Die postmoderne Bibel: Man liest wieder Foucault

Oder man behauptet wenigstens, daß man ihn lesen müßte. Feuilletonleser kommen an ihm gar nicht mehr vorbei. Der Mann bürgt für »gesellschaftliche Relevanz«. Und wo die im Studium vermißt wird, ist er schon wieder fällig. Drei bis fünf Arbeitskreise zum Thema »Poststrukturalismus »sind ihm mittlerweile auf der Spur. Das mit der Lektüre ist allerdings gar nicht so einfach bei einem, der dem Hang zur Unverständlichkeit frönt, auf daß ihm ein Publikum abnehme, er hätte Bedeutsames mitzuteilen.

Die Verrätselung der Welt: Hinter allem steckt was. Und zwar dasselbe

Andererseits, was für ein Angebot! Zum Kreis der Eingeweihten zu gehören, der seine Andeutungen versteht und damit so gewichtige Dinge wie die Macht durchschaut:

»Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen (?), die ein Gebiet bevölkern (?) und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen« - Ist ja mords was los, nur was? – »diese (?) Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese (?) Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten oder« – oder ist gut! – »die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.«

Würden nicht »schließlich« Staat, Gesetzgebung und – keine Ahnung, was das nun schon wieder sein soll – »gesellschaftliche Hegemonien« erwähnt, hätte man überhaupt keinen Anhaltspunkt, worum es gehen sollte. Mit diesem Anhaltspunkt wird man allerdings sehr berechnend auf eine falsche Fährte geschickt. Die erwähnte staatliche Wirklichkeit ist in Foucaults Auslassungen gar nicht das Subjekt, das einer Klärung zugeführt wird, sondern das Prädikat des ganzen Sumses vorher: Der Staat und seine Institutionen sind danach Verkörperung, Wirkung von diesen unsäglichen zu Systemen verketteten oder – egal! – gegeneinander isolierten anonymen und nicht weiter bestimmten »Kraftverhältnissen«. Es wird nicht aufgeklärt, sondern vergeheimnist, und diese Vergeheimnissung als Aufklärung angeboten. Damit nämlich überhaupt nachzuvollziehen ginge, wovon mit dieser famosen Abstraktion »Macht« die Rede sein soll, wäre schon vonnöten, wenigstens ein bißchen anzugeben, von welchen Verhältnissen und worin »Macht« das bestimmende abstrakte Prinzip sein soll. Davon hält dieser scharfsinnige Theoretiker nichts, und dann wäre auch die ganze Rätselhaftigkeit beim Teufel. Der will gar nicht erklären, welchen Notwendigkeiten die Phänomene unterliegen, die auch er aus der wirklichen Welt kennt, sondern fängt mit »Macht« als dem Namen eines ganz leer gedachten Prinzips von bestimmender Notwendigkeit an. Dann haucht er dem Prinzip den Charakter eines tätigen Subjekts ein und beschwört den Realismus seines verkehrten Abstrahierens in Form von inhaltsleeren Wortschöpfungen, die als Wirkungen den schöpferischen Charakter dieses Subjekts beglaubigen sollen: Hinter den wirklichen Mächten darf man mit Foucault ominöse Kräfte vermuten und am Walten sehen. Dieser Einstieg in eine rätselhafte Hinterwelt, von der, wenn nicht Foucault auf sie aufmerksam gcmacht hätte, niemand nichts gemerkt hätte, von der gleichwohl so ziemlich alles abhängen soll, bürgt für einen geradezu universellen Durchblick, der die lästige Befassung mit der Wirklichkeit glatt überflüssig macht.

