Die Kaserne war auf gewaltigem Areal gelegen, vor dem nördlichen Tor der Stadt.
Sie hatte einstens der
königlichen Kavallerie gedient, den Husaren seiner Majestät, ward
angelegentlich geschliffen von feindlicher Hand, um mutig zurückerobert und
neuerbaut zu werden zu altem, kriegerischem Zwecke. Alas, Ställe brauchte man
keine mehr. Die neuen Häuser der Soldaten waren von anderer Zeit. Mit sicherer
Hand wurde das Gelände angepasst an die Erfordernisse einer modernen
Kriegskultur. Hatten die alten Gebäude noch den Sinn der trutzigen Drohung, ein
überlebensgroßes Bild wehrhafter Stärke, so waren die neuen mit Bedacht geduckt
gehalten, als sollten sie unsichtbar sein. Der Himmel selbst war ja inzwischen
zur Front geworden und es galten andere Gesetze. Die Häuser durften nicht mehr
zusammenstehen zu einer wuchtigen Burg, sondern verstreuten sich über das
Gelände, versteckten sich unter laubigen Bäumen als schwere, flache Quader mit
stumpfwinkligen, erdfarbenen Dächern.
Bald aber hatte die immerfort
wachsende Stadt die Kaserne eingeholt und sie mit zivilem Wohnbau umspült.
Hochhäuser und Hotels, mondäne Geschäftsgebäude und Appartmentparks. Somit war
die alte Kaserne, als ein bevorzugtes Angriffsziel, zu einem hohen
Sicherheitsrisiko geworden. Sie wurde stillgelegt und stand leer und verlassen,
als der letzte Panzer mächtig und eindrucksvoll durchs Tor hinausgerollt war.
Wegen der Kosten einer
Neubesiedelung und dem Fehlen ausgereifter Konzepte hierfür, blieben die alten
Gebäude vorläufig aber vom Abbruch verschont und wurden einer kleingewerblichen
Nutzung überlassen. Werkstätten für Handwerker und Ateliers für Künstler.
Aber es sollte sich in den
kommenden Jahren herausstellen, daß sich das Gelände so einfach nicht
zivilisieren ließe, denn es war uraltes militärisches Gebiet und ein alter
Geist hatte den Bauwerken seinen harten Stempel aufgedrückt und in die
Architektur etwas Dumpfbackiges und Graues eingewebt, als sollte sie dadurch
noch besser geschützt werden vor den Blicken des Gegners.
Dieses Tarnkleid aber machte
insbesondere den angesiedelten Künstlern zu schaffen, welchen es ein
natürliches Anliegen war, eine Herausforderung, die vorgefundene
Kasernenlandschaft zu gestalten, das Einförmige, das Militärische umzupflügen
mit creativer Hand und darauf die sinnenfrohen Blumen der Fantasie wachsen und
gedeihen zulassen.
Jedoch, kampflos wollte sich
der trutzige Geist der Kaserne, dieser zähe Fürstreiter einer barocken Staatsmacht,
weißgott nicht in die Knie und aus angestammten Sitz zwingen lassen und er
schwor einen heiligen Krieg, ganz speziell der Künstlerschar, die er samt und
sonders für nichtsnutzig hielt.
Zwischen Hallen und
Exercierflächen lagen die langgestreckten Gebäude der Mannschaften, zwei
Stockwerke hoch, in der Mitte eines jeden ein langer Gang, an dem links und
rechts wie vierkantige Waben die einfachen Stuben gelegen waren. In diesen
Häusern waren die Künstler einquartiert, lose organisiert in separaten
Mietervereinigungen.
Dieser Typus Haus war zu
keiner großen Gastlichkeit gemacht, denn seine ursprünglichen Bewohner, die
Soldaten, sollten ja nicht versinken in heimeliger Gemütlichkeit, sondern
wachsam auf der Lauer liegen.
Jetzt aber, nachdem dies fremde
Volk hier eingezogen war, geschah Merkwürdiges in diesen Häusern. Die Ateliers,
ebenso genutzt als Unterkünfte für das Künstlervolk, wurden von einem
eigentümlichen Staub befallen, der in braunen und grauen Strähnen aus dem
Nichts zu wachsen schien und sich in heimlichen Ecken zu groben Geflechten und
Teppichen verwob und kaum hinausgekehrt, von neuem zu wachsen begann.
