Schon bei der Clinton-Regierung sei China Frühstücksthema und Sorgenbereiter zugleich gewesen - so äußerte sich Paul Kennedy, Autor des Buches „The Rise and Fall of The Great Powers“. Auch wenn die USA unter Clinton eine beispiellose Boomphase nach Ende des Kalten Krieges erlebt hätten, bestände kein Grund zur Entwarnung. Die Machterosion der einzig verbliebenen Supermacht hielte an - vor allem angesichts des Aufstieges der VR China. Schon in seinem Buch „Goodbye Nipon“ hatte Daniel Burstein ähnliche Thesen vertreten bezüglich Japans, doch scheint die Asienkrise das Land der aufgehenden Sonne eher in Richtung Sonnenuntergang am Horizont zukünftiger Entwicklungen gedrückt zu haben. Die VR China hat jedoch die Ostasienkrise - im Gegensatz zu Japan- vorerst sehr gut überstanden, wenngleich erhebliche Probleme für die innere Stabilität bleiben:
Das Wachsen des sozialen
Gefälles, zwischen Küste und Hinterland, das Unsicherheitsgefühl breiter Teile
der Bevölkerung angesichts des dramatischen Wandels, die noch abzuwickelnde
Reform des defizitären Sektors der Banken und Staatsunternehmen, der Aufbau
eines rudimentären Sozialsystems, die Legitimitätserosion der KP China, die
sich auch im Aufkommen solch obskurer, doch zugleich mächtiger Sekten wie der
Falungong äußert.
Damit wären die Phänomene
noch bei weitem nicht alle genannt.
Chinesischer Nationalismus
Doch sollte man auch sehen, dass seit 1989 eine neue Generation von Studenten und Jugendlichen herangewachsen ist, die - trotz aller Gängelungen- in dem Kurs der VR China auch ihre Chancen sehen und bei der mit dem wirtschaftlichem Erstarken sich auch ein starkes Nationalgefühl herausbildet.
Dieser Patriotismus oder auch
Nationalismus wird durchaus auch von breiten Teilen der Exildissidenten
geteilt, wie es etwa der ehemalige Mitarbeiter an der chinesischen Botschaft in
Ostberlin und heutige Dissident Ding Ding in einer Analyse der Demokratiebewegung herausstellt. Der Nationalismus, so Ding
Ding , sei die Archillesferse der Demokratiebewegung. Ähnlich wie schon unter
Bismarck der politische Liberalismus angesichts des Nationalismus hinten
angestellt wurde, vor allem in der Frage der nationalen Einheit, so kann dies
analog auch im Falle etwa Taiwans Geltung erlangen: Wirtschaftsliberalismus und
Nationalismus statt politischer Liberalismus. Von daher bieten Wachstumsraten
und wirtschaftliche Chancen gepaart mit nationalen Gefühlen immer noch einen
relativ verlässlichen Kitt, der die VR China zusammenhalten kann, setzt die KP
China , wie aber auch demokratische Gruppierungen unter einen gewissen Druck in
Legitimitätsfragen. Zumal man auch die Geschichte auf seiner Seite wähnt: 1997
Hongkong, 1999 Macao, fehlt also nur noch Taiwan zur territorialen Integrität.
Ob man sich dann damit zufrieden gibt, bleibt umstritten und fraglich. Viele
Chinesen werden leicht davon zu überzeugen sein, dass Greater China es
zukünftig mit den USA, Japan und Europa aufzunehmen haben. Ähnlich wie nach der Befreiung“ 1949 kehren
auch viele im Ausland ausgebildete Jungchinesen und Akademiker zurück, um beim
nationalen und wirtschaftlichen Aufbau ihres Landes mitzuwirken - freilich aus
durchaus utilitaristischen Motiven und unter wesentlich günstigeren Bedingungen
als etwa in den 50er Jahren. Das Bekenntnis zur Nation und Wirtschaftschancen
gehen da Hand in Hand. Bestärkt wird diese nationale Aufbruchsstimmung zum
einen durch Kulturchauvinismus: dass China eine über 4000- jährige Geschichte
und (Hoch-)Kultur habe, ist so das erste, was die Langnase und der westliche
Barbar allerortens zu hören bekommt. Die Delle des Kolonialismus und der
nationalen Demütigung soll nun erst recht wettgemacht werden. Die Akademie für
Gesellschaftswissenschaften hat zumal kürzlich erst das ehrgeizige Ziel
formuliert, China solle in diesem Jahrhundert zu einem geistigen und
kulturellen Zentrum der Welt mit Ausstrahlungskraft aufsteigen. Während
deutsche und europäische Philosophen höchst angesehen sind, ja ein Habermas
zuletzt durch China tourte, gilt alle Verachtung der „Cowboy-Kultur“ der USA.