Die Banalität des gelüfteten Rätsels: Die Welt des »Diskurses« schafft ein Paradies von Freiheit

So gelingt es Foucault mühelos, in einem Satz die disparatesten Angelegenheiten zu assoziieren, ohne auch nur andeutungsweise den Zusammenhang benennen zu müssen, den er zwischen ihnen prätendiert. In einem seiner Bücher verspricht er beispielsweise:

»Am Fall der Sexualiät soll die Politische Ökonomie eines Willens zum Wissen dargestellt werden.«

Und an anderer Stelle wird das Gesetz vom tendeziellen Fall der Profitrate bemüht – in einem Zusammenhang, in dem es um Grammatik geht. Daß dieser Mann nichts auseinanderhalten kann, ist eine Seite. Daß er nichts auseinanderhalten will, ist die andere: Für ihn ist alles gleichermaßen Wirkung der »Kämpfe und Auseinandersetzung«, die sich in seiner Hinterwelt abspielen; nur einem Feld, das mit den Stichworten Wissen und Wahrheit, Sprache und Grammatik und vor allem und immer wieder Diskurs umrissen wird. Dort sieht er die »Kraftverhältnisse« angesiedelt, von denen in seinem armseligen Weltbild alles – Sexualität und Ökonomie, Wahnsinn und Politik usf. – abhängt. In seinen Büchern hat er es sich daher zur zentralen »Aufgabe« gemacht, »die Diskurse als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen«. Da füllt ein schon recht betagter Gedankenblitz aus dem Arsenal religiösen Wahndenkens Bände der wissenschaftlichen Literatur von heute. »Und die Erde war wüste und leer und es war finster auf dieser Tiefe ... Und Gott sprach (sic!): Es werde Licht. Und es ward Licht« (1. Mose 1) – nur daß »das Wort«, das bei Meister Foucault fleischig wird und unter uns wohnt, eben nicht schon selbst eine zu einem vollständigen Glaubensgebäude geronnene Weltanschauung ist. Es ist umgekehrt ein methodischer Denkhebel fürs Verfertigen von ganz vielen Weltanschauungen, von denen man keine einzige für sich zu glauben braucht, weil alle zusammen auf dasselbe, nämlich auf die eingebildete Macht der Einbildung hinauslaufen. Foucault ist kein bornierter Sinn-Prediger, sondern predigt die Bornierung auf Sinn als Methode und Prinzip des Denkens. Dafür nimmt er den Blickwinkel eines notorischen Bibliothekengängers ein und diagnostiziert die Quintessenz aller Ideologiebildungen als Wahrheit über die Welt: daß die sich nach theoretischen Abwägungen richtet und Resultat vernünftiger Erwägungen ist. Hier spricht einer, der mit den Produktionen geistiger Anpassung so sehr d´accord ist, daß er deren abstrakten Nenner, die Lüge von der Übereinstimmung von Geist und Macht, unbesehen Glauben schenkt und ob dieser Anpassungsleistung des Geistes glatt auf den Wahn verfällt, die Übereinstimmung würde durch Anpassung der Macht an den Geist zustandekommen!

Das Geistesimperium schlägt zurück: Sündenfall & Vertreibung aus dem Paradies

Foucault wäre kein kritischer Intellektueller und die ganze Aura des Querdenkens und Entlarvens wäre dahin, die Foucault so sorgsam um sich aufbaut, würde sich bei ihm ob dieser Diagnose Zufriedenheit einstellen. Er führt einen einsamen Kampf. Ausgerechnet auf dem Feld der angeblich alles bestimmenden Geistesfreiheit sollen nämlich – bislang unbemerkt – die gewichtigsten Fälle von Zwang und Unterdrückung anzutreffen sein. Der Geist kriegt es mit sich zu tun. Er führt nicht nur Diskurse noch und nöcher, mit welcher »Praktik« er so frei ist, die Beherrschung der Gegenstände zu bewerkstelligen. Er erweist sich ausgerechnet in dieser Praktizierung seiner Freiheit äußerst befangen. Zur Erstellung dieser denkwürdigen Diagnose – wovon soll so ein absoluter Geist eigentlich noch abhängen? – muß Foucault nur noch Diskurse gegenüber denjenigen, die sie führen, verselbständigen. Motiv: Zauberlehrling – die Diskurse führen ihr Eigenleben und beschränken durch ihre Regeln und Gesetze die Freiheit des Geistes:

»Zwar bestehen diese Diskurse aus Zeichen, aber sie – Subjekt! – benutzen diese Zeichen für mehr als nur zur Bezeichnung der Sachen.«

