Die Fledderer

Marie und Fritz, es war nicht zu übersehen, befanden sich auf der Flucht. Unbesiegbar jung verwegen, die Taschen voll mit eines fremden Vater's Geld, aus dem Safe gestohlen, alle Brücken zerbrochen, Hals über Kopf auf dem Weg in's Schlaraffenland des Pulvers, des braunen Giftes, das sie, zulange jetzt schon, schmerzlichst entbehrten. Matt und fiebrig stiegen sie aus dem Flugzeug in die tropische Hitze, Beißen und Stechen auf der Haut, in eine fantastische Geruchswelt, die ihre Mägen und Gedärme walkte und drehte durch und durch. Sie plumpsten in ein Taxi und ließen sich nach Süden in das Viertel der kleinen, alten Hotels bringen, die eingenistet lagen in einer Bautenpracht zerfallender Kolonialherrlichkeit, angenagt von Meer und Monsun und einer aggressiven Kleinflora, die in den Tropen wuchert und gedeiht, die in schweren Regenzeiten den Odor des Dschungels in die Stadt trägt. Der wachhabende Portier des Hotels, ein wohlbeleibter, alter Herr, hatte alle Zeit der Welt und jede seiner Bewegungen glich einem sorgfältigen Ritual, für unsere Reisenden eine wahre Tortur. Sie konnten sich kaum noch auf den Beinen halten, so sehr war mit dem Verklingen der letzten Dosierung vor endlos langer Zeit alle Energie aus ihren Körpern gewichen, ausgeliefert, ein bloßgelegtes Bündel nackter, zuckender Nervenenden, die schon ein leiser Hauch erschauern ließ. Aber endlich waren verschiedene Formulare ausgefüllt, Pässe eingehend betrachtet, ein Zahlungsmodus vereinbart und sie konnten die Türe hinter sich schließen und, am Ende aller Kraft, auf ein fremdes Bett fallen. Aber von Ruhepause konnte keine Rede sein. Es schläft sich schlecht auf freigelegten Nervensträngen, in denen kalter Schweiß sich reibt, so erschlagen man auch ist. So machte sich denn Fritz, nach einer notdürftigen Toilette ritterlich auf den Weg in eine völlig fremde Welt, um schleunigst aufzuspüren, weswegen sie hergekommen waren: omnipotentes Pulver zum Fixenspritzen

Marie blieb im Hotel zurück, erschöpft und zerschunden von schmerzhafter Ruhelosigkeit, gemartert von einem quälenden Gedankenfluß und in panischen Wallungen, ob ihrer Schwangerschaft, die sie seit vier Monaten mit sich herumtrug. In einem engen Taxi ließ Fritz sich zäh durch dichten Verkehr in's Zentrum der Stadt bringen, zu einem vage anempfohlenen Marktplatz, einem Basar, groß wie sonstwo eine Kreisstadt. Vorne, bei den Obsthallen, entließ ihn der Chauffeur und kassierte hastig sein Geld. Da stand er nun, überwältigt von einem unüberschaubaren Strom fremder Gestalten. der sich durch ein klingendes, singendes Labyrinth von Gassen und kleinen Straßen schlängelte. Getrieben und geschoben ging er's an, durch wabernde, geschwätzige Menschenknäuel und Gerüche, so schwer und fremd, daß ihm schiergar schwindelte. Mühsam gelang es ihm, sich dem Gewirr anzupassen und er begann Ausschau zu halten nach einem Zeichen, irgendeinem Merkmal, irgendjemand mit Pulver im Angebot. In dieser Ecke des Marktes aber mit Obst und bunten Süßigkeiten entdeckte er nichts dergleichen, auch nicht ein paar Straßen weiter bei den Sattlern und Taschenmachern und ebensowenig bei den verrußten Läden für Eisenwaren aller Art. Er stolperte weiter und weiter, schwitzend eingeschnürt in viel zu warme Kleidung.