Verstärkt wird dies durch die Ernennung von George W. Bush, der als
Personifikation des schießwütigen High-Noon-Cowboys aus Texas im speziellen,
allgemein des kultur- und geschichtslosen „Ugly American“ schlechthin gilt
.Auch durch politische Ereignisse wie
den Zerfall der einstigen Weltmacht Sowjetunion, die fragliche
US-Präsidentenwahl, aber vor allem chinaspezifische Exzesse wie der
Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad und nunmehr durch die
Auseinandersetzung der USA mit der VR China um das Spionageflugzeug, heizen den
sich aus vielen Quellen speisenden chinesischen Nationalismus weiter an. Dabei wird offensichtlich, dass viele
chinesische Bürger sowohl im In- wie aber auch im Ausland eine wesentliche
härtere Gangart fordern als die KP China selbst.
Zwar kann von einer
öffentlichen Meinung im Sinne westlicher Strukturen in der VR China noch nicht
die Rede sein , doch hat die Partei sehr wohl das Ohr an Volkes Meinung, wie
sich auch eine Teilöffentlichkeit im Lande und vor allem unter den
Auslandschinesen herausgebildet hat, die einander befruchtet. Nicht zuletzt
durch die neuen Informations- und Telekomunikationsmittel wie das Internet,
wenngleich die KP China dieses immer noch relativ gut kontrollieren kann. Wie
schon Henry Kissinger in „Die Vernunft der Nationen“ am Beispiel Russlands
erläuterte: Nicht jeder Demokrat ist auch unbedingt kein Nationalist. Will
sagen: Selbst ein demokratisches China muss deswegen noch lange nicht weniger
nationalistisch oder gar weniger imperial sein denn ein kommunistisches. Die
Hoffnung in liberalen Kreisen auf eine Erosion der KP China oder eine
Systemtransfromation von oben gepaart mit einer friedlichen Wiedervereinigung
mit Taiwan bedeutet ebensowenig ein Verschwinden der Rivalität mit den USA. Ein
demokratisches oder semidemokratisches Großchina könnte ebenso erst Kräfte
freisetzen, die zu Chauvinismus und Wirtschaftsboom führen und die Rivalität
mit den USA erst recht entfachen könnte. Kissinger warnte schon recht früh
analog vor zu hohen Erwartungen bezüglich Russlands: Selbst ein demokratisches
Russland bedeute zwar eher die Möglichkeiten Konflikte regeln zu können,
umgekehrt aber keineswegs das Ende von Konflikten, imperialer Großmannssucht ,
zumal auch gerade die öffentliche Meinung wieder als schwer berechenbare
emotionale Variable hineinwirken könne.
Supermacht USA in Erosionsängsten
So häufig die Frage gestellt wird, ob und wie sich das aufsteigende China friedlich in die „Weltgemeinschaft integrieren lasse und Analogien zu Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg kursieren, wird umgekehrt selten die Frage gestellt, ob die USA friedlich, bzw. wie die USA auf einen möglichen Niedergang ihrer Supermachtstellung reagieren werden. Dass eine demokratische Supermacht ihrem Niedergang auch friedlich, weil halt demokratisch zusehen werden, scheint da vorschnell und allzu vertrauensseelig ausgemacht.
Dabei hat bisher nur der
ehemalige Präsidentenberater Brzezinski mit seinem Buch „The Grand Chessboard“
das im wesentlich einzige konzeptionelle , wenngleich sehr optimistische
geopolitische Design eines solchen Übergangs vorgelegt. Ein eurasischer Block
gegen die USA solle mittels Manipulationen verhindert werden und unter anderem
eine OSZEA (Organisation for Security and Cooperation in Eurasia) die bisherige
OSZE ersetzen. Doch dergleichen ist noch Zukunftsmusik, ferne Vision und eine
unabwägbare Perspektive, zumal die geopolitisch reduzierte Sichtweise, das
optimistische Vertrauen auf die hard und
die soft power der USA von Brezinski
als Konstanten eingerechnet
sind und sich zudem die Frage stellt, ob diese Sichtweise auch von den
zukünftigen US-Regierungen geteilt wird. Denn die bisherige Politik der
Regierung von US- Präsident George W. Bush zeigt, dass die USA emotional sehr
viel untaktischer handeln können als es von einem Brezinski vorgesehen und
erwünscht wird. Die Verunsicherung der USA gegenüber dem erstarkenden China war
schon unter Clinton zu spüren. Erst recht nun unter Bush jr., der dies nur
klarer benennt, jedoch umso nervöser reagiert. Seine Antwort ist eine
einseitige Politik der Stärke, des gesteigerten Unilateralismus mit den
Konzepten des Kalten Krieges und wird auch von ehemaligen Wegbegleitern Reagans
und seines Vaters wie etwa dem CIA-Beraters und Strategieexperten Chalmers
Johnson heftig kritisiert
Zwar teilt Chalmers Johnson
vieles an Brzezinskis Konzeption nicht, die ihm zu weltpolitisch weitschweifend
und multilateralistisch anmutet, doch seine wesentliche Kritik an der neuen
Regierung wirkte gerade zu prophetenhaft:
Er sah „einen Mangel an
Besonnenheit und eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung
anderer Nationen“ voraus. Zwar seien die USA nach wie vor in der hard power
führend, aber gerade durch die Vernachlässigung der soft power entstünde für
die USA die Gefahr, die Titel seines Buches wurde: „Ein Imperium verfällt“.
