Der glücklichste Mann der Welt

Robert war ein echter Sohn dieser Stadt in den allerbesten Jahren. Oben im Norden, jenseits des Hafens, lebte er und ließ es gut sich gehen nach alter Väter Sitte. Seine Wohnstatt war von schlichter Ausstattung. Ein Teppich, ein Bett. In der Ecke, unauffällig, ein kleiner Schrank für's Nötigste. Mehr bedurfte es nicht, ein Schlupfloch nur, für die dunklen Stunden weit nach Mitternacht. Sein Tagewerk begann er nachmittags, unten in den schattigen Gassen und lichten Straßen seines Reviers. Dort sammelte er gemächlich ein, was das Leben ihm zuspielte: diskrete Botendienste, kleine Geschäfte mit dies und jenem, Aquisition für den Buchmacher, wohlgepflegte Kontakte nach da und dort. Man schützte ihn in den verschwiegensten Ecken der Stadt als redlichen Arbeiter. Sein Nachtwerk aber gehörte ganz und gar dem Liebesdienste. Am späten Abend, wenn stabiles Gitter die edlen Geschäfte schützte vor der Nacht und der Verkehr auf den Straßen sich in tanzendes Licht verwandelt hatte, wanderte er hinunter in's Zentrum der Stadt und lungerte herum in den breiten, ewig geschäftigen Arkaden, wo die Welt flanierte. Zielsicher erkannte er Kundschaft, die aus Taxifenstern umhersuchte, half angekündigten Gästen auf den Weg oder bot einfach dem zufälligen, liquide scheinenden Passanten eine amüsante Stunde an im Hause seines Freundes, des mächtigen Peter, dem Betreiber des hochgeschätzten Bordello d' amour. Er kannte die Straße gut und sie ernährte ihn redlich, auch wenn sein Profitanteil so hoch nicht war. Allein, es reichte für gutes Essen, das Dach über dem Kopf, sportlicher Arbeitskleidung und einer gelegentlichen, erfrischenden Prise aus dem Panshop.