Die jungen Leute schwiegen
sich anfangs schamhaft darüber aus, denn viele kamen direkt aus dem Elternhaus
hierher und waren noch unerfahren in selbstständiger Existenz. Ein jeder
glaubte, er selbst wäre schuld an diesen staubigen Zuständen. Allein, dem war
nicht so. Schon zu alten, glorreichen Zeiten hatte es der Alte Geist des Hauses
stauben lassen, um die Soldaten auch in Ruhezeiten auf gesundem Trab zu halten.
Doch das war nur freundschaftliches Geplänkel, gemessen an der Attacke aus Filz
und Staub, die jetzo das Haus heimsuchte, denn jetzo war Krieg.
Wohlahnend, daß die jungen
Leute diesem seltsamen Staubbefall durchaus Herr werden könnten, war eine
weitere Eigentümlichkeit des Hauses inkraft gesetzt. Kein Husarenritt ohne
flankierendes Geschütz, keine Stauboffensive ohne eine drastische Müdigkeit der
Betroffenen, die sie schiergar wehrlos machte. Einen Fluch von Schlafmützigkeit
und fortwährender Bettschwere war mit Leichtigkeit über die Eindringlinge, die
neuen Bewohner des Hauses gelegt; eine Waffe, derer sich der Gute Geist Vom
Alten Schlag“, wie er sich selbst nannte, mit Raffinesse bediente.
Schon nach wenigen Wochen
waren die Bewohner geplagt von fortwährender Müdigkeit und so mancher fand kaum
noch den Willen, sich aus dem Bette zu erheben, geschweige denn zu putzen oder
Staub zu saugen, so schläfrig waren sie Tag und Nacht. Zum Glück waren die
meisten Mieter ausschließlich Künstler, denen schöpferische Pausen durchaus zu
Gesichte standen, sorgten diese doch andrerseits für dichteste Schaffenskraft
in den kurzen Zeiträumen des Wachseins. Sonnige Inseln der creativen Exstase in
einem dunklen Meer aus Träumen und Ruhe.
Aber es gab auch
Freischaffende, Selbstständige, tätiges Volk, das sich hier eingenistet hatte
und das den vollen Tag brauchte, um das Nötige zu schaffen. Diese Kollegen
hatten zäh zu kämpfen, um dem Tag ein nützliches Ergebnis abzuringen.
Der Alte Staatsgeist war mächtig
und allgegenwärtig und er bewegte sich auf dem Gelände wie auf eigenem Grund.
Sehr gerne schlich er sich des nachts durch die dunklen Lagerhallen der
Kleinspediteure oder den öligen Werkstätten der Mechaniker, in denen er gierig
den Dunst von Dienst und Arbeit in sich hineinsog, Dort tankte er Kraft für die
mühevollen Inspektionen der Künstler-häuser, die ihm zutiefst zuwider waren, zu
denen er sich zwingen mußte mit größter innerer Härte, sollten die alten
Traditionen nicht untergehen in Schimpf und Schande durch die Hand der Kunst,
was immer das auch sein mochte.
Tief in der Nacht streifte er
auf leisen Sohlen um die Büsche, um die Häuser. Er hatte zugang zu jedem Haus
und nicht selten schlüpfte er, operativer Not gehorchend, in eine passende
Verkleidung: mal kam er deswegs als ein weinseliger Kunstliebhaber mit
schütterem Haar, ein anderesmal als eine junge, dynamische Kunsthoffnung von
Saft und Kraft.
Tarnung war sein
Spezialgebiet und niemals erregte er ungebührliche Aufmerksamkeit.
Wenn ihm ein leibhaftiger
Künstler über den Weg lief, mochte es ihm noch so nach Zähneknirschen und
Zornesglut zumute sein, Disziplin und militärische Zucht hielten sein Gesicht
in freundlichem Lächeln.