So leichtfüßig sich das Denken - via dem im »Diskurs« vollzogenen Abschied von aller Objektivität – auch in die Phantasie eines Fakten schaffenden Gedankens davonmachen und als frei befeiern mag: Dem ldeal einer geistgeborenen und umstandslosen Einheit von sich mit allem hinkt der Pferdefuß nach, daß man es zwar methodisch aufspreizen und als Prinzip allen Denkens dahersagen kann, deswegen das Denken aber noch lange nicht dasselbe ist wie die Erfüllung dieses moralischen Spleens. Deswegen kommt Foucault darauf, den Geist, solange er etwas denkt, auf dem Holzweg zu seiner Verklärung zum reinen Freiheitsmedium sich selbst in den Weg zu stellen, und dieser Popanz nimmt Gestalt an durch den gnadenlos durchgeführten Nonsens-Beweis, daß das Denken beschränkt ist durch alles, was es bestimmt. Das ist natürlich sehr vereinfachend gesagt, denn in Wirklichkeit kommt die alte Leier von der Hybris menschlicher Geistesgaben schon auf dem Niveau moderner Wissenschaftstheorie, Morallehre und Methodologie, also sehr kompliziert daher. Die wichtigsten Hämmer dieses Kampfes gegen intellektuelle Unfreiheit sind gleichwohl schnell gesagt und erschütternd schlicht dumm:

• Sprache, Grammatik, das Wort: Ausgerechnet die Ausdrucksmittel des Gedankens werden mit dem Verdacht belegt, den freien Gebrauch des Verstandes enorm zu behindern. Wäre der nicht an die Sprache gebunden, hätte er noch viel mehr und anderes zu sagen; aber das geht ja ohne Sprache wieder nicht. Als muß auch auf ewig verborgen bleiben, worin der Verstand eigentlich durch die Sprache behindert wird.

• Wissen und Wahrheit: Die Resultate erfolgreichen Nachdenkens kommen auch ganz schlecht weg. Vor allem weiß man in diesem Fall, was das Streben nach Wissen und Wahrheit beschränkt: »Ausgrenzung des Wahnsinns« lautet das Verbrechen. Da weiß man wenigstens, worauf Foucault hinaus will mit seinem abstrakten Lob der Geistesfreiheit. Daß er etwas wissen will, fällt nicht darunter; und stimmen soll es auch nicht.

• »Strukturen« aller Art: Benannt ist damit nur noch das fehlerhafte Gerüst dieses Nonsens-Beweises: Etwas ist durch seine Bestimmtheit bestimmt. Der Mensch ist in dem, was er denkt, sagt und tut, festgelegt auf das, was er denkt, sagt und tut, durch das, was er denkt, sagt und tut. Denk mal an!

So theoretisch unbrauchbar und dürftig die Gedankenfigur ist, derzufolge alles nur durch Ausschluß dessen, was es nicht ist, es selbst ist, so brauchbar wird sie als moralischer Deutungshebel: An Irren und ihren Ärzten, an Richtern und ihren Opfern, an Wissenschaftlern und ihrer lästigen Verpflichtung auf Wahrheit und an den Knechtungen der Fleischeslust kann man die Einbildung als Befund aussprechen, daß es dies alles nur gibt, um dem Individuum in seinem abstrakten Freiheitswahn Unrecht zu tun. Wozu das gut ist, steht auf einem anderen Blatt.

Fazit: Elitärer Socken muß leiden am Rest der Welt

Der Befund einer universell waltenden geistigen Befangenheit wäre freilich keiner ohne denjenigen, der im Widerspruch zu diesem Befund die Aufdeckungsarbeit leistet. Und der hat´s auch nicht leicht:

»Wie jeder andere weiß ich, wie undankbar– im strengen Sinne des Wortes – die Anstrengungen sein können, von denen ich spreche, und die ich seit nunmehr zehn Jahren unternehme.«

Er hat´s ja lang genug ausgehalten, zumal es ja sein freier Entschluß war, seine Geistesfreiheit einzig zu dem Behufe anzustrengen, sich zu bestätigen, was für ein freier Geist man doch ist, und zumal der Lohn davon auch ziemlich absehbar ist: Es muß sich doch irgendwie das Gefühl der Erhabenheit einstellen ob der anstrengend konstruierten Einsicht, daß man nicht so beschränkt ist wie der Rest der Menschheit, Dankbarkeit posthum kommt jedenfalls nicht auch noch in die Tüte!


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