Denn diplomatisches Geschick
und eine strategische Gelassenheit und Geduldigkeit ist bisher bei der neuen
Administration noch nicht erkennbar. Was nicht ist, kann jedoch noch kommen -
und sei es unter einer anderen Regierung. Dennoch bleibt der mittel- und
langfristige Aufstieg Chinas eine absehbare Konstante, mit der sich auch
künftige Regierungen herumschlagen müssen. Daher wäre es von Nöten, die
Kräfteverschiebungen auch einmal näher zu analysieren, wie auch die sich
ergebenden Optionen. Denn auch einige irrational wirkende Manöver der Regierung
von Bush jr. haben einen durchaus rationalen Hintergrund und würden auch von
einer Regierung Clinton oder auch eines möglichen US-Präsidenten Daschle
geteilt.
Hinderlich bei einer Analyse des Umgang mit der VR China ist die
grobschnitzartige Einteilung dieses Landes in entweder „Regional-„ oder
„Weltmacht“. Ebenso falsch ist auch die kulturalistische Festschreibung einer
„impansionistischenTradition“ , wie es etwa der deutsche China-Papst Oskar
Weggel vornimmt. Denn derartige Werte und Traditionen sind je nach
wirtschaftlicher , militärischer und politischer Stärke einem Wandel
unterworfen, genauso wie in den USA verschiedene Strömungen und Traditionen
gesehen werden, die zwischen isolationistisch und imperial „schwanken. De facto
bleibt aber festzuhalten, das die Umstände und die sich ergebenden Optionen
mehr das Bewußtsein bestimmen als metaphysisch vermutete Geister und
Traditionen. Ein sich industrialisierendes China wird sich höchst
wahrscheinlich nach Rohstoffen, Handelswegen ,Absatzmärkten und Verbündeten im
Ausland noch mehr umschauen als dies schon jetzt der Fall ist und militärische
Stärke gilt da immer noch als letztes wenngleich nicht einziges Argument , das
im Hintergrund schwebt. Dies wissen auch die USA oder wie schon Theodor
Roosevelt verkündete: „Speak gently and carry a big stick (carrot)“. Wenn Zhu
Rongji etwa Chinas Westplan zur Erschliessung des chinesischen Hinterlandes mit
der Erschliessung Kaliforniens vergleicht, fühlen sich amerikanische
Chinaexperten sehr wohl an die eigene Historie erinnert. Ebenso, wenn Jiang
Zemin nach seinem Besuch der Freiheitsglocke in den USA nun in Peking eine
Jahrhundertsglocke aufstellen ließ, die ein chinesisches Jahrhundert einläuten
soll. Von „impansionistischer Tradition“ ist da recht wenig zu bemerken, eher
schon von imperialer Aufbruchstimmung, wie bei den USA im vorletzten und
letzten Jahrhundert. Umgekehrt falsch wäre aber, dass sich der Aufstieg der VR China
automatisch nach demselben Muster vollzieht. Dennoch sollte man gegenüber der
kulturalistischen Argumentation festhalten: Was gestern galt, muss morgen schon
nicht mehr gelten. Vieles ist im
Wandel. Ganz besonders im Falle der VR China. Auch die konfuzianische Hochschätzung gegenüber den Alten oder der
Familie (nicht zuletzt wegen der
Einkind-Politik) wie auch der Geringschätzung des Militärs. Überhaupt behindern
sich die drei Schulen der Politik-, bzw. Asienforschung (Politics/
economics/culture is all that matters)
gerade durch ihren einseitigen Allgültigkeitsanspruch anstatt sich zu
ergänzen.