Gottlob blieb er meistens
ungestört bei seinen Rundgängen in den Häusern der Kunstvereine, denn so voller
Widerwurz waren da seine Gedanken, daß sich die schwersten Brocken davon
selbstständig Luft machten und durch seinen alten, trockenen Mund entwichen und
als Flüsterparolen in die Gedanken der Schlafenden eindrangen:
*Hatnochniemandemgeschadet,Zuchtundordnungvordermann,
Packsgesindel-arschaufreißen* Ferne Stimmen, eingewoben in tiefe Träume,
haßerfüllt und bedrohlich.
Es waren durchwegs
hoffnungsfrohe Leute, die hier eingezogen waren und alle waren sie voller
unschuldiger Pläne für ihr Leben. Diese alten Kasernengebäude waren einem jeden
von ihnen die Chance, preiswert zu leben und zu arbeiten in einer Stadt, in der
die Mieten alles auffraßen.
Kein Gedanke an einen
hinterhältigen Alten Geist, der dürstete nach einem Krieg.
Dessen Metier aber waren
Drill und Disziplin. Dafür hatte man ihn einstens in diese Häuser bestellt und
kein Filrefanz aus bunter Tandaradei durfte hier geduldet sein. Kampfeslustig
und kehlig lachte er in sich hinein.
Siegessicher, auch wenn seine
Flüche allesamt den gewünschten Erfolg noch nicht gezeitigt hatten. Es gab die
Dienst-habenden nicht mehr, die Spieße, die in der guten, alten Zeit die
Soldaten des morgens aus den Betten brüllten, erholt und doch nicht
ausgeschlafen und daher voller Haß und Angriffslust gegen einen erdachten
Feind, schuld am Tode aller Träume.
Nun aber blieben die Damen
und Herren des Hauses oft tagelang in ihren Federn und kamen nur
herausgekrochen, um sich etwas Kaffee oder eine Kleinigkeit zu essen zu machen,
sich zu räkeln und sich wieder in dieselbigen zurückzukuscheln.
Was Wunder, daß dieserart
wahrhaft ausgeschlafene Resultate künstlerischen Schaffens produziert waren.
Verwob der eine die grauen Strähnen staubigen fall-outs zu einer Komposition
über die Vergänglichkeit, in der das Sein sich immerzu verändert im Kontext
einer ewig gebärenden, ewig sterbenden Welt, so schnippte eine andere in den
wenigen Minuten ihrer physical awareness das immer neue Staubgespinst mit
heiterer Gelassenheit von ihrem Gemälde, durch das sie blicken konnte in die
Seele des Daseins.
Allein, die künstlerische
Ausbeute blieb in ihrem Volumen mager, so großartig manches Exponat auch war,
und mager blieben, bei den meisten, die Erträge, weil nur unzureichend ein
Verkauf betrieben ward. So mancher hatte zu kämpfen um das bißchen Geld für die
monatliche Miete. Unregelmäßige Zahlungen waren keine Seltenheit und die
Kassenwarte der Vereine hatten Monat für Monat alle Hände voll zu tun, den
fälligen Mietzins beizeiten zu überweisen. Noch schlimmer aber wog der
steigende Druck des Vermieters, des Bundesamtes für die Weiterverwertung
eingeschmolzener Kasernen, das sich über den Schmutz und das Chaos allerorten
monierte, die Teppiche von Staubfäden, die wie abgestreiftes Katzenhaar überall
einherwaberten, die Müllkartonagen und abgestellten Behältnisse und Möbelreste
in den Gängen. Häufiger kam es nun zu Inspektionen des Amtes, dessen Geist im
übrigen ein entfernter Vetter des Alten Schlags war. Und ein jedesmal ward man
unzufriedener mit dem, was man sah und daran änderte nichts der Anblick
schlaftrunkener, junger Leute, die unrasiert und dösend des Nachmittags in den
Gemeinschafts-Küchen herumlümmelten, als ständen sie unter Drogen. Beschwerden
von amtswegen nahmen zu, der Druck auf die Vorstände der jeweiligen
Kunstmietvereine wuchs, denn diese zeichneten verantwortlich für den Betrieb
der Häuser.
