Falschgeld zeichnet sich nicht alleine dadurch aus, dass es häufig künstlerisch wertvoller ist als das sogenannte echte. Es besticht auch durch die gelegentliche Eigenart, plötzlich, fein gebündelt, in einem chicen, schwarzen Koffer vor der Haustüre völlig verarmter Knechtsleute zu stehen.
Falschgeld will Spaß!
Und nichts erheitert es mehr, als durch die Hände völlig Ahnungsloser zu wandern. Der perfekte Impersonator mit lebensverändernden Qualitäten.
Die Knechtsleute, Mann und Weib, blickten geblendet auf die dicken Scheinbündel in dem Koffer, ungläubig und fassungslos, und konnten, wie betäubt, des Geldes leises Giggeln und Gaggeln nicht hören.
Sie nahmen sich verschämt einen Schein aus dem Koffer und verstauten den Rest in der Blechtruhe unter dem Bett. Mit dem Bus fuhren sie in die Marktstadt und schauten sich um. Alles war plötzlich so verlockend, so erreichbar und verheißungsvoll. Sie kauften Reis und Fleisch und gute Sachen und eine gute Flasche roten Weines beim Krämerladen. Des Abends träumten sie mit satten Bäuchen von einem reichen Leben, das ihnen beschert schien.
Kein Wunsch musste mehr unerfüllt bleiben.
Am nächsten Morgen waren sie gleich wieder unterwegs in die Marktstadt. Als sie den Krämerladen passierten, schienen sie plötzlich getroffen von einem stechenden Blick, der ihnen in Form eines bärtigen Riesen auf der Straße nachfolgte. Sie bemerkte ihn zuerst und dann auch er. Man ging um ein paar Ecken, der Stechblick blieb ihnen auf den Fersen. Letztendlich wagten sie es dann doch, betraten einen feinen Tuchladen und erstanden Kleidung und Schnickschnack, wie es einem Fürsten geziemt hätte. Der böse Blick blieb draußen vor der Türe und im Luxuskaufrausch hatten sie ihn bald vergessen. Beladen mit vollen Taschen, sommerlich elegant gekleidet, verließen sie das Etablisment. Der Stechblick war verschwunden und erleichtert setzten sie sich in ein Taxi heimwärts. Sie beide schwelgten in ihren neuen Kleidern, tanzten vor dem alten, halbblinden Spiegel und kopulierten und liebten und strawanzten noch an Ort und Stelle, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan hatten.
Alsbald, am nächsten Morgen machte man sich wieder auf den Weg in’s Städtchen; dieses Mal aber nicht, ohne vorher das magische Köfferchen im Hain des nahen Waldes tief, tief, tief vergraben zu haben. Ein einziges Bündelchen war mehr, als sie bis dahin in einem ganzen Jahr hatten mit mühevoller Arbeit verdienen können. Und es waren derer viele in dem Koffer.
Nun verspürten sie aber diese heimlichen, jagenden Blicke schon hier, auf dem Weg durch’s Dorf. Überall schienen starrende Augenpaare versteckt zu sein: im Gebüsch neben dem Dorfbrunnen, an der Haltestelle, auf der Rückbank im Bus und selbst die Augen im Rückspiegel des Fahrers schienen sie zu fixieren. Sie blieben standhaft und fuhren in die Stadt. Was sollten sie auch machen, nun, wo sie schon mal im Busse saßen. Als sie im Städtchen aussteigen mussten, war es, als hätte sich zu den Blicken ringsum ein seltsames, bedrohliches Murmeln gesellt. Ihnen war nicht mehr nach Einkaufen zumute, einerseits. Andrerseits, galten denn die durchdringenden Blicke und das anschwellende Gemurmel hinter ihrem Rücken tatsächlich ihnen? Niemand trat ihnen nahe, niemand berührte sie, zwang sie, fragte sie, hielt sie.
Sie betraten den Elektroladen am Ende des Marktes, um sich Radiogeräte anzusehen, Der Händler konnte bei ihrem Anblick nur mit Mühe eine unheimliche Heiterkeit verbergen, kämpfte angestrengt um einen Satz, der sich schon nach zwei Silben in berstendem Gelächter auflöste. Unser Paar, schon nicht mehr Knechte, fast schon Strawanzer, starrte dem dickleibigen Händler entgeistert in’s puderrote, von Lachtränen genetzte Gesicht. Sie hatten das Gefühl, der Laden hatte sich hinter ihnen unmerklich gefüllt. Laut und nah war plötzlich das Murmeln und wie Hiebe durchdrangen sie viele, viele böse Blicke. Sie blickten sich vorsichtig um und standen Aug’ in Aug’ mit einer quellenden Menschenmasse, unwirklich wie Gespenster, die hinausquoll durch die Türe, auf die grelle, sonnige Gasse, ein Bollwerk, eingehüllt in fernes Murmeln und Mahlen. An Flucht war nicht zu denken, wiewohl das ihr erster Gedanke war. Aber zu dicht standen die Leute hinter ihnen, ganz real. Der Händler fasste sich wieder, nach und nach, wischte sich die Tränen aus den Augen und tat plötzlich so, als hätte er nur geschneuzt. Unsere beiden Enterpreneurs nutzten die Gunst des Moments und entschuldigten sich und versprachen, sie kämen morgen noch ein mal, wenn es dem werten Herrn wohler und sein Laden nicht so voll wäre. Und bahnten sich einen Weg durch die Menge, die plötzlich, von magischer Hand verwandelt, dreinblickte wie unschuldigste Kundschaft, die wartet, bis sie dran ist. Schleunigst machten sie sich auf den Weg zurück in’s Dorf. Aber all die Taxis, die am Marktplatz standen, schienen entweder belegt, bestellt oder sonstwie nicht verfügbar zu sein. Und so quetschten sie sich mit Mühe in einen überfüllten Bus, der sie um ein Haar wieder ausgespuckt hätte. Nichtsdestotrotz erreichten sie das Dorf, unversehrt. Vorsichtig näherten sie sich ihrem Häuschen. Keine Menschenseele war zu hören oder zu sehen, aber von weitem schon sahen sie eine weit offene Tür und aufgestoßene Fensterläden. Sie blieb ein Stück weit in den Bäumen zurück, während er sich dem Haus, von Schatten zu Schatten eilend, näherte, die Veranda hinaufschlich und das Haus betrat. Es war komplett verwüstet, kein Teller auf dem anderen, das einzige, verblichene Bild an der Wand, zerfetzt, die karge Matratze aufgeschlitzt und ausgeschüttet. Das Innere des Hauses war ein Trümmerhaufen.