Der Kampf ist entbrannt
Während die VR China auf militärischem Gebiet sich vorerst zu einer Regionalmacht entwickelt, aber während der Taiwankrise 1996 auch schon mit der atomaren Auslöschung von Los Angeles drohte, auf wirtschaftlichem Gebiet zu einer oberen Mittelmacht, so ist sie jedoch auf diplomatischem und politischem Gebiet schon längst über die Rolle einer Regionalmacht hinausgewachsen und führt zunehmend auch einen Kulturkampf. Kaum ein Actionfilm , der noch ohne Kungfu oder fernöstliche Martial Arts auskäme. Selbst bei Western fehlen die Handkanten inzwischen nicht und nach Bruce Lee ist mit Jackie Chang der auch im Westen populärste Darsteller- neuerdings zu sehen in einem Eastern. Shanghai will in den nächsten Jahren die alte Stellung nicht nur als Finanz- und Handelszentrum, sondern auch als High-Tech- und Weltkulturstandort ausbauen.
Chinesische Medizin,
Fengshui, chinesische Philosophie von Ganzheitlichkeit und Harmonielehre,
Neoautoritarismus bahnen sich nicht nur über Esoterik und New Age subtil ihren
Weg in alle Lebensbereiche und Berufszweige im Westen - ob nun als Alternative
zu Apperatemedizin, Wellness oder Baustil in der Architektur. Bauen die USA
einen Disneypark in Frankreich, so nun
Chinesen die erste China World in Deutschlands Baden-Würtenberg. Die Abwahl der USA aus der
Menschenrechtskommitee der UNO, wie auch die erstmalige offensive Chinas in
Menschenrechtsfragen durch Vorlage eines Berichtes über die Situation der
Menschenrechte in den USA sind da nur ein Omen der zukünftigen
Auseinandersetzungen. Dabei wird von Seiten der VR China eine multipolare
Weltordnung gleichberechtigter Staaten zum gegenseitigen Nutzen als Bündnisfront
gegen eine unipolare, hegemoniale und ungerechte Weltordnung unter der Knute
der Supermacht USA portraitiert. Bei aller Bewunderung der wirtschaftlichen und
technologischen Innovationsfähigkeit der USA, die ja faktisch auch kaum zu
bestreiten ist, setzt der Angriff der VR China schon in allen anderen Gebieten
an, in denen sie die Amerikaner angreifbar befindet und schon herausfordern
kann. Als Ausgeburt von Unkultur, Geschichtslosigkeit, moralischer Dekadenz,
rassischer Melting Pot- Heterogenität , exzessiver Verschwendung und wertelosem
Konsumismus, militanter Arroganz der Macht sollen den USA und ihrem „American
Way of Life“ die Ausstrahlungskraft genommen werden. Zumal die neue
Administration mit der vorschnellen Verkündigung eines Ausstiegs aus dem Kyoto-Protokoll
und in Menschenrechtsfragen da vieles an Ansehen eingebüßt hat - auch unter
westlichen Verbündeten.
Vom „strategic partner“ Clintons zum „strategic competitor“ Bush jrs.
Doch auch auf militärischem und geopolitischem Gebiet fordert die VR China die USA schon mehr heraus als allgemein angenommen. Zumindestens wird dies von den USA, speziell von den Republikanern so wahrgenommen. Taiwan ist zwar der zentrale Punkt und Focus amerikanisch- chinesischer Rivalität, doch bei weitem nicht der einzigste. Denn chinesische Multipolarität erstreckt sich als Konzept global und endet keinesfalls im südchinesischen Meer. Eine Schwächung der USA und ein Zurückdrängen amerikanischen Einflusses allerortens ist das Ziel - ob in Asien, in Europa, in Afrika, in Nahost und Zentralasien und selbst auf dem amerikanischen Kontinent. Kein Wort wird von Seiten der VR China so oft bemüht, wie „strategisch“. Strategische Partnerschaft mit Russland, nun strategische Partnerschaft mit Europa. Auch von einer „Neuen Seidenstraße“ ist neuerdings offiziell die Rede. Die Bombardierung des Iraks und der chinesischen Botschaft im Jugoslawienkrieg, die Atomspionage - Affäre in den USA, die republikanischen Antichina-Phobie um Panama, Venezuela und Kuba , aber auch das Raketenabwehr-Projekt der US- Regierung sind vor Chinas Bemühungen um eine „multipolare Welt“ zu sehen, bei der die USA eben eine unter mehreren Großmachtspolen sein sollen. Da Europa zwar als wirtschaftlich stark, politisch jedoch uneinig gesehen wird, wäre China aus dieser Sicht der langfristige Gewinner.
