Erklärung zur AStA-Kandidatur

1. Daß wir keine organisatorischen oder inhaltlichen Ansatzpunkte für die Zusammenarbeit mit dem AStA sehen, ist keine Folge unserer Nichtwahl, sondern war Anlaß unserer Kandidatur. Daran hat sich nichts geändert.

2. Obwohl die Kandidatur selbst mißlang, war sie politisch richtig; und sie ist es weiterhin in ihren Konsequenzen. Die Differenzen offengelegt und zum Gegenstand unserer Agitation gemacht zu haben, war richtig, weil es sich hier um zwei grundlegend verschiedene Konzeptionen handelt, zwischen denen gar keine Vermittlung mehr möglich ist. auf der einen Seite steht eine Politik, die auf eine – meinetwegen auch radikale – Veränderung bzw Verbesserung der Gesellschaft hin angelegt ist und eine humanere Gesellschaft – was auch immer das sein mag – zum Ziel hat. Wir vertreten andererseits eine Politik, die die Natur des Kapitalverhältnisses zu begreifen und daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen versucht. Die erste Konzeption ist moralisch die zweite wissenschaftlich.

3. Agitation an der Hochschule ist überhaupt nur dann sinnvoll, wenn das Verhältnis von Kapital und Wissenschaft begriffen ist. Die Klärung und Erklärung dieses Verhältnisses ist einziger Gegenstand unserer Hochschulpolitik.

II

1. Das sozialistische Studium beginnt grundsätzlich mit der Erklärung des Kapitalverhältnisses und schreitet von dort zu den Einzelphänomenen der bürgerlichen Gesellschaft fort. Wir halten es aber in unserer konkreten Situation für nötig, eine Einzelerscheinung schon von Beginn an zu berücksichtigen: das Verhältnis von Kapital und Wissenschaft; und in der Anwendung der so gewonnenen Erkenntnisse die Kritik am Inhalt der bürgerlichen Wissenschaft.

2. Die Agitation an der Hochschule kann nur dann richtigen Erfolg haben, wenn vermittelt werden kann, daß die Hochschule, ihre Organisationsform, ihr Inhalt und der Platz des einzelnen in ihr, notwendige Folgen des Kapitalverhältnisses sind. Gelingt diese Vermittlung nicht, lassen sich allenfalls moralische Bekenntnisse gewinnen.

3. Das sozialistische Studium muß selbst wissenschaftlich sein. Nur eine vollzogene Kritik der bürgerlichen Wissenschaft vermeidet es, deren Inhalte blind zu übernehmen und in den Dienst des Volkes (bzw: der Gesellschaft) stellen zu wollen.

4. Die bürgerliche Wissenschaft kann nicht zu einem guten Zweck umgewidmet werden. Sie beruht auf der Trennung der geistigen Arbeit von der materiellen Produktion und ihrer Unterwerfung unter die Erfordernisse des Produktionsprozesses. Bürgerliche Wissenschaft ist daher rein instrumentell. Die Geisteswissenschaften versuchen die im Kapitalismus entstehenden Widersprüche zu bewältigen (sie also gerade nicht aus dem Kapitalverhältnis zu erklären); sie verdienen daher ausschließlich Kritik. Aber auch die Naturwissenschaften gehen mit der Realität rein instrumentell um: Was sie und wie sie es erklären hängt, auch in der sogenannten Grundlagenforschung, von der Erfordernissen des Produktionsprozesses statt. (Um ein Mißverständnis zu vermeiden: Die bürgerliche Wissenschaft ist zwar eine falsche, aber sie lügt nicht, sie manipuliert nicht. Sie ist die theoretische Folge, wenn man sich von der unbegriffen Praxis des Kapitalverhältnisses leiten läßt, also die notwendigen Folgen dieses Verhältnisses außer acht läßt. Daher muß auch die Geisteswissenschaft, gerade weil sie wissenschaftlichen Anspruch hat, aber die Ursache der Widersprüche weder klären kann noch will in einer Vielzahl nebeneinander her existierender Ansätze steckenbleiben.)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.