen‹ Rechten die Rede. Es geht nämlich immer
nur um formale Kriterien, nicht um Inhalte, nicht um Lebensbedingungen. Die
Kritik ist darum reichlich blöde, sagt sie doch nichts darüber aus, warum die
Taliban solche Maßregeln offenbar für richtig halten und warum sie eventuell
daneben liegen. Auch warum vergleichbare Maßregeln von den religiösen
Fanatikern hierzulande offenbar für nicht notwendig befunden werden, bleibt im
Dunklen.
Die religiöse Inbrunst ist ja
in der BRD, nur meistens christlich, auch geläufig. Dafür hat man Verständnis.
Der kürzlich von der CSU eingebrachte Vorschlag alle Äußerungen (Kunst könne so
was ja nicht sein, entartete Kunst allenfalls), die Religion ›verächtlich‹
machen auch dann unter Strafe zu stellen, wenn sie den ›öffentlichen Frieden‹
nicht ›gefährden‹, ist so weit nicht von der Bilderstürmerei der Taliban
entfernt. In beiden Fällen ist es dem religiösen Gemüt nämlich unerträglich,
zwar wegen ›Religionsfreiheit‹ ganz nach eignem Gutdünken entscheiden zu
können, mit welcher Versprechung der eigene Stumpfsinn bekämpft werden soll,
aber doch in ihrer Beterei nicht die Ehrfurcht genießen, die sie sowieso nicht
begründen können.
Auch sonst findet der moderne
Staatsbürger voll in Ordnung, wenn mal a là Taliban kräftig aufgeräumt wird mit
dem ganzen Schmuddelkram, mit den Drogen, wenn das Gesindel wegkommt von der
Straße, usw. Die Experten des UNO-Drogenkontrollprogramms konnten kein
systematisch angebautes Opium im Herrschaftsbereich der Taliban mehr finden. »Weizen,
soweit das Auge reicht.« (SZ, 17.3) Damit sollten die Taliban eigentlich
ein dem Westen wohlgefälliges Verhalten unter Beweis stellen. Auch als guter
Demokrat könnte man da schon mal ein Auge zudrücken: in diesem Falle ist
eine fatwa halt eine gute Sache. Es kommt eben doch auf den Inhalt der Politik
an. (Das soll aber obigen Ausführungen gar nicht widersprechen, denn gerade die
demokratische Form, die da am Werk ist, garantiert einen bestimmten Inhalt.)
Dennoch: An den Statuen hätte man sich nicht vergreifen sollen. »das hat uns
davon überzeugt, dass die Taliban vor nichts Respekt haben und den Islam
betrügen (!), um ihre verrückten und zerstörerischen Ziele zu erreichen.«
(Nicole Fontaine, ap, 5.4. 2001) Symbolisieren die Statuen doch als Kulturerbe
der Menschheit die Grenzen, die der Souveränität eines Staates gezogen sind.
Die Ordnung der Welt darf von einzelnen Staaten nicht unterlaufen werden. »Skeptiker
befürchten ohnehin, dass die Taliban nur warten, bis die Preise steigen, um
dann den Opiumanbau wieder aufzunehmen.« (SZ, 17.3)
Es mit den vielgepriesenen
Menschenrechten, Freiheitsrechten, Menschenwürden und so Zeug es nicht allzu
genau zu nehmen ist mitunter ganz gern gesehen. Die Kritik, wie ›die da unten‹
mit ihrer Bevölkerung umspringen, ist nämlich eine sturz-zufriedene Art von
Kritik, die angesichts der Frauen in Afghanistan von den Bedingungen, denen die
Frauen hierzulande unterworfen sind, gar nichts wissen will.
An der Politik der Taliban
ist nichts, was sich zu verteidigen lohnte. Zu kritisieren und zu bekämpfen
sind aber nicht ein paar blöde Ideen, in den Hirnen islamischer Pfaffen,
sondern die Verhältnisse, die sie hervorgebracht haben und die jetzt von den
Folgen profitieren. Die Taliban waren durchaus gewollt und daher ist die
Alternative, die zu ihnen ins Haus steht auch weder die westliche Demokratieutopie
noch der Kommunismus, sondern weiterer Bürgerkrieg.(fb)
www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de