Schon spätestens seit 1995
ist China Netto -Ölimporteur geworden und musste im Jahr 2000 schon 25% seines
Erdölbedarfs importieren. Zwar ist einheimische Kohle bei weitem noch der
bedeutendste Energieträger, doch zukünftig wird es auf Öl- und Gasimporte
zunehmend angewiesen sein. Dass die Rivalität um ausreichende
Energieversorgung, zumal auch um Öl und Gas sich steigern wird, prognostiziert
ein Bericht des amerikanischen Energieministeriums - vor allem auch mit
Hinblick auf eine weitere Industrialisierung Asiens. Gespeist wird dieses
Gefühl auch indirekt durch die Energiekrise in den USA, Brasilien und auch in
Australien. Ein Energiepakt zwischen Europa und Russland ist seit 1998 ständig
im Gespräch. So möchte sich auch die VR China auf der sicheren Seite
ungestörter Energieversorgung wissen. Verträge zum Teil zu Weltmarkt- zum Teil
Vorzugsbedingungen wurden von der Seite der VR China in den letzten Jahren
schon abgeschlossenen, auch umfangreiche Investitionen abgeschlossen. Dabei hat
sie zum einen das Südchinesische Meer, Zentralasien und gemäßigte Golfländer im
Blick, doch zum anderen auch von den USA bisher als „Schurkenstaaten“
bezeichnete Ölförderländer : Irak, Iran, Sudan, wie auch das Venezuela des Castrofreundes
und sich antiamerikanisch gebärdenden Präsidenten Chavez. Nächst zu Panama und
Kolumbien haust hier ein - aus US-Sicht-
nicht gerne gesehener und potentiell gefährlicher Mini-Mussolini, der
auch schon mal kolumbianische Guerillas im venezolanischen Parlament auftreten
ließ. Ein Unruhestifter, der den Plan Columbia und möglicherweise die Region
gefährden könnte. Zum einen sehen die USA die Intensivierung der diplomatischen
und wirtschaftlichen Kontakte durch die VR China als indirekte Hilfe für diese
ungeliebten Staaten an, vermuten aber zunehmend, dass die VR China dadurch auch
politisch versucht der anvisierten
multipolaren Weltordnung näher zu kommen.
Chinesische Hilfe für antiamerikanische Schurken?
Denn die VR China unterstützte - aus Sicht der USA- zudem Milosevic in Restjugoslawien, wie nun auch vermehrt Chavez in Venezuela und Castro in Kuba. Dabei geht es keineswegs nur um Geschäftsrivalität zwischen amerikanischen und chinesischen Ölmultis, Energieversorgungszwiste zwischen zwei großen Staaten, auch nicht nur um die Vetos der VR China im UN-Sicherheitsrat - zunehmend werden die Aktivitäten der VR China in diesen Ländern von den USA als aktive Hilfe und strategisch-konzeptionell zur Schwächung Amerikas verstanden.
Ob die Bombardierung der
chinesischen Botschaft nun Zufall war oder nicht, bleibt vorerst Spekulation.
Doch interessant war, dass neben der Argumentation eines zufälligen und
bedauernswerten Kolateralschadens sich erstmals ein weitergehendes
Argumentationsmuster durchsickerte: So äußerten amerikanische NATO-Zielplaner
im Zusammenhang mit der Bombardierung der chinesischen Botschaft, dass die
Chinesen sich nicht zu wundern bräuchten, da sie die serbische Seite ja
unterstützten. Als Beispiele wurden ein Sender für Milizenchef Arkan benannt
oder die Tatsache, dass noch wenige
Stunden vor der Bombardierung der chinesische Militärattache Ren Baokai mit
seinem jugoslawischen Freund , dem Präsidenten des Forums für
Völkerverständigung“, Dusan Janjic zusammengetroffen war. Ren habe sich dabei
gebrüstet, chinesische Experten hätten damit begonnen, die amerikanischen
Cruise-Missile- Angriffe auf Belgrad auszuwerten. Aus amerikanischer Sicht
hatte die VR China sich damit zur Kriegspartei gemacht. Doch so offen
ausgesprochen wurde dies von Clinton noch nicht.
