Die Ehe

Frau und Mann in der bürgerlichen Gesellschaft

Im Modell der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft gelten für das Zusammenleben von Frau und Mann Regeln. Diese Regeln bevorzugen den Mann als propagierten sozialen Akteur, nichtsdestotrotz unterliegt er denselben und ist keineswegs frei in Tun und Lassen.

Vor der Ehe sind Mann und Frau Teil ihrer Herkunftsfamilie (HF), von welcher sie in eine Neugruppierung, die Fortpflanzungsfamilie (FF), überwechseln werden. Der erwachsengewordene Mann in der HF beginnt in einem sozialen Ablöseprozeß gegen den pater familias zu rebellieren und dessen Autorität in Frage zu stellen, was noch nicht seine Reife zur eigenen Familiengründung bedeutet. Normalerweise durchläuft er erst eine gewisse Periode der Promiskuität, in welcher er einerseits eine feste Beziehung zum anderen Geschlecht testen darf, andererseits, so ihm dies möglich ist, aber auch unbeschränkt viele sexuelle Erfahrungen mit wechselnden Frauen machen kann. Diese Phase der Ungezwungenheit lehrt ihn also sowohl freiwillige Bindung, als auch die Möglichkeit freien und häufigen Wechsels, nicht umsonst spricht man davon, „sich die Hörner abzustossen“, sich also auszuleben, bevor einmal mehr der Ernst des Lebens beginnen soll.

Die junge Frau wird mit Erreichen der Pubertät argwöhnisch überwacht von Vater, Bruder und Mutter. Im konservativsten Fall soll ihre Jungfräulichkeit garantiert bleiben, im liberaleren Fall wird ein etwaiger ‚Freund‘ auf seine soziale Integrität hin überprüft. Keine Herkunftsfamilie, die sich am bürgerlichen Modell orientiert, überläßt die Kontrolle des sozialen, emotionalen und sexuellen Zugangs zu ihrer Tochter einem beliebigen Fremden. Die Übergabe der Macht über die junge Frau ist eine Notwendigkeit zum Fortbestand der familiär organisierten und Kinder produzierenden Gesellschaft, doch bedeutet sie für den Vater der HF immer einen Potenzverlust. Im positiven Falle wird dieser durch einen Zugewinn an Sozialprestige kompensiert, im negativen allerdings ist die Tochter futsch wie eine schlecht gesetzte Schachfigur.

Das sogenannte Privatleben der jungen Frau wird also in jedem Fall kontrolliert, wogegen der Mann nicht jede Disko-Bekanntschaft, wohl aber eine potentielle Gattin rechtfertigen muß. Normalerweise wird ihm hierbei dank der gewonnenen Erfahrungen und erlernten Muster eine Eigenkompetenz zugestanden, seine Familie wird ihm also meist nur beratend zur Seite stehen. In sozialen Sektoren allerdings, die auf den Erhalt ihrer Besonderheit achten, unterliegt nun auch der bisher freie Mann Vorauswahlentscheidungen, die er einzusehen hat, dies gilt etwa bei Adelsfamilien oder kulturellen Diasporagemeinden. Das Prinzip der Kinderhochzeiten klingt hier in zeitlich verschobenem Rahmen wieder auf, eine rationale und politische Entscheidung soll vor etwaiger irrationaler und zuwiderlaufender Emotion beschützt werden.

