Soldaten sind keine Mörder mehr

»Der Fahrer hält in der linken Hand eine Handgranate, der Beifahrer feuert mit seiner Kalaschnikow in die Luft. Kurz vor der Kreuzung, die Ferk mit seinem Panzer blockiert, stoppt der Wagen. Die Deutschen geben einen Warnschuss ab. Doch statt die Waffen niederzulegen, lassen die Angreifer - serbische Paramilitärs, offenbar betrunken - den Motor ihres Wagens aufheulen und fahren rückwärts. Falls dies ein Versuch war, doch noch aufzugeben, kommt er zu spät: Die Deutschen sind zum Gegenangriff entschlossen. David Ferk gibt den Feuerbefehl - und er schießt als Erster. Er handelt, wie er es sich vorher immer wieder ausgemalt hat - kalt und professionell. Der MG-Schütze dagegen zögert drei oder vier Sekunden, bis ihm Ferk einen Schlag in den Nacken versetzt. Dann schießt auch er. (...) Aus ihren G-36-Gewehren feuern Ferk und seine Soldaten rund 180 Schüsse ab, außerdem 40 aus Maschinengewehren (...) Eines ist den Einheimischen - Albanern wie Serben - schnell klar geworden: Im Ernstfall fackeln die Deutschen nicht lange.« (SPIEGEL Nr.6/00, S.48).

Eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg ein deutscher Soldat befahl auf Menschen zu schießen, ist dem Magazin eine Doppelseite wert. Auch Ziege Scharping entschied sich, die Tat des Offiziers zu würdigen. Er ließ ihm des Ehrenkreuz in Gold verleihen, die höchste Auszeichnung der Bundeswehr, »Für beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflicht« - so die offizielle Begründung. Heldentaten stellt man sich gemeinhin jedoch anders vor. Das Erschießen von zwei Betrunkenen in einem Lada, die gerade flüchten wollten, aus der sicheren Deckung eines Panzers heraus und mit 220, offenbar recht planlos abgefeuerten Schüssen, gehört nicht dazu. Ferk und seine Stiefelputzer haben da wohl noch etwas vollbracht, das nicht nur mit dem Soldatenhandwerk zu tun hat. Was das allein beträfe, so sind sie schon eher zu kritisieren, als zu ehren, »eine Materialschlacht, die mit den Kfor-Richtlinien nur schwer zu vereinbaren ist, denn die schreiben vor, dass nicht mehr Schüsse als notwendig abgegeben werden sollen«, so der bereits oben zitierte Artikel. Trotzdem ist man sich darin mit Ziege Scharping, sowie den Kameraden und Vorgesetzten von Ferk einig, dass die Soldaten an jenem 13. Juni 1999 keinesfalls ehrenrührig gehandelt haben, wenn nicht gar sehr verdienstvoll.

Nüchtern betrachtet handelte es sich bei der Erschießung der beiden Ladafahrer um eine nicht besonders aufregende, fast schon stümperhaft ausgeführte Polizeiaktion, wie sie in einem gerade eingenommenen Territorium der Besatzungsmacht obliegt. Was ist da also noch dabei?