Besonders ins Visier geraten
war eines der quergestellten Gebäude inmitten des Areals, auf der westlichen
Seite des großen Exerzierplatzes gelegen. Dessen Vorstand war Friedhelm, ein
korpulenter, junger Mann, der sich den praktischen Weltblick des Handwerkers
bewahrt hatte und dem sonnenklar war, daß das Projekt „Kunst in der Kaserne“
auf des Messers Schneide stand und vom Tode bedroht war, wenn sich nicht Grundsätzliches
änderte.
Der Alte Geist kicherte
gackernd in sich hinein, als er während seines nächtlichen Rundganges im Haus
Friedhelms Einladung an alle Mieter zu einer dringlichen Versammlung an die
Türen geheftet fand. Sonntagabends in der Küche. Händereibend humpelte da der
Alte Schlag davon, wissend, daß sich die Dinge zu bewegen begannen. Er würde
dem Dreckspack Beine machen.
Die Küche war gutbesucht,
Sonntag Abend war eine treffliche Zeitwahl gewesen.
Kleinen Spickzettel in Händen,
begann Friedhelm seine Rede, seine Mahnung an seine Mitbewohner, die vor ihm
bequem auf Stühlen und Sofas lagerten und guter Stimmung waren.
„Wie ihr alle wißt, ist hier
im Hause die Kacke am Dampfen. Das BfdVeK hat alleine in den letzten sechs
Wochen l4 Begehungen vorgenommen. Wir haben vor drei Tagen ein Schreiben der
Frau Krull bekommen, der zuständigen Sachbearbeiterin im Amt, in der sie uns
vorhält, hier im Haus würde sowohl in der Nutzung, als auch in der
vorgeschriebenen Hauspflege permanent gegen die geltenden Mietverträge
verstoßen. Und das sie das nicht länger hinnehmen will.“ „Aber, ja..“ kam da
ein erster Zwischenruf aus dem Auditorium, den Friedhelm ignorierte und
sachlich fortfuhr: „Ihr wißt, die Verträge laufen Ende diesen Jahres aus und
nach dem momentanen Stand der Dinge, werden sie auch nicht mehr verlängert
werden, obwohl die Arbeiten für die Neugestaltung des Geländes erst für Mitte
20l5 konzipiert sind. Aber, ich glaube, (lauteres Gemurmel im Raum), ich glaube
es liegt an uns, etwas zu tun und die Leute zufrieden zu stellen, denn besser
und billiger als hier werden wir’s weißgott nirgendwo sonst kriegen.“ Der Alte
Geist juxte vor Freude. Als ein blondgeschopfter Kamerad aus alten Kindertagen
war er heute im Haus unterwegs und lauschte, natürlich, an der Küchentüre.
Friedhelm war die rechte Wahl gewesen. Auf ihn hatte er speziell gezielt, ihm
hatte er besonders nachhaltig eingeflüstert in seine Träume. Und es hatte sich
gelohnt. *Ordnung muß sein, da helfen keine Klagen und kein Weibsgewäsch.
Jemand muß das Sagen haben, alle müssen tanzen. Zucht ist die halbe Miete, denn
ohne Disziplin gehts zurück an Mamas Schürze. Mit Mannesmut und fester Kraft
ist aufs redlichste der Tag geschafft. Wohlan, Kopf hoch mit frischem Mute.*
Bei keinem dieser Nichtsnutze spürte der Alte Schlag solch eine Empfänglichkeit
seiner Weisheiten wie bei Friedhelm, der wahrhaftig das Zeug zu einem großen
Soldaten gehabt hätte.
Und tatsächlich lösten die in
seinen Schlaf geflüsterten Parolen des Alten Schlags etwas warmes in Friedhelm
aus, als hätte er all das schon als Kind wieder und wieder gehört, als trügen
ihn diese heimlichen Worte auf den Schwingen der Erinnerung in eine
Geborgenheit der Kindheit zurück, als wären deren Kälte und Strenge liebevoll
und zu seinem Wohl gewesen.