Die Eheschließung

Die ‚Hochzeit in weiß‘ ist der Traum der jungen Frau und ihrer Mutter. Sie besiegelt vertraglich wie zeremoniell die Übergabe der Tochter von der HF zu FF. Das dank Kontrolle unbeschwerte Leben als Mädchen, mit etwas Geschick ist sie hin- und wieder entwischt, hat nun ein Ende, das Leben als Ehefrau und Mutter beginnt. Die (nach Möglichkeit kirchliche) Zeremonie, ebenso wie die Institution der Ehe selbst, gilt als „heilig“, womit ein Hinterfragen durch ein definitorisches Ausnehmen aus dem Bereich des Diskurses verhindert werden soll. Der Hochzeitstag - festgehalten in Bildern - ist als zukünftiges oder vergangenes Ereignis, der Bezugspunkt der Frau schlechthin und wird sie - wenn sie von ihrem betrunkenen Mann geschlagen wird - als mystisch-nostalgische Ideologie durch das Leben einer Kinder produzierenden Gattin hindurchretten. Die Brautmutter, die ein solches Leben bereits kennt, wird paradoxerweise am Hochzeitstag vor Freude und nicht vor Wehmut darüber weinen, die Frucht ihres Leibes in dasselbe Repressionssystem gezwängt zu haben, das ihr selbst jede Illusion geraubt hat. Dies liegt an ihrer speziellen Aufgabe, die Moral der Gesellschaft - auch gegen eventuell eigene Widerstände - aufrechtzuerhalten, wozu noch zu kommen sein wird. Im idealen Modellfall wird sie sogar erst im Zuge der Hochzeitsvorbereitungen der noch jungfräulichen Tochter verraten, was in der Hochzeitsnacht von ihr erwartet wird. Spaß daran braucht diese nicht zu finden, doch da der Bräutigam mit der Frau auch den sexuellen Zugang zu ihr erwirbt, sind die Beine gemäß ehelicher Pflicht regelgerecht breit zu machen.

 

Für den Mann ist der Hochzeitsrummel eher eine Last. Nicht nur wegen des Hokuspokus in Kirche oder Traustube, sondern auch, weil den paradiesischen Tagen der frei gefrönten Sexualität ein Ende gesetzt werden soll und ihm von moralischer wie materieller Verantwortung vorgetragen wird. Der Mann, aus der HF entlassen, steht mit der Gründung der FF erst einmal im Regen. Idealerweise wird ihn seine HF sowie das soziale Umfeld des Brautpaares überhaupt noch eine Weile unterstützen, doch ist diese Unterstützung stets ziel- und zweckorientiert - nicht umsonst werden Hochzeitsgeschenke nach praktischen Kriterien ausgewählt - und scheint das ungebundene Vergnügen mit einem letzten ausgelassen wilden Junggesellenabend dahin. Kein Wunder also, daß im Klischee die Frau erst hartnäckig daraufhinarbeiten muß, ihn zu einem Heiratsantrag zu bewegen, der ja eigentlich eine Initiative des Mannes sein soll.

Interessant ist, wie die bürgerliche Ideologie mit der Glorifizierung des Hochzeitstages bereits ein elendes Dasein im Käfig der neuen Fortpflanzungsfamilie erkennt, offenlegt und darauf antwortet. Von einer glücklichen Ehe wird also von vorneherein nicht ausgegangen - im Einzelfall natürlich schon, mit den besten Wünschen, nicht jedoch im Gesamtkonzept, welches die breite Realität überblickt.

Der eheliche Alltag

Die Frau hat mit einem Gatten, das Deckelchen zu ihrem Töpfchen erhalten. Sie ist damit einerseits sozial optimiert worden (Kinder werden jetzt natürlich von ihr erwartet), andererseits ist sie nun gehalten, die Moral und den Erhalt der Familie zu verteidigen und ihrem Mann einen Rückfall oder gar Ausbruch in die sexuelle Freiheit zu verwehren. Zerfällt die Familie, müssen Kinder dennoch essen, was der Frau eine Doppelbelastung einbrächte (und heute längst soziale Realität geworden ist). Gelingt es der Frau nicht, ihren Mann im Hause zu behalten, so bleibt es immer noch eine Frage ihrer finanziellen und sozialen Möglichkeiten, ob sie ihm sein Fehlverhalten durchgehen läßt oder an Trennung denkt. Im Ernstfall bleibt ihr die Alleinerziehung oder die wenig erstrebenswerte Rückkehr in ihre Herkunftsfamilie, wo sie als zusätzliche Last und soziale Versagerin aufgenommen werden wird. Diese Problematik, die für die Frau ständiger Druck bedeutet und ihr allerlei abverlangt, nimmt im Laufe der Jahre zu - bei zeitgleichem Abnehmen ihrer äußerlichen Attraktivität durch Altern, Kinderproduktion und -aufzucht.

