Der Rassebegriff in akademischen Kontexten

Die Farbe menschlicher Haut bedingt sich durch ihren Anteil an Melanin, einem Pigment, das von Melanoblasten und -zyten in der Haut gespeichert wird. Medizinisch gesehen allenfalls für Dermatologen von Interesse, da dunklere Haut besser gegen UV-Licht und damit gegen Hautkrebs gewappnet ist - könnte man meinen. Ein Zusatz unter dem Stichwort »Melanin« im »ROCHE LEXIKON Medizin. 3. Aufl. 1993« belehrt uns: »Bedingt die rassische und konstitutionelle Hautfarbe, Sonnenbräunung.« Wollte man polemisch sein, könnte man auch ausformulieren: Wer in der Sonne liegend einschläft, muß vielleicht Angst vor Hautkrebs (*Melanom) haben, aber nicht davor, daß er als Neger wieder erwacht. Menschenrassen wären demnach also - nicht unbedingt ausschließlich, aber doch in entscheidendem Ausmaß - Produkt der Melaninverteilung.

Sehen wir im selben Lexikon unter »Rasse« nach, so wird uns unter »2) anthrop« folgende Definition mitgeteilt: »größere Gruppe von Menschen, deren Mitglieder vererbte gemeinsame körperliche Merkmale besitzen (z.B. Hautfarbe).« Es eröffnet sich hier ein deutlicher Widerspruch. Einmal soll die Hautfarbe die Rasse bedingen, einmal soll sie nur wie zufällig ein Beispiel für rassische Unterschiede sein, von denen jede Menge vermutet werden dürfen. Begrifflich steht man hier am Scheideweg. Soll »Rasse« nur einen bestimmten Melaningehalt der Haut bezeichnen, so ist der Begriff viel zu umfassend und kann nicht genügend abgesetzt werden von »1) biol in der Systematik eine Population (u. taxonomische Untereinheit) innerhalb einer Art (Spezies), die sich von anderen Populationen durch relative Häufigkeit bestimmter Allele [Gen-Zustandsformen] oder chromosomaler Besonderheiten unterscheidet.« Der Begriff ist, will man nicht aufgrund der bloßen Hautfarbe (ein rassischer Gen-Pool nämlich ist nicht nachweisbar) Menschen in bestimmte Populationen unterteilen, also schlecht gewählt und müsste, um wissenschaftliche Ansprüche zu wahren, einsichtigerweise abgesetzt werden. Behält man den Begriff jedoch bei, so gerät man in den Verdacht, bewußt seine Offenheit verteidigen zu wollen.

Folgende Spekulationsklimax ist dem wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes hier immanent:

1. »Rasse« bezeichnet mehr als nur die Hautfarbe.

2. Eine Menschenrasse zeichnet sich durch einen bestimmten Gen-Pool aus, der sie von einer anderen Menschenrasse trennt.

3. Soziales Verhalten, Intelligenz u.ä. als rassische Kennzeichen sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen und könnten durchaus genetisch bedingt sein.

Bei genauerer Untersuchung müßte man feststellen, daß es für die Melaninverteilung keine festen Stufen geben kann, da in der Welt alle möglichen Abstufungen von Hautfarben zu finden sind, die außerdem in sich je nach Sonne und Jahreszeit variieren. Eine Klassifizierung wäre also willkürlich. Das Wort »Rasse« gaukelt eine Trennschärfe vor, die es in wissenschaftlicher Verwendung nicht halten kann. Es hat die blutigste Wortgeschichte hinter sich, die ein Wort wohl haben kann, und transportiert unabdingbar außerwissenschaftliche Klischees faschistischer Prägung, die durch seinen pseudowissenschaftlichen Gebrauch eine entsprechende Untermauerung erfahren. Eine Verwendung mit der Bemerkung »Ich mein’s ja nicht böse und außerdem rein wissenschaftlich.« entschuldigt nichts, da die Wortkonnotationen hierdurch nicht aufgehoben werden, schließlich bleibt auch ein wohlwollend patriarchaler Rassismus - Marke: der Neger braucht eine helfende Hand - Rassismus. Das zwanghafte Aufrechterhalten scheinbarer biologischer Trennlinien rechtfertigt stets die Annahme sozialer Trennlinien, wer diese Unterscheidung um der Unterscheidung willen beibehalten will, verhält sich reaktionär (was im übrigen ganz ähnlich für den bei Neorassisten so beliebten Begriff des ‘Kulturkreises’ gilt).

