Verpasst Ebermann den Anschluss?

Eine Veranstaltungskritik

Auch auf der Linken Literaturmesse durften Thomas Ebermann und Rainer Trampert mit ihrem Kabarett-Programm »Verpasst Deutschland den Anschluss?« nicht fehlen. Ein großartiger Abschluss des 19.Novembers, den sich dann auch kaum einer entgehen lassen wollte. Proppenvoll war der Saal, mucksmäuschen still das Publikum, Minute um Minute verstrich ­ und endlich legten die beiden los. er Vortrag fand zumeist begeisterte Zuhörer, aber auch Stimmen wie »total öde und langweilig« wurden laut.

Ebermanns Auslassungen hören sich, wenn nicht unbedingt erkenntnisfördernd, so doch unterhaltsam an, solange er mit seinem Kumpel vom Irrsinn der halbgebildeten deutschen Standortöffentlichkeit erzählt. Dann also, wenn mit dem Publikum Einigkeit über die Dummheit der Verhältnisse herrscht, und es bloß noch darum geht die kollektive Meinung originell auszudrücken.

Soll Ebermann dagegen was erklären, dann geht die Sache in die Hose. Herrschende, so erfahren wir, beherrschen eben und die Beherrschten werden beherrscht. Dafür braucht's, so meint Ebermann, die Ideologie als Werkzeug der Manipulation, weil die Beherrschten sonst nie und nimmer mit den Herrschenden gemeinsame Sache machen würden. Der ganze geistige Irrsinn vom deutschen Standortgefasel bis hin zum Islamismus (und wahrscheinlich würde auch der Faschismus darunter fallen) ist also nur Mittel zur Beherrschung.

Der Mangel dieser Argumentation ist natürlich der gleiche, auf dem wir schon immer herumreiten: Dass die Ideologieproduktion schon eine eigene Leistung der Menschen ist, die sich zu einem Volk zusammenfassen lassen; dass diese zu Völkern oder Standortfetischisten vergesellschafteten Menschen nicht damit zu entschuldigen sind, dass sie eigentlich was ganz anderes wollten oder wollen sollten als das was sie (scheinbar) wollen; und dass es sich tatsächlich um Volksgenossen und Gotteskrieger handelt und nicht nur scheinbare, die in Wirklichkeit Arbeiter und Bauern wären.

Und warum ist darauf immer wieder herumzureiten? Gegenfrage: Worauf läuft diese Argumentation hinaus? Doch auf nichts andres als eine völlig unkritische Vorstellung von Völkern, die ungerechterweise von den Herrschenden unterdrückt und manipuliert werden und sich dabei (freilich bloß objektiv!) nichts sehnlicher wünschen als Befreiung. Eine Kritik die aber in der Kategorie Volk nicht schon den Völkermord und Negation des Kommunismus begreift, ist dazu verdammt, die herrschenden Zustände zu reproduzieren.

Mit Erklärungen sah's also die erste halbe Stunde eher lau aus, weil sich die beiden Kabarettisten bemüßigt sahen was zur aktuellen Lage der Welt zu sagen, die sie nicht verstanden. Danach begab man sich wieder in die gewohnten Gewässer und konnte zusammen mit dem Publikum über den deutschen Irrsinn gut ablachen.

Fragt sich bloß, wozu. Denn wenn man alles Dämliche so formuliert, dass auch wirklich jeder darüber lachen kann, dann ist das Vorgetragene schon deshalb keine Kritik, weil es niemanden trifft. Wenn man sich über die feuilletonistische Sorge lustig macht, dass die Deutschen ausstürben und die lächerlichsten Zitate dafür ausgräbt (anstatt dafür zu agitieren, dass es tatsächlich mal keine Deutschen mehr gibt), dann kann man herzlich lachen, auch zusammen mit einem Publikum aus kritischen Linken, die garantiert eine Menge konstruktiver Vorschläge auf den Tisch legen würden, wenn man sie fragte, wie man denn das Sozialversicherungssystem bei Überalterung retten solle, wie eine Rentenversicherungsreform aussehen könnte, wie sich die veränderte Alterstruktur auf die Innenstädte auswirkt oder ob »wir« nicht mehr Kindertagesstätten bräuchten. Wenn man sich satirisch auf die Stilblüten der medialen Öffentlichkeit beschränkt, geht halt völlig unter, dass hinter diesen Stilblüten nicht um bloße Lächerlichkeiten stecken, sondern eine ideologische Sorge um den Standort; und dass die ganzen Ungemütlichkeiten, die sich die Standortvertreter einfallen lassen werden (und darauf kann man sich verlassen) nicht unter dem Titel »Die Deutschen sterben aus!« verkündet, diskutiert und akklamiert werden, sondern als »Rentenreform«, »Familienförderung« oder ähnliches. Und dafür haben all die, die an diesem Abend lachten, schwer konstruktive Vorschläge. (fb)


www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de