Der Mann beansprucht von Anfang an den Besitz der Frau, die ihm zum Schmucke gereichen und einen Nachgeborenen schenken soll. Allerdings werden ihm die auferlegten moralischen Schranken und finanziellen Lasten mitunter den Lebensmut rauben, weshalb es Herrenabende und gelegentliche Ausbruchsversuche geben wird - die der gute Ehemann gelegentlich bitter bereuen muß. Er wird als neuer pater familias nämlich keineswegs nur von den Gardinenpredigten seiner Gattin in Schach gehalten, sondern traditionellerweise auch von den männlichen Repräsentanten der HF seiner Frau, welches der Vater und der Mutterbruder sind. Diese haben ein gewisses - moralisches wie materielles - Interesse daran, daß die Frau in ihrer FF verbleibt und somit wenigstens formal ‚glücklich‘ und aufgehoben ist.

Beinahe schlimmer noch, wenn der Mann ‚seine‘ - ihm ehevertraglich zugesicherte - Frau abgöttisch liebt und ihr einen güldenen Käfig baut, aus welchem sie nicht einmal für ein paar Stunden entwischen kann, ohne ihn in selbstmitleidvolle Selbstmordgedanken zu treiben. Beständig wird er sie mit ihrem Ja-Wort konfrontieren und wachsam darüber hüten, daß kein anderer dieses gefährdet, was für die Frau phantasievolle Ausreden oder ein Sich-Fügen in die soziale Isolation bedeutet.

Regelbrüche

Die bürgerliche Moral ist eine grundsätzlich ambivalente, da sie dem Erhalt einer widersprüchlichen Gesellschaft dienen soll. Der Normbruch ist also unter bestimmten Voraussetzungen bereits eingerechnet und stärkt somit das Gesamtregelwerk.

Keinem Mann wird es schlecht angerechnet werden, wenn er in unglücklicher Ehe sich außer Haus herumtreibt, solange er

a) dabei seine Verantwortung gegenüber der Familie nicht vernachlässigt oder aufgibt,

b) dies diskret tut und das bürgerliche Familienmodell so nicht öffentlich in Frage stellt,

c) für die Männerwelt nachvollziehbare Gründe vorlegen kann wie etwa schwindende sexuelle Attraktivität der Gattin durch Alter, Krankheit, Behinderung oder deren Rebellion und erfolgreiche Verweigerung der ehelichen Pflichten. Hierunter zählt auch, das, was man einen dummen, aber verzeihbaren Ausrutscher nennt, der im Urlaub oder in Volltrunkenheit schon mal passieren kann.

 

Derartige Ausweichmanöver, die das Modell in seinem Fortbestehen jedoch nicht angreifen, nennt man von jeher „Ehehygiene“ und hierzu hat sich ein eigener Wirtschaftszweig mit langer Tradition entwickelt.

Während der Mann also in der öffentlichen Meinung auch mal Mann sein darf und allgemein verstanden wird, daß sich der maskuline Sexualtrieb nicht auf Dauer unterdrücken lassen kann und hin und wieder der Erleichterung bedarf, gilt dies für die Frau bekanntlich mitnichten. Der entscheidenste Grundsatz in der sozialen Trennung von Mann und Frau ist der, daß der Mann durch Promiskuität tendenziell zum Supermann wird, die Frau jedoch - in der Ehe auch bei einmaligem Normbruch - zur Hure. Hier zeigt sich wie aktuell diese Moralmodell nach wie vor ist.

Der Mann muß für seinen Ehebruch im Regelfall Kapital einsetzen, dieses kann auch Aussehen, Intelligenz, sympathisches Auftreten oder ähnliches sein, ist aber meistens tatsächlich materielles Kapital, zumal auch der Mann mit zunehmendem Alter zusehendes an äußerlicher Attraktivität verliert. Er muß nun damit nicht notwendigerweise eine Prostituierte mieten, was beinahe schon ein Spezialfall wäre, ‚Geschenke‘ - in jedem Fall dem sozialen Stand entsprechende, nach Möglichkeit luxuriöse - erfüllen denselben Zweck. Für die Frau, die bereit ist, die Gattin zu ersetzen, müssen sie einen Gewinn einbringen, sonst handelt es sich um bloße und formal nicht akzeptierte Vergewaltigung. Abhängigkeitsbeziehungen, die das Fremdgehen des Mannes selbstverständlich erleichtern, ersetzen das Einsetzen von Kapital, die Geschenke also, nicht: Der Chefarzt muß die OP-Schwester mal in den Golfurlaub mitnehmen, der Abteilungsleiter die Sekretärin mit einem Pelzmantel beglücken. Gesellschaftlich akzeptiert ist also die materielle Ersatzbeziehung, welche die Ehe als ‚heilige Institution‘ jedoch insgesamt nicht gefährden darf. In besonders reichen Schichten hat auch der Jüngling, der die alternde Gräfin, Magnatentochter oder Mäzenin erfreut, Tradition, doch ist das für die breite Masse weder empirisch noch normativ von Bedeutung. Die Käufer ehelicher Substitution sind, wie man auf dem Prostitutionsmarkt sehen kann, in überwiegender Zahl männlich.

