Man stelle sich folgende Situation vor dem 11. September vor : Man sitzt in gemütlicher Runde zusammen, macht ein, zwei Bier auf und plötzlich ,nach weiteren 2,3 Bier, fällt es einem wie Schuppen von den Augen und die Frage brennt einem auf der Zunge : „Legen die da unten in den arabischen Ländern eigentlich ihre eigene Religion richtig aus?” Eigentlich eine absurde Situation, möchte man meinen, wieso aber ist diese Frage seit den Terroranschlägen so verbreitet?
1.Ein wenig zur Vorgeschichte
: Sofort nach dem Anschlag war allen hierzulande klar, wer der Schuldige ist :
Osama bin Laden und seine irrgeleiteten Islam - Hänger. Anhand dessen, was und
mit welcher Methode hier zerstört wurde, war auch klar, in welcher Weltgegend
die Täter zu suchen waren und welch höhere Ziele sie antrieben. Dies jedoch
gleich als Grund anzugeben, die Taten gar be- und nicht verurteilen zu wollen,
das war verboten, denn nach guter demokratischer Sitte geht mit dem Willen zur
Erklärung immer gleich die Billigung einher. Wer solch verwerfliche Mittel
gegen Amerika und damit gegen „uns“ anwendet, der kann auch nur böse Zwecke
haben, der kann einfach nur ein total verrückter Religionsfanatiker sein.
Andere Gründe hat es nicht zu
geben und wer nach Solchen sucht, macht sich gleich als Anti-Amerikaner
verdächtig.
2.Jetzt wäre es natürlich ein
naheliegender Schluss, den Grund für solche Entgleisungen in der Religion
selbst zu suchen, gar religionskritisch zu werden und keine säuberliche
Unterscheidung zwischen guten Gläubigen und Fanatikern zu machen. Aber hier
wurde seitens der Politik und der Medien immer Einhalt geboten. Orientalisten,
Theologen und andere Sachkundige waren sofort zur Stelle um uns darüber
aufzuklären, wie friedliebend der Islam doch sei, könne man doch Alles im Koran
nachlesen. Grundsätzlich war keinerlei Religionskritik zu finden, denn eins ist
klar : Man weiß um den Wert, den der Glaube für ein funktionierendes
Gemeinwesen hat, ob es nun brave Christen hier oder untertänige Moslems in
islamistisch regierten Ländern dort sind. In aller Herren Länder ist die
Methode von Staaten geschätzt, Religion zu erlauben und damit für sich als
sittliche Untermauerung des Gemeinsinns zu instrumentalisieren.
3.Deshalb wird bei aller
Verteufelung des Fanatismus nicht gleich der ganze Islam verdammt, sondern es
wird eine Unterscheidung vorgenommen : Der gute und der böse Islam.
Bewertungsmaßstab bei der
Frage ist allerdings nicht der Glaube an sich, ob es denn der Richtige oder der
Falsche ist, so etwas ist im toleranten christlichen Abendland schließlich
nicht mehr angesagt. Gerade in Amerika hat man doch die Erfahrung gemacht, dass
praktisch jede Religion als moralisch einigendes Band der Leute taugt. Solange
man guter Amerikaner ist, darf man auch ein guter Hindu, Christ, Jude oder
schlimmstenfalls sogar Atheist sein.
Der Maßstab der Beurteilung
ist hier ein anderer : Nämlich das Verhältnis zum Staat, in das sich der Glaube
setzt.
4.Guter Glaube ist nämlich
nur der, der sich grundsätzlich in seinem Gemeinwesen und dessen Sitten und
Werten zu Hause fühlt, also einer, der sich zwar auch mal kritisch zu Wort
meldet, aber sich dabei selbst immer konstruktiv aufs Mitmachen verpflichtet.
Dabei mag oft das Problem auftreten, dass sich das, was jetzt gerade von der
weltlichen Herrschaft angesagt ist, überhaupt nicht mit dem vereinen lässt, was
sich der Gläubige als seine persönliche oberstgültige Maßregel vorstellt : Die
Ge- und Verbote, also das Moralregelwerk seiner Religion. Gute Gläubige können
jedoch mit solchen Widersprüchen leben, dabei ist aber eines immer
vorrausgesetzt : Die gottgewollten Regeln, die immer einen Anspruch auf
absolute Gültigkeit haben ,müssen an der wahren weltlichen Absolutheit, also
dem Staat relativiert werden. Es hat eine klare Priorität des Staates gegenüber
dem Glauben zu herrschen und wer diese Priorität auf den Kopf stellt, also den
Glauben absolut gegen die Politik setzt, der setzt sich damit ins Unrecht.
Religion ist als
Privatangelegenheit immer erwünscht, aber auch nur als solche und so muss der
gute Christ jetzt einsehen, dass er zwar seinem ärgsten Feind die andere Backe
hinhalten soll, aber noch lange nicht den zweiten Turm, wenn der erste
eingestürzt ist. Dann heißt es nämlich gerade : „Gott ist im Kampf zwischen
Terror und Gerechtigkeit nicht neutral!” (George W. Bush),womit auch schon
jeder Gewaltaktion im Namen der Terrorbekämpfung die höhere Weihe verpasst
worden wäre.
Wenn solche Maßstäbe bei der
Beurteilung von Religion gelten, dann ist auch schnell der schlechte Glaube
gefunden : In diesem Fall
einer, der erstens einhergeht mit einem enttäuschten, erfolglosen
Nationalismus, der sich an den Vorgaben der erfolgreichen Staatenwelt
abarbeitet, zweitens die Erfolglosigkeit des nationalen Interesses gleich als
Verletzung eines Rechts auf Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung
interpretiert. Und für den drittens der Grund des Ganzen darin liegt, dass die
vorliegende von den USA eingerichtete Staatenordnung Gottes Wille nicht genügt
und deshalb Teufelswerk ist.
Wo Religion sich in das
Gegenteil dessen umkehrt, was „zivilisierte“ Staaten so an ihr schätzen, wo sie
also dysfunktional wird, da ist eine theoretische Unterscheidung zwischen ihrer
tauglichen und schädlichen Variante und eine praktische Bekämpfung der Letzteren
geboten. (Landplage)
www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de