Zwei Beispiele für die Relevanz der Verwendung des Wortes ‘Rasse’ in akademischen Kontexten:

1. Medizin

Das Institut für Medizinische Informationsverarbei-tung, Biometrie und Epidemiologie der Universität München gab für das Wintersemester 99/00 für Studierende des 1. klinischen Semesters ein Grundlagen-Handout heraus, in welchem unter der Kategorie »Wichtige Merkmale« »Rasse« und »Nationalität« genannt werden. Kein Wort davon, daß es sich hier allenfalls um den Zusammenhang von Hautfarbe und Hautkrebs handeln könne, nein, durch die Hinzuziehung des Wortes »Nationalität« kann im besten Falle von Nichtreflexion, im schlechtesten von völkischem Gedankengut ausgegangen werden.

Klar, daß man bei einem eben eingereisten Afrikaner bei Krankheitsverdacht an Malaria denken sollte, doch gilt das in gleichem Sinne für einen beliebigen Angehörigen eines westlichen Staates nach Rückkehr aus einem entsprechenden Urlaub. Entsprechendes bei elternbedingten Krankheitsneigungen - sie haben mit einem notwendig diffusen, nicht näher abgrenzbaren Rassebegriff nichts zu tun. Fazit: Die beiden griffigen Schlagwörter untermauern in ihrem achtlosen oder absichtlichen Gebrauch pseudowissenschaftlich Rassismus und müssen - bei gutem Willen - durch unzweideutige Kurzbeschreibungen ersetzt werden.

Das medizinische Lehrbuch »Pathologie« (Böcker, Denk, Heitz. München u.a. 1997) schreibt unter dem Titel »1.4 Archivierung, Dokumentation und Auswertung von Befunden« auf S. 29: »Genetische Faktoren (Geschlecht, Rasse, familiäre Belastung) und exogene Einflüsse - vermittelt durch das Individuum (Expositionen gegenüber Tabak, Alkohol, Drogen, Medikamenten; Zusammensetzung der Nahrung) oder durch die Umwelt (UV-Strahlung der Sonne, Quellen ionisierender Strahlung, Berufsnoxen, Umweltverschmutzung) - wirken mit wechselndem Anteil ineinander bei der Entstehung und Entwicklung von Krankheiten.« Die Buchautoren, mit Sicherheit anerkannte und seriöse Wissenschaftler an den namhaftesten Universitäten der Welt, seien auf dreierlei hingewiesen: Erstens spielt seltsamerweise im gesamten Kapitel der Rassebegriff keine Rolle mehr, da er ja auch nichts erklärt, sondern nur verklärt. Zweitens gibt es - um wissenschaftlicher Autorität mit wissenschaftlicher Autorität zu begegnen - ein ausgezeichnetes Buch von Luca und Francesco Cavalli-Sforza mit dem Titel »Verschieden und doch gleich. Ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage. München 1994«, das zur Lektüre dringend empfohlen wird. Und drittens steht dem eigenen Vorwort des pathologischen Lehrbuches folgendes Zitat vor, das eines weiteren Kommentares nicht bedarf: »Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch/und wird keiner erkennen/Über die Götter und alle die Dinge,/von denen ich spreche./Sollte einer auch einst die vollkommendste Wahrheit verkünden,/Wissen könnt’ er das nicht: Es ist alles durchwebt von Vermutung.« Xenophanes, um 500 v. Chr.

2. Politologie, Rechtswissenschaft

Artikel 3, Absatz 3, des Grundgesetzes lautet:

»Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.«

Für alle bekennenden Nichtrassisten - und zumindest Politologen und Juristen sollten das GG schon kennen - müßte hier einsichtigerweise als Minimallösung »Rasse« etwa durch »Hautfarbe« (und andere diskriminierte Äußerlichkeiten) ersetzt werden - und das nicht nur hier sondern in zahllosen anderen Grundsatzerklärungen auf staatlicher und überstaatlicher Ebene. Mit solcher Substitution wäre das Unwort gestrichen (was einer Forderung des Philosophen Kwame A. Appiah nachkäme), ohne die bestehende rassistische Diskriminierung einfach auszuklammern (um dem Philosophen M. P. More gerecht zu werden).

In keinem Fall aber kann es - nach Reflexion - eine scheinbar neutral belegte Weiterverwendung des Wortes »Rasse« geben. Wer dies dennoch tut, ist entweder zu blöd zum Nachdenken oder bösartig, Rassisten sind im Augenblick der Sprechsituation beide. Eine Wissenschaft, die den entscheidenden Schritt nicht nachvollziehen will, muß als gefährlich gelten.

(Daß am Beispiel »Melanine« Wissenschaft auch ohne Rassismus möglich ist, zeigt übrigens der Brockhaus - Naturwissenschaften und Technik, Wiesbaden 1983: Pigmente, Hautbräunung, Hautschutz. Aus.) (mt)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.