Einberufung zum Kriegsdienst in die deutsche Besatzungsarmee
Am 3. September 2001 soll
Ringo Ehlert in die Bundeswehrkaserne in Torgelow einmarschieren. Er sagt dazu
Nein, denn er kann nicht in einer Armee dienen, die sein Land, die DDR, besetzt
hat und gegen andere Völker in den Krieg zieht. Ringo wird bei der Bundeswehr
nicht freiwillig erscheinen, aber vor Gericht wird er seine politisch
motivierten Gründe für seine totale Kriegsdienstverweigerung darlegen. Seine
Erklärung, die er der Bundeswehr übersandt hat, findet ihr umseitig.
Wir finden seinen Mut
beispielhaft, denn die totale Kriegsdienstverweigerung ist in der BRD unter
Strafe gestellt.
Die Freie Deutsche Jugend
solidarisiert sich und unterstützt den Totalkriegsdienstverweigerer Ringo
Ehlert und fordert alle fortschrittlichen Kräfte auf, sich dem anzuschließen.
Solidarität mit dem Totalkriegsdienstverweigerer Ringo Ehlert!
Schickt Eure Solidaritätsbekundungen an:
Ringo Ehlert
c/o FDJ, Bundesvorstand
Weydingerstr.14–16,
10178 Berlin.
Erklärung zu meiner totalen Kriegsdienstverweigerung
Ringo Ehlert
23. August 2001
Hiermit erkläre ich, dass ich
den Dienst mit und ohne Waffe in der Bundeswehr, den Zivildienst und den Dienst
in allen anderen kriegsunterstützenden Einrichtungen der Bundesrepublik
Deutschland aus Gründen meines Gewissens und meiner (politischen)
Weltanschauung verweigere und am 2. September 2001 nicht zum Dienst erscheinen
werde. Ich berufe mich dabei auf das Grundrecht der Freiheit des Gewissens und
der Weltanschauung, Art. 4 Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik
Deutschland.
Ich bin in der Deutschen
Demokratischen Republik aufgewachsen. Als ich 12 Jahre alt war, übernahm die
Bundesrepublik Deutschland mein Land - wie ich später erkannte, in einem Akt
berechnender und widerrechtlicher Annexion.
Meine Mutter arbeitete in der
DDR viele Jahre als Laborfachassistentin in der Poliklinik. Ihre Qualifikation
wurde von den BRD-Stellen nicht anerkannt. Die Poliklinik wurde geschlossen,
sie wurde gekündigt und konnte keinen adäquaten Arbeitsplatz mehr finden. Sie
war zunächst arbeitslos und arbeitet heute schlecht bezahlt als Kassiererin bei
der Drogeriekette Schlecker.
Der Betrieb meines Vaters, in
der DDR als hoch qualifizierter Metallarbeiter / Schweißer mit der Fertigung
von Medizinmöbeln beschäftigt, wurde Anfang der 90er Jahre ebenfalls
geschlossen. Er wurde gekündigt und hat bis heute keine neue Arbeit finden
können.
Ich selbst habe nach dem
Realschulabschluss einen Ausbildungsplatz im Informatikbereich gesucht. Bei der
hohen Jugendarbeitslosigkeit in der annektierten DDR musste ich froh sein,
überhaupt irgendeinen Ausbildungsplatz zu bekommen und habe dann eine Lehre als
Maurer absolviert und bin heute Facharbeiter. Nach Beendigung meiner Lehre
wurde ich wegen Auftragsmangels nicht übernommen. Nach achtmonatiger
Arbeitslosigkeit habe ich versucht, im Westen Arbeit zu finden. Bei den
dortigen Firmen bekam ich zwar Arbeit, aber weder schriftlichen Vertrag noch regelmäßig
Geld, wurde behandelt wie der letzte Dreck. Hilfe beim Arbeitsamt bekam ich
nicht, dafür eine Arbeitslosengeld-Sperre, nachdem ich den Job aufgeben musste.
Heute bin ich gezwungen,
trotz meiner Qualifikation als Hilfsarbeiter ständig auf Montage zu arbeiten,
d.h. 3 Tage im Monat bin ich zu Hause, die Anfahrtswege sind endlos weit. In
meinem Land war es trotz aller Bemühungen nicht möglich, eine Arbeit zu finden.
Die Arbeitslosenquote in Mecklenburg-Vorpommern liegt mittlerweile zwischen 40
und 50%.
Seit 11 Jahren wird mein Land
von der Bundesrepublik Deutschland systematisch ausgebeutet und zerstört. Die
Bundeswehr der BRD fungiert seit der Annexion als Besatzungsarmee auf dem
Gebiet der annektierten DDR, als deren Bürger ich mich nach wie vor fühle. Bei
der Bezeichnung als “Annexion” kann kein Unterschied dazwischen gemacht werden,
ob diese Annexion durch eine kriegerische Aktion vollzogen wird oder ob diese
Annexion durch Lügen und leere Versprechungen einer verlogenen Regierung, eines
verlogenen Systems ihr Ziel erreicht. Das System der BRD brachte über mein Volk
eine Welle des Elends, der Massenarbeitslosigkeit, die Beseitigung sozialer
Sicherheiten und kulturellen Kahlschlag - nicht nur im Jugendbereich.