Erst bei der Bombardierung
des Iraks durch die neue Bush-Regierung wurde dieses Muster zu
regierungsoffiziellem Klartext : Explizit benannte Bush jr. die VR China als
Unterstützer des Iraks und somit mitverantwortlich für die Gefährdung von
Amerikanern. Nach amerikanischen Erkenntnissen seien zivile und militärische
chinesische Experten bereits seit geraumer Zeit damit beschäftigt, unterirdisch
Glasfaserkabel für die irakische Flugabwehr zu verlegen. Darüber hinaus hätte
China moderne Telekommunikationsanlagen geliefert. In der Summe hätte die
chinesische Hilfe zu einer Verbesserung der irakischen Flugabwehr und damit zu
einer größeren Gefährdung der Flüge zur Kontrolle des Flugverbots über Teilen
des Irak geführt. Von Seiten eines ehemaligen Mitglieds der Administration
Clintons war zu hören, dass die USA auf diplomatischem Wege bereits mehrfach
gegen die Verlegung von Glasfasernetzen durch chinesische Techniker protestiert
hätten. Die USA hatten bereits im Januar 2001 mittels einer Protestnote an
Peking hierauf aufmerksam gemacht - jedoch keine Antwort erhalten. Aus der
Sicht der neuen Regierung hat die Politik Clintons das Vordringen chinesischen
Einflusses verdrängt ,schöngeredet, letztendlich passiv hingenommen oder nur in
Extremsituationen wie der Taiwankrise 1996 die Notbremse gezogen. Damit sollte
jetzt Schluss sein - G.W.Bushs Wort vom
„strategic competitor“ war mehr als nur Wahlkampfrhetorik. China sollte nun als
ernste Herausforderung für die USA publik gemacht werden. Und es tat dies
gleich selbst mittels Konfrontation eines amerikanischen Spionageflugzeuges
über dem Südchinesischen Meer.
Die Taiwanfrage zwischen Kriegsgefahr, WTO und Olympischen Spielen
Wird Bush jr. gerne als schießwütiger Cowboy portraitiert, der halt tollwütig um sich schießt, so werden doch einige durchaus kritikable Verhaltenszüge der neuen Administration zu sehr als Reaktionen auf nur eingebildete und zusammenphantasierte Gefahren dargestellt. Auch Clinton ließ Dezember 1998 nach Husseins Provokationen ohne UNO-Sicherheitsbefragung den Irak bombardieren. Auch seine Regierung ließ bei Chinas Drohmanövern gegenüber Taiwan 1996 Flugzeugträger auffahren. Zwar mag man kritisieren, dass Verbündete konsultiert werden sollten oder auch über die Wahl der Mittel streiten. Doch unbestreitbar ist, dass Saddam Husseins Luftabwehr – modernisiert durch chinesische Glasfasernetze- zunehmend amerikanische und britische Flugzeuge provozierte. Erst auf Drohung der Briten nicht mehr zu fliegen, bombardierte Bush jr. die militärischen Ziele im Irak. Die nun gefahrene Strategie der „smart sanctions“ gegenüber dem Irak zeigt durchaus eine rudimentäre Lernfähigkeit.
Auch im Falle des
südchinesischen Meeres wollte die chinesische Regierung die Reaktionen der
neuen Regierung austesten. Denn der Krise um das Spionageflugzeug war ein
systematischer militärischer Aufbau von Truppen-, Marine-, Flugzeug- und
Raketeneinheiten gegenüber Taiwan erfolgt, der Auftakt für die nun im Juni 2001
beginnenden chinesischen Manöver im Südchinesischen Meer sind – mit
Übungsziel: Eroberung Taiwans. Mag zwar
von chinesischer Seite keine Kollission vorgesehen worden sein: Dass
chinesische Flugzeuge sich näher und
aggressiver denn je an amerikanische Aufklärungsflugzeuge herantrauten , ist
wohl weniger nur als Zufallstat eines einzelnen durchgedrehten Märtyrers
einzuordnen, sondern dürfte schon grünes Licht von oben als Richtlinie gehabt
haben. Auch im Umgang mit der Krise zeigte Bush jr. weitgehendst diplomatisches
Geschick.
Ebenso ist die Kritik an der
amerikanischen Raketenabwehr zumindestens in Teilen heuchlerisch. Denn es ist
kein amerikanisches Phantasieprodukt des Kalten Krieges, dass die VR China vor
aller Weltöffentlichkeit 1996 mit einem Atomschlag mittels
Interkontinentalrakete auf Los Angeles drohte. Zwar richtete man in Folge einen
heißen Draht ein und verkündete die VR China im Ernstfall „nur“ einen atomaren
Schlag auf Taiwan zu lancieren. Doch der Hegemonialstreit um Taiwan war damit
nicht beseitigt, wie auch beide Seiten ihre Rüstungen weiter forcierten und
modernisierten – auch unter Clinton wurden umfangreiche Gelder für eine
Raketenabwehr bewilligt, wie auch 1997 der amerikanisch- japanische
Sicherheitsvertrag ausgedehnt und implizit um die Option Taiwan erweitert.