Weit unten, im Süden der Stadt, wo sie sich als Keil hinausschiebt in's offene Meer, umschwirrt von Möwen und Schiffen aus aller Welt, wo die ehemals herrschaftlichen Bauten unter glühender Sonne und peitschendem Monsun morbide zerbröseln, dort lebte Madleine, unglücklich ganz und gar. Ihr Gatte, wie sie selbst am Beginn der mittleren Jahre, arbeitete emsig und in Sicherheit im mittleren Gefüge einer der riesigen, hiesigen Administrationen. Ihre zwei Kinder, adrett, hübsch, aufgeweckt, standen erfolgreich inmitten einer vielversprechenden Schullaufbahn. Ihr selbst jedoch blieben nur die Stunden des späten Morgens ganz für sich allein, wo sie frei und nackt sein konnte in ihrem Reich. Sie war ein sinnenfrohes Mädchen gewesen und blieb es auch als Frau. Aber all die Gegenstände an ihren sonnigen Vormittagen blieben doch tot, waren schlechte Spielkameraden und wurden häßlich, wenn man sie liebkoste. Die Nachmittage mit den Kindern ertranken in immergleicher Arbeit, lustige Geschichten wurden rar wie ehedem fröhlich Gelächter und Gerangel. Alles wurde ernsthaft und zielstrebig und selbst die Abende boten keinen Trost mehr, wenn man zusammensaß und schwieg. Auch ihr Bett blieb kalt, lang und länger, bis es, doch so lange vor der Zeit, zur bloßen Ruhestatt herabgesunken war. Und das falsche Gesicht, daß man der Welt zu zeigen pflegte, fand mehr und mehr Eingang auch in die eigenen vier Wände. Alles verlief ach so reibungslos und fade. Die Wohnung war geräumig, wenn auch, bedingt durch ihre Straßennähe, schlecht zu lüften. Aber wohin sie sich auch setzte, überall bedrängte sie Arbeit und machte alles eng und schmal. Sie fühlte sich belauert, als hätten die vielen sauberen Gegenstände an den Wänden, in den Schränken, Augen, die sie verfolgten. Ja, die Wände selbst schienen nach freiem Belieben zusammenzurücken, um sie zu bedrängen, sich gar in schiere Gefängnismauern zu verwandeln, aus der kein Entkommen schien. Die Muse für die Musik und die Poesie hatte sich lange schon davongestohlen. Kein Theater, keine Lieder, keine Magie. Stattdessen nüchterne Geschäftigkeit tagsüber und nörgelnder Gleichmut in der Nacht. Zum Glück aber nannte sie eine wachsame, innere Stimme ihr eigen, die sie weckte vor dem endgßltigen Entschlafen, sie rüttelte und schüttelte aus dunkler Traurigkeit und sie das Schlupfloch in der Wand suchen ließ, durch das sie entfliehen konnte zurück in's Freie. Sie fand es letzlich eines späten Nachmittags. Das Essen stand fertig in der Küche, der Gatte kam bald nachhause, die Kinder waren noch beim Sport, da zog sie sich ihre allerliebsten Hosen an, schlüpfte in die Jacke, steckte den Rest des Haushaltsgeldes in ihre Tasche und verschwand aus der Wohnung. Sie nahm den Bus gleich um die Ecke, setzte sich auf's Oberdeck und fuhr los, irgendwohin nach Norden, in's Zentrum der Stadt. Ohne Angst wanderte sie dahin in dem ungewissen Bereich inmitten zweier Welten, ziellos, ohne Hast, blickte in Schaufenster, trank Tee und dachte an das Nichts. Hektisch und grau brach der Abend über die Stadt, mit all den Arbeitern und Bediensteten, die nach einem mühseligen Tag heimwärts strömten, ohne sich umzublicken, gedankenverloren und müde. Madleine speiste in einem kleinen Restaurant zu abend und betrachtete die menschliche Sintflut aus sicherer Entfernung. Sie ließ sich Zeit, mußte nirgendwohin. Sie gönnte sich noch Kaffee und rauchte dazu. Erst als es draußen völlig Nacht geworden war, auch die letzten erschöpften Helden des Tages in ihren Wohnbereichen verschwunden waren, die Straße sich munter mit eleganterer Klientel zu beleben begann, wagte sie sich wieder in's Freie und bummelte dahin in die Arme der nimmermüden Nacht. Der stete Verkehr auf den breiten Avenues ward zu tanzendem Licht geworden, im Quartier füllten sich Bars und Restaurants, um die Panshops herrschte genußvoll kauernder Betrieb, aus den offenen Teehäusern drang Gelächter und Musik, die Händler in den Arkaden boten mit der Lust der lauen Nacht ihre Köstlichkeiten an, in Ecken und Nischen, jenseits der noblen Hotels standen schon die losen Mädchen, die Spieler und die Händler der schwarzen Träume, um willige Kundschaft zu Verführen. Die Stadt hatte ihr Lachen aufgesetzt und ihren Müßiggang, ihr Lauern und ihre Gefahr.

Robert war schon bei der Arbeit. Er suchte die Straße ab, einem Tiere gleich, nach lohnenswerter Beute, als er Madleine ohne Hast von Händler zu Händler spazieren sah, als wartete sie auf das Heranrollen des Lebens selbst. Er folgte ihr behutsam nach, glich seinen Schritt dem ihren an, schlenderte wie sie dahin, bis er sie endlich eingeholt hatte an einem Stand mit allerlei buntem Federwerk und mit ihr das Gespräch fand. Einige Stände weit flanierte man gemeinsam dahin in leichtsinnigem Geplauder, tauschte geistreich galanten Witz und schöne Worte und öffnete einen Spalt weit eine kleine Tür, aus der es verlockend funkelte. Er ließ am Straßenrand frisches Zuckerrohr pressen und brachte ihr ein Sträußchen duftenden, weißen Jasmin.

