Ein Kind [...], das statt der Schularbeiten lieber auf der Straße spielen will, was die Eltern aber verboten haben, kann diesen Konflikt zwischen expansivem Impuls und Elterngebot mildern, indem es sich mit dem Vater identifiziert, der ja auch in seinem Büro sitzt und arbeitet.“ (Elhardt. Tiefenpsychologie. S.50-52)
Identifikation ist für das
Kind ein Modus sozialen Lernens, des Eingeführtwerdens in die Gesellschaft, in
der es aufwächst. Das Kind folgt dem Beispiel des Vaters, ohne dessen
Handlungsmotive voll nachvollziehen zu können, es handelt, wenn man so will,
‚vorvernünftig’. Identifikationen
dienen jedoch nicht nur dem leitlinien-gemäßen Erwachsenwerden eines Kindes,
sie sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und bestimmen wesentlich Handeln
und Bewußtsein im Alltag. Alternde
Arbeiterfrauen träumen von und mit den königlichen Familien Europas, deren
Schicksale ihnen „die aktuelle“ oder „Das Goldene Blatt“ in die Mietswohnung
tragen. Jugendliche ahmen Mode und Stil beliebter Popstars nach und heulen bei
bei Bandauflösungen, als beträfe sie dies unmittelbar selbst. Bildungsbürger
mögen nicht einsehen, daß sie mit J.W.v.Goethe, Thomas Mann oder der
Schumann-Familie kaum dieselbe Schriftsprache verbindet.
Als besonders furchterregend
erweisen sich U-Bahnpassagiere, die dem zivilen Kontrolleur verständnisvoll
lächelnd den Fahrschein reichen und einen schönen Abend wünschen,
Gewerkschafter, die zur Mäßigung aufrufen und Arbeitgeberpositionen schon
verstehen können, und Schüler, die „voll einsehen“, daß - dem wohlwollenden Rat
des Lehrers folgend - eine minderwertige Schule für sie genau das Richtige
ist. Identifikationen mit Personen,
Ideen, Symbolen oder Orten werden von Menschen selbst gepflegt und
reproduziert, ein sichtbarer Zwang hierzu besteht nicht. Nichtsdestotrotz wird
das Prinzip der Identifikation mit Vorbildern als soziales Lernprogramm,
aufgrund seiner Wirksamkeit, von Entscheidern und Machern nach Möglichkeit
gefördert. So fordert Joseph Fischer, daß der gute, weil verantwortungsvolle
Deutsche sich hinter Fahne und Soldaten zu stellen hat, selbst bei anderer
Ansicht, jedoch um der Stabilität des gemeinsamen Identifikationsideals willen.
Tageszeitungen und Magazine sind voller Bemühungen um Standort und/oder Nation
und zwar im Politik-, im Wirtschafts- und im Kulturteil. Parteien und ihre
Ableger betreiben verfassungsgemäß Willensbildung, ein Beispiel gibt uns die
FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung:
„Unser Sozialstaat ist am
Ende. Ausufernde Transferleistungen, staatliche Rundumversorgung und Anonymität
haben unser Sozialsystem in jeder Hinsicht überlastet. Wo der Staat alles
regelt, geht die zwischenmenschliche Solidarität mehr und mehr verloren. Was
fehlt, ist ein Freiraum, in dem Eigenverantwortung wachsen kann.“ (magazin.
Friedrich-Naumann-Stiftung. 3/01)
Soll heißen, jeder muß
schauen, wo er bleibt. Wer versagt, hat immer noch die Hoffnung auf
Kleidersammlungen und Suppenküchen der Christen, oder, um es mit Thomas
Ebermann zu sagen: „Der Obdachlose allerdings, der im Winter nicht Unterschlupf
in einer Kammer der Mutter oder des Bruders findet, dient Deutschlands
Konkurrenzfähigkeit am entschiedensten, wenn er sich in den Schnee legt und
erfriert.“ (Ebermann: Standort-Esoterik) Um den vermutlichen Verlierern ihre
Schädigung schmackhaft und den potentiellen Gewinnern lüsterne Hoffnung zu
machen, ist es also ein brauchbares Mittel, eine Identifikation aller
Betroffenen mit dem Gedankengut der zuständigen Entscheider anzustreben, um
Verständnis und Einsicht nachzufragen, nach dem Prinzip: Was würden Sie denn an
meiner Stelle tun? Hm? (Sie lieben Deutschland doch auch?/Sie verstehen die
Zwänge des Marktes doch auch?)