 

Läßt der Mann seine Familie allerdings im Stich, dann muß ihn die bürgerliche Männergesellschaft - auch bei eventuell heimlicher Sympathie - sanktionieren, um ihren Fortbestand zu sichern. Frauen, die als Hüterinnen der Moral sich mit diesem System identifizieren, sind eine wesentliche Stütze dessen und dürfen deshalb nicht allzu offensichtlich brüskiert werden. Um dies zu vermeiden, darf es etwa zu keinem öffentlichen Skandal kommen (Chefarzt zeigt sich mit Gespielin im Theater, Prolet taucht mit fremder Schnitte zum 70ies-Abend auf,...). Mehr oder weniger diplomatische Ausweichmöglichkeiten bestehen indes viele, und wenn man das nötige Finanzkapital hierzu besitzt, lassen sich auch drohende Konflikte in der Öffentlichkeit und vor Gericht noch einmal im Stillen regeln.

Die niedrigste Hemmschwelle, um als Sanktionsmacht ordnend einzugreifen, besetzt in der Spannweite möglichen Normbruches der Vergewaltiger - natürlich im Modell, die praktische Umsetzung dessen ist im wesentlichen dem kämpfenden Feminismus zu verdanken. Der Lustgreis dagegen kann am anderen Ende angesiedelt werden. Schwach und scheinbar ungefährlich einerseits, doch andererseits sexuell und unter Umständen auch materiell noch immer potent, gönnen ihm die richtigen Männer grinsend noch ein bisschen Leben, wenn er es sich denn leisten kann. Während sich die Moralfraktion entsetzt abwendet, bleibt der alte Mann ein dankbarer Kunde des breiten Angebotes zwischen Praline und Flittchen.

Diesen relativ großzügigen Freiheiten des Mannes (‚Hauptsache, es kommt nicht raus‘) stehen eher geringe der Frau gegenüber. Traditionellerweise - und was hat sich denn geändert, außer daß Frauen jetzt Männerpositionen in Beruf und Politik ergattert haben und von sich abverlangen, in dieser Hinsicht bessere Männer zu sein? - traditionellerweise wird die Frau durch knappe Ressourcenzuteilung materiell überwacht, kann sich also große und eventuell heimliche Vergnügen gar nicht leisten. Während der alternden Gattin zugestanden wird, sich an Religion oder Schöngeisterei zu ergötzen, kann die noch sexuell nutzbare bei entsprechender Attraktivität sich meist lediglich in ein oben beschriebenes Geschenke-Verhältnis einlassen. Dabei muss ihr Gewinn ein etwaiges Auffliegen des Fremdverhältnisses rechtfertigen. Der Schutz der Kinder und das soziale Stigma, eine Schlampe zu sein, werden dem bei rationaler Überlegung also entgegenwirken. Selbst bei einem innerfamiliären Skandal ist die Ehefrau im Modellfall dreifachem psychologischem Terror ausgesetzt: durch den eifersüchtigen, da in seinem Besitz angegriffenen Gatten; durch die moralisierende Schwiegermutter, die ihrem anständigen Sprößling keine Hure zur Frau wünscht; und schließlich durch den eigenen erlernten Anspruch, die naturgesetzmäßigen Leiden der Ehefrau und Mutter nicht durchgestanden und sozial versagt zu haben.

