$777 trillion - Der Preis der Sklaverei

Ungefähr 40 Jahre nach ersten Kriegszügen zum Sklavenfang baut Portugal 1482 »Elmina Castle« an die Küste des heutigen Ghana. Elmina Castle ist - nicht zuletzt durch die militärisch ausgefochtene Konkurrenz verschiedener europäischer Staaten, es als Hochburg des Sklavenhandels nach Europa und später in die Neue Welt einzunehmen - ein Symbol für die wirtschaftliche Relevanz der Sklaverei geworden. Angeregt durch den Kampf jüdischer Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter um Ausgleichszahlungen in Deutschland fordert die »African World Reparation and Repatriation Truth Commission«, eine NGO, nun symbolische $ 777 trillion von den Nachfolgern und Nutznießern der Sklaverei.

Es lassen sich zwei Idealtypen von Sklavenfang und -handel unterscheiden, der arabische und der atlantische. Während der atlantische (oder europäisch-amerikanische) Handel Sklaven räumlich in erster Linie aus Westafrika bezog und zeitlich von den 1440ern bis grob in die 1870er eingrenzbar ist, hatte der arabische in Afrika seine Hochzeiten von etwa 1000 n. Chr. bis in die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hinein und erstreckte sich - in den letzten vier Jahrhunderten - vor allem auf Ostafrika mit Zentrum Zanzibar. Nach Arabien wurden knapp 10 Mio. Sklaven verschleppt, über den Atlantik je nach Schätzung zwischen 12 und 50 Mio. Wesentlich unterschieden sich die beiden Varianten der Sklaverei in der Verwendung von Sklaven. Die Reichen der Neuen Welt brauchten Arbeiter für landwirtschaftliche Plantagen und bevorzugten daher männliche Sklaven, die Mächtigen Arabiens waren zuallererst an weiblichen Sklaven für Konkubinat und Harem interessiert. Der Wunsch der arabischen Männergesellschaft, ästhetische Idealfrauen - vom Horn von Afrika - zu besitzen und sexuell zugänglich zu machen, führte zu einem künstlich gesteigerten Frauenanteil der Bevölkerung und damit zu einer demographisch erhöhten Reproduktion. Blieben Sklavenkinder in der Neuen Welt selbst Sklaven, so waren Abkömmlinge von Sklaven in Arabien frei und assimilierten sich. Männliche Sklaven in Arabien durften nicht Teil der sich sexuell definierenden Männergesellschaft sein und wurden kastriert (während weibliche Sklaven in der Neuen Welt in aller Regel vergewaltigt wurden und die unfreien Kinder ihres Herrn zur Welt brachten).

Durch diese gezielten Raubzüge - an welchen sich sicher auch Afrikaner beteiligten und bereicherten - litt Westafrika eher an einem Männer-, Ostafrika eher an einem Frauenmangel, was sich für Arbeit und Arbeitsteilung bei Ernten etwa, soziale Reproduktion und kulturellen Fortbestand verheerend auswirkte. Verteidigung und Widerstand wurden dadurch unmöglich gemacht. Ernteausfälle wiederum nötigten beispielsweise Oromo-Familien in Ostafrika ihre Töchter schließlich selbst zu verkaufen. Das Bevölkerungswachstum Afrikas stagnierte durch das Abschöpfen von Sklaven zwischen 1650 und 1900, während die Bevölkerungen in Europa und Asien deutlich hinzugewannen - und dadurch Entwicklungspotential freisetzten. Afrika als Kontinent ist in soweit unterentwickelt, als daß es viele Jahrhunderte lang demographisch und wirtschaftlich ausgeblutet wurde - lange schon bevor die europäischen Mächte größere Regionen des Kontinents zu Kolonien machten und auch lange nachdem diese ihre Unabhängigkeit erlangten. Afrika wurde an die Peripherie der offiziellen Weltgeschichte gedrückt. In wesentlichen wirtschaftlichen Bereichen sind die afrikanischen Staaten heute - trotz teilweise bedeutender Rohstoffvorkommen - vom Import abhängig. Politische Krisen und Kriege ordnen sich ein in die geschichtliche Kontinuität des Kolonialismus. »Als Afrikaner geboren sein« wird heute - dort explizit, hier implizit - vielfach gleichgesetzt mit »schon verloren haben«.

Sollten die jüdischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter Ausgleichszahlungen bekommen, so werden sie ihre Ausbeutung nachzuweisen haben. Was - in dieser Weise gedacht - ist aber denn noch übrig von der Sklaverei? Wo sind die Beglaubigungsscheine der Plantagenbesitzer, die Akten der Einwohnermeldeämter von Keta oder Greenville aus dem 16. Jahrhundert, die Zimmerbelegungspläne arabischer Harems?

Daß sich solche Linien von heute nach damals schlagen lassen, hat etwa Alex Hailey in ”Roots” bewiesen. Schwieriger ist das für die assimilierten Sklavinnen Arabiens. Überbleibsel der Verschleppung aber gibt es in kleineren und größeren Gruppen von Bolivien bis Pakistan - auch in Europa. 1768 wird alleine für London das Dienstpersonal afrikanischer Herkunft auf 20.000 geschätzt (Gerzina: Black England. 1995), 1935 gibt es in Deutschland eine dunkelhäutige Bevölkerung von 25.000 Menschen, deren Überlebende auf Entschädigung für Zwangssterilisation und Arbeitslager hoffen.

Nicht suchen muß man dagegen nach den Ghettos Watts oder Harlem nördlich der 125. Straße und nach der Perspektivlosigkeit ihrer Bewohner, nach unverhülltem Rassismus (früher einmal die Rechtfertigungsgrundlage der Sklaverei, heute beliebt in Film, Werbung, Antimigrationpolitik und Magdeburg) und entsprechender Diskriminierung als dessen Äußerung. Warum hat sich die BRD trotz ausreichender Gelegenheit nicht für das Herero-Massaker im heutigen Namibia 1904-1906 entschuldigt, bei welchem etwa 60.000 Menschen umgebracht wurden? Die Antwort ist klar, Sorge um Ausgleichszahlungen! Die Regierung Namibias hat daran wenig Interesse, ist die deutsche Entwicklungshilfe doch relativ hoch, die Herero-Vertreter werden ignoriert.

So hat sich die »African World Reparations and Repatriation Truth Commission« zu einer Forderung - $ 777 trillion - entschlossen, die nie und nimmer beglichen werden wird, doch ihre symbolische Angemessenheit kann nur von Ignoranten bestritten werden. (mt)

(Zahlenangaben nach entsprechenden Artikeln in New African N° 377-379)


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