Entsetzt ergriff er die Flucht, eilte im Schutze der Bäume zurück zu seiner Frau. Langsam, vorsichtigen Schrittes entfernten sie sich. Nirgendwo war jemand zu sehen und zu hören, keine Stechblicke, kein Murmeln. Sie gingen den Weg zum Waldeshain, wo sie tief, tief, tief ihr Köfferchen ausgruben. Im Schoße der Wälder überquerten sie die Hügel, um an deren Fuß, jenseits der Lagune, den geschäftigen Hafen zu erreichen. Rechtzeitig noch fanden sie die Fähre, die sie über’s Meer in die große, ferne Stadt bringen sollte.
Einmal an Bord, hatten sie nun 24 Stunden Zeit, bis sie im fernen Bullawulla ankämen; Zeit genug, das Geld näher zu erforschen. Das taten sie ausgiebig, unterzogen es einem gründlichen Verhör: wer es sei, was es sei, woher es käme. Anfangs stellte sich das Geld stur. Aber irgendwann, im Laufe der Vernehmung. als es ein neuerliches Giggeln und Gaggeln nicht mehr unterdrücken konnte, mußte es unter Prusten gestehen, jawoll, es war Falschgeld. Allein, woher es kam, das verschwieg es. Ehrensache.
Noch in der Stunde ihrer Ankunft in Bullawulla ließen sie sich in den vornehmsten Autosalon der Stadt bringen, um dort einen flotten, teuren Wagen zu erstehen. Sie waren bestens gekleidet, die Flucht durch die Wälder sah man den edlen Stücken keineswegs an. Sein Panama hatte keine Blessuren, der Anzug saß leger, ihr blaugetupftes Kleid umhüllte sie adrett und nur ihre braungebrannte Haut hätte noch ihr arbeitsames, mühseliges Vorleben verraten können. Mit einem Handschlag bekamen sie ihr nobles Geführt, vollgetankt, ohne Rechnung, bar bezahlt. Noch ohne einen Bissen im Magen fuhren sie nach Süden, an’s andere Ende der Stadt. Und es war eine riesengroße Stadt, eine unvorstellbar große Stadt, größer noch als Tokyo oder Kairo. Nicht, dass sie sich auskannten. Aber wie von Geisterhand gesteuert, fand das Fahrzeug seinen Weg. Freundliche Polizisten hielten Kreuzungen frei, Kinder winkten vom Trottoir, freie, breite Straßen zeigten ihnen den Weg zur Topadresse für den Ankauf frischgebrauchter Straßenkreuzer. Man feilschte, verhandelte und verkaufte letztendlich. Mit einem Gläschen Sekt besiegelte man das Geschäft und unser gutes Paar von Welt hatte den Sack voller Geld, welches nicht mehr giggelte und gaggelte, sondern still und sanft im Beutel lag. Ein braves, gutes Geld.
Nun gönnten sie sich redlich eine Pause, mieteten sich ein in einem eleganten, verschwiegenen Hotel, bestellten Champagner und Cocain, verbaten sich jede Störung und knabberten und schleckerten und liebten sich noch auf dem Teppich, dass selbst die schweren Brokatvorhänge an den großen, alten Fenstern in frohem Takte mitschwangen.
Nach sieben Tagen und sieben Nächten ließ man sich zurückchauffieren in ihr kleines Dorf und rief die Gendarmerie ob der Verwüstungen im Haus. Die Schuldigen waren alsbald gefunden und mussten, bevor sie ins Gefängnis gingen, das Häuschen aufs beste restaurieren, derweil unsere beiden Liebenden aus der Stadt im Dorfkrug residierten.
Als alle Arbeit getan war, die Wände getüncht, die Möbel platziert, die Vorhänge an die Fenster gehängt und die diebischen Verlierer hinter Schloss und Riegel verbracht waren, drehte man die Musik und die Lichterketten an, rollte das Bier in den Garten und feierte ein großes Fest, wie es das Dorf noch nicht erlebt hatte.
Und niemand aus dem Dorf, auch nicht die Altvorderen, konnte sich mehr erinnern an eine Zeit, als dies köstliche Anwesen am Rande des Waldes noch nicht der Landsitz unseres liebenswerten Künstlerpärchens aus der großen, fernen Stadt gewesen war.
Gerhard Lassen