Aufgrund der Initiativen der
Treuhand - eingesetzt zur “Abwicklung” der DDR im Interesse der westdeutschen
Konzerne - sank allein im Zeitraum von 1990 - 1991 die Industrieproduktion auf
ein Drittel des Standes von 1989. 95% des in der DDR vorhandenen Kapitals
landete in den Händen des westdeutschen Finanzkapitals. Zwischen 1990 und 1995
vernichtete die Treuhand 3 Millionen Arbeitsplätze. Am Ende der Transaktionen
der Treuhand blieb von dem Vermögen meines Landes ein Schuldenberg von 275 Mrd.
DM übrig. Die Arbeit der Treuhand führte damit mit einem Defizit von 1.475 Mrd.
DM zu der größten Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums in Friedenszeiten.
Der Raub des DDR-Vermögens und der mit der Annexion verbundene Aufschwung der
Wirtschaft der BRD steht in einem tiefen Zusammenhang mit der Verdoppelung des
Geldvermögens der BRD innerhalb von 10 Jahren auf einen gigantischen Wert von
6,75 Billionen DM.
Die Bundeswehr vertritt
ausschließlich die Interessen der annektierenden BRD. Für mich ist es
unmöglich, einen Dienst in einer Armee abzuleisten, die in meinem Land den
Status einer fremden Besatzungsarmee hat.
Ein Dienst in der Bundeswehr
ist mir auch deshalb unmöglich, weil ich nicht bereit und in der Lage bin, in
einer Angriffsarmee zu dienen. Nicht nur der völkerrechtswidrige Angriff auf
Jugoslawien - aber dieser in erschreckender Weise - hat gezeigt, dass die
Bundeswehr ein blindes Instrument zur Verfolgung der Interessen der BRD ist.
Denn es war offensichtlich, dass es keine gesetzliche Grundlage für die
Aggression gab. Wer in schwerwiegender Weise Gesetze bricht, ist ein
Verbrecher. Eine Armee, die in schwerwiegender Weise Gesetze bricht, ist eine
verbrecherische Armee, in der ich nicht Dienst tun kann. Internationale
Solidarität und Völkerfreundschaft sind für mich unabdingbare Fundamente des
friedlichen Zusammenlebens der Völker in Europa und der Welt.
Völkerrechtswidrige Angriffskriege sind mit diesen von mir verinnerlichten
fundamentalen Werten nicht vereinbar.
Der Dienst in der Bundeswehr
ist für mich auch deshalb nicht möglich, weil diese Armee mit steigender
Tendenz mit neonazistischen Elementen durchsetzt ist. Ich habe eine radikale
antifaschistische Grundhaltung und ich kann es schon nicht ertragen, dass nach
wie vor Bundeswehrkasernen die Namen berüchtigter Nazigeneräle tragen. Die
Bundeswehr versteht sich selbst als Nachfolgeorganisation der Deutschen
Wehrmacht, einer verbrecherischen Organisation, die im Dienste der deutschen
Faschisten und des deutschen Kapitals ganz Europa in Schutt und Asche legte.
Ein Dienst in einer Armee, die durch die ständig bekannt werdenden
rechtsextremen und faschistischen Vorfälle in Kasernen dieses Antlitz wieder
aufkommen lässt, ist für mich unmöglich.
Man mag mir vorhalten, ich
hätte einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer stellen können.
Ich habe dies nicht getan, ich bin kein Pazifist. Wenn ich es wäre, würde mir
als Ergebnis dieses Verfahrens nur gestattet, den Kriegsdienst mit der Waffe
zu verweigern. Wenn ich Pazifist wäre, dürfte ich weder den Kriegsdienst mit,
noch den ohne Waffe absolvieren. Der Zivildienst kann aber aufgrund der
zivil-militärischen Zusammenarbeit und aufgrund der Tatsache, dass mit diesem
Dienst genau so die Wehrpflicht erfüllt wird (§ 3 Wehrpflichtgesetz), keine
Alternative für einen Pazifisten sein.
Ich bin kein Pazifist. Ich
kann mir vorstellen, für ein Land zu kämpfen, mit dessen Zielen ich
übereinstimme und dessen Armee keine Angriffsarmee zur Verwirklichung der
strategischen und ökonomischen Interessen der Kapitalmächtigen ist. Ich hätte
mir vorstellen können, in der NVA meinen Dienst zu tun. Nicht, weil ich gerne
Soldat sein wollte, sondern weil diese Armee nicht nur ein Land, sondern auch
Werte verteidigte, die sich nach der Annexion der DDR nicht mehr durchsetzen
konnten: das Einstehen für Frieden und Völkerfreundschaft.
Ringo Ehlert
www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de