Hier kommt zur Identifikation
mit den hierarchisch Höherstehenden der Aspekt scheinbarer Vernunft hinzu, der
dem Kind - wir erinnern uns - noch abgeht.
Elhardt erklärt hierzu
folgendermaßen:
„[Der kindlichen] normalen
und lebenswichtigen Bedeutung des Identifikationsvorgangs steht diejenige
gegenüber, bei der Identifikation überwiegend unter starkem Konfliktdruck und
zur Abwehr emanzipativ lebensnotwendiger Bedürfnisse verwendet werden mit
entsprechenden pathologischen Folgen.“ (Elhardt. S.50/51)
Erwachsenwerden heißt
demnach, Identifikationen als solche zu erkennen und sich davon zu befreien,
wenn sie unhaltbar geworden sind. Emanzipation und eigenes Urteil haben aber
auch ihren Preis: „Identifikation vermittelt Schutz, ihre Lösung
Selbständigkeit, aber auch oft Einsamkeit, ein Weg zur Reife, dem schon aus
diesem Grund Grenzen gesetzt sind.“ (Elhardt. S.52). Wer hieran zweifelt, sei aufgefordert, sich auf der Wies’n an
einen arischen Tisch zu setzen, ein paar Maßen mit den neugewonnenen
Trinkgenossen zu stürzen und im Anschluß daran die deutsche Nation zu dekonstruieren. Wer nun Identifikationen aufrechterhalten
will, welcher die herangereifte Urteilskraft erwachsener Menschen eigentlich
hohnlachen müßte, bedarf eines zweiten Abwehrmechanismus’, der
Rationalisierung. Diese liefert Scheinargumente, um Identifikationen
aufrechtzuerhalten. Verdeutlicht ist ein solches Verhalten in der Fabel vom
Fuchs, der die zu hoch hängenden Trauben nicht erreichen kann und sich mit der
Selbsterklärung, die seien ohnehin sauer, von dannen schleicht.
Die Identifikation als
psychologisches Phänomen unterdrückt Aggressionen, löscht sie aber nicht aus,
was dann zu Neurosen führt. Die Identifikation als soziales Phänomen
unterdrückt soziale Emanzipation, Resultat sind, wenn man so will, soziale
Neurosen wie Patriarchat, Nationalismus, Massenalkoholismus und
Formel-1-Begeisterung. Einzig Erfolg spricht Recht oder Unrecht zu, Infineon
hatte mal recht und wurde in der Börsenwelt gefeiert, die Kommentare des
Infineon-Meisters in Stein gehauen, und später ebenso schnell umgestoßen
(Versager!), das Identifikationspotential mußte sich neue Helden suchen. So
berichtet das immer lesenswerte Medium „mobil“ der Deutschen-Bahn-AG in einer
Sommerausgabe (07/2001) vom „Forschungsmekka“ Martinsried und lobpreist die
Biotech-Firma „4SC“, was eigentlich als ‚for smart chemistry’ gedacht sei, neuerdings
jedoch für ‚for success’ stehe. Da die Firma sich ständig vergrößert, haben die
drei schleimigen Jungmanager offenbar recht, sind also identifikationsfähig.
Freuen wir uns mit ihnen, denn das wird von uns verlangt und auch geliefert,
feiern wir fremden Erfolg als eigenen und sehen von der Verbesserung
allgemeiner und damit eigener
Lebenssituationen ab, vielleicht haben wir ja gar nicht das Zeug dazu:
„Ich habe nichts dagegen,
dass jemand nach den Marktgegebenheiten bezahlt wird.“ (Hans-Olaf Henkel im
Interview. Ebenfalls mobil 07/2001) #7
Literatur:
Elhardt, Siegfried:
Tiefenpsychologie. 14. Aufl. Stuttgart u.a. 1998
Ebermann, Thomas:
Standort-Esoterik. In: Ganzheitlich und ohne Sorgen in die Republik von Morgen.
Aschaffenburg 2001. S.97-115
www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de