Clintons Besuch in Indien und Vietnam sollte der VR China zeigen, dass es zu
seiner Grenze noch eine weiteren potentiellen Bündnispartner für die USA in
Asien gibt. Der Testflug einer nordkoreanischen Mittelstreckerakete, die kurz
hinter Japan im Ozean einschlug, war ebenso keiner Fata Morgana der USA
geschuldet. Und auch das Dementi Russlands auf der Münchner
Sicherheitskonferenz in München klang nicht sonderlich überzeugend, schon gar
nicht beruhigend: „Schurkenstaaten“ seien nicht vor 4 oder 5 Jahren imstande
über atomare Waffen zu verfügen, die Europa oder die USA erreichen könnten.
Inzwischen ist Russland bezüglich einer Raketenabwehr ja in einen Dialog mit
den USA und Europa getreten. Auch hat die Bush-Regierung inzwischen
Konsultationen mit ihren Verbündeten sowie Russland und der VR China in
Aussicht gestellt. Richtig ist natürlich, dass sich die Raketenabwehr auch auf
Chinas 20 Interkontinentalraketen bezieht. Das wird zwar von amerikanischer
Seite nicht offiziell eingestanden, liegt aber in der Logik der Sache. Der utopisch anmutende Futurismus und
technologische Machbarkeitsglaube der US-Regierung, ein möglicher neuer
Rüstungswettlauf, die Kosten- Nutzen-Relation und die fragwürdige Mittelwahl
kann man durchaus kritisieren. Doch um eingebildete Bedrohungen der USA handelt
es sich nicht. Die Cruise-Missile-Auswertung Chinas für Jugoslawien, das
chinesische Interesse an dem abgeschossenen Tarnkappenbomber in Jugoslawien,
die technische Aufrüstung der irakischen Luftabwehr durch chinesische
Glasfaberkabel, die Konfrontation eines amerikanischen Aufklärungs- bzw.
Spionageflugzeuges und Chinas neuere, bislang eher unbemerkte Erfolge in der
Luft- und Raumfahrt – in allen Fällen wird die amerikanische Lufthoheit
ausgetestet und herausgefordert. Von daher die amerikanische Antwort, die Lufthoheit
etwas höher zu legen und beizubehalten. Die Logik: Wer den erdnahen Weltraum
kontroliiert, hat und hält die Lufthoheit auch für Air-Land-Battle, die unterhalb geführt werden.
Der Count-down läuft
Die Rivalität mit der VR China intensiviert sich. Taiwan soll spätestens bis Ende dieses Jahrzehnt mit der VR China wiedervereinigt sein. Olympische Spiele hin, WTO her. Im neuen chinesischen Weißbuch „ Ein China“ werden die Möglichkeiten einer militärischen Intervention von 2 auf 3 Bedingungen erweitert. Die neue Option lautet: Wenn Taiwan den Dialog mit der VR China nur nutzt, um die Wiedervereinigung herauszuzögern, sei eine militärische Intervention denkbar. Das ist beliebig interpretierbar, verrät aber klare Entschlossenheit zur Lösung der Taiwanfrage aufs Tempo zu drücken Eine heutige Konfrontation um Taiwan vollzieht sich für alle beteiligten Akteure unter einer erweiterten und unabwägbaren Zahl von Varianten und Optionen. Der klassische Kräftevergleich, wie er etwa beim Taiwansymposium 1996 in München vom Militärexperten der taiwanesischen Vertretung und deutschen Chinaexperten vorgetragen wurde, wäre heute zu eng: Ein wirtschaftlicher Vergleich, ein militärischer Vergleich nur konventioneller Rüstungen und ein wenig Bürgerkriegshistorie. Heute treten neue Faktoren hinzu.
Zum einen hat sich in Taiwan
seitdem ein Parteienpluralismus herausgebildet: Demokratische
Fortschrittspartei und eine Abspaltung dieser, die die Unabhängigkeit Taiwans
unverzüglich erklären will. Nationalpartei und deren Abspaltung Neue Partei.
Inzwischen stellt die Fortschrittspartei mit Chen Shuibian den Präsidenten,
doch wird dieser von der VR China eher ignoriert und unterhält man lieber
Beziehungen mit der Nationalpartei. Hierdurch ergeben sich von beiden extremen
Flügeln und Abspaltungen dieser Parteien zwei neue Optionen: Die Möglichkeit,
dass jemand die Unabhängigkeit erklärt oder umgekehrt, dass ein
Wiedervereinigungshilferuf aus Taiwan an Peking erklingen kann. Letzteres würde
auch ein militärisches Vorgehen der VR China eher legitimieren – nach dem
sowjetischen Hilferuf- Muster Afghanistans, diesmal aber vom „unabtrennbaren
Teil Chinas“, quasi innernational. Der Einsatz einer innertaiwanesischen
Hilfskolonne ist eine erweiterte Option.