„Als dringlichstes“, fuhr er
nun fort in seiner Rede, „müssen die Gänge gereinigt werden, da die darin
abgestellten Sachen gegen Brandschutzbestimmungen verstoßen. Da kommen wir
nicht drum herum und bevor wir jemanden engagieren, der das für teureres Geld
macht, machen wir das besser selbst. Oder?“ (Gezischel auf den Sofas.) „Also
das ist jetzt alles kein Diskussionsvorschlag, nichts, über das wir uns groß
streiten müßten, denn dies ist eine echte, amtliche Anordnung, gegen die wir
nicht ohne Folgen verstoßen können. Das Haus muß gesäubert werden.“ (Gelächter
aus dem Publikum.) Und schon kam es zu Diskussionen, teils recht lautstark
geführt.
Der Alte Schlag erkannte die
strategische Bedeutung des Augenblicks und dreckte, in einer Blitzaktion quasi,
den Gang des Hauses ganz besonders stark ein, indem er in entschlossenem
Stechschritt durch ihn hindurchparadierte mit furchterregender Marschmusik in
seinem Herzen.
„So schlimm ist das alles
doch garnicht“, hörte er noch einen Streithahn in der Küche lamentieren. Dann
war er schon verschwunden in der Nacht.
„So schlimm ist es eben doch.
Schau dir doch den Müll mal an.“ widersprach Friedhelm zornig. Die Tür ging auf
und die Streithansel traten auf den Gang und was sie dort sahen, brachte alle
zum Schweigen.
So verwüstet hatten sie ihren
Hausgang noch nie gesehen. Abgestelltes Mobiliar und Müll wuchsen wie
Krebsgeschwüre aus den Wänden, unkenntlich gemacht durch dicke Fladen aus Staub
und Filz, einem dunklen Labyrinthe gleich.
Friedhelm selbst war verblüfft
über das Ausmaß der Verschmutzung, dessen sie nunmehr ansichtig wurden, denn
sooo grob und derb eingesaut wie jetzt hatte er den Gang weißgott noch nie
gesehen und er war voll des heimlichen Stolzes über die suggestive Kraft seiner
Worte. „Also. Wer stimmt mir da jetzt nicht zu.“ fragte er in die Runde.
Die Zeugen blickten betreten
zu Boden und keiner widersprach ihm mehr. In ihre staunende Wortlosigkeit
drangen den Betrachtern mahnende Worte aus traumverschleierten Kindertagen wie
Heimweh in’s Gedächtnis:
Wassollausdirwerden,
Reißdichamriemen, Denkauchmalandeinealteneltern
Es wurden zwei nahe Termine
vereinbart, Wochenenden, an denen das Haus gereinigt und der Müll entsorgt
werden sollte. Allen ward dringlichst anempfohlen, mitzutun. Und jenen, die sich,
warumauchimmer, weigerten, wurde gekündigt und sie wurden hinausgeworfen aus
der Hausgemeinschaft und ihre Nachmieter eingehend instruiert über die
geltenden Gepflogenheiten des Hauses.
Und es war nicht damit getan,
einmalig das Haus gereinigt zu haben. Leer die Gänge und die Toiletten geputzt.
Nein. Man mußte es auch weiterhin sauberhalten, es warten und pflegen.
Arbeitsteams wurden eingerichtet, die in regelmäßigem Turnus Dienst taten rund
um das Haus. Badreinigen, Gänge wischen, Müll verklappen.
Nicht ohne Stolz empfing man
nun beim darauffolgenden Mal die Damen und Herren Inspekteure aus dem Amt.
Diese nahmen die Veränderungen im Haus lächelnd zur Kenntnis und blieben doch
sachlich und distanziert, wie es ihrem Dienststande angemessen war.
Allerdings, die neuen Regeln
des Hauses blieben für die Bewohner nicht folgenlos; denn, angeregt von
nützlichem Gemeinschaftsdienst, hatte so manch einer bemerkt, wie wohlig
aufgeweckt es sich selbst hier in diesen alten Mauern leben ließe und mit welch
besänftigtem Gewissen obendrein. Es galt ja nur gleich morgens aus den Federn
zu schlüpfen und entschlossen das Haus zu verlassen. Viele suchten sich Jobs
und sinnvolle Tätigkeiten in der Stadt, dies und jenes, um tagsüber jenseits
des ermüdenden Geländes zu sein. Und mit der Kraft eines wachen Tages hielt man
das Haus tiptop in Schuß, die Bäder blieben geputzt und der Staub gefangen.
