Die Diskussion um Bundeswehr und Frauen hätte eigentlich nicht so langwierig sein sollen. Frauen, die schließen wollen, hätten zufrieden sein, der Generalstab sich an der gestiegenen Auswahl an Menschenmaterial erfreuen sollen und wer am Imperialismus was auszusetzen hat, wird die Frage, wessen Hand der deutsche Staat abdrücken lässt, für eher nebensächlich halten.
Tatsächlich wurde diese Frage allen Ernstes unter der Rubrik
›Gleichberechtigung der Frau‹ breitgetreten. Barbara Nohr von ›Forum der
Wissenschaft‹ findet z.B. den Zugang von Frauen gleich schon deshalb super,
weil ihr »als (!) Gleichstellungspolitikerin (!) geschlechtsspezifische
Berufsverbote ein Dorn im Auge sind« (Jungle World, 3.1.2001). Der Grund: »Gleiche
Rechte müssen im Hier und Jetzt eingefordert werden.« (ebd.) Wer so
argumentiert hat vom Hier und jetzt schon eine recht hohe Meinung: dass es sich
darin mehr oder weniger behaglich einrichten lässt, dass da Fehler im System
sind, die zu verbessern wären; darrüberhinausgehende Veränderungen bekommen dem
gegenüber ihren Ort in der Utopie zugewiesen.
Urteile über das was geschieht, nämlich dass Frauen
zur Bundeswehr gehen und was davon zu halten sei, werden gleich abgeblockt,
denn: »Sind Forderungen, weil sie auch Ergebnis politisch inkorrekter (!)
Erwägungen sein können, automatisch falsch?« (ebd.) Was grundsätzlich richtig
sei, so der Tenor, ist das Eintreten für die Gleichstellung der Frau.
Darin stecken freilich zwei falsche Urteile. Zum einen
wird da behauptet, ›unsere‹ Gesellschaft kranke daran, dass Ungleichheit
herrsche und speziell die Frauen litten daran, dass sie unter anderem vom Staat
ungleich behandelt würden. Dieses Urteil ist in mehrfacher Hinsicht sonderbar:
Die Ekelhaftigkeiten, mit denen Frauen konfrontiert sind, ihre Rolle in der
Familie, an der sie sich abarbeiten, ihre Funktion in der Gesellschaft, ihre
materielle Situation die sich darin und in ihrer Folge manifestierende Gewalt –
all das wird durch die Forderung nach Gleichheit nicht erklärt (vielmehr lässt
sie den Schluss zu, die Stellung der Frauen sei irgendwelchen schlechten
Gedanken oder gar einer anthropologischen Bestimmung geschuldet, die
ausgeglichen werden müsse). Das Urteil sieht außerdem von jeglichem Inhalt ab:
Was die Frauen machen (müssen) scheint einerlei, solange es leidlich gleich
zugeht. Die oben erwähnten Phänomene sind also nicht Gegenstand der
Kritik, sondern werden affirmiert, weil ihre Ableitung nicht einmal versucht
wird. Wer nicht versteht, dass die kapitalistische Gesellschaft notwendig nach
kostengünstiger Aufzucht von Ersatzmenschen verlangt, wer nicht versteht, dass
sie den Wunsch nach Kompensation vom Alltag der Konkurrenz erzeugt und in die
Familie projiziert, der will auch an den Funktionen nichts ändern, die die
Mitglieder dieser Gesellschaft erfüllen müssen, sondern hält es für eine
Verbesserung, wenn sich Männer und Frauen diese Funktionen künftig teilen, sich
in ihren Rollen abwechseln. Dass der Dienst für das Vaterland eine besonders
erstrebenswerte Tätigkeit sei, behauptet die linke Kritikerin selber nicht,
bzw. behauptet, eine solche Haltung selbst kritisieren zu wollen. Der Zugang
zur Bundeswehr könnte also nur den Vorteil haben, die Berufschancen für Frauen
zu verbessern. Auch wenn die paar Stellen hinter den Gewehren den Arbeitsmarkt
nicht umkrempeln werden: dem Zwang, die eigne Arbeitskraft zu verkaufen, um an
das zum Leben allernotwendigste zu kommen, unterliegen – direkt oder indirekt –
auch Frauen. Aus dieser Tatsache zu schließen, dass nun dafür auch alles
zu tun sei – politisch, den Zugang zur Bundeswehr einzufordern; persönlich,
Vaterlandsfeinde zu erschießen – ist genau das Gegenteil von der Überlegung, warum
das so ist und was eventuell dagegen zu tun ist.
Das zweite falsche Urteil besteht darin, in der
Entscheidungsfreiheit ein großes Gut zu sehen: »Ich begrüße es, dass Frauen
nun endlich den Dienst an der Waffe leisten dürfen. Gleichzeitig bedaure ich,
dass sie es wollen.« (Als ob die Berufswahl so viel mit Wollen zu tun
hätte.) »Die Entscheidung darüber müssen sie jedoch selbst fällen dürfen –
zumindest solange wir in einer Gesellschaft leben, die eine Bundeswehr für
unverzichtbar hält.« (ebd.) Das kling nicht zufällig
gutbürgerlich-pluralistisch. Frei wird die Frau. Bloß wozu? Frei, selbst
entscheiden zu können, in welchem beschissenen Job sie ihre Brötchen verdienen
will. Wenn das so weitergeht, wird sie glatt noch ein freies Individuum und
kann ihre Persönlichkeit entfalten.
www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de