In einer Broschüre, die Wehrpflichtigen von der Bundeswehr zugeschickt wird, zwecks Überredung zum Freiwilligmelden für Auslandseinsätze, heißt es nach einem Appell, doch für die Zeit von 1945 bis 1990 die »Blockadepolitik der UdSSR im Ost-West-Gegensatz« zu bedenken, »der durch die schwierige Lage des geteilten Deutschlands (...) bedingte Sonderweg« hätte nun ein Ende. Jetzt »gibt es nur noch [ein] Deutschland als Mitglied« der UN. Soldat Ferk hat die Broschüre offenbar auch gelesen und versteht sich laut SPIEGEL als »Teil einer neuen Generation in einem neuen Deutschland, das sich politisch und militärisch auf derselben Ebene sieht wie dei anderen Staaten Europas«. Dass da was passiert ist mit dem Selbstverständnis der Deutschen, seit dem Anschluss der DDR, ist unverkennbar. Zuvor ein wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg, macht man sich ob wiedergewonnener Souveränität und dazugewonnener Größe auf, auch wieder politisch mit hegemonialem Anspruch aufzutreten. Kaum entzückt von dem neuen Großdeutschland, gaben sich die europäischen Nachbarn Mühe, die Berliner Republik in ein gesamteuropäisches Konzept zu integrieren. Freilich will der politische Wille auch durchgesetzt sein. Wenn sich angeschickt wird, dem Balkan klarzumachen, wer entscheidet ob und wie Staaten im europäischen Hinterhof auszusehen haben, dann dürfen auch deutsche Soldaten nicht fehlen. Schließlich bedeutet Freiheit stets auch Verantwortung. Wie das mit aller historischen Erfahrung ist, wenn deutsche Soldaten sich mit zivilisatorischem Anspruch auf dem Balkan tummeln, fragen da so manche. Aber diese Leute haben es scheinbar einfach nicht kapiert, dass die Berliner Republik ein neues, besseres Deutschland ist, als alle vorherigen. Wenn heute Asylsuchende angezündet werden, Leute vom Grenzschutz umgebracht werden, jüdische Gräber geschändet werden, es einen Konsens darüber gibt, das Serben schlechte Menschen sind, etc., dann ist das nicht mehr politisch, das sind verwirrte Einzeltäter, dumme Unfälle und ähnliches – ein Ideologe, wer glaubt, derartiges sei in der Gesellschaft angelegt. Fast erstaunlich scheint es, dass eine derartige Verausgabung von publizistischen Kräften nötig war, um darauf zu kommen, dass es wieder Krieg für den Frieden gibt, dass Deutschland gerade wegen seiner historischen Verantwortung Soldaten nach Jugoslawien schicken darf und muss. Und ob da auch alles richtig war, das fragt sich der SPIEGEL, und nimmt also den Soldaten Ferk, den ersten Deutschen seit langem, der einen Serben abschießen durfte, mal unter die Lupe. Der Ferk wird zum Testfall für die neue deutsche Selbstverständlichkeit gemacht. So erfahren wir alles Mögliche Zeugs darüber, wie anständig der Junge doch ist, und mit ihm der ganze Rest.

Böse Vorahnung – die dramatischen Qualitäten des deutschen Soldaten; ganz klar: hier fließt das Blut von Goethe und Schiller.

»An diesen 13. Juni 1999, den die Soldaten später "bloody Sunday" nennen werden, ist der deutsche Leutnant David Ferk, 24, in aufgekratzter Stimmung, wie er sie nur nach Nächten schlafloser Anspannung kennt.«(der bereits zitierte SPIEGEL, woraus auch die folgenden Zitate sind). Zunächst jedoch, »lässt [er] sich anstecken von der Begeisterung der Kosovo-Albaner«, bis er doch den Kern des Pudels wieder spürt und »beginnt, dem Hochgefühl zu misstrauen«. Einen Instinkt hat der Junge, bewundernswert. Und dann noch diese menschliche Tragik: »Ich habe nicht getötet, weil ich es wollte, sondern weil ich es musste – und glatt getroffen. Wenn schon, denn schon.«

Der deutsche Soldat tut kein Unrecht

»Beim Bier gehen die Soldaten Schritt für Schritt durch, wie es gelaufen ist, ob sie das nächste Mal etwas besser machen können. Gewissensbisse bekundet niemand. Töten ist für sie eher eine Frage der Rechtsgrundlage. Der zögerliche MG-Schütze fühlt sich an diesem Abend als Versager. (...) Die Staatsanwaltschaft in Koblenz, die dem Fall später bearbeitet, kann kein Fehlverhalten entdecken.«

Der deutsche Soldat ist heimatverbunden und rechtgläubig.

»Über der Eckbank der Familie Ferk hängt neben Zinnbildern mit fliegenden Schwänen das Kruzefix. Seine Jugend hat David Ferk nicht in Diskotheken zugebracht, sondern beim Sport; sein Triathlonteam brachte es bis zum Deutschen Meister. Bis heute pendelt er fast jede Woche zwischen der Kaserne im sächsischen Schneeberg und dem fast 500 Kilometer entfernten Heimatdorf.«

Der deutsche Soldat hat Tradition und Vorbilder.

»Das stolzeste Bauwerk der Gegend ist das nahegelegene Schloss Stauffenberg, das bis 1970 den Nachfahren des bekannten Hitler-Attentäters gehörte. Zu den Freunden der Familie Ferk zählen auch Offiziere, deren Charakter und Geradheit David schon als Kind tief beeindruckt haben.«

Der deutsche Soldat ist sehr kritisch.

»Scharf distanziert er sich von jenen Idioten des Schneeberger Gebirgsjägerbataillons 571, die vor wenigen Jahren rechtsextreme und gewaltverherrlichende Videos gedreht« haben.

Und Spass macht der Beruf auch: »Die Spitze ist der Schusswechsel, der Kampf, das ist das Äußerste, was man erleben kann«. (sg)


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