Allein, die Produktion von
Kunst, vorher schon von dünnem Umfang, ließ dadurch noch stärker nach und kam
im Grunde genommen ganz zum Erliegen.
Diese extatischen Inseln der
Wachheit in einem Meer immerwährenden Schlafes, aus denen sich die Magie
hinaufschwingen konnte in grenzenlose Höhen, waren bald vollends verschwunden.
Man war wach und munter geworden den ganzen Tag und doch war man nie da. Keine
Zeit. Zu beschäftigt mit der Flucht vor dem sündigen Schlaf und den Träumen und
angetrieben von den mahnenden Worten aus alter Zeit.
Inzwischen war es Herbst
geworden und in der Kaserne schütteten die Bäume entlang der Auffahrten und
Straßen ihr trockenes Laub zu Boden.
Es war in letzter Zeit wieder
häufiger zu Begehungen durch das Amt gekommen, denn die beantragte Verlängerung
des Mietvertrages über das Jahresende hinaus stand zur Disposition. Man scheute
keine Mühen, um wohlwollende Argumente für die Kunst zu sammeln. Aber man wurde
seitens des Amtes beim besten Willen nicht fündig, zumal die Entwicklung des
Hauses in gewisser Weise eine bedenkliche war. Wann immer man das Haus beging,
fand man es leergefegt und sauber und ohne einen Menschen.
Kein Hämmern irgendwo, kein
Schnarchen, keine Maler, die vor einer Leinwand mit gestrecktem Pinsel Maß
nahmen, keine Sonnenhüte, keine Staffeleien mit halbfertigen Gemälden, keine
extatischen Zeichner auf der Wiese, keine Nackedeis, die sich den schönen
Künsten offenbarten, keine Musikanten, die flott dem wilden Leben ihre muntren
Ständchen spielten. Kein bißchen Paris. Nichts.
Stattdessen blickte das Amt
durch eine zierliche Gardine, denn es gab nichts zu verbergen, in eine
aufgeräumte Wohnstube, mit einer feinen Decke auf dem Tisch, mit einem
ordentlich gemachten Bett in der Ecke, über das sich noch die strengste Mama
gefreut hätte, mit einer wohlig schnurrenden Katze auf dem Fensterbrett. Weit
und breit nicht eine Spur von schöpferischem Gewerbe wie es vorgesehen war in
den Verträgen.
Keine Skulpturen, keine
Monstrositäten, kein Weltschmerz. Noch nicht einmal ein kleiner, verschlafener
Literat, gedankenverloren sinnierend, begegnete ihnen mehr in den Gängen dieses
Hauses. Was, indreigottesnamen, ging hier vor?
Nein, nein. So war das nicht
gedacht und in anbetracht der Eindrücke und Fakten, die das Amt gesammelt
hatte, konnte an eine Vertragsverlängerung für das Haus nicht mehr gedacht
werden. So geschah es, daß die Mieter und Untermieter des Hauses Punkt 24 Uhr
des 31.12.2012 das Haus unter amtlichem Druck geräumt hatten und in alle vier
Winde verstreut waren. Zutiefst enttäuscht.
Nicht so der Gute Geist Vom
Alten Schlag. Dieser feixte vor Vergnügen, als der letzte Künstler aus dem
Hause war. Sie hatten seine feste Burg lange genug geschändet mit ihrer bloßen
Anwesenheit. Dieses fürchterliche Dreckspack. Stolz und Freude füllten seine
Brust und aufrecht stand er in der Sonne seines Sieges.
Er war nicht tot, weißgott.
Er hatte noch so viel zu richten.
Soviel gab’s noch für ihn zu
tun, wohin sein Blick auch schweifte.
Und so ging er’s an und brach
entschlossen auf zu neuen Taten.
© G.Lassen 12.2.2001
www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de