Aber irgendwann dann begannen die Straßen zu verlottern, Gerüche wurden schärfer, Ratten huschten schattenhaft dahin, enge, verborgene Gäßchen verschwanden geheimnisvoll zwischen altbackenen Häusern und gelegentlich wucherte aus dunklen Hauseingängen, rufend, lachend, loses Weibsvolk nd käufliche Liebe. Er war in den Falklands gelandet, wo Gaukler durch die Straßen zogen und mißtrauische Händler ihren zwielichtigen Geschäften nachgingen. Hier glaubte er sich angekommen am Ziel seiner Suche. Ein Gefühl des Verlorenseins wich neuem Mute und er sprach einen jungen Mann an, der ihm in Hemd und Hose nicht gar so orientalisch erschien wie die barfüßigen Passanten in Lendentuch und Mütze. Eine einsilbige Konversation in gebrochenem Englisch entstand, flankiert von allerlei Gesten, bis auf seines Gegenüber Gesicht ein verständnisvolles Lächeln erschien und dieser Bargeld zu sehen verlangte. Das gab ihm Fritz eilig in der Hoffnung auf schnelle Erlösung. Er wartete im Cafehaus auf der anderen Seite der Straße. Der abgewetzte Holzstuhl war ihm hart wie roher Beton und seine Ohren glühten, elektrisiert, als stünden seine Haare zu Berge. Schmerzhaft zerrann die Zeit und sein Lieferant in spe kam und kam nicht, kam niemehr. Wozu auch.

So ging er denn zurück auf die Straße, schwitzte kalten, schauer- lichen Schweiß und fauliger Dunst strömte ihm vom Magen in den Mund und über das Gesicht. In all der Hitze ging er fröstelnd seines Wegs, unsicher, nervös, auf der Lauer, als ihn ein zerlumptes Kind mit witternden Nüstern am Arm zupfte und ihm in der hohlen Hand einen plastikverpackten, schwarzen Brocken Opium anbot. Fritz erstand den Klumpen zwar, doch drängend fragte er weiter nach etwas magischem Pulver. Schulterzuckend verneinte da das Kind und deutete weit nach Süden, an's untere Ende der Stadt, wo er hergekommen war, wo die Hotels für Fremde sind.

Mit etwas Tee spülte er die Kugel hinunter und würgte bei dem bitteren Geschmack der zähen Masse in seinem Rachen. Aber schon kurze Zeit später überkam es ihn teuflisch gut. Seine Muskeln füllten sich mit Lebenskraft wie ein leerer Schlauch mit Wein. Er bekam Appetit und kaufte sich noch einige Stücke zuckersüßen Puddingkuchens und machte sich auf den Weg zurück, um dort zu suchen nach dem bitteren Pulver, daß sie sich schießen-pießen konnten. Marie verließ nach kurzer Pause ebenfalls das Hotel. Mit Mühe schaffte sie es um den Block und gelangte, wie gottgefügt, an jenen Saftladen in der Best-Road, wo immer Leute mit preiswerten Informationen herumlungerten. Ihre Augen glänzten wie schwarze Kastanien, krank. Hier traf sie auf Carolina, ein großes Mädchen, die sich des nachts bei liquider Klientel ihr Geld verdiente. Sie erkannte Maries Zustand sofort und lud sie zu sich in ihre Hotelsuite ein und, ja, ja, Pulver hatte sie obendrein. Vor Ort stellte sich heraus, daß es ein Besteck zum Ritzenspritzen nicht gab. Carolina rauchte das Pulver. Spritzen waren ihr ein Greuel. Sie bröselte etwas Tabak aus einer Zigarette, lockerte diese geschickt zwischen den Fingern und schaufelte aus einem kleinen Plastikröhrchen etwas braunes Pulver, das sie dann vollends in die Zigarette hineinsog. Sie halbierte den Filter und überreichte sie Marie. Ein Hauch schwerer Süße verbreitete sich im Raum, als sie gierig saugte an ihrer Zigarette wie an einem Euter, daß die große Suchtmutter ihren Kindern darreicht. Standepede ging es ihr besser. Sie bekam mächtigen Hunger, als ihr Magen aufhörte, zu rumoren, wieder ruhiggestellt war. Sie bestellten sich Essen. Marie hinterließ Fritz per Bote im Hotel entsprechende Nachricht, entspannt. Schiffe aus aller Herren Länder paradierten draußen in der Bucht vor dem Gateway of India, warteten geduldig darauf, im geschäftigen Hafen gelöscht oder beladen zu werden. Eine sanfte Brise wiegte die schlanken Palmen sanft hin und her, trug salziges Aroma durch die hohen Balkontüren in Carolinas geräumiges Appartment. Müßig lagerten die beiden Mädchen auf dem großen Lotterbett und ließen's gut sich gehen bei Hühnchen und Cardamon-Tee und erzählten sich. Noch im Schatten des Nachmittags durchflutete Licht den Raum und ein Schimmer der späten Sonne fiel durch das Fenster und malte einen Streifen Goldes an die Wand. Da war ein weiter, blauer Himmel, in dem Möwen und Raben tanzten, mühelos, über knorrigen, ausladenden Bäumen vor den fernen Umrissen am Horizont, auf der anderen Seite der Bucht. Amüsiert plauderte man über persönliche Katastrophen aller Art und die Zeit rann lustig dahin. Es begann bereits zu dämmern.

Auch Fritz war wieder angekommen in der Gegend. Und tatsächlich, hier unten trieben sich die Leute herum, die nach Pulver rochen. Ein stämmiger Schweizer Bundesgenosse etwa, leicht angeschlagen vielleicht, aber immer noch mit Pfeife und gut in Schuß, wußte auch gleich Bescheid. Braunes gab's um die Ecke und die Straße hoch, im Schatten des großen, noblen Hotels.

Dort kauerten in einer kleinen Nische unter Müllarkaden ein paar Jungs im Halbdunkel um eine rostige Tonne. Es stank infernalisch nach abgestandner Pisse. Hier war der Platz, an dem die Lumpen-Desperados aufihr Häppchen Glück hofften, und man machte nicht viel Federlesens. Geld wechselte flink den Besitzer und in Fritzens Hand wanderten zwei wohlgefüllte Plastikröhrchen mit graubrauner, pulvriger Musik. Locker und zufrieden schlenderte er zurück zu seinem Hotel, die Röhrchen, einem Schatze gleich, in seiner Hand, die Krönung eines langen Tages, Pulver, das man richtig zitzenspritzen konnte, ein goldener Becher quasi, aus dem Grund der Höhle geborgen für die Dame seines Herzens.

Als sich Carolina zurechtmachte für die Nacht, sich puderte und den Schmuck anlegte, traf Fritz, Nachricht in Händen, in ihrem Appartment ein, ward vorgestellt und schnell noch wurde ein kühles Cola getrunken. Alsdann verabschiedeten sich die beiden und brachen auf. Noch auf dem Weg zum Hotel zeigte er ihr stolz seine Röhrchenbeute und eine schwere Glasspritze dazu, die er unterwegs einem tüchtigen Apotheker abgeschwatzt hatte. Sie hängte sich kuschelnd in seinen Arm und sie spazierten dahin wie ein glückliches Ehepaar nach einem gelungenen Abend auf dem Weg zur intimen Feier zu zweit. Angekommen begutachtete man das braune Zaubermittel, ein Gürtel wurde aus der Hose gezogen, ein Löffelchen stand noch im Teeglas und mit bloßem Wasser war im Nu eine Versuchportion aufgekocht. Als Kavalier ließ er Marie den Vortritt. Bei ihr dauerte die Prozedur gewöhnlich etwas länger, da sie die spitze Nadel nur schwer plazieren konnte. Sie versuchte die frech dahinrollenden Adern des Handrückens, dann die scheuen, tief im Fleisch sitzenden des Unterarms. Welch ein Aufwand, bis die Nadel da saß, wo sie sollte. Aber wie schön war andrerseits dies aufflockende Blut in der Witzespritze anzusehen, wie erlösend. Der Gedanke ließ sie gottvergessen gierig werden und so bohrte sie weiter in ihrem Fleische. Fritzen bestellte derweil Getränke, vorne an der Rezeption. Der alte Herr war kaum zu wecken. Schlaftrunken öffnete er ein Auge und drückte eine schrille Glocke mit müder Hand. Ein grau-blauer Servierer erschien aus den Tiefen des Hotels und notierte geflissentlich Fritzens Order. Dieser ging noch zur Toilette und dann zurück in's Zimmer und da sah er sie liegen, Marie, die Gliedmaßen käfergleich von sich gestreckt, dunkles Violett das Gesicht, schwarz, verbrannt, die Hände in starrer Klaue einem Nichts nachgreifend, den Mund aufgerissen zu einem lautlosen, erstickten Schrei. Tot.

Ein hinterhältiges Röhrchen war's, mit einem tückisch, falschen Pulver, wie es den hiesigen Leichenfledderern gerademal modern war. Doch heute war ein schlechter Tag für die Jungs von der Tonne, der Ausersehene war nicht alleine gewesen. Unbesiegbar. Kein ungestörtes Wenden von Taschen also, keine Koffer zu plündern, keine Pretiosen und kein Geld, an das man ungestört Hand hätte legen können. Ein schlechter Tag, fürwahr.

Allein, all das beeindruckte die Stadt wenig in dieser jungen Nacht und sie hatte es vergessen morgen früh.

Gerhard Lasse


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.