Die ‚böse Schwiegermutter‘ ist im übrigen ein ideologischer Topos, der von der männergemachten und -dominierten Gesellschaft gerne geköchelt wird, um davon abzulenken, daß die Mutter des Gatten nichts anderes tut, als die ihr zugewiesene Funktion zu erfüllen und die nachfolgende  Frauengeneration entsprechend zu disziplinieren.

Privates ist politisch

Die (staatlich geschützte) familiäre Zelle garantiert in Wohnung und Schlafzimmer relative Unantastbarkeit. Das Private soll nicht öffentlich werden, das geht außer den Beteiligten schließlich niemanden etwas an, die geschlechtliche Hierarchie kann dort also gewahrt bleiben.

Pogromartige Stimmung dagegen entsteht immer dann recht schnell, wenn Normbrüche vorliegen, die das Modell als solches in Frage stellen. In grenzenlosem Haß vereinigt verurteilt eine moralische Phalanx von Männern und Frauen jeden Alters und jeder sozialen Position die Ausbrecher, auch wenn sie persönlich nicht betroffen sind. Schwule werden angeekelt gemieden, sie lassen sich aus der Hierarchie- und Konkurrenzklasse ‚Mann‘ mühelos herausdefinieren und in ghettoartige Strukturen abdrängen. Lesben dagegen entziehen sich generell und aus eigenem Willen der sexuellen Verfügbarkeit der Männer, was ein direkter Angriff ist. Im allgemeinen herrscht Unverständnis, wie Männer dem begegnen sollen, weshalb einhellig die Erklärung akzeptiert wird, Lesben hätten es eben nie gut besorgt gekriegt. Ist die lesbische Frau in den Augen eines Mannes wenig attraktiv, weil aggressiv, pflegt er Kastrationsangst und wünscht keinen sozialen Umgang mit ihr. Ist er aber interessiert und wird enttäuscht, bedauert er selbstgerecht ihre ihm unverständliche Halsstarrigkeit und wird im schlimmsten Fall versuchen, sie zu vergewaltigen und dem Prinzip nach wieder ehefähig zu machen.

Bei den reaktionären Freikorps während der revolutionären Jahre 1918/19 galt der Kommunismus als eine Gefahr, jegliche Moral und Ordnung hinwegzufegen und eine werte- wie orientierungslose Masse zu hinterlassen. Besonders gefürchtet und brutal bekämpft deshalb wurden die sogenannten ‚Flintenweiber‘, Arbeiterfrauen, die für sich und ihre im Elend lebenden Kinder zur Waffe griffen. Nicht nur, daß diese offensichtlich Kritik an der ihnen zugewiesenen Rolle zu äußern hatten, nein, sie wurden handelnde Wesen, nahmen dem Männerbild sein Spezifikum und seine Symbolik in Form der Flinte. Sie wurden damit zum Bindeglied zwischen den verbrannten ‚Hexen‘ des Mittelalters und Ulrike Meinhof, nicht umsonst schließlich wollten die Nationalsozialisten die Frau endlich wieder zur ‚Mutter‘ machen.

 

Reaktionen von scheinbar unerklärlichem Haß und Mißtrauen (Mit wem hast Du da eben telephoniert, Schatz, das war doch nicht wieder dieser ..., ich hab Dir doch gesagt, daß ich ...) prägen das eheliche Leben von handelndem Mann und kinderproduzierender Frau in der bürgerlichen Gesellschaft ebenso wie selbstgerechte und unhinterfragte Fremdbestimmung

(Also ich möcht schon Kinder, Du mußt ja jetzt die nächsten Jahre noch nicht, aber so mit 30 vielleicht, oder, Schatz?), mitgetragen von buckelnden Frauen, die einen Zehn-Stundentag im Büro als Emanzipation verstehen und bei jeder Frau aufschreien, die als Schutz gegen Sonne und Wind ein Kopftuch trägt (Hier ist Deine Fernsehzeitung, Liebling).

Man muß in der postindustrialisierten Gesellschaft, in der wir leben, nur die Augen öffnen, um zu erfahren, wie wenig sich geändert hat, wieviel genauso ist wie einst und was sich lediglich hinter Gleichberechtigungsverbrämungen versteckt hält. Was sich geändert hat sind die Oberflächenmerkmale, die Struktur ist dieselbe geblieben und die Ehe ist ihr eine maßgebliche Stütze. (#7)


www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de