Umgekehrt sind in der VR
China mit der Gründung der Demokratischen Partei und dem Auftauchen der
Falungong neue organisierte Akteure entstanden. Das Überlaufen eines
hochrangigen KP-Kaders in die USA, sowie die Veröffentlichung der
Tiananmen-Papiere deuten zudem auf eine Fraktion innerhalb der KP China hin,
die sich möglicherweise auf begrenzte politische Reformen einlassen würde. Die
Hoffnung der USA ist diese Kräfte in Richtung einer Demokratisierung Chinas zu
stärken und sich somit durch eine Systemtransformation von oben auch die Taiwanfrage
auf friedlichem Wege auszuhandeln. Zudem wird ab 2002 die vierte Generation die
bisherigen Funktionäre um Jiang Zemin ablösen.
Der Aufstieg der VR China hat
zudem international –sowohl politisch, wie wirtschaftlich Taiwans Spielraum
eingeengt. Die Modernisierung der VBA läuft auf vollen Touren, während Taiwan
sich nach Waffenlieferanten umsehen muss und die USA als wesentlichste Quelle
verblieben sind.
Volksbefreiung auf chinesisch: Die VBA probt den Computerkrieg
Zudem probt sich die Volksbefreiungsarmee im Computerkrieg. Dabei handelt es sich nicht nur um so lustige Katz- und Mausspiele wie die Abänderung der Homepages der jeweils anderen Seite. Geprobt wird Computerkriegsführung auf sogenannte kritische Infrastrukturen. Erstmals 1997 führten die amerikanischen Geheimdienste NSA,CIA und das FBI das erste Computerkriegsmanöver „Eligible Receiver“ durch. Hierbei wurden Pipelines, Börsen, Navigationssysteme und andere Infrastrukturen lahmgelegt. Diese neue Art der Kriegsführung zeichnete sich durch folgende Besonderheiten aus: Im extremen Idealfall kann man die Infrastrukturen eines Landes so paralysieren und in Chaos stürzen, dass man dieses auch ohne Einsatz von Militär besiegt. Der Angegriffene weiß nicht, ob es sich um einen gezielten Angriff oder aber nur um technische Fehler und Störungen handelt, bzw. erkennt erst spät, das er überhaupt attackiert wird. Der Angreifer ist schwer oder nicht zu identifizieren. Die neue Bedrohung mündete schließlich in einer noch unter Clinton eigens eingerichteten „Presidental Commission on Critical Infrastructures“.
Die VR China, aber auch
Taiwan üben sich schon seit Mitte der 90er Jahre in Computerkriegsführung,
wobei jedoch Taiwan aufgrund seiner höher entwickelten und computerisierten
Infrastruktur angreifbarer wäre. Die USA, die diese Art Kriegsführung schon
während des Kosovokriegs versuchten, hatten damit gerade keinen Erfolg, da
Serbien kaum computerisiert war.
Bei einer militärischen
Auseinandersetzung um Taiwan muss die VR China versuchen, Kapazitäten der USA
möglichst anderswo in der Welt zu binden. Irak, aber auch eine Destabilisierung
des instabilen Unterbauchs der USA, z.B. in Kolumbien, Mexiko, Mittel- und
Zentralamerika werden als Option ins Auge gefasst. Daher wird in Venezuelas
Präsident Chavez von Seiten der VR China mehr als nur eine wirtschaftliche
Option gesehen – analog zur vorgesehenen Rolle Mexikos und dem
Zimmermann-Telegramm im Ersten Weltkrieg: Deutschland wollte mittels Mexiko
amerikanische Truppen dort binden und am Einsatz in Europa hindern.
Es können nun nicht alle Szenarios durchgespielt werden, wie auch eventuelle Zeitabfolgen – ob nun China 2001 zuschlägt wegen symbolischer Zahl ( 2001 ist nach chinesischer Zeitrechnung das neue Jahrtausend), ob nun vor oder nach WTO- Beitritt oder vor oder nach einer eventuellen Vergabe der Olympischen Spiele an Peking. Für beide Seiten steht mehr auf dem Spiel als nur die kleine Insel Taiwan: Strategische Vorherrschaft in Asien und der Platz in der neuen Weltordnung. Klar ist jedoch: Die VR China will eine baldige Lösung des Taiwanproblems – so oder so. Der Count-down läuft. Und solange kreisen Drachen Falken über Taiwan. (Lala)
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