Die Nacht war so jung und so neu die Welt. Langsam versanken die Schatten des Tages, der Wochen, der Jahre aus ihrem Kopf, je mehr sie gemeinsam in lustigem Singsang durch die Nacht tändelten. Sie gingen in's Kino und knabberten Gebäck, besahen sich, auf der Kaimauer sitzend, den illustren Verkehr aus Limousinen und Pferdegespannen im Lichtbogen des nobelsten aller Hotels in dieser großen Stadt. Schon begannen sie sich vertraulich zu schubsen, ließen sich fotografieren, plauderten dahin und machten sich einen amüsanten Abend. Später gönnten sie sich drüben im alten Cafe Leopold noch ein, zwei Gläschen importierten Whiskey und einigten sich auf die Nacht in seinem Heim oben im Norden. Schon im Taxi trafen sich heimlich ihre Hände und angekommen in seinem spartanischen Zuhause, entledigten sie sich schnell ihrer Kleidung und ließen es sich wahrlich wohlergehen. Tagelang trieben sie dahin durch ein prickelnd Meer aus Küssen, lustigen Geschichten und dem göttlichen Spiel warmer, wohlmeinender Hände. Doch eines schönen Morgens wachten sie auf, stellten fest, daß all ihr Geld verbraucht war und sie Hunger hatten. Robert begab sich noch desselben Nachmittags auf seine Runde durch das Viertel, um nach dem Rechten zu sehen und Geld zu verdienen. Madleine blieb alleine in dem kleinen Zimmerchen zurück und es war ihr, als hörte sie ferne Stimmen aus einer untergegangenen Welt sie rufen und über die schlichten Wände ihres Verstecks krochen totgeglaubte Schatten. Als Robert des abends mit üppigem Essenskorb nachhause zurückkehrte, sie gewartet hatte fast wie ehedem, war ihre Freude von Furcht getrübt. Ihre eigenen Taschen waren leer, die Vergangenheit schien näher zu rücken, bedrohlich, und sie bedrängte ihn um Hilfe. Aber alles, was Robert anzubieten hatte an Arbeitsmöglichkeit war der umworbene, einflußreiche Peter, sein Freund, der rührige Betreiber des Bordello d' amour. Sie lachte nur und sagte:"Warum nicht!" Eine Audienz bei dem großen Peter war für Robert keine Schwierigkeit, und nach kurzem Gespräch stand einer Probenacht in dessen Betrieb nichts im Wege. Was sollte es schon machen, das Mädel, ohne Geld, ohne Beruf, ohne Handwerkszeug und doch so voller Tatendrang.

So saß sie denn noch in dieser Nacht in der Lounge des Etablisments zwischen leichtgeschürzten Mädchen, die ihre Fingernägel machten, rauchten und in Filmzeitschriften blätterten, während sie ihrer Kundschaft harrten. Ihre bürgerliche Herkunft stand Madleine in's Gesicht geschrieben und war ihr goßer Trumpf. Und so nahm sie denn alsogleich ein nicht mehr ganz junger Araber, voll der köstlichen Vorfreude, mit in sein großzügiges Penthouse drüben am Marine Drive.

Der kleine, kugelrunde Araber lebte hier an der üppig-geschwungenen, von Lichtern umsäumten Bucht in gediegener Eleganz. Alte Perser auf dem Boden, geschnitztes Schrankwerk, Lüster aus feinem Kristall und Hundertwasser an den Wänden. Als Genießer erkannte er Madleines Qualitäten im Augenblick. Eine einfache Hausfrau, unverdorben, unschuldig geradezu, auf dem Sprung in's übergroße Meer der Lüste. Besonders hingerissen war er von ihren mütterlichen Formen und ihrer resoluten Bestimmtheit, denn er liebte es ganz besonders hart auf Arsch und Sohle. Flugs war er splitternackt und hatte ihr auch schon sein Lieblingsstöckchen in die Hand gedrückt, das sie, zum eigenen Erstaunen, schon bald bestens im Griff hatte. Nach anfänglichem Zögern und Zaudern produzierte sie alsbald einen sicheren, brauchbaren Schlagrythmus. Die nackte, grunzende Kugel mit ausgestrecktem Hintern amüsierte sie mehr und mehr und sie fand schnell an ihrer neuen Arbeit ein gar fröhliches Gefallen. Auch der Scheich war außer sich vor Freude und sprang, noch in den letzten Zuckungen seiner Exstase, auf seine eher dünnen Beine, um ihr demütigst seine Begeisterung kundzutun.

Keine Frage, sie war sofort engagiert als Hausdame in dem weitläufigen Appartment des kleinen, immerbösen Buben aus Arabien. Peter, der ehrenwerte Betreiber des Bordello d' amour, war keine Affäre. Die Vertragslösung mit diesem noblen Herrn konnte man aus der Jackentasche bezahlen. Eher ein Problem war Robert. Sie hing ganz sehr an ihm, kein Zweifel, mußte seine verspielten Hände ganz in ihrer Nähe wissen. Und so ward eine passable Stellung als Hausmeister in ebendemselben Appartment geschaffen, in der es Robert sich gutgehen lassen konnte nach alter Väter Sitte und wo er der Dame des Hauses gelegentlich in erzieherischen Fragen assistierte. So lebten denn beide fürderhin in gesunder Ruhe und zufriedener Eleganz, liebten sich in wildem Überfluß und hatten weiter keine Sorgen als ihren kleinen, kugelrunden, putzgescheiten Kalifen, täglich auf's Neue, zum glücklichsten Mann der Welt zu machen. Und sie taten es fürwahr gerne